«Ich habe mehrere Leben hinter mir»

Der berühmteste Gefangene des Teheraner Regimes ist geflohen. Jetzt kritisiert er den Westen für dessen Iranpolitik. Ein Gespräch

19.09.2008 von Miklós Gimes , 1 Kommentar

Ahmad Batebi stand zwei Stunden mit verbundenen Augen auf dem Richtplatz im Hof des Teheraner Evin-Gefängnisses, die Henkersschlinge bereits um den Hals gelegt – schliesslich wurde er ohnmächtig, und man brachte ihn in seine Zelle zurück. Das Gericht hatte das Todesurteil vorläufig ausgesetzt. Batebi war im Sommer 1999 nach den Studentenunruhen verhaftet worden wie Tausende von Demonstranten. Die Anklage gegen ihn lautete auf Hochverrat. Er hatte sich an friedlichen Protestaktionen beteiligt, ein politisch engagierter junger Mann, der an der Universität Film studierte.
Im Sommer 1999 war es zu einer der grössten Krisen des iranischen Gottesstaates seit der Machtergreifung der Mullahs 1979 gekommen. Eine Woche dauerten die Strassenschlachten zwischen Studenten und dem Regime. Es gab Tote und eine brutale Repression.
Ahmad Batebi stammt aus dem iranischen Mittelstand, die Mutter ist Lehrerin, der Vater ehemaliger Zollbeamter. Er hatte unter dem Schah politische Schwierigkeiten gehabt, hielt sich aber nach der Revolution aus der Politik heraus. Den Fundamentalisten wollte er sich nicht anschliessen. Batebis Eltern erzogen ihre Söhne im Geist eines aufgeklärten, säkularen Islam. Als die Studentenrevolte ausbrach, arbeitete Ahmad an seinem Abschlussfilm über Drogensüchtige. Er hatte zufällig gesehen, wie ein Mitstudent zusammenbrach, als die Polizei in die Menge schoss. Studenten hatten den Verletzten in ein Spital gebracht, und Batebi hatte das mit Blut getränkte T-Shirt auf dem Campus der Universität hochgehalten wie ein Transparent.
Das angesehene britische Magazin «The Economist» druckte das Bild auf dem Titel. Es wurde zu einer Art Symbol der Rebellion der Teheraner Studenten. Als der Untersuchungsrichter den «Economist» auf den Tisch knallte, reagierte Batebi mit einer Mischung aus Angst und Stolz. «Du hast dein Todesurteil unterschrieben!», schrie man ihn an. Es war der Beginn einer Höllenfahrt.
Batebi kam in Einzelhaft und wurde acht Jahre lang immer wieder gefoltert. Zweimal stand Batebi vor der Hinrichtung, musste mitansehen, wie Männer neben ihm gehängt wurden. Gleichzeitig hat ihm das Foto vermutlich das Leben gerettet. Die vorgesehene Todesstrafe wurde zu fünfzehn Jahren Gefängnis umgewandelt – das Gesicht des jungen Filmstudenten war im Ausland zu bekannt. Von nun an war das Regime daran interessiert, Batebi zur Reue zu zwingen. Sie wollten ihn fertig machen und so weit bringen, öffentlich seine Ansichten zu widerrufen. Aber Batebi liess sich nicht brechen.
Im Sommer 2007 erhielt Ahmad Batebi unter strengen Auflagen Gefängnisurlaub zur medizinischen Erholung nach einem Schlaganfall. Es war nicht sein erster Urlaub, die Regierung wollte verhindern, dass er im Gefängnis stirbt und zum Märtyrer wird. Bisher war er jeweils ins Gefängnis zurückgekehrt, auch aus Solidarität mit den Mitgefangenen. Er war einer der bekanntesten politischen Gefangenen. Für die Eingekerkerten bedeutete seine Anwesenheit eine Art Schutz.
Doch diesmal entschied sich Batebi zur Flucht, als er sich im Frühling wieder zurückmelden musste. Er nahm über Internet Kontakt mit der US-Anwältin Lily Mazahery auf. Militanten Kurden, die er im Gefängnis kontaktiert hatte, gelang es schliesslich, Batebi nach tagelangen Fussmärschen über die Berge und durch Minenfelder in den Irak zu schleusen – wo er von US-Truppen aufgegriffen wurde. Seine Flucht filmte er mit der Kamera eines Mobiltelefons, kaum war er in Sicherheit, klingelte es. Es war einer seiner Peiniger. «Pass auf, wir wissen, wo du bist», höhnte er. Und: «Komm zurück, wir kriegen dich ohnehin.» Batebi wurde in den USA humanitäres Asyl gewährt, jetzt lebt er in Washington D.C.
Ahmad Batebi spricht kein Englisch.Die auf Menschenrechte spezialisierte Anwältin Lily Mazahery, die nach dem Sturz des Schahs in die USA flüchtete, übersetzt. Batebi ist ihr prominentester Fall. Manchmal, sagt sie, tauche er wochenlang unter, die Folter hat ihre Spuren auch in seiner Seele hinterlassen. Batebi spricht leise, immer wieder beugt sich sein mächtiger Oberkörper über seinen Laptop, um Bilder aus dem Iran zu zeigen. Sein biologisches Alter ist 31, sein psychisches ist schwer zu ergründen. Was er erzählt, lässt einen erschaudern. Exekutionen, willkürliche Verhaftungen, Steinigungen und Folter: iranischer Alltag.

