29.09.2007 von Birgit Schmid , 28 Kommentare
Er lümmelt im Polstersessel, streckt die Beine von sich, faltet die Hände über dem T-Shirt, auf dem «Takva – der Gottesfürchtige» steht, zerwühlt seine Haare. Wenn Fatih Akin über das Leben sinniert, entspannen sich sogar die fünf Sterne auf poliertem Glas. Statt im Luxushotel Bayerpost könnte man den Regisseur auch in einer Münchner Kneipe treffen. Der Türke aus Hamburg spielt mit seinem Image. Er gibt sich unreflektiert, fast naiv, formuliert flapsig, alles sehr unverfälscht. So authentisch sind seine Filme: aus dem Bauch heraus gemacht, weder reine Kopfgeburten noch «engagiert». Keiner erzählt lustvoller von Migration und Ich-Suche. Das Drama «Gegen die Wand» über eine türkische Scheinehe war ein weltweiter Erfolg.
Jetzt kommt Akins neuer Film «Auf der anderen Seite» ins Kino. Darin kreuzen, verpassen und berühren sich sechs Lebensläufe. Im Mittelpunkt steht Nejat, ein junger türkischer Germanistikprofessor in Hamburg, der mit einer moralischen Verpflichtung nach Istanbul geht, um dort für die Politaktivistin Ayten aufzukommen. In der episodenhaften Geschichte emanzipieren sich Söhne von Vätern, Töchter von Müttern (in einer Rolle Hanna Schygulla), es wird auf beiden Seiten gestorben und so der Abschied von Weltanschauungen leichter gemacht. Am Festival in Cannes erhielt Akin den Preis für das beste Drehbuch.
Was ist passiert? Während «Gegen die Wand» von einer fast körperlichen Wucht war und rockte, ist «Auf der anderen Seite» nachdenklich und so schön konstruiert wie eine Fuge.
Na, ich bin älter geworden! Ich habe viel erlebt, hinter viele Türen geschaut, Freunde verloren, bin Vater geworden, habe Vorbilder kennengelernt, die für mich mystisch überhöht waren.
Zum Beispiel?
Martin Scorsese. Der ist immer wieder Student, mit 65, begeistert sich für neue Stile. Also älterwerden ist gar nicht so schlecht. Natürlich verfällt der Körper. Man kriegt graue Haare und Haare an Stellen, wo sie nicht hingehören, oder man verliert Haare. Falten. Man bringt seine Kilos nicht los. Man schwindet. Aber das ist ja eh nur Fleisch. Was anderes wächst. Wissen wächst. Wissen ist für mich eh ganz toll. Mit Wissen kann man viel anfangen.
Welches Wissen meinen Sie – Bildung?
Intelligenz. Intelligenz ist sexy. Das macht mich an.
Wenn Sie Menschen begegnen, die gebildet sind? Die kluge Fragen stellen?
Ja, die kluge Fragen stellen. Auch. Die kluge Antworten geben. Auch.
Dann hat Ihr Held Nejat, der als Türke an einer deutschen Uni unterrichtet, viel Sexappeal.
Eine Botschaft in der Flasche ist, dass Bildung die Welt verändern kann. Nejat schenkt seinem Vater ein Buch, das heisst wie Sie mit e, «Die Tochter des Schmieds» von Selim özdogan, weil er glaubt, dass man nie zu alt ist, um zu lernen. Genauso ist Nejat berührt von den edlen Motiven der Freundin des Vaters, sich zu prostituieren, um ihrer Tochter Ayten das Studium in der Türkei zu finanzieren. Als Aytens Mutter stirbt, beschliesst Nejat, seinerseits für Ayten zu zahlen. Der Held glaubt an die Bildung. Und das tu ich auch. Das deckt sich halt.
Ist der schon fast überassimilierte, superintegrierte Germanistikprofessor, der in seinen Vorlesungen doziert: «Goethe war gegen revolutionäre Umstürze», nicht etwa ein Klischee, Wunschdenken und schon fast wieder beängstigend, wie er sich deutsche Bildung aneignet?
Ich hab jetzt nicht recherchiert, wie viele türkischstämmige Germanistikprofessoren es in Deutschland gibt, aber es gibt bestimmt ein paar. Und wenn nicht, dann ist das eben Sciencefiction. Ich kann mich wunderbar mit der Figur Nejat identifizieren, denn auf gewisse Weise mach ich ja was ähnliches. Wenn meine Filme im Wettbewerb von Cannes laufen, repräsentiere ich abendländische Kultur, das deutsche Kino – ich, der Sohn türkischer Eltern.Nejat kehrt der Uni den Rücken zu und wandert nach Istanbul aus.
Sie haben Ihre Eltern im Film «Wir haben vergessen zurückzukehren» porträtiert. Muss man sich irgendwann bewusst für ein Land entscheiden, damit man es nicht vergisst und dies später bereut?
Nein. Identität ist immer in Bewegung, identity is always in motion. Wie bei der linken Aktivistin Ayten im Film, die sich von Dogmen verabschiedet: Einst hat sie so gedacht, heute denkt sie anders. Ich bin als Hamburger geboren und habe irgendwann Istanbul für mich entdeckt, und so bin ich halt auch Istanbuler geworden. Nach «Gegen die Wand» hat mich das türkische Kino kolonialisiert. Jetzt tauche ich plötzlich in türkischen Geschichtsbüchern auf.
Als was würden Sie Ihre Filme bezeichnen?
Weltkino. Weltkino aus Deutschland. Aber so lange mich niemand zwingt, mich zu entscheiden… Und wer sollte das tun? Ausser es gibt ein neues Drittes Reich, das wäre dann das vierte Reich oder wie oder was, dann müsste ich mich entscheiden, oder wenn die Türkei es verlangt. Ich muss noch zum Militär in der Türkei. Aber ich will da nicht hin. Keine Lust.
Wie entkommen Sie?
Wahrscheinlich muss ich die Staatsbürgerschaft abgeben.
Dazu wären Sie bereit?
Ich bin eher bereit, auf ein Stück Papier zu verzichten, als eine Waffe in die Hand zu nehmen, jetzt mal ganz ideologisch gesprochen, okay?
Da würden sich Ihre Eltern aber wohl kaum freuen?
Damit müssten sie leben. Aber selbst das würde mir meine Identität nicht nehmen. Wie kann ich mich über einen Pass definieren, oder noch absurder, über Blut? Es gab in Deutschland lang das Blutrecht, na, Deutscher konnte nur werden, wer deutsches Blut hatte. Das ist ja Unfug. So nationales Bewusstsein, das kam erst mit der Französischen Revolution auf, 1789, glaub ich. Den türkischen Staat gibt es seit 1923 als nationale Einrichtung. Dass das die Farbe meines Bluts bestimmen soll oder wie oder was, finde ich chauvinistisch. Militär oder nationale Propaganda nehmen mir mein Zugehörigkeitsgefühl nicht. Ich bleibe Istanbuler.
Sie sagten einmal, Sie seien kein Kulturvermittler. Was schreckt Sie ab, Brücken zu bauen?
Ein Film kann eine Menge. Der Vermittleranspruch ist aber dann doch zu speziell für einen Regisseur. Deswegen wehre ich mich gegen dieses Etikett. Ich bin gern rüpelhaft und bekenne mich dazu, dass ich kiffe, und ich bekenne mich dazu, dass ich mich haue…
Haue?
Prügle. Früher. Mit Neonazis. Um genau dem aus dem Weg zu gehen, um einer Vermittlerrolle aus dem Weg zu gehen. Je rüpelhafter, umso weniger Erwartungen, dass ich die Kulturen versöhne. Dann getrauen sich die Politiker auch nicht, mich als Beispiel vorzuzeigen. O nee, der kifft, oder der hat das T-Shirt mit dem Hakenkreuz getragen oder weiss der Teufel was.
Sie interessieren sich mehr für existenzielle Fragen. Nach «Gegen die Wand», wo die Liebe Pate stand, übertiteln Sie «Auf der anderen Seite» als Mittelteil der Trilogie mit dem Tod. Eine Mutter stirbt. Eine Tochter stirbt. Hanna Schygulla stösst sogar an auf den Tod. Sehen Sie den Tod so positiv?
Es ist eine Faszination. Bin neugierig drauf. Der Tod ist ja, wie auf die Toilette gehen, ein Tabu, man redet nicht darüber. Pssst. Warum? Er ist wie die Geburt das Normalste der Welt, das, was uns alle, Sie und mich und die Nazis in Sachsen-Anhalt oder sonstwo miteinander verbindet. Wenn man ein normales Leben hat, das so abgeht, wie es abzugehen hat; man erlebt eine glückliche Kindheit, man ist in der Jugend unglücklich verliebt, alles okay so – dann ist der Tod völlig abstrakt und weit weg. Irgendwann stirbt die Oma, aber es ist nicht zu fassen, man beschäftigt sich nicht damit. Dann wird man 30 und merkt, die Zeit rennt.
Sie sind 34, ist es für solche Gedanken nicht etwas früh?
Ich will damit nicht sagen, man ist alt. Nur, ab 30 kommt der Tod näher, in dein Alter. Ich versuchte mit dem Film, würdevoll mit dem Tod umzugehen, nicht zu verneinen, nicht davonzulaufen. Als ein sehr guter Freund von mir gestorben ist, konnte ich nicht trauern.
Das hat Sie belastet?
Ich konnte mich nicht hinsetzen und weinen. So verflixt. Na. Diesen Film zu beenden, war meine Form der Trauer. Der Tod ist immer schrecklich, aber das Leben geht gnadenlos weiter. Jemand stirbt, wir gehen in ein Café, rundherum lachen die Leute, und es kümmert sie nicht, dass wir die traurigsten Menschen sind, weil sie uns nicht kennen.
Hat dieses Interesse am Tod auch damit zu tun, dass Sie Vater geworden sind?
Ja. Die Geburt meines Kindes, das Phänomen der Geburt, das ist ja irgendwie dem Tod sehr nah. Der Ort, von dem die Babys herkommen und der Ort, wo wir alle hingehen, wenn wir sterben, ich glaube, das ist derselbe Ort. Jetzt mal ganz spirituell gesprochen. So eine Seele wird in die Welt gelassen, und eine Seele geht aus der Welt. Kommen und Gehen.
