11.07.2008 von Gert Jonkers
Gore Vidal: Mmh, der Bourbon schmeckt immer noch köstlich, obwohl er die ganze Nacht an meiner Bettkante gestanden hat. Ich gehe immer zu Bett mit einem vollen Glas, auch wenn ich es nie trinke. Einfach gut zu wissen, dass es dasteht.
Tolles Haus, was Sie hier haben.
Wir haben es vor vierzig Jahren gekauft, Howard und ich.
Die Wohnzimmerdecke ist Wahnsinn.
Die Decke war ursprünglich in einem Palast in Neapel. Als der Palast verrottete, kam jemand auf die Idee, die Fresken zu retten. Ich liess sie dann in unserem Haus in Ravello einmauern, an der Wand, wir hatten einen langen Korridor dort. Inzwischen wohne ich in Los Angeles, da gibt es keine Wand, die so lang ist, deshalb sind die Fresken jetzt an der Decke. Wieder da, wo sie angefangen haben.
Die Leute in Los Angeles haben geradezu eine Obsession, was schöne Häuser betrifft.
Irgendwie ja. David Geffen hat Jack Warners altes Haus gekauft. Früher war ich da oft zu Gast, als Jack Warner noch lebte. Was für ein imposantes Haus! Wie eine Filmkulisse. Im Grunde war es ja auch eine Filmkulisse, denn alles war das Werk der Bühnenbildner von Warner Brothers. Wenn Jack irgendwas Tolles in seinen Filmen sah, sagte er: «Das gefällt mir, baut das auch für mich zu Hause!»
Sie sagten mal, Sie bedauern, dass Sie sich nicht viel mehr auf Ihre Arbeit fürs Kino konzentriert haben.
Es war die goldene Zeit des Kinos! Ich habe dazu nicht viel beigetragen, und damals wollte ich das auch nicht. Filme machen, ist ein aufreibendes Geschäft. Ich zog es vor, Bücher zu schreiben. Heute denke ich, ich hätte öfter als Schauspieler arbeiten sollen, statt Drehbücher zu schreiben.
Wären Sie ein guter Schauspieler?
Haben Sie mich nie gesehen? Na ja, die guten amerikanischen Filme kommen nicht nach Europa, fürchte ich. Es gibt einen Film mit dem Titel «Bob Roberts», gemacht hat ihn Tim Robbins, da spiele ich einen Senator. Hat mir Spass gemacht. Als Howard starb, vor fünf Jahren, da war das Erste, was ich machte: Ich spielte auf dem Broadway. Eine Premiere, ich war noch nie auf dem Broadway. Das Stück hielt sich ein paar Wochen lang. Ich glaube, wenn irgendetwas falsch läuft im Leben, wenn jemand stirbt oder so, dann muss man sich in die Arbeit stürzen. Eine gute Therapie. Man erholt sich, indem man die eigene Identität aufgibt. Das ist das Wundervolle an der Schauspielerei. Ich erinnere mich, Laurence Olivier hat mal gesagt – in einer Runde, die davon schwärmte, dass Theater der Wahrhaftigkeit verpflichtet sei und dass die Bühne ein Ort sei, an dem nicht gelogen wird und so weiter – da sagte er: «Wenn das so ist, dann bin ich künftig arbeitslos.»
In Ihrem Badezimmer hängt ein Wahlkampfplakat, da geht es um Ihren Einzug in den Senat oder den Kongress.
Ich war in beidem.
Wir haben gerade über Lügen und Betrügen gesprochen, das gilt ja nicht nur fürs Theater, sondern auch für die Politik. Sie haben sich als Politiker nie verbogen.
Ich war immer ehrlich.
Wie schwer war es, in den Sechzigerjahren als schwuler Mann in die Politik zu gehen?
Wie Sie wissen, spreche ich nie über mein Privatleben. In seltenen Fällen schreibe ich darüber, das reicht.
Das heisst, Sie würden sich nicht als schwulen Politiker oder schwulen Schriftsteller bezeichnen?
Ich würde mich als gar nichts bezeichnen. Auf mich treffen keine Bezeichnungen zu.
Ich frage, weil ich Sie für einen der einflussreichsten Homosexuellen halte.
Ich denke noch nicht mal über das Thema nach. Niemals. Okay, wenn ich in der Zeitung einen Bericht über Schwulenehe oder so sehe, dann lese ich das. Weil ich mich für