Ahmad Batebi, Sie haben acht Jahre in einem iranischen Kerker überlebt. Sie waren in Einzelhaft, wurden gefoltert, zweimal zum Richtplatz geführt. Trotzdem hat man Sie nicht brechen können. Wie haben Sie das geschafft?
Ich weiss es nicht. Ich denke, mein Charakter hätte es nicht zugelassen, dass ich aufgebe. Ich hasse es, wenn man mich herumkommandiert. Mehr kann ich nicht dazu sagen. Jeder Mensch hat seine Grenzen. Einige zerbrechen nach einer gewissen Zeit, man soll sie deswegen nicht verurteilen und mit Schuldgefühlen belasten. Ich bin nicht der Einzige, der durchgehalten hat.

Trotzdem, Sie müssen ein sehr starker Mensch sein.
Schauen Sie, Sie sprechen mit einem Menschen, der eine schreckliche Erfahrung hinter sich hat, aber ich bin bloss ein kleiner Fall in einer riesigen Unterdrückungsmaschinerie. Ein Glied in einer langen Kette des Widerstands. Tausende sind zehnmal schlimmer behandelt worden als ich, und wir kennen nicht einmal ihre Namen. Ende August jährte sich zum zwanzigsten Mal der Todestag von fünftausend Menschen, die auf Befehl von Ayatollah Khomeini hingerichtet worden sind, als das Regime nach dem kläglichen Ende des Kriegs gegen den Irak neue Feinde brauchte.

Wie hat man Sie zu brechen versucht?
Was soll ich Ihnen erzählen? Sie haben mich fast zwei Jahre in eine Zelle gesperrt, die nicht grösser war als eine Toilette. Sie schlugen meine Fusssohlen mit Eisenkabeln, drückten meinen Kopf in eine WC-Schüssel, die mit Fäkalien gefüllt war, bis ich fast erstickte. Sie banden mich an einen Stuhl und liessen mich nicht schlafen; um mich wach zu halten, schnitten sie meine Oberarme auf und rieben Salz in die Wunden. Sie schlugen mich in die Hoden und ins Gesicht, bis ich meine Zähne verlor.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie zum Galgen geführt wurden.
Sie sagten, ich soll meine Kleider ausziehen, dann wurde ich weiss eingekleidet. Ich zitterte und verlor die Kontrolle über meinen Körper. Beim ersten Mal wurden mir die Augen verbunden, beim zweiten Mal sah ich die leblosen Körper der Mitgefangenen, die mit mir gewartet hatten und jetzt neben mir am Galgen hingen. Als sie den Strick um meinen Hals legten, hörte ich plötzlich Klänge, es war wie eine seltsame Melodie, die in meinem Kopf widerhallte. Im Gefängnis habe ich später eine Gitarre gefunden und versucht, die Töne aufzuschreiben. Ich habe sogar ein Stück komponiert.

Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten?
Ich stand oft kurz davor, aber kleine Ereignisse haben mir Kraft gegeben. In der Nähe des Evin-Gefängnisses gibt es einen Vergnügungspark. In der Einzelzelle konnte ich nachts oft hören, wie sich die Leute amüsierten. «Schau mal, wie die Menschen draussen ihr Leben geniessen», sagte einer der Wärter, der mich durchs Guckloch beobachtete. «Niemand interessiert sich für dich. Dein Widerstand ist zwecklos. Du hast den Kampf verloren.» «Wir kommst du darauf?», sagte ich. Er konnte nicht wissen, wie mir die Freude der Menschen im Luna-Park gut tat. Denn dafür hatte ich ja gekämpft, dass die Menschen glücklich sein und lachen können.

Warum hat man Sie gefoltert?
Sie wollten alles wissen. Wie wir uns organisieren und wer unsere Freunde sind. Später wollten sie, dass ich irgendwelche erfundenen Geständnisse unterschreibe; ich hätte im Fernsehen auftreten und den Leuten erzählen sollen, das Blut auf dem T-Shirt stamme von einem Lamm. Und zuletzt wollten sie uns zu Anhängern des Regimes umerziehen. Ich habe alles abgelehnt. Die Folter hörte nicht auf, auch nachdem ich rechtskräftig verurteilt worden war. Ich wurde mit der Zeit müde und krank. Aber ich glaube, ich habe ihnen Probleme gemacht.

Wie war das Leben im Gefängnis?
Es gab zwei Arten von Gefangenenwärtern. Gefürchtet waren die älteren, die noch an den Hinrichtungen nach der Revolution teilgenommen hatten. Die jüngeren waren angenehmer, mit ihnen konnte man reden. Sie nahmen Briefe mit und brachten uns Bücher und Zeitungen. Dann gab es die Folterer. Etwas stimmt nicht mit ihnen. Sie sind krank, geisteskrank. Man muss sie wie kranke Leute behandeln.

Die Vorstellung, diesen unberechenbaren Menschen ausgeliefert zu sein, ist beängstigend.
Die Macht der Folterer ist beschränkt, nicht sie sind es, die über Leben und Tod entscheiden. Mir machen die Leute Angst, bei denen die Befehlsgewalt liegt. Die wirklich gefährlichen Menschen sind diejenigen, welche die Wahnsinnigen von der Leine lassen.

Was ist die wichtigste Erfahrung, die Sie aus dem Gefängnis mitnehmen?
Ich habe gelernt, geduldig zu sein. Das Gefängnis ist ein Ort des Wartens, den ganzen Tag ist man allein mit seinen Gedanken. Geduld lehrt dich, die Sachen einzuschätzen und vernünftige Entscheidungen zu treffen. Übertragen auf die Politik heisst Geduld, dass man Revolutionen misstrauen soll. Geduld ist eine grossartige Eigenschaft.

Wie gross ist die Geduld der iranischen Bevölkerung? Wie entfremdet sind die Massen vom Regime?
Der Iran ist nicht einfach zu verstehen. Dass die Bevölkerung nicht hinter der Regierung steht, weiss man. Millionen von Iranern verfolgen am Fernsehen die Sendungen von Voice of America in iranischer Sprache. Die Regierung unternimmt, was sie kann, um den Kontakt zur Aussenwelt über das Internet zu zensurieren. Mit wenig Erfolg. Aber gleichzeitig sind die Iraner ausgesprochen patriotisch. Im Fall eines Angriffs würden sie für ihr Land kämpfen. Deshalb weiss der Westen nicht recht, wie er mit dem Land umgehen soll.

Wie ist die Stimmung im Land?
Es gibt einen sichtbaren Iran, und gleichzeitig gibt es ein Land, das für den Rest der Welt kaum zu erschliessen ist. Die Bilder betender Menschen in den Moscheen, die man in den Reportagen sieht, sind ein journalistisches Klischee und nicht repräsentativ für die iranische Gesellschaft. Seltsamerweise decken sich hier die Interessen der Mullahs mit denen der ausländischen Journalisten: Beide sind darauf aus, einen fundamentalistischen Gottesstaat zu zeigen. Aber was die Regierung dem Rest der Welt vorführen will, hat wenig mit dem zu tun, was die Menschen in ihrem Alltag bewegt. Denn in diesen oberflächlichen Bildern kommt nicht zum Ausdruck, dass sich die Islamische Republik auf etwa sieben Prozent der Bevölkerung abstützt. Diese sieben Prozent werden von der Regierung bezahlt, sie erhalten Wohnungen, sie machen die Geschäfte, sie können ins Ausland reisen. Es gäbe aber auch andere Bilder.

