«Es ist nicht immer alles namby-pamby»

Matt Groening verdanken wir das tröstliche Wissen, dass auch die dunkle Seite des Lebens farbig ist: gelb wie die Simpsons.

25.07.2007 von Michèle Roten , 1 Kommentar

Seine Idee, seine Handschrift, sein Humor, seine Weltsicht flackern mehrmals pro Abend in vierzig Ländern über Millionen Bildschirme. Seit zwanzig Jahren. Und der Aufruhr hält an. Wissenschaftliche Arbeiten widmen sich der gelben Familie. Die prominentesten der Prominenten wollen einen gezeichneten Gastauftritt. «D’oh!», der Ausruf des Familienvaters Homer, wenn ihm die Welt in den Hintern tritt, wurde aufgenommen ins «Oxford English Dictionary»; die irrwitzige Intertextualität, der Referenzreigen der Serie hat gar TV-Wiederholungen nötig und beliebt gemacht.

Die Simpsons sind ein Meilenstein der Fernsehgeschichte, ein Phänomen der Popkultur. Mit unwiderstehlicher Leichtigkeit schafft es die Yellow-Trash-Familie, scheinbar Unvereinbares zusammenzubringen: Die Simpsons sind ein Cartoon und gleichzeitig realer als der ganze Rest im Fernsehen. Unsäglich erfolgreich, ob das nun Einschaltquoten, Merchandising oder Werbung angeht – und gleichzeitig subversiv systemkritisch. Kinder lieben die Sendung, Erwachsene genauso. Die Sippe ist hochgradig dysfunktional, und doch: ein Vorbild an familiärem Zusammenhalt. Und jetzt kommt die ganz grosse Geste, von Fans lange erhofft und befürchtet, ab 26. Juli im Kino – «The Simpsons Movie».

Matt Groening zeichnete ursprünglich einen wöchentlichen Comic namens «Life in Hell» für den alternativen «Los Angeles Reader» und sollte einen animierten Pausenfüller für die «Tracey Ullman Show» entwerfen. Daraus entstand die Fernsehserie. Der Vertrag mit dem Sender  Fox TV ist beispiellos: Entweder eine Episode wird so gezeigt, wie von den Machern abgeliefert, oder gar nicht. Keine Einsprache. Und so kriegt in schöner Regelmässigkeit auch Fox-Eigentümer und Medienmogul Rupert Murdoch sein Fett weg.

Matt Groening sitzt in einem Konferenzraum des Hotels Bayerischer Hof in München und trinkt ein Evian. Wenn man sich überlegt hat, ob das Genie, das so etwas erschaffen hat, wohl immer noch ein durchgeknallter Hippie oder doch eher ein arrivierter Hollywood-Millionär sei, dann beantwortet das freundliche Gesicht über dem vielen amerikanischen Körper und unter der notorisch jugendlichen Frisur gar nichts – Matt Groening sieht gleichzeitig verrückt und abgeklärt aus.

Sind Sie glücklich, Herr Groening?
Ich bin sehr glücklich. Ich wache jeden Morgen auf und denke: Es ist nicht selbstverständlich, dass mein Leben so herausgekommen ist. Ich wusste zwar immer, dass ich für den Rest meines Lebens Cartoons zeichnen würde, aber ich hätte nie gedacht, dass ich davon leben könnte. Oder um die ganze Welt reisen, um darüber zu reden. Life is great.

Was war der Wendepunkt?
Als ich das erste Mal Geld gekriegt habe für meine Cartoons. Das war 1980 mit «Life in Hell» für den «Los Angeles Reader». Damals war ich pleite. Ich beschloss, dass ich den Strip für den Rest meines Lebens machen würde. Seit 27 Jahren zeichne ich also diesen Comic wöchentlich.

Komme, was wolle.
Genau. Manchmal nervt das natürlich schon. Manchmal hab ich einfach keine Zeit. Immer diese Deadline, jeden Freitag das Gleiche: Ooooh NO! Um diesen Trip hier zu unternehmen, musste ich drei voraus zeichnen, ich bin immer knapp dran. Zwei davon waren okay, einer richtig gut.