Es gibt in diesem Zusammenhang eine starke Szene in Ihrem Film, die Sie variieren. Am Anfang wird der Sarg von Yeter, Aytens Mutter, in Istanbul aus dem Flugzeug befördert, später der Sarg von Lotte, Susannes Tochter, rein ins Flugzeug nach Deutschland gefahren. Ein Bild, das man sieht, wenn gefallene Soldaten aus dem Irak heimtransportiert werden. Hatten Sie das im Kopf?
Im Dokumentarfilm «Wir haben vergessen zurückzukehren» sagt mein Vater am Schluss: «Wir sind mit dem Flugzeug hierhergekommen, auf einem Sitzplatz, und zurück fliegen wir halt im Kofferraum, im Sarg.» Daran musste ich denken. Nach dem Dreh schaute ich mir «Missing» von Costa-Gavras an, in dem ganz am Ende der Sarg mit Jack Lemmons Sohn aus dem Flugzeug kommt, und dann hab ich gesagt: Oh! Weil ich wusste, dass sich «Missing» auch um eine politische Aktivistin dreht, dachte ich oft, dass ich diesen Film sehen muss. Hätte ich ihn vor Drehende gesehen, hätte ich die Sargszene wohl nicht gedreht.
Welche Beziehung haben Sie zu Istanbul?
Istanbul ist wie eine Frau in meinem Leben, so fühlt sich das an. Städte sind für mich wie Menschen. Es ist nicht eine Frau, mit der ich zusammenlebe, sondern ich hab eine Affäre mit ihr. Ich besuch sie von Zeit zu Zeit, und dann schlafen wir miteinander, und dann wird es mir irgendwann zu viel, und da geht sie mir auf den Keks, weil sie zu viel fordert. Dann muss ich diese Frau verlassen, damit ich sie wieder vermisse. So eine Beziehung hab ich zu Istanbul, ja?
Was ist denn so Kräfte raubend?
Die Stadt ist laut und schnell, sie ist wie ein Staubsauger, ein Vampir. Sie fordert Kraft, man schläft schlecht. Da ich nie lang bleibe, knalle ich mich voll mit Terminen, renn hierhin und dorthin, ich bin immer zu Fuss, sehe irre viele Leute. Die Leute sind sehr einnehmend dort.
Orhan Pamuk schreibt in «Istanbul» von dieser spezifischen Melancholie, auf Türkisch «hüzün», welche die Istanbuler überkommt, weil der Verlust einer grossen Zeit, des Osmanischen Reiches, allgegenwärtig ist. In «Auf der anderen Seite» sitzt der Held im Schlussbild minutenlang da und starrt aufs Meer. Kennen Sie dieses Gefühl, «hüzün»?
Ja. Ist aber auch der Bosporus, irgendwie. Er wechselt die Farben, von Blau ins Grün und von Grün ins Blau. Wie die Augenfarbe einer Frau. Er ist wie ein Fenster der Stadt, das immer offen steht. Es gibt eine Szene in «Gegen die Wand», wo die Heldin am offenen Fenster steht, man sieht sie von hinten, es ist Nacht. Diese Szene basiert auf einer Songzeile von Paul Simon, «Losing love is like a window in your heart». Ein schöner Satz. Liebe zu verlieren ist, als ob jemand ein Fenster in meinem Herzen geöffnet hätte. So ist der Bosporus.
Sie tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift «Takva – der Gottesfürchtige», ebenfalls ein von Ihnen produzierter Film. Darin zeigen Sie die zwei Gesichter Istanbuls, das von islamischer Tradition geprägte und das moderne, in dem die Globalisierung ihre Spuren hinterlässt. üben Sie damit Kritik?
Natürlich, das ist schrecklich. Ich komme gerade aus Sarajevo, dort gibt es keinen einzigen McDonald’s. Ich finde es blöd, wenn alles gleichgeschaltet wird.
Das ist auch Aytens Position in «Auf der anderen Seite», die darum gegen einen EU-Beitritt der Türkei ist. Aber verkennt man mit dieser antiwestlichen Haltung nicht, dass der Kapitalismus längst Einzug gehalten hat in der Türkei? Das kann man doch nicht aufhalten?
Aber man kann es bedauern, traurig finden. Das kann einen melancholisch machen.
Haben sich die Gegensätze verstärkt in den letzten Jahren?
In Istanbul war schon immer so eine gewisse Schizophrenie da, bereits im Osmanischen Reich. Während der Monarchie lebten viele Minderheiten hier, die irgendwann rausgeschmissen wurden. Die kommen jetzt zurück. Es gibt extrem Reiche und extrem Arme, Schöne und Hässliche, es ist Schwarz und Weiss und Tag und Nacht und West und Ost und Islam und Christentum. Es ist Mann und Frau. Das aber verstärkt. Wie ein Verstärker. Es kam mehr Globalisierung in den letzten Jahren, das schon, mehr McDonald’s, Starbucks, Zaras, H&Ms. Gleichzeitig ziehen immer mehr Leute aus armen Regionen hierher, die ihr Starbucks mitbringen, wenn du so willst, ja? Was weiss ich, Schafe auf der Strasse und so.
Die islamisch-konservative Regierung ist für einen EU-Beitritt, die säkularen Kräfte, hinter denen die Armee steht und die das Erbe von Staatsgründer Atatürk verteidigen, dagegen. Und Sie?
Ich will so sein wie Sie, ich meine die Schweiz, so wünsche ich mir die Türkei. Neutral. Wir brauchen hundert Prozent Menschenrechte, hundert Prozent soziale Gerechtigkeit und ein Erziehungssystem, das funktioniert. Ich will, dass wir, ohne befürchten zu müssen, erschossen zu werden, über die Armenienfrage oder Zypernfrage oder die Kurdenfrage reden können. Aber brauchen wir dazu die EU? Die kann diese Werte auch nicht garantieren. Die Politiker in der Türkei ziehen Reformen durch nicht für das Volk, sondern, um die Aufnahmebedingungen der EU zu erfüllen. Traurig ist das. Schade.
Und worum geht es den Europa-Gegnern unter den Säkularen?
Die nationalen Faschisten wollen nicht in die EU, weil die Türkei keine Kompromisse machen soll in der Kurden- oder Armenienfrage.
Haben diese innenpolitischen Fronten auch zu einer gesellschaftlichen Spaltung geführt?
Nein. Was global passiert, passiert auch in der Türkei. Wer die Welt verstehen will, den «Kampf der Kulturen», den das Weisse Haus propagiert, der muss die Türkei verstehen.
In welchem Sinn?
Die Spaltung in der Türkei geht nicht erst auf 9/11 zurück. Den Konflikt gibt es, seit die islamische Monarchie aufgehoben und ein säkularer Staat gebildet wurde. Atatürk hat die arabischen Buchstaben der türkischen Schrift in lateinische umgewandelt, er gab den Frauen das Wahlrecht und verbot ihnen, in öffentlichen Einrichtungen das Kopftuch zu tragen. Das ging so lange gut, bis die Islamisten auf den Trichter kamen und sagten, wir wollen mit den Kopftüchern zur Schule gehen und an die Uni. In gewisser Weise kämpfen diese Menschen auch für ihre Freiheit, ein Menschenrecht: so herumzulaufen, wie es ihnen passt.
Es muss Sie nerven, wenn man einen Film wie «Gegen die Wand», in dem eine Tochter aus patriarchalischen Traditionen ausbricht, als Argument in der Kopftuchdebatte braucht.
Dass viele innerlich nicht frei sind, denen das Kopftuch aufgezwungen wird, ist eine andere Sache. Der Konflikt liegt in der Familie und hat nichts mit islamistischem Fundamentalismus zu tun. Es gibt sehr viele Frauen in der Türkei, die freiwillig ein Kopftuch tragen und nicht auf die Uni können. Atheistisch oder nicht, säkular oder nicht, spirituell oder nicht, jeder soll so rumrennen, wie er es für richtig hält. Aber es gibt diese Strömung, die das Erbe von Atatürk verteidigt und im Kopftuch ein Symbol sieht. Wenn man bei den Gesetzen nachgibt, sagen sie, dann macht der Staat einen Ruck Richtung Iran. Ich glaube das nicht.
Wird man Sie in der Türkei nach Ihrem neuen Film noch mehr als Sohn betrachten?
Erst am Schneidetisch fiel mir auf, wie viele türkische Flaggen in «Auf der anderen Seite» zu sehen sind. Wir stellten keine einzige selber hin! Es wird also zwei Reaktionen geben. Otto Normalverbraucher, besser gesagt, Ali Normalverbraucher, wird sich freuen, wenn er den Film sieht und ihn als türkischen Film betrachten.
Die andern sehen eine Kritik darin?
Ja. Dabei kritisiere ich nichts bewusst. Alles ist reine Beobachtung. Es gibt die Szene, in der Aytens Zelle auffliegt. Die Mädchen werden abgeführt von Polizisten, auf deren Rücken «Terrorschutz» steht, und die Komparsen klatschen. Die haben von allein geklatscht. Ich dachte zuerst, die klatschen uns, dem Filmteam zu, aber sie applaudierten der Staatsgewalt.
Reden wir noch von der Liebe. Sie sagen, es gebe Kriege, weil es an Liebe fehle. Tönt ziemlich esoterisch.
Esoterisch? Das tönt doch eher wie Nicole. (Singt) Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe…
Die Liebe mag im Kleinen tragen und beschützen, jene zum Mann, zum Kind. Aber so global?