Welche?
Schauen Sie, hier sind Fotografien eines Iran, den die Welt nicht zu Gesicht bekommt. Bilder von Jugendlichen, die sich nicht an die Haarvorschriften der Regierung halten und mit Punkfrisuren herumlaufen. Bilder von Klubs, wo im westlichen Stil getanzt wird – und wenn die Regierung einen Klub schliesst, geht an der nächsten Ecke ein neuer auf, alles illegal selbstverständlich. Solche Bilder finden Sie nicht nur in Teheran, sondern auch in der Provinz, aber Sie brauchen ein Auge dafür.

Ein ganzes Land unter der Knute von sieben Prozent der Bevölkerung? Wie ist das möglich?
Der Iran lebt vom Öl. Die gesamte Ölwirtschaft ist in den Händen der Mullahs. Mit den Einnahmen bezahlt die Regierung die Hizbollah und die Revolutionswächter. Die Mullahs haben sich aus Ölgeldern eine loyale Gefolgschaft aufgebaut, und den Rest stecken sie in die eigene Tasche.

Wie lange wird sich diese Schicht halten können?
Der Iran ist eine Diktatur mit populistischem Einschlag; das Regime instrumentalisiert den religiösen Fundamentalismus, um die Massen zu kontrollieren. Während des Kriegs gegen den Irak hiess es, der Islam sei bedroht, wir müssten unsere Religion und unseren Lebensstil gegen die sunnitische Gefahr verteidigen. Doch seit dem Ende des Kriegs merken die Menschen langsam, dass sie angelogen und betrogen werden. Die Bevölkerung wendet sich von der Regierung ab. Selbst Menschen, die an den Propheten glauben, zweifeln daran, ob der Klerus den Geist der Religion vertritt. Die Unzufriedenheit steigt, das zeigt sich an der Zunahme von Hinrichtungen. Die Regierung macht alles, um an der Macht zu bleiben.

Aber im Westen dominiert die Diskussion, ob der Iran Atombomben haben darf.
Leider ist die Welt dermassen auf das Nuklearthema fokussiert, dass die Unterdrückung der Menschenrechte vom Radarschirm der Öffentlichkeit verschwunden ist. Dabei wurden im ersten Halbjahr 2008 mindestens hundert Menschen hingerichtet, das sind die offiziellen Zahlen. Siebenhundert Studenten und zweitausend Arbeiter sind verhaftet worden. Sehen Sie hier, so geht die Polizei mit der iranischen Jugend um. Der junge Mann auf diesem Foto trägt eine Tafel um den Hals, auf der steht «Ich bin der letzte Abfall, ich bindie Luft nicht wert, die ich einatme». Man führte ihn durch die Strassen, und dann hat man ihn aufgehängt, zur Abschreckung. Warum? Weil er einen westlichen Lebensstil gelebt hat.

Westliche Tanzklubs und gleichzeitig Hinrichtungen von jungen Menschen wegen ihres Lebensstils – wie passt das zusammen?
Der Iran ist ein paradoxes Land. Man muss sich die Stimmung vorstellen wie in Europa im Zweiten Weltkrieg, als die Menschen in den besetzten Ländern es irgendwie schafften, ihr eigenes, stilles Leben zu führen, möglichst unberührt von den Ereignissen um sie herum. Hier die Regierung der Mullahs und dort die Menschen, die ihren Alltag in einer Art Untergrund leben. Die iranische Gesellschaft ist wirklich einzigartig.