Sie könnten ja jemanden anstellen, der das für Sie zeichnet.
Nein, das ist eben der Punkt. Die Simpsons sind eine Gemeinschaftssache. Wir sind wie eine Band, die zusammen diese tolle Show auf die Beine stellt. Der Comicstrip «Life in Hell» aber, das ist MEIN Ding. Ich ganz allein. Ich sitze da, zeichne und zeichne, so schlecht, wie ich halt schon immer gezeichnet habe. Auch die Texte, alles von Hand, nichts wird redigiert. Es hält mich auf dem Boden.

Wie sehr Geschäftsmann sind Sie?
Ich hab meinen eigenen Comic-Buch-Verlag in L. A., da komm ich nicht darum herum, etwas Geschäftsmann zu sein. Das ist seltsam, übrigens. Ich bin ja so da oben, in der Chefetage, und wenn man von unten hochgeht, ist unten alles sauber und superprofessionell und aufgeräumt, und bei mir im Büro herrscht pures Chaos.

Sie sind mehr der Künstler?
Ich sehe mich zumindest lieber als das.

Haben Sie ein Autoritätsproblem?
In Springfield, wo die Simpsons leben, funktioniert keine autoritäre Institution. Weder die Kirche noch die Polizei, noch die Schule, noch sonst irgendwas.
Ja! Und es ist die Pflicht eines jeden Cartoonisten, Autoritäten infrage zu stellen. Die Alternative ist auch künstlerisch wenig befriedigend.

Das weckt natürlich Fragen zu Ihrer Erziehung, zu Ihrem Vater.
Mein Vater war Filmer, Cartoonist, sehr klug. Er wurde mennonitisch erzogen, sehr streng christlich. Bis er fünf war, sprach er nur Deutsch, kein Englisch.

Aber er war Amerikaner?
Ja, geboren in Kanada. Seine Eltern waren… ähm… wie war das Wort noch mal…

…Deutsche?
Nein, nein, ich meine nicht die Herkunft. Sie waren… ähm… friedlich…

Pazifisten?Ja, genau. Pazifisten. Sie wollten nicht, dass er Amerikaner wird, darum wurde er in Kanada geboren. Dann gingen sie zurück in die USA. Meine Grosseltern verliessen die Mennoniten und wurden College-Professoren. Und mein Vater wurde Bomber-Pilot im Zweiten Weltkrieg.

Haben Sie sich beschäftigt mit diesem Teil Ihrer Familiengeschichte?
Ich hab mich mit meinem Vater darüber unterhalten. Ein bisschen. Bei dieser Generation gab es einfach Sachen, worüber nicht gesprochen wurde. Er hat auch in der Zeit angefangen zu filmen. Er hatte eine kleine Kamera, mit der er aus dem Flugzeug gefilmt hat. Auch nach dem Krieg blieb er noch viele Jahre in der Airforce. Danach machte er Surffilme. Und wurde Cartoonist. Ich habe viel von ihm.
Inwiefern hat die Vergangenheit Ihres Vaters Ihre Weltsicht beeinflusst? Sie sagen ja von sich, Sie seien Pazifist. Obwohl Sie das Wort ab und zu vergessen.
(lacht) Ja, Pazifist… Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich das von mir behaupte. Ich war zwar schon gegen ziemlich jeden Krieg. Aber ich befürwortete zum Beispiel, Bin Laden zu jagen.

Wie sehr Hippie sind Sie geblieben?
Wie sehr Hippie? Ich? Hey, ich wuchs in den Sechzigern auf, ich höre diese Musik immer noch, meine Haare waren nie kürzer als das hier – ich bin voll der Hippie!

Sie haben gesagt, Sie seien glücklich – aber sind Sie auch so jemand, der von Natur aus immer gut drauf ist?
Würd ich schon sagen. Ich hab meine Launen, natürlich. Und ich sehe die dunklen Seiten des Lebens. Ich sehe, dass das Leben für viele Leute sehr schwierig ist, und wenn ich dazu beitragen kann, dass es für einen Augenblick etwas angenehmer wird, dann mach ich das gern. Ich nehme die dunklen Seiten auch in meiner Arbeit auf, es ist nicht alles immer so namby-pamby, so leicht. Aber man kann mit den meisten Dingen auf eine leichte Art umgehen.