Natürlich fehlt es unserer Gesellschaft an Liebe. Darum gibt es so viel Ungerechtigkeit. Esoterisch oder nicht. Sehen Sie, ich bin jetzt Vater geworden, mein Kind ist ganz klein. Was es mitkriegt, ist Liebe. Ich muss dann oft so an den Adolf Hitler denken, wie der als Baby wohl war. Wir waren alle mal Baby, und wir waren wohl süss und tapsig, und wahrscheinlich haben wir einen genetischen Code mitbekommen oder wie oder was, der hat uns zu kleinen liebenswerten Wesen gemacht mit putzigen Nasen und putzigen Händen und auch nur deshalb putzig, damit uns irgendjemand auf den Arm nimmt und beschützt. So hat es die Biologie eingerichtet, okay? Oder die Evolution oder was weiss ich, irgendwas Spirituelles. Aber bleiben wir mal bei der Biologie, bleiben wir sachlich, beim Menschen. Der Hitler konnte sich vielleicht nur zu dem entwickeln, was er wurde, weil er eben nicht genug davon gekriegt hat.
Nicht genug Liebe?
Wahrscheinlich. Was denn sonst? Oder dann haben Verbrecher wie er eine Macke im Hirn, wie «Der Spiegel» kürzlich schrieb. Vielleicht ist es die Kombination von beidem.
Sie leben mit Ihrer Familie in Hamburg. Wenn Hamburg eine Frau wäre, was wäre sie? Die Ehefrau?
Sie ist eine Schwester, zu der ich ein kumpelhaftes Verhältnis habe. Oder Mutter, weil sie so was Beschützendes hat. Die Beziehung ist nicht sexuell, deshalb wohl nicht Ehefrau.
Ihre Frau, das muss Monique sein, der Sie vor sieben Jahren den Film «Im Juli» widmeten. Wie lang sind Sie schon zusammen?
Zwölf Jahre.
Ist es auch eine Liebe, die die Welt besser macht?
Ja. Gut, da entspringen halt Kinder daraus, die Evolution will es so, dass die Gesellschaft sich fortpflanzt. Die Menschheit muss ja weiter bestehen. Da hat sich die Biologie einen Trick ausgedacht, und das ist halt die Liebe.
Wie alt ist Ihr Kind?
Zwei Jahre. Ein Bub. Emin Santiago, Emin wie Eminem, ohne die letzten beiden Buchstaben.
Sie lassen Ihre türkischen Filmfiguren oft ihre Vornamen übersetzen. Was bedeutet Emin?
Der Vertrauenswürdige. Der, dem du vertrauen kannst. Aber auch der Selbstsichere.
Ihr Name, Fatih?
Der Eroberer.
Passts?
Ja. Eroberer der Kinolandschaft.
Ist es wirklich so, dass Mädchen "von Natur aus" angepasster, ruhiger, sozial unauffälliger sprich braver sind als Jungen? Ist es nicht viel eher so, dass von ihnen dieses Verhalten einfach erwartet, gefordert wird, wohingegen von Jungen eher das Gegenteil erwartet wird d.h. es bei ihnen dann auch als "natürlicher" angesehen wird, wenn sie in der Schule unaufmerksam sind, eher anecken und daher prädestiniert sind schulisch weniger erfolgreich zu sein.
Mir scheint einfach, dass bei Mädchen, welche auf irgendeine Art auffälliges Verhalten an den Tag legen viel früher und stärker Gegensteuer gegeben wird als bei ihren männlichen Altersgenossen. So könnte man doch fast versucht sein zu sagen der Erfolg der Mädchen wie auch das Versagen der Jungen seien auch zu einem gewissen Teil anerzogen.
Ist es nicht so, dass man eher versucht ist ein Mädchen zurecht zu weisen, welches laut Flucht, sich mit anderen Kindern prügelt oder einen Fussball durch die gute Stube kickt? Wird diese Zurechtweisung nicht leicht bis stark anders klingen als bei einem Jungen der das gleiche Verhalten zeigt?
Wieder ein Artikel, der die Missstände in der Schule und die leidtragenden Schüler zum Thema hat. Wieder mit der Forderung, die Lehrer müssten ihren Unterricht ändern.
Dabei: Schon heute gestalten viele hochmotivierte Lehrer mit enormem Aufwand ihren Unterricht so, dass er kindgerecht ist.
Warum also wird die Liste mit den Problemen an Schulen nur länger? Und das nicht nur in der Schweiz. Weil die Probleme an den Schulen zu einem grossen Teil nichts mit dem Unterricht zu tun haben. Der spannendste Unterricht braucht Schüler, die zuhören können. Viele Schüler können das aber heute nicht mehr. Kein Wunder bei dieser Flut von Reizen, die täglich auf sie einwirken, und die sie ja auch noch suchen! Computer, Handy, Pornographie – kommt dann noch zu wenig Schlaf und ein leerer Magen dazu, kann der beste Lehrer nichts mehr ausrichten.
Sehr viel Energie wird darauf verwendet, herauszufinden, was alles schief läuft an den Schulen. Wenig Energie wird verwendet, um die Lehrer bei ihrer schwierigen Arbeit zu unterstützen.
Ich pflichte dem vorherigen Kommentar bei und frage mich ebenfalls, ob man auf naturgegebene Unterschiede pochen kann oder Verhaltensauffälligkeiten bei Mädchen und Buben nicht eher auf soziale Geschlechterrollen und-erwartungen zurückzuführen ist.
Diese erste Grundproblematik (wobei ich nicht die Mädchenüberzahl mit dem besseren Schulabschluss als Problem betrachte sondern die fehlende Parität von Jungen und Mädchen in den verschiedenen Stufen und Leistungen )der heutigen Bildungspolitik auf der Primar/Oberstufe ist durch Remo Largo erörtert worden. Nun soll das Magazin gut daran tun, in einer nächsten Ausgabe die zweite Problematik zu benennen: nämlich der "Bruch" nach dem Hochschulabschluss in weiblichen Biographien der sich in fehlenden weiblichen Professuren ausdrückt. Obwohl immer mehr Frauen studieren, entscheiden sich die Wenigsten für ein Doktorat. Hochschuldozent zu sein, gilt in der CH noch als "Männerberuf". Diesem Phänomen nachzugehen und hochschulpolitische Strukturen mal gründlich auszuleuchten, würde ich begrüssen.
Ihr Siebenmalschlauen! Jetzt schau euch noch mal die Statistik an. Die Statistik besagt, dass in den letzten Jahren mehr und mehr Maedchen einen hoeheren Schulabschluss absolvieren, und NOCH IMMER sprecht ihr von Konditionierung und Unterdrueckung der Maedchen?
Zu meiner Zeit hiess es: Koedukation sei schlecht fuer die Maedchen. Buben wuerden bevorzugt. Schon damals wusste ich aus Erfahrung: Das Gegenteil ist der Fall!
Angesichts dieser Statistiken, die, wenn sie denn stimmen, recht deutlich auf einen neuen umgekehrten grauenhaften Sexismus hinweisen, wuerde ich nun wieder stark gegen die Koedukation plaedieren (wohlgemerkt: um die Buben zu unterstuetzen).
Maedchen und Buben sind nicht gleich. Die Vorstellung, dass der Unterschied zwischen Buben und Maedchen ein bloss erzieherischer, gesellschaftlicher, "falscher" sei, ist ja sowas von dogmatisch, hirnrissig, blind. Wie kann man als ehemaliges Maedchen oder als ehemaliger Bub vergessen, dass der Unterschied zwischen Buben und Maedchen ein physischer, spuerbarer, wirklicher ist? Was muss geschehen, damit die Ultrafeministinnen und die seifigen Anbiederer endlich begreifen, dass an der Verschiedenheit der Geschlechter nichts Schlechtes, Falsches, Boeses ist?
Ein hervorragender Artikel!
Die kritische Einstellung zur Bildungsbürokratie ist meiner Ansicht nach – vor allem im Kanton Zürich -gerechtfertigt, obschon die Bildungsdirektorin eine Sozialdemokratin ist. Spielt da vielleicht im Hintergrund immer noch der Alt-Regierungsrat Gilgen eine Rolle? Auf eidgenössischer Ebene ist man in Bezug auf Vorschläge sehr viel zugänglicher. Da macht man sich zum Beispiel seit einiger Zeit Gedanken über die stets schlechten Noten in Mathematik bei den Schweizerischen Maturitätsprüfungen.
Sie schreiben, "in der Sek C, der früheren Realschule". Das ist wohl ein Fehler, die Sek C entspricht der früheren Oberschule. Dass diese Integration schwierig sein wird, ist einleuchtend. Die Vorschläge von Herr Largo scheinen mir aber richtig zu sein.
Dann her mit "der Statistik"… Grosse Töne spucken und mit 0 Belegen kommen. Wenn Sie lesen können, haben Sie wahrscheinlich gemerkt, dass ich nicht von der Unterdrückung der Mädchen spreche sondern von HochschulabsolventInnen und den weiteren Karriereverläufen. Und nun schauen Sie sich "Etappen der akademischen Laufbahnen und Frauenanteil" an, zusammengestellt vom Bund: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/08/dos/blank/07.html
oder der NZZ-artikel vom 11.01.2008:
Im Bildungswesen sind trotz einer markanten Zunahme des Anteils der Professorinnen und Dozentinnen an den Hochschulen die Frauen auf dieser Ebene noch deutlich untervertreten. Der Anteil von 28 Prozent auf der Tertiärstufe gehört dabei zu den international tiefsten Werten. Anders sieht das Bild auf der Sekundar- und Primarstufe aus: Der im Vergleich zum Ausland tiefe Lehrerinnenanteil dort kommt einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis nahe. 44 Prozent aller Hochschulabschlüsse gehen auf das Konto von Frauen, während bei den Doktoraten der Frauenanteil noch international eher tiefe 37 Prozent beträgt".
"Mädchen und Jungen sind nicht gleich" Ach ja? Von physischen Geschlechtermerkmalen auf Unterschiede in Mathematiknoten zu schliessen ist wohl eher "blind, hirnrissig, dogmatisch". Ein Herr der alten Schule wie Sie plädiert wohl für eine traditionelle "naturgegebene" Geschlechtertrennung und Rollenteilung im Unterricht mit Sprachfächern für Mädchen und Mathe für Jungs.
Eine traditionelle Geschlechtersegregation in den Bildungsinhalten ist wohl kaum das, was Herr Largo mit "mit konsequenter Individualisierung" meint.