Was machen die Menschen auf der Strasse, die zufällig mitansehen müssen, wie ein Junger öffentlich gedemütigt wird, wie auf diesem Bild?
Wenn sie in der Überzahl sind, kann es vorkommen, dass sie die Polizisten verprügeln. Sonst müssen sie stumm zuschauen. Aber es kommt immer häufiger vor, dass jemand den Terror mit der Kamera festhält und die Bilder aufs Netz stellt, damit die ganze Welt es sehen kann.

Sie haben als Kind einer Steinigung beigewohnt.
Ich war neun Jahre alt. Damals wurden Steinigungen noch von Lautsprecherwagen angekündigt, die durch die Quartiere fuhren. Ich fragte meine Mutter, was los sei, aber sie wollte nicht antworten. Ich liess nicht locker, bis sie sagte, wenn ein Mensch etwas ganz Schlimmes gemacht hat, werfen sie kleine Kieselsteine nach ihm, um ihn zu bestrafen. Ich fand die Vorstellung grausam, weil Kieselsteine das Auge treffen könnten. Trotzdem ging ich hin. In der Mitte des Platzes war ein grosses Loch ausgehoben worden, und auf dem Dach eines Hauses stand ein Geistlicher mit einem Megafon und verfluchte Israel und Amerika. Dann wurde ein nackter Mann auf den Platz gebracht und mit dem weissen Tuch umwickelt, in dem die Toten bestattet werden. Er sah aus wie eine Mumie, als sie ihn ins Loch stiessen, das sie bis zu seinen Schultern mit Erde auffüllten. Dann sagte der Mullah, dass der Mann sterben müsse, weil er ausserhalb der Ehe mit einer Frau geschlafen hatte. Die Revolutionswächter forderten die Leute auf, einen Stein zu holen, aber niemand machte einen Schritt. Die Revolutionswächter hoben Zementbrocken vom Boden auf, und dann rief der Mullah, jetzt sei der Moment gekommen. Ich spürte, wie mir kalt wurde, und ich zitterte. Es war wie ein Schock. Der erste Stein traf den Kopf des Mannes, und das weisse Tuch begann sich rot zu färben. Der zweite traf ihn von hinten und brach die Schädeldecke. Jahre später wurde an jener Stelle eine Schule gebaut. Die ganze Zeit, als ich dort zur Schule ging, hat mich das Bild des Mullahs verfolgt, wie er mit der Hand das Zeichen gibt und sagt: Jetzt ist der Moment.

Was erzählten Sie Ihrer Mutter, als Sie nach Hause kamen?
Ich sagte kein Wort. Es hat Monate gedauert, bis ich wieder zu sprechen begann. Ich war so durcheinander, dass mich meine Mutter zum Arzt brachte. Aber damals gab es viele Kinder, die von den Steinigungen traumatisiert waren. Unser Lehrer wusste nicht, wie er uns trösten sollte. Er hätte uns gern mehr erzählt, aber das hätte ihm ernsthaft Schwierigkeiten eingebracht. So hat er uns still umarmt, und wir haben miteinander geweint.

Sind die Steinigungen und andere harte Strafen in der Bevölkerung gar nicht verankert?
Schon vor 22 Jahren, als ich auf jenem Platz stand, haben sich die Menschen an der Steinigung nicht beteiligt, ausser den Revolutionswächtern. Heute werden nur noch in kleinen Dörfern draussen in der Provinz Steinigungen öffentlich durchgeführt. Die übrigen finden in Kasernen oder hinter Gefängnismauern statt.

Das Volk hat demnach andere Moralvorstellungen als die Regierung?
Wir reden hier nicht von einer Regierung des iranischen Volkes, sondern von einer islamischen Sekte, die das Ölgeschäft kontrolliert. Sie hat diesen Wahnsinn geschaffen, der sich heute Islamische Republik nennt. Es gibt viele gläubige Menschen im Iran, aber ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass achtzig Prozent der Bevölkerung mit dieser Art Religiosität nichts zu tun haben will.

Sind Sie religiös?
Nein.

Es gibt keinen Gott in Ihrem Leben?
Nein. Ich glaube an eine unergründliche Kraft, an die Natur, an eine geheimnisvolle Energie. Aber nicht an die Religion der Bücher. Nach der Steinigung konnte ich nicht mehr an den Islam glauben. Ich suchte Gott anderswo. Auch mein Vater ist nicht religiös. Meine Mutter schon, aber es ist ein verinnerlichter, persönlicher Islam.