Kann man glücklich und gleichzeitig sarkastisch sein?
In Humor steckt immer eine gewisse Feindseligkeit mit drin. Das sagte ja schon Freud. Gerade bei den Simpsons ist es wichtig, die Balance zu wahren: Ich will ja nicht, dass sich die Leute schlecht fühlen. Aber trotzdem: Auch da steckt immer ein Quäntchen Wut und Hass mit drin. (lacht) Es ist nicht nur Liebe.

Hat sich der Humor der Simpsons verändert, seit die Serie so erfolgreich ist?
Definitiv. Aber vor allem, weil inzwischen so viele Schreiber daran beteiligt sind. Das Schwierige ist, der Originalidee treu zu bleiben und sich gleichzeitig immer wieder gegenseitig zu überraschen. Das ist eigentlich alles, was wir machen: Wir versuchen uns gegenseitig zu überraschen und so in der Konsequenz auch das Publikum.

Wenn Sie die Show heute schauen, wie viel von der Originalidee steckt noch drin?
Sie ist noch da. Natürlich hat sich viel verändert, aber das muss sein, sonst bleibt man stehen. Aber zum Beispiel war Homer am Anfang viel gemeiner. Er ist die Figur, die sich am meisten entwickelt hat. Er wurde eine richtig runde Persönlichkeit. Heute ist er zwar immer noch dumm, aber er hat seine Momente der Klarheit. Das ist so schön an ihm: Man weiss nie genau, was passiert – wahrscheinlich wird er die Dummheit machen; aber ab und zu tut er doch plötzlich das Richtige.

Was war denn die Originalidee? Was wollten Sie mit den Simpsons?
Eigentlich ging es nur um eines: nach einem Leben voller stupidem amerikanischem Fernsehen einmal eine gute Show im TV zu sehen. Ich wollte meine Version der Familien-Sitcom machen, aber einfach mit ein bisschen mehr Ehrlichkeit und Realität. Es gibt halt nun mal Väter, die sehr wütend werden auf ihre Söhne. Es gibt Kinder, deren Talente und Fähigkeiten so ignoriert werden, wie das bei Lisa der Fall ist. Das wollte ich alles zeigen.

Früher haben sich Eltern echauffiert über die Serie, Präsident Bush Senior sagte, das Land brauche weniger Simpsons und mehr Vorzeigefamilien wie die Waltons aus der gleichnamigen Serie. Heute passiert das nicht mehr. Alle finden die Simpsons gut. Was hat sich verändert?
Ich glaube, es hat damit zu tun, dass die Leute, die sich öffentlich darüber aufgeregt haben, sehr schnell als humorlos und dumm dastanden. Denn eigentlich haben sie einfach den Witz nicht kapiert. Sie haben sich selbst geschadet mit ihrer Kritik. Heute sind sie schlauer und nerven sich still und heimlich.

Meinen Sie wirklich, irgendjemand regt sich noch auf?
Wir kriegen immer noch viele Briefe.

Wie stark ist der Drang, die Grenzen auszuloten, zu provozieren?
Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist eher: Geht es um die Charaktere oder um die Story? Wir versuchen einerseits, den Figuren treu zu bleiben, und andrerseits Geschichten zu erzählen, die es noch nie gab. Wir versuchen unberechenbar zu sein. Es gibt Episoden, die sind eher klassisch, und andere, da geben wir Gas und probieren was aus. Das Problem nun ist: Da draussen gibts heute einen Haufen Cartoons, die sehr aggressiv sind, South Park zum Beispiel, Family Guy, American Dad. Die sind sehr gut und arbeiten ungefähr auf dem gleichen Gebiet wie wir: Gesellschafts- und US-Kulturkritik. Wir wollen die nicht jagen in Sachen Provokation. Bei uns, gerade auch im Film, sind die dunklen, aggressiven Seiten definitiv stark drin, aber am Ende wollen wir erheitern, nicht provozieren.