Der Bericht hat mir persöndlich sehr gut gefallen und ich stimme in den meisten Punkten mit Remo Lemgo überrein. Trotzdem möchte ich zwei Erfahrungen aus meiner Schulzeit anführen, die ich damals und heute noch sehr negativ in Erinnerung habe. Vorneweg muss ich anfügen, dass ich einseitig mathematisch-naturwissenschaftlich Begabt bin, eine gute Text-, Geschichts- und Politkompetenz besitze, jedoch keine sprachlich-grammatikalischen Lernfähigkeiten habe.
Wärend meiner Gymnasialzeit hat mich diese einseitige Begabung mehrmals an den Rand eines Rausschmisses gebracht, obwohl ich den mathematisch-naturwissenschaftliche Lehrgang besuchte. Dabei war ich nicht allein in meiner Klasse. Folglich war die Note Eins auf dem Prüfungsbogen keine Seltenheit. Interessanterweise wureden meine Kollegen aus den sprachlichen Lehrgängen von solch tiefen Noten in Physik und Chemie verschont.
Dies war sicher nicht das Resultat ihrer Fähigkeiten in diesen Fächern, jedoch wurde bei ihnen nicht der selbe Massstab angewandt wie bei uns. Dies mit der Begründung, dass sprachliche Fähigkeiten wichtiger seien also mathematische. Ich bestreite nicht, dass das Beherrschen von Sprache entscheidend für die berufliche Entwicklung ist, aber ist nicht gerade das logisch-analytisches Denken eine wichtige Voraussetzung für die meisten beruflichen Tätigkeiten.
Eine anderes Beispiel spielte sich in der Sekundarschule ab. Wärend ich aus der Lateinklasse geflogen bin, mit Recht, wurde die Vielzahl von Lösungswegen für geometrische Probleme dich ich jeweils präsentierte mit missbehagen und als Lästigkeit empfunden. Folglich hat man mir eine Berufslehre vorgeschlagen, da meine sprachlichen Fähigkeiten ungenügend waren.
Zusammenfassend, meine Schwächen im erlernen von Sprachen hätte mich in meiner Schulzeit mehrmals beinahe das "Aus" bedeutet. Obwohl ich in den Fächern Mathematik, Chemie, Physik, Geographie, Geschichte und Deutsch mit den Besten mithalten konnte, waren meine Schwächen in Französisch und Englisch für meine Lehrer oft Beweis genug, dass dein Studium für mich nicht in Frage kommt. Wieso, frage ich heute? Denn ich bin sicher, dass es vielen Jungs heute genauso ergeht wie mir. Schliesslich aber habe ich doch Chemie studiert und mein Doktorat gemacht.
Abschliessend möchte ich noch einige Bemerkungen zu einigen Fragen aus den Kommetaren anfügen.
Der Bruch von den Frauen nach dem Studium rührt aus meiner Erfahrung oft daher, dass Frauen sich verstärkt beruflich betätigen möchten als Männer. Sie wechseln auch öfters das Tätigkeitsfeld und sind dabei meist risikoreicher als ihre männlichen Kollegen.
Die Verweiblichung der Schule ist meiner Ansicht nach nicht ein Problem im Klassenzimmer, aber auf dem Pausenhof. Prügeleien, grober Umgang, Geschrei imd dreckige Sprache wird in einer weiblichen Umgebung viel weniger toleriert als unter Männern. Dadurch können sich die Jungs aber auch viel weniger entfalten und stehen immer unter druck der Norm entsprechen zu müssen. Dasselbe gilt auch für viele Männer in unserer Gesellschaft.
Eine weiteres Gesellschaftsphenomän ist die Wertung von sprachlichen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Wärend man durchaus angeben darf, wie wenig man von den Physikstunden mitgenommen hat, werden Lücken in den sprachlichen Fähigkeiten immer als Schwächen gesehen. Und dies obwohl oder gerade weil die Technik immer mehr unser Leben beinflusst. Sollten wir da nicht vermehrt dagegensteuern? Denn nachdem das Auto erfunden wurde und der elektrische Strom entdeckt, da wurden diese Themen in den Schulen gelehrt. Heute weiss jedoch kaum ein Mensch wie ein Computer oder Mobiltelefon funtkoniert, was ein Gen oder Virus ist oder wesshalb viel CO2 das Klima erwärmt. Wie wollen wir in unserer Gesellschaft über diese Dinge diskutieren, wenn wir sie grundlegend nicht verstehen?
Hier noch eine Meldung von einer "Siebenmalschlauen": Man kann alles immer so lesen, wie man selber es verstehen will. Es war ja eigentlich nicht gemeint, dass immer nur die armen, armen Mädchen, Schülerinnen, Studentin, Frauen ganz allgemein von den bösen, bösen Männern unterdrückt werden, sondern doch viel eher, dass Mädchen immer noch oftmals anders erzogen werden (sei es nun bewusst oder meist wohl eher unbewusst) als Jungs. Dies muss nicht automatisch eine Benachteiligung für das "schwächere Geschlecht" bedeuten, wie aus dem obigen Artikel ja zur genüge hervorgeht. Es ist wohl eher so zu verstehen, dass die Jungen vielleicht sogar im Nachteil sind, weil sie viel eher einfach mal laufen gelassen werden, dies dann halt auch auf die Gefahr hin, dass sie mehrmals mit dem Kopf gegen die Wand rennen bis sie die Tür einen halben Meter weiter rechts bemerken. Die Mädchen dagegen scheinen oft geradezu durch diese Tür geschoben zu werden. Was nun sinnvoller ist, liegt im Ermessen des Betrachters. Was in unserem Schulsystem mit mehr und vor allem früherem Erfolg "belohnt" wird ist wieder im obigen Artikel zu lesen.
So denke ich macht es wenig Sinn diese Diskussion einfach wieder dazu zu (miss)(ge)brauchen den Feministinnen und Feministen einen Seitenhieb zu verpassen. Hier wird ja eigentlich nicht gewertet, sondern nur beobachtet und mitgeteilt. Dazu gehört nun mal auch zu sagen, dass von Gleichberechtigung (für beide Seiten) in keiner Weise zu sprechen sein kann.
Wieviele Jungen bekennen sich im Alter von 16 Jahren offen dazu, dass sie gerne Gedichtsanthologien lesen oder sogar selber etwas schreiben? Wieviele Spiele der Frauenfussballliga bekommen wir am Fernsehen zu sehen?
Es hat nichts mit (verblendetem, aufgesetztem) Feminismus zu tun dies zu bemerken und auch festzuhalten.
Klar kann man sich nun fragen, was dies denn konkret zur Problemlösung des im Artikel geschilderten Problems beiträgt. Ich denke aber, dass es bestimmt ein erster Schritt ist zu erkennen, dass die Jungen für ihr "Schulversagen" weder selber Schuld sind, noch dass man das Problem einfach so auf die Schule oder die Lehrerschaft abwälzen kann. Je mehr Leute (Männer gleichsam wie Frauen!) ihr Verhalten einmal in aller Ruhe und vor allem ehrlich hinterfragen, desto eher kann das Problem auch angegangen werden und zwar von allen Seiten und auf allen Ebenen. Denn darin scheint doch die eigentliche Schwierigkeit zu liegen. Jede Frage, die in irgendeiner Rolle auch nur in die Nähe der "Geschlechterproblematik" kommt ist enorm vielschichtig und nicht einfach nur von einer Seite her lösbar (nicht einmal von den Siebenschlauen, die auch nicht so schlau sind, wie sie es manchmal wäre. Denn wären sie es, hätten wir solche Probleme wohl schon lange nicht mehr.)
@AFichter: Die Statistik von der ich spreche (Maturanden im Kanton Zuerich), findet sich hier zu oberst rechts auf der Seite. Dass Sie sich nicht an das hier diskutierte Thema halten und stattdessen lieber von der Diskussion ablenken, habe ich vorher schon kritisiert… Dazu nur kurz: An der Uni bluehen ploetzlich Leute auf (maennlich und weiblich), die nur mit Ach und Krach die Matura geschafft haben, waehrend Spitzenschueler zu Durchschnittsstudenten werden… (Hochschul)Karriere ist wiederum ein anderes Thema.
Als alte Schule moecht ich mich nicht bezeichnen. Koedukation ist zuerst von der "Neuen Frauenforschung" kritisiert worden. Aber nun mal schoen der Reihe nach:
Primarschule: Die Maedchen faenen fuer die Lehrerin oder den Lehrer. Ein paar Buben begehren schon auf. In Geduldsdingen sind die Maedchen von Natur aus oft im Vorteil. Schoenschreiben zum Beispiel. Meitli kriegen mindestens eine 5, Buben hoechstens eine 5. Und dabei sind doch auch Buben guter Zeichner… – Wie kommen Buben auf die Idee sie "muessten" grausig schreiben, oder "muessen nicht" schoen schreiben? Nix Gleichheit. Ausserdem haben Kinder ja nicht nur Geschlechts"merkmale", sie haben eine ihnen eigene Form von Sexualitaet.
Sek: Hormone werden wach. Extrem muehsam fuer beide Geschlechter. Maedchen bleiben aber braver und fuehlen sich schlauer dabei. Werden deshalb oft als erwachsener wahrgenommen und bezeichnet. Buben wiederum sind in einer anderen (versteckten) Weise den Maedchen "voraus": Sie wehren sich eher gegen Autoritaeten. Dass da schon verschiedene Hormone mitmischen, ist offensichtlich.
Gymnasium: Die Geschlechteridentifikationsphase schlechthin. Jugendliche stellen sich der entscheidenden Frage: Was ist ein Mann? Was ist eine Frau? Wer will ich sein? Das ist eine Frage, deren Antwort man keiner feministischen Doktrin ueberlassen sollte…
Maedchen und Buben SIND verschieden. Das ist nicht bloss eine Frage von Chromosomen oder auesserer Merkmale. Es ist eine Frage der Selbstbefindlichkeit, der Sexualitaet, der Hormone, der Identitaet, der Person. Und all die Faktoren koennen und sollen nicht kontrolliert werden.
Klar sind wir nicht gleich, was ja auch langweilig und biologisch völlig sinnlos wäre, aber aus meiner eigenen Erfahrung (ich weiss wie gefährlich Diskussionen auf dieser Ebene werden können) als Schülerin denke ich aber doch sagen zu können, dass Jungen schon irgendwie auch das (unbewusste) Gefühl bekommen können, dass sie weniger schön schreiben müssten. Mein bester Primarschulfreund schrieb nicht nur für einen Jungen anständig, sondern konnte, was die Handschrift anging spielend mit seinen Altersgenossinnen mithalten. Ich dagegen hatte von Anfang an Mühe schön und in diesen verfluchten Linien und Häuschen ("wieso müssen die meine Buchstaben auch einsperren?") zu schreiben. Doch nicht nur ich hatte damit ein "Schreibproblem". Ihn traf zwar seltener der Tadel oder die Ungeduld unserer Lehrerin, doch dafür umso mehr, je älter wir wurden der Spott seiner Mitschüler. Wer hört als Bub schon gerne er habe eine Mädchenschrift (und dann erst noch eine beste Freundin). So feilten wir dann halt beide an unseren Schriften bis er dann fast genauso eckig und fahrig schrieb wie seine Gspänli aus dem Fussballclub. Ich hingegen verbrachte viel Zeit damit auch nur annähernd schön zu schreiben, was ich dann erst mit etwa 14 Jahren mehr oder weniger im Griff hatte und deshalb auch kein einziges Primarschulzeugnis mit der Mindestnote 5 in Schönschrift vorweisen kann.
Klar ist es im Schnitt schon so, dass Mädchen schöner (ordentlicher) schreiben als ihre männlichen Gegenstücke, aber oft liegt das auch an den Erwartungen die an sie (von Erwachsenen wie auch Gleichaltrigen) gestellt werden.
Warum begann ich mit 11 plötzlich auf jedem "i" oder Umlaut so kleine Kringel zu malen, manchmal sogar Blümchen, Herzchen oder klitzkleine Sterne. Genau, weil ich nicht so eine "Wäh, du häsch ja ä Buäbäschrift!" Schrift haben wollte. Irgendwann sah ich dann aber den Selbstbetrug in der ganzen Sache und kam wieder zu meiner alten eckigen Schrift zurück. Noch heute habe ich keine "Frauenschrift" und kenne einige Männer die schöner oder wenigstens sehr ähnlich (schön) wie ich schreiben.
Das ist sicher nicht in jedem Fall so, aber was wirklich stimmt, ist, dass zu Anfang in der ersten Klasse der Primarschule (und ich weiss das, denn meine Mutter ist Primarlehrerin) kein "Geschlechterunterschied" zwischen den Schriften besteht.
Und es ist doch seltsam, dass Jungen, welche genausogut zeichnen können wie Mädchen, dann nicht auch genauso gut schreiben können sollten.
Und noch eine Frage, welche mir vielleicht irgenjemand zu beantworten versuchen könnte: Warum sind Mädchen und Jungs in mathematischen Test im Vorschulalter noch genau gleich weit bis mit vortschreitendem Schulalter die Mädchen immer weiter abfallen (gemäss GEO-Studie)? Ist das auch auf die natürliche Ungleichheit von Mann und Frau zurückzuführen? Wieso fordern Frauen viel öfters Hilfe von "IT-Troubleshooting-Service" an als Männer? Welche biologisch-historische Funktion hätte dann die Unfähigkeit der Frau mit Zahlen, Pfaden, Harddisk-Defragmentierungen umzugehen?
Wenn es möglich wäre Kinder in der Schule viel individueller zu fördern, dann könnte ja auch jeder genauso lange und intensiv an seinen persönlichen Schwächen arbeiten (sei das nun Schrift oder Mathematik) wie dies nötig wäre. Doch müssten auch ErzieherInnen etwas dazu beitragen um nicht einfach nach dem Motto "Buben sind halt so" zu resignieren. Das nur noch um mal wieder das Thema des Artikels zu streifen und nicht noch weiter im Sumpf der (Un)gleichberechtigung zu wühlen.
Ganz herzlichen Dank für dieses hervorragende Interview. Was für ein frischer und wohltuender Artikel an einem Samstagmorgen nach der ersten Woche ‘back to school’. Ich möchte hier nur W.B. Yeats zitieren: "Education is not the filling of a bucket, but the lighting of a fire."
Rahel Enzler
@Jennifer: Natuerlich gibt es Maedchen, die Muehe haben, schoen zu schreiben, und natuerlich entsteht da auch ein Gruppendruck Herzli zu malen, etc etc. Das ist so klar wie die Tatsache, dass es Maedchen gibt, die sich wie Buben verhalten und umgekehrt. Ich stellte bewusst die Frage, woher das kommt, dass offenbar weltweit die Maenner eher (!) eine wacklige Schrift haben als Frauen. Ich kann es mir nicht erklaeren, aber offenbar liegt hier eine kulturuebergreifendes Phaenomen vor, das man nicht dadurch erklaeren kann, dass Buben sich weltweit weniger Muehe geben muessen beim Schreiben. Japanische Kinder werden richtiggehen gedrillt zum richtig schreiben, und trotzdem haben Buben da eher Muehe. Und bei uns war das nicht viel anders. Ich erinnere mich genau, wie angestrengt ich versucht habe, schoen zu schreiben. Ich konnte es einfach nicht (und ich war damals ein recht guter Zeichner, wenn man meinen Zeichennoten Glauben schenken sollte). Ich glaube uebrigens, dass meine Schrift heute ganz ok ist (obwohl sie jetzt wieder langsam unter dem Tastaturgeklapper verkommt). Die musste aber bis nach Studienabschluss reifen.
Wichtiger war aber der Hinweis, dass bis zur Matura Buben und Maedchen anderen Identitaetsfragen und Hormonschueben unterworfen sind. Diese geschlechtsspezifisch sich nach und nach ausbildenden, tief verwurzelten psychologischen, sozialen und koerperlichen Unterschiede koennen nicht durch eine blinde Ideologie (im Sinne von Maenner und Frauen muessen gleich sein, sonst waere die Natur ja nicht fair oder sowas) vom Tisch gewischt, oder gar von oben herab dereguliert werden.
Ein weiterer zentraler Hinweis war der, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern keine aeusserlichen sind. Primarschueler sind keine Saeuglinge. Wer sich erinnern kann, weiss wie es sich anfuehlt, ein Junge oder ein Maedchen zu sein, und dass sich mit dem Bewusstsein ein Koerpergefuehl und damit eine Sexualitaet entwickelt. Das Begehren ist ja nicht ploetzlich mit den Hormonen da. Es waechst im ganzen Menschen langsam heran.
Geschlechtsspezifische Unterschiede sind kaum auf einen Nenner zu bringen, dazu sind die Menschen als Personen zu verschieden, sie sind aber nichtsdestotrotz da. Und diese Unterschiede sind wie die persoenlichen Unterschiede wertvoll, interessant, spannend. Wer sie als kuenstlich, anerzogen, schlecht bezeichnet ist meiner Ansicht nach kein Menschenfreund.
Ich habe zu anfangs vielleicht etwas harsch reagiert, weil ich wohl selbst ein Bub war, den man heute unter Drogen setzen wuerde, damit er sich auch schoen brav und problemlos verhaelt in der Schule, also, so, wie die meisten Maedchen sich ohne Drogen verhalten. Wenn ich sehe, wie in meinem Bekanntenkreis Bub um Bub medikamentoes stillgelegt wird, im Dienste der Ruhe, der Noten und einer zukuenftigen Matura, dann krieg ich bubenhafte Wutanfaelle.
@Oliver:
Ich weiss halt nicht wie das mit dem schreiben weltweit aussieht, sondern nur wie diese und andere Erziehungsfragen in unserem Kulturkreis gehandhabt werden.
Was mir aber auch aufgefallen ist, dass immer mehr Kinder medikamentös behandelt werden, damit sie auch ja ins Schema passen. – Gehörte/Gehöre übrigens auch zu denen. – Vielleicht müsste man sich hier dann wirklich auch einmal Gedanken über dieses Schema machen. Leider habe ich hier noch nicht so viel Erfahrung vorzuweisen, aber sind wirklich immer mehr Kinder so massive verhaltensauffällig, dass man sie gleich ruhig stellen muss?
Vielleicht würde es nur schon helfen sie nicht in alle nur erdenklichen Förderkurse und Therapien zu schicken und dafür einfach mal Kind sein zu lassen. Nichts gegen Ballett, Geigenunterricht, Frühchinesisch und Maltherapie. Doch wenn ein sechsjähriger einen Wochenplan hat, der ihm nicht viel mehr Freizeit lässt als er dann in zwanzig Jahren noch übrig haben wird, finde ich das schon etwas bedenklich.
Man kann Kinder doch nicht einfach (auch nicht mit Hilfe der modernen Schulmedizin) zu kleinen Erwachsenen umerziehen. Und sowieso, erwachsen sind die meisten von uns ja sowieso lange genug.
@Rahel enzler:
Wunderschönes Zitat!
Die Lernfähigkeit hat nichts mit dem sozialen und körperlichen Entwicklungsstadium zu tun. Vielmehr ist die Lernfähigkeit durch die Motivation und die Neugier gesteuert. Die Motivation wiederum hängt von verschiedensten Faktoren ab, wobei die soziale Umgebung ein wesendlicher Faktor ist. Die Neugier wiederum wird stark durch die Themenwahl und die Art der Präsentation beinflusst. Folglich hängt der Lernerfolg stark von der Gestaltung des Unterrichts ab und kaum von der Entwicklung des Kindes. Jedoch sieht das optimale Lernumfeld bei je nach Entwicklungsstufe und auch Geschlecht verschieden aus. Dies Erklärt, wesshalb die gleichen Schüler und Schülerinnen bei gewissen Lehrern aufblühen und bei anderen vertrocknen. Anscheinend ist die Lernumgebung bis zur Matura heute eher auf die Mädchen zugeschnitten. Erst auf der Universitätsstufe scheint sich dies zu ändern. Am Ende steht somit der mindestens teilweise geschlechtergetrennte Unterricht, wie er früher und ein einigen Orten heute noch erfolgreich durchgeführt wird.
1. Ich bin überzeugt, es gibt sehr viele Lehrer, die Remo Largos Aussagen vorbehaltlos bestätigen und seine Kritik an der Volksschule ebenso unterstützen wie ich.
2. Was Largo am Beispiel Mädchen – Knaben zeigt, ist in erster Linie die Folge eines Systems, dass grundsätzlich auf Diskriminierung hin angelegt ist. Statt an förderorientierter individualisierter Förderung und Beurteilung ist es vor allem daran interessiert, Kinder zu normieren, zu klassieren und zu selektionieren. Es ist meiner Meinung nach – und ich sage das als Lehrer an der Volksschule – nicht ein Skandal, dass es viel mehr Knaben als Mädchen an den Sek C Klassen (oder Beispielsweise an Real und Kleinklassen im Kanton Bern) gibt, sondern, dass es solche Klassen überhaupt noch gibt.
Ein solches System lebt permanent davon, Kinder in "gute" bzw "schlechte" Schüler/innen zu unterteilen. Je nach Ausgestaltung dieses Konkurrenzsystems werden so immer Kinder diskriminiert sein. Es ist deshalb höchste Zeit, über die Abschaffung der Selektion an der Volksschule zu reden, umso mehr als es unterdessen in der Folge von PISA etliche Studien gibt, die die Vorteile integrierter Schulmodelle gegenüber selektiven Modellen belegen.
3. Die eigene Arbeit als Lehrer immer wieder kritisch zu hinterfragen, gehört für mich ebenso zum Standard professioneller Berufsauffassung wie das Akzeptieren, dass die Schule genau die Schüler hat, die sie hat. Punkt.
Und sie hat sich diesen Schülern und Schülerinnen anzunehmen. Dazu muss sich die Schule ebenso umgestalten, um neuen Aufgaben gerecht zu werden, wie es beispielsweise ein KMU Unternehmen tun muss, will es auf dem Markt bestehen.
4. Es gibt tausende Lehrer im Land, die das nicht nur wissen, sondern auch in ihrem Unterricht umzusetzen versuchen, schade dass sie oft zu wenig gehört werden oder sich zu wenig vernehmen lassen.
5. Ein Lehrer/Lehrerin, der/die heute noch von homogenen Klassen und Kindern ausgeht und glaubt, ohne Noten könne er/sie keinen leistungsmotivierenden Unterricht erteilen, genügt meiner Meinung nach professionellen Ansprüchen nicht und sollte sich eine Auszeit gönnen. Lehrer, die aber sagen, solche neuen
Ansprüche überforderten sie, haben jede nur erdenkliche Unterstützung verdient und sollten sie auch erhalten.
6. Dass sich solche selektiven Systeme bei allen Nachteilen so gut halten und gerade von Politikern und leider von grossen Teilen der Lehrerschaft kaum hinterfragt werden, könnte unter anderem daran liegen, dass es sich bei diesen in der Regel um die Sieger dieser Systeme handelt. Sie waren die guten Schüler und Schülerinnen und haben sich an den natürlich guten Noten gefreut, die ihr Selbstwertgefühl und ihre Leistungsbereitschaft gestärkt haben. Aber wie steht es andersherum …!?
Ob die Systemverlierer Mädchen oder Knaben sind, ist einerlei. Es steht uns schlecht an, ein System zu betreiben, dass permanent
Verlierer schafft und Chancenungleichheit zementiert statt ausgleicht.
Emanuel Dettwiler, Gümligen, Lehrer im Kanton Bern
Ist wirklich die Verweiblichung in den Schulen daran Schuld oder hat es nicht vielmehr damit zu tun, dass in der Schweizer-Gesellschaft es an guten Vorbilder von Vätern fehlt? Ich denke zweiteres trifft da mehr zu, denn wo sollen den die "Knaben" ihre männlichen Vorbilder her haben, wenn sich immer noch zuviele Väter aus ihrer wirkliche Vaterrolle einfach verabschieden?! Darum finde ich es, als dreifacher Vater der sich für seine Kinder entschieden hat, was soviel heisst, dass ich zwischen 60%-80% arbeite , um für die restliche Zeit für die Kinder da zu sein, dass man vorwiegend den Müttern und den weiblichen Betreuungspersonen nun einmal mehr den Schwarzepeter zuschiebt und in ihnen die Schuldigen sieht an dem defizit der "Knaben", finde ich fatal! Die Schweiz ist vorwiegend immer noch eine patriachal-geprägte Gesellschaf, darum erstaunt mich schon, dass da Herr Lago nicht mehr darauf hingewiesen hat!
In der Schweiz muss die Familienpolitik endlich der Zeit angepasst werden, als Schwede erstaunt es mich darum immer wieder, dass es in der Scheiz nicht längst eine für die Eltern poitivere Arbeitszeitflexibilierung gibt, denn dann hätten die auch wieder mehr und intensiver Zeit für ihre Kinder!
Remo Largo hat einige alte Behauptungen über das menschliche Wesen kompetent zurechtgerückt. Dass unterschiedliche Bildungserfolge darauf zurückgeführt werden, dass Mädchen und Knaben unterschiedliche Anlagen und damit auch unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten aufweisen, was in der Erziehung berücksichtigt werden müsste, ist leider heute noch eine ungewöhnliche Sicht. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Genetische Differenzen größere Auswirkung haben, als bis heute angenommen und dass die genetisch bedingte Geschlechterdifferenz auch in unterschiedlichen Fähigkeiten zum Ausdruck kommen. Mädchen werde nicht durch ihre Erziehung zu Mädchen gemacht. Die durch Vererbung hervorgerufenen Unterschiede bei Knaben und Mädchen sind zu ermitteln und bei der Erziehung zu berücksichtigen.
Gleichberechtigung der Geschlechter heißt deshalb nicht mehr gleichmachen. Bei allen Problemlösungen die unser Leben, unsere Entwicklung, unsere Politik betreffen, sollen beide Geschlechter in gleicher Zahl mitbestimmen.
Gleichberechtigung heißt, keine Verbote für Frauen, wenn sie sich freiwillig einem Studium, Beruf oder Sport zuwenden wollen. Das weibliche Wesen bleibt aber alleine fähig, in einem dafür geschaffenen Leib, die Frucht der Zeugung zu behüten, heranwachsen zu lassen und zu gebären. Daraus ergibt sich eine natürliche Sozialkompetenz.
..titeln in letzter Zeit immer wieder die Tageszeitungen.
Weniger Studierende an technischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten und zu wenige Ingenieure.
Dabei hat, auch wenn geburtenschwächere Jahrgänge nachrücken, die Studentenanzahl keineswegs abgenommen. Bei den Geisteswissenschaften sind die Hörsäle häufig überfüllt.
Ob das jetzt daran liegt, dass in den letzten Jahren immer weniger Knaben das Gymnasium besuchen, oder es ganz einfach eine Interessenverschiebung seitens der Studenten gegeben hat, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Vielmehr liegt es daran, dass die Naturwissenschaften in unserem Bildungssystem ziemlich stiefmütterlich behandelt werden.
An der Sekundarschule werden Chemie, Physik und Biologie oft nur ungenügend vermittelt.
Oft handelt es sich nur um eine Wochenlektion, während anderen, vor allem sprachlichen Fächern eine gewaltige Bedeutung beigemessen wird.
In der Unterstufe fallen Chemie und Physik gleich vollständig weg, allenfalls wird dort etwas Botanik, Zoologie und Anatomie unterrichtet.
So ist es natürlich schwierig einem Kind die Faszination dieser Fächer näher zu bringen.
Das schlechte Image, das diesen Fächern Anhaftet liegt vor allem daran, dass Schüler in diesen Fächern oft gleich zu Beginn überfordert werden. Das ist auch leicht verständlich, da schlicht kein Grundwissen auf dem man aufbauen könnte vorhanden ist. Alleine die Vorstellung von Molekülen, Reibungskräften oder Viren, um Beispiele aus allen drei Bereichen zu nennen, überfordert ja schon manchen Erwachsenen. Dinge die wir nicht sehen können, verlangen vor allem Vorstellungskraft und Phantasie – Voraussetzungen wie geschaffen für Kinder. Auf die richtige Art und zum richtigen Zeitpunkt nähergebracht, würden sich die Naturwissenschaften vermutlich einem viel breiteren Teil der Schülerschaft öffnen. Die Welt in der wir leben besteht aus unzähligen sehr kleinen Dingen, die alle miteinander im Zusammenhang stehen. Dass man Kindern diese Welt so lange vorenthält ist eigentlich nicht tragbar.
Man muss einfach endlich einsehen, dass Bildung DIE Wirtschaftsförderung schlechthin ist. Schliesslich ist Innovation der grösste Wirtschaftsmotor. Und was bringt uns alles steuergesenkte Wirtschaftswachstum, wenn uns die entsprechenden Fachkräfte fehlen?
Auch die „Wirtschaftsfreundlichen“ Kreise müssen den Stellenwert der Bildung in einer funktionierenden Gesellschaft einsehen. Und in den Schulpflegen und Bildungskomissionen sollte sich die Vorstellung durchsetzen, dass es neben sprachlichen auch noch andere Kompetenzen gibt und dass schlussendlich sie über die Zukunft unserer Wirtschaft verfügen.
@Paul Schärer, Sie schrieben:.."Gleichberechtigung der Geschlechter heißt deshalb nicht mehr gleichmachen." frage ich mich schon warum solche Sätze 2008 immer noch vorwiegend von männlicher Seite her fallen, wenn man weiss, das die Gleichberechtigung nie das Ziel hatte Menschen Gleichzumachen, sondern das es in der Gleichstellungsarbeit immer schon um die übergreifende Ziele ging, dass sowohl Frauen, wie Männer, die Möglichkeit erhalten sollen, sich im Rahmen ihrer Fähigkeiten zu entwickeln! In der Gleichstellungsarbeit wird niemand gleichgemacht, denn auch für Männer stehen die Gleichstellungbüros mit ihren vielen Fragen offen da, wie ich selber schon mehrmals erfahren durfte!
Vielleicht sollten wir uns verabschieden von irgendwelchen aufgestellten Dogmen aus einer anderen Zeitepoche und uns eigene Lebensformen erschaffen, die nicht durch irgendwelche Dogmatiker aufgestellt werden, sondern die das Leben einem vorzeigt!!
Weiter sollte darauf verzichte werden, alles den Genen in die Schuhe zu schieben, dass sozial Umfeld ist da viel wichtiger!http://www.sweden.se/upload/Sweden_se/german/factsheets/SI/Gleichstellung_in_Schweden_TS82n_Low.pdf
Aus reiner Neugier wuerde mich interessieren, woher die Daten fuer die Charts stammen. Normalerweise wuerde man ja auf das Bundesamt fuer Statistik tippen, dafuer sind die Daten aber fast zu aktuell.
Wuerde es Ihnen etwas ausmachen, die Quelle offen zu legen?
Sie haben recht, Herr Baur, im Heft ist die Quellenangabe vergessen gegangen. Das Datenmaterial stammt von
http://www.bista.zh.ch. Sehr ergiebig sind u.a. die jährlichen Schulberichte, zB.
http://www.bista.zh.ch/pub/downloads/Schulen_Kt_ZH_2006_07.pdf
Sehr geehrter Herr Largo
Sehr geehrter Herr Beglinger
Berührt und dankbar habe ich Ihren Artikel gelesen und schon an viele weiterempfohlen.
Ich arbeite seit über 20 Jahren stationär mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in aller Regel in der Schule nicht reüssiert haben. Zu viele von ihnen haben durch ihre Misserfolgsgeschichten in der Schule ein krummes Selbstbild entwickelt. Nicht dass sie nichts zu bieten hätten, ganz im Gegenteil. Ihre Ressourcen wurden nur kaum wahrgenommen, weil nicht im Lehrplan enthalten. In feiner "Forschungsarbeit" versuchen wir dann, diese nicht wahrgenommenen Ressourcen wieder ans Tageslicht zu bringen. Dies auf staatliche Kosten (Wohnheim), was zum Teil von staatlichen Kosten (Schulsystem) verursacht wurde. Ich mache seit langem die Erfahrung, dass ein überwiegender Teil von Verhaltensauffälligkeit durch die Defizitorientierung und das Nichteingehen auf die Ressourcen unserer Kinder und Jugendlichen durch uns Erwachsene zurück zu führen ist.
Es liegt mir nun fern die Lehrkräfte zu kritisieren. Das Gegenteil ist der Fall, denn ich erlebe viele LehrerInnen mit sehr hohem Engagement, die trotz diesem Bildungssystem das Beste aus unseren Kindern herauslocken. Oft leiden sie selber unter diesem Schulsystem.
Es liegt eine immense Verantwortung auf den Schultern unserer Bildungspolitiker und Bildungstechnokraten und sie wird so wahrgenommen, als gäbe es all die Erkenntnisse z.B. von Jean Piaget, oder diejenigen der neueren Forschung in der Neurologie nicht.
Würde ein Wirtschaftsunternehmen so viele Misserfolgsgeschichten produzieren wie unser Schulsystem, dann würde das Management durch den Verwaltungsrat ganz schnell abgesetzt. Wäre es möglich einen erfolgsorientierten Verwaltungsrat über die Bildungspolitik zu stellen? Oder müssten wir das Bildungssystem so schnell wie möglich privatisieren und dies mit wenigen klaren Erfolgsvorgaben durch den Staat. Schön wär`s. Genügend engagierte Lehrkräfte hätte unser Land, davon bin ich überzeugt.
Ganz spannende und erfolgreiche Schulmodelle entwickeln sich in Deutschland, wo sich einige Schulen durch tolle kind- und jugendgerechte (sprich: menschengerechte) Formen auszeichnen (Stichwort: Treibhäuser der Zukunft), was jedoch nur durch ungehorsam gegenüber bildungspolitischen Entscheiden möglich wurde.
Nochmals herzlichen Dank für Ihre Klarheit und Ihren Mut. Ich bin gespannt mehr von ihnen zu hören.
Joseph Birrer
Vielen Dank für ihren Artikel. Ich bin selbst Kantischüler und fühle mich so verstanden wie schon lange nicht mehr. Die meisten Knaben meiner Klasse lassen sich beinahe täglich über die vorherrschenden Ungerechtigkeiten aus und zwar nicht zu knapp. Unsere Klasse besteht aus 6 Knaben sowie 14 Mädchen, mehr als die Hälfte der Mädchen wurde von den Eltern via Lernstudio etc. durch die Prüfungen gequetscht und kann nur mit enormem Fleiss und Druck mithalten. Rein von der Intelligenz her wäre ein guter Teil von ihnen bestenfalls auf Sek-B Niveau. Von den 6 Knaben schätze ich 3 als höchst intelligent ein, die anderen als überdurchschnittlich und alle als faul. Und jetzt raten Sie mal, wie sich das im Zeugnis niederschlägt: 3 von 6 Knaben sind kurz vor dem Rausschmiss, weil sie derert schlechte Noten erhalten. Einer ist bereits geflogen. Einer ist ein psychisches Wrack. Einer hat beschlossen, sich bald zu verabschieden und zu arbeiten beginnen. Von den Mädchen sind alle ausser einer schulisch völlig ungefährdet. Diese wird in Kürze von den Eltern in ein Gymnasium in Deutschland umgesiedelt, um den Rausschmiss zu vermeiden. Die dümmste, aber fleissigste und reichste Person der Klasse schreibt regelmässig 6er. Der brillianteste aber ärmste Schüler, den wir hatten, flog nach 2 Semestern. Bestimmt kann ihnen jede Schülerin sagen was "Schweinsleberpastete" auf Französisch heisst aber denken sie, eine hat eine Ahnung, ob Holz schwimmt oder nicht? Finden Sie nicht auch, das da was nicht stimmt? Ihr könnt da lange von Handys, Pornografie, Gewalt und anderen ganz toll tönenden Ach-die-heutige-Jugend-Theorien von 45-Jährigen in den Wechseljahren palavern. Kommen sie lieber vorbei, nehmen sie ein paar Halbschlaue von der Bildungsdirektion gleich mit, und reden sie mit einem Schüler, anstatt sich in Internetforen an ihren realtitätsfremden Theorien zu ergötzen und über Gleichberechtigung, Gott und die Welt zu sinnieren. Geben sie der Bildungsdirektion einen Tritt in den Arsch. Nehmen sie ihre unglückliche Tochter aus dem Lernstudio und hören sie auf, von "Reizüberflutung" zu labern, da kommt mir das kotzen.
@Oliver
Wiederholung: Ich verneine fast keine einzige aufgeführte These im Artikel und stimme der ersten bildungspolitischen Grundproblematik – Hauptthema in diesem Forum- in der Oberstufe/Mittelstufe zu. Ich habe nur gesagt, dass man das zweite Grundproblem- die weiteren männlichen/weiblichen Bildungsverläufe- nicht ausser Acht lassen darf und dies ebenfalls einen Artikel wert sei (als Anregung für das Magazin). In DIESEM Punkt sprach ich von Statistiken und Belegen, die Sie mir nicht liefern konnten und mir stattdessen ein "Unterdrückung der Frauen"-votum anhängten, was ich nicht mal annähernd behauptet habe. Lesen Sie die Statements mal zuerst durch, bevor Sie sich auf einzelne Wörter stürzen.
Achtung, das war der erste Diskussionsstrang in meinem Kommentar. Nun das ANDERE Thema, an dem ich mich störe und wir uns wohl nie einig werden:
Die Diskussion wie unterschiedlich männlich/weibliche Gene sind und – ceteris paribus- welche Leistungen in den Schulfächern dadurch determiniert und prädestiniert sind, ist meiner Meinung nach so müssig und überdrüssig wie die Frage nach unserer Abstammung (ob Adam oder Affe). Das treffende Beispiel "Schönschrift" verdeutlicht dies.
Das Zusammenspiel von männlich/weiblichen Anlagen, Sozialisation, Erfahrungen, die Persönlichkeit des Kindes und vermutlich weitere (eher schulstrukturelle) Faktoren wirkt sich wohl interdependent auf das Lern- und Leistungsverhalten eines Kindes aus.
Herr Largo diagnostiziert als Mediziner gekonnt einige Missstände in unserem Schulwesen. Die Analyse der Ursachen geht jedoch zu wenig tief, und v.a. die Vorschläge zur Korrektur der Missstände zielen teils über das Ziel hinaus, ja erscheinen z.T. gar kontraproduktiv. Wobei ich selbst nur die beschränkte Perspektive der persönlichen Erfahrungen (meine eigene plus zwei Knaben) zur Beurteilung nutzen kann.
Von einer Benachteiligung oder gar Diskriminierung der Knaben kann nicht gesprochen werden, die schlechteren Leistungen der Knaben bereits ab der Mittelstufe scheinen mir andere Gründe zu haben. Mit Zunahme der Migration und folglich dem Anstieg fremdsprachigen (und teils unzureichend oder schlecht sozialisierter) Kinder in der Unterstufe wollte man es zu vielen recht machen. Man wollte zudem Druck von den Kindern nehmen – Traum der notenfreien Schule – und ihnen Zeit lassen, sich sprachlich und sozial einzugliedern. Es entstand ein Umfeld, wo man auf das langsamste und das letzte Kind Rücksicht nahm. Die LehrerInnen sind heute in der Unterstufe dankbar, wenn jedes Kind einmal im Verlauf des Tages Piep sagt. Damit wird aber auch kein Ehrgeiz oder gar Leistungsbereitschaft antrainiert. Die eben veröffentlichte Studie des Kantons Aargau, wonach viele Kinder in Unter- und Mittelstufe unterfordert seien, bestätigt diese These. Die Bildungspolitiker dachten in der Vergangenheit, es sei primär wichtig alle mitzuziehen, die Starken würden dann ihren Weg schon machen. Diese Kuschelatmosphäre ohne Druck ist aber gerade für Knaben schädlich. Sie brauchen Wettbewerb, klare Ziele und Herausforderungen, um Ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen. Mädchen kommen in einem Umfeld, wo es heisst: „Macht mal, wenn’s Euch Spass macht.“ eher zurecht als Knaben, die sich dann schneller ablenken lassen oder sich „Spannenderem“ (GameBoy) zuwenden. Unserem älteren Sohn, der in der Unterstufe Mühe hatte mitzukommen, hat dieses Schulklima natürlich geholfen, aber unseren Jüngeren hat es eher verdorben. Nun in der Mittelstufe hat er eine ältere Lehrerein, welche eher nach klassischen Mustern unterrichtet, und der Ehrgeiz und Arbeitswille ist langsam zurück. Lässt man den Kinder viel Freiraum in ihrer schulischen Entwicklung, nehmen Mädchen schneller mal ein Buch zur Hand und eignen sich selbständig Wissen an. Knaben wollen sich jedoch mit andern messen können, und ihre Erfolgserlebnisse sind stärker an Noten gebunden.
Der Trend weg von den Noten ist daher für Knaben eher fatal als ein Segen. Den Knaben wäre deshalb auch eher gedient, wenn man das Allerweltsfach „Realien“ (oder Mensch & Umwelt) wieder früher in Biologie, Geographie und Geschichte aufteilen und mit Noten bewerten würde, ebenso das Französisch, auch wenn natürlich die Gewichtung der Noten angepasst sein müsste.
Schlussendlich verlangt ja auch die Industrie, dass uns die Schule auf das Berufsleben in optimaler Weise vorbereitet. In unserer aller persönlicher Zukunft werden Leistungsbereitschaft und Ehrgeiz erwartet, unabhängig auf welcher Stufe und in welcher Funktion, und dazu gehört es, Hindernisse zu erklimmen, sich zu messen und stetig zu verbessern. Somit kommt man leider nicht umhin, die Schule vor dem Hintergrund all ihrer anderen Funktionen (Integration, Wissensvermittlung, …) auch ein wenig als sportlichen Wettkampf zu sehen, was die Knaben definitiv besser abholt als das momentane „JeKaMi, wenn er will“ im Schlafwagentempo. Im Gegenzug muss sicher die Durchlässigkeit auch auf unteren Stufen gewährleistet bleiben, was dann aber schon die Grenze der von Herrn Largo geforderten Individualisierung darstellen sollte. Sonst erschleicht einen rasch ein Vergleich mit der Nachkriegszeit, wo ein Dorflehrer Erst- bis Neuntklässler gleichzeitig in einem Zimmer zu unterrichten hatte. Das wird auch heute noch möglich sein, ist aber in städtischen Schulen keinem Lehrer zu wünschen und wäre punkto Effizienz fatal.
Mein Schlusswort ist ein wenig aus dem Kontext, und gehört doch zum Thema der effizienten Schulen. Im Zuge all der Reformen und Gesetzesänderungen im Bildungsbereich hört man oft von den Rechten und Pflichten der Eltern, den Rechten und Aufgaben der Lehrer. Nur vom Recht des Kindes auf Schule habe ich noch nichts gehört. Sind zusätzliche Ferienwochen für Lehrerweiterbildungen nötig (haben die Lehrer ein verbrieftes Recht auf 13 Wochen Ferien?), sind Teamseminare nicht auch am Mittwoch möglich, sind Kapitel und Synode in Zürich heilig? Der Wasserkopf unterhält sich leider zusehends auch mit sich selber …
Die Entwicklungspsychologie der letzen Jahrzehnte hat die Lernprozesse grundlegend erforscht und dargelegt, unter welchen Bedingungen Kinder am besten lernen. Gute Schulen bauen auf diesen Erkenntnissen auf und setzen sie um.
Führen wir die Aussagen von Prof. Remo Largo weiter, gelangen wir zu einer Schule, welche Abschied vom Jahrgangsprinzip nimmt.
Es gilt nicht mehr die Devise, dass alle Kinder einer Klasse die Lernziele zur gleichen Zeit zu bewältigen haben. Jedes Kind soll in seiner eigenen Geschwindigkeit vorwärts gehen können. Am Schluss des Jahres erhält es nicht mehr ein Zeugnis, sondern ein Portfolio, welches seinen aktuellen Stand an Kenntnissen und Fertigkeiten festhält.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
Die Kinder sind glücklicher und haben weniger Stress, da sie den Lernstoff in ihrem eigenen Tempo erarbeiten können; die Lehrpersonen würden mehr zu Lerncoaches werden und könnten mehr Befriedigung in ihrer Arbeit erfahren; die Eltern bekämen ein positiveres Verhältnis zur Schule, weil sie wissen, dass die Entwicklung ihrer Kinder viel stärker gefördert als benotet wird.
Christoph Hefel, Lehrer und Lerntherapeut
Vom "Jahrgangsprinzip" sind wir doch bereits weggekommen: Heute können in einer Klasse der Mittelstufe Kinder von 4 verschiedenen Jahrgängen sitzen. Mischt man die Jahrgänge, sollte man wenigstens in frühen Jahren gleiche Leistungsniveaus zusammenfassen können mit ähnlichen, möglichst hoch gesteckten Lernzielen. Sonst geben wir besser gleich jedem Kind seinen eigenen Lehrer – wäre sicher auch förderlich für die Kinder und befriedigend für den "Coach". Es braucht jedoch eine gewisse Effizienz, um am Schluss auch noch das gebeutelte Werken und Turnen finanzieren zu können.
Lieber Herr Affolter, das musste ja kommen. Ihre Sicht ist leider allgemeintypisch und sehr verbreitet, deshalb aber nicht wahrer, sondern wissenschaftlich breit abgestützt widerlegt. Sie dürfen ihre Vorurteile natürlich weiter hegen, aber lassen sie mich zwei, drei Dinge dazu sagen bzw. fragen:
1. In Ihrem ersten Artikel erwähnen Sie eine Studie des Kantons Aargau, die belegen
soll, dass Unter- und Mittelstufenschüler unterfordert sein sollen. Wo haben sie das gelesen? Haben sie dazu ein Datum, einen Titel, die Autoren oder einen Link? Ich
habe auf der Homepage des Departements für Bildung, Kultur und Sport des Kt. Aargau nichts dergleichen gefunden und den erst gerade veröffentlichten Bericht zu Check8 können Sie wohl kaum meinen, denn die dort konstatierte Unterforderung von Realschülern (der Oberstufe) ist die Folge offenbar falsch verlaufender Selektion in "leistungshomogene" Klassen, also gerade das, was sie befürworten.
2. Unterforderte Schüler sind die Folge von falsch verstandenem oder schlecht umgesetztem Unterricht und nicht die Folge von heterogen zusammengesetzten Klassen; im Gegenteil. Ich sage Ihnen das als Lehrer sowohl an der Mittelstufe, wie auch an der Sekundarstufe. Sie können mir also glauben, dass ich weiss wovon ich rede.
3. Die abschätzige Formel "Kuschelatmosphäre" ist auch so ein Dauerbrenner an Stammtischen. Motiviertes Lernen mit einer gesunden Leistungsbereitschaft lässt sich auch ohne Noten machen und hat viel mehr mit echter Lernbegleitung und Wertschätzung zu tun.
Noten sind tatsächlich motivierend, nämlich die guten Noten. Ich sollte also allen Kindern gute Noten geben? Mache ich gerne, aber wo bleibt denn da der Wettbewerbgedanke, den Sie postulieren. Klar, Wettbewerb macht nur dort Sinn, wo es auch Verlierer gibt. Wo kämen wir denn hin, wenn alle gewinnen würden? Das wäre, gerade für die Sieger, ja gar nicht mehr interessant. Was aber mit den Verlierern? Kleinklassen, Spezialklassen, C Klassen … sie lesen sicher Zeitung und rechnen können sie auch. Tut mir leid, aber eine solche Schule kann sich eine Gesellschaft schon aus Kostengründen auf die Dauer nicht leisten. Sogar die von Ihnen geschmähten Bildungsdirektoren haben das gemerkt, vielleicht weil sie die Pisa Studie und die kantonalen Folgestudien dazu gut studiert haben. Tun Sie das doch auch. So kann man mit einem Schulsystem, wie es ihnen vorschwebt und es übrigens schweizweit nach wie vor gehandhabt wird, weder den Problemen der Heterogenität beikommen, noch in Sachen "Output" und Effizienz gross Lorbeeren holen. Die Ansicht, schwächere Schüler würden die Stärkeren hemmen, ist schlicht überholt. Wenn Sie mir nur eine Studie nennen können, die belegt, dass eine frühe Einteilung in Leistungsniveaus einen überdurchschnittlichen Bildungserfolg erbringt,
dann nennen Sie mir sie und wir können weiter diskutieren. Weiter diskutieren können wir ebenfalls, wenn sie bereit sind, sich mit der Materie vertieft auseinanderzusetzen. Dann schicke ich Ihnen die Links zu den erwähnten Studien.
Sie finden übrigens gerade auf der Homepage des Bildungsdepartements Aargau interessante Feststellungen zum Thema.
4.Auf Ihre restlichen Einlassungen einzugehen fehlt mir die Zeit.(13 Wochen Ferien und so… ich habe es nicht gerne, wenn an meiner professionellen Berufsaufassung gezweifelt wird, ohne dass man es besser weiss. Hier rede ich auch von meinen vielen Kollegen und Kolleginnen!)
5.In einem haben Sie aber Recht: das Kind hat das Recht auf Schule. Es hat ebenfalls das Recht auf guten Unterricht und eine Bildung, die es ihm erlaubt, den Einstieg ins Berufsleben zu meistern. Es hat das Recht auf ein gutes Selbstwertgefühl und motivierende Herausforderungen. Nicht zuletzt hat es ein Recht auf Lehrer, die das auch im mit allen Mängeln behafteten Schulsystem umzusetzen versuchen. Dieses Recht haben alle Kinder ohne wenn und aber. Herr Affolter: Alle!
Emanuel Dettwiler