Wie sind Sie dazu gekommen, einen Film über Drogensucht zu drehen? Drogen sind doch
streng verboten im Iran?

Deshalb wollte ich den Film machen, das Thema war eine Herausforderung. Freunde aus der Nachbarschaft, mit denen ich aufgewachsen bin, führten mich in die Drogenszene ein, und eine junge Frau, die süchtig war, hat mir erzählt, wie der Drogenmarkt funktioniert. Ich drehte den Film als Abschlussarbeit an der Universität. Während der Ära von Präsident Khatami konnte man solche Sachen machen. Die Gesellschaft war viel offener.

Haben sich die Zeiten grundlegend geändert?
Ich habe einst Mohammed Khatami unterstützt, heute sehe ich ihn mit anderen Augen. Aber dass ich nicht hingerichtet wurde, habe ich Khatami zu verdanken. Heute werden die Leute von der Strasse geholt und gleich aufgehängt. Auf Intervention von Khatamis Leuten durfte ich im Gefängnis Soziologie studieren. Ich wurde in einem Panzerwagen nach Quom zur Aufnahmeprüfung gefahren, fünf Polizisten überwachten mich. Meine Hand wurde ans Pult gekettet, mein Fuss an eine Eisenstange. Die Studenten sahen mich angsterfüllt an. Wer ist das?, hörte ich sagen. Ein Killer? Nein, ich bin ein politischer Gefangener, mein Name ist Ahmad, sagte ich. Oh, Ahmad Batebi? Die Studenten begannen mit mir zu reden, aber die Polizisten scheuchten sie weg. Die Studenten wussten alles über mich, weil die Zeitungen immer wieder über meinen Fall berichtet hatten; heute wäre das undenkbar. Die Khatami-Periode ist schwer zu verstehen, weil es zwei Kräfte gab in der Gesellschaft, die liberale und die konservative, die gleichzeitig ihre Macht ausübten.

Was haben Sie im Gefängnis gelernt?
Ich habe gelernt, geduldig zu sein, das habe ich Ihnen schon gesagt. Und ich habe gelernt zu verzeihen und nicht zu vergessen.

Was können Sie nicht vergessen?
Die Freunde, die im Gefängnis gestorben sind. Einige wurden hingerichtet. Andere starben nach der Folter in meinen Armen. Ich kann nicht vergessen, wie uns die Gefängniswärter behandelten, wie sie uns beschimpften. Die Körpersprache des Richters, der mich verurteilt hat, die Verachtung in seinen Gesten, als sei ich der letzte Dreck.
(Das Telefon klingelt, Batebi führt ein kurzes Gespräch.)

Eben hat Sie bereits Ihre Mutter aus Teheran angerufen und dann eine Organisation der Exil-Iraner.
Diesmal waren es Angehörige eines im Iran zum Tod verurteilten Gefangenen. Sie riefen aus Teheran an, baten mich, dass ich mich bei Menschenrechtsorganisationen und in meinem Blog für sie einsetze. Manchmal hilft das, manchmal nicht.

Sie sind kaum im Westen und schon Anlaufstation für die Verzweifelten.
Was würden Sie an meiner Stelle tun? Ich kann nicht anders. Ich fühle mich manchmal, als hätte ich mehrere Leben hinter mir. Was ich in 31 Jahren erlebt habe, hätte in mehreren Biografien von Gleichaltrigen Platz. Ich glaube, ich sehe die Welt ein bisschen anders als die jungen Leute meiner Generation.

Sind Sie einsam?
Ja.

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Rolf Hug

    Dieser Artikel deckt schonungslos das menschenverachtende und totalitäre System dieses islamischen Staates auf.
    Vor nicht allzu langer Zeit, sah sich unsere Aussenministerin, Frau Calmy, genötigt, in eben diesen Iran zu reisen, um Geschäfte zu tätigen. Bilder, wie sie fröhlich grinsend, unter dem Porträit von Ayatollah Khomeini sass, waren in allen Zeitungen und gingen um die ganze Welt. Wie lange will sich die Schweiz diese Aussenministerin noch leisten?

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