Welche ernsteren Themen kommen vor?
Zum Beispiel die Umweltproblematik , die ist seit Beginn der Serie ein Thema bei uns. Ein paar Leute werden sich angegriffen fühlen, und das ist gut so.

Wird es Wahlkampfkommentare geben?
Das ist auch eine schwierige Sache, denn wir wollen die Simpsons ja nicht als Plattform für eine spezifische politische Ansicht missbrauchen. Ich persönlich finde es auch noch zu früh, Stellung zu nehmen.

Irgendwie sind sich Bush und Homer ja schon ziemlich ähnlich.
Wenn die zwei sich treffen würden, hätten die eine super Zeit zusammen.

Was sagt Ihnen das über Ihr Land?
Die USA sind ein wahnsinnig polarisiertes Land, seit Gore 2000 gewonnen hat und nicht Präsident wurde. Wenn man die Umfragen liest, ist Bush sehr unpopulär. Der Krieg im Irak auch. Ich glaube allerdings, heute hat das weniger mit Ideologie zu tun, die Leute sehen einfach die Inkompetenz. Sie haben genug. Was sehr gut ist.

Die Simpsons-Figuren haben sich zeichnerisch stark verändert. Früher waren sie noch viel grober, hässlicher.
Das stimmt!

Heute tendieren sie schon fast zu disneyhafter Niedlichkeit. Das war ja nicht im Sinne des Erfinders – beziehungsweise sogar das Feindbild, oder?
Ja, aber die Veränderung passiert einfach. Auch Mickey Mouse sieht nicht mehr aus wie am Anfang. Die Zeichner entwickeln gewisse Linien, die ihnen bequem sind. Bis zu einem gewissen Punkt sollte man das auch geschehen lassen. Aber im zweiten Jahr der Simpsons hatten wir mal einen Director, der anfing, Homers Haare, die ja eine Zickzacklinie sind, als Wellenlinie zu zeichnen. Da musste ich hart sein und sagen: Nein, das bleibt so. Denn gewisse Dinge dürfen sich nicht verändern. Ausserdem ist es ein kleiner Gag von mir: Die Zickzacklinie ist ein M, das Ohr war ursprünglich ein G. Meine Initialen. Das ist ja das Tolle an der Show – diese kleinen Spielereien, diese unglaubliche Plattform. Jede Idee ist machbar. Und gerade weil die Show darauf ausgelegt ist, einem grossen Publikum zu gefallen, reizt es, Sachen einzuschmuggeln, die nicht für die Masse bestimmt sind. Während wir superpopuläre Musiker in der Show haben wie Michael Jackson oder Britney Spears, kann ich meine Ticks einschleusen. Ich mag zum Beispiel komische Gesänge. Jodeln. Ich liebe diese Schweizerin: Shirley Ann Hoffman.

Kenn ich nicht.
Niemand kennt sie. Ich glaube, sie ist Kanadierin, ursprünglich. Sie spielt Alphorn und noch andere Instrumente. Irgendwann komme ich in die Schweiz, um sie aufzustöbern. Oder Inuit-Kehlgesang, das ist auch grossartig.

Ach, dieser Obertongesang? Sehr seltsam.
Ja, total seltsam. Das ist jetzt im Film. über solche Tricks kann ich mich freuen wie ein kleines Kind.

Gibt es weibliche Gagschreiber bei den Simpsons?
Zwei nur, leider. Und wissen Sie, warum es nicht mehr sind?

Weil Frauen nicht lustig sind?
(schnaubt entrüstet) Frauen sind die Allerlustigsten! Nein: Es ist einfach ein Boys Club. Man sitzt den ganzen Tag in einem Raum, voll mit… Snacks. You know?

In diesem Kopf begann Homers Odyssee: Matt Groening | Bild: Olaf Unverzart
In diesem Kopf begann Homers Odyssee: Matt Groening | Bild: Olaf Unverzart

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Beat Hess

    …und jetzt noch umso mehr, nachdem ich weiss, dass ihre Abenteuer nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch von politisch-gesellschaftlich-kultureller Relevanz sind :-) )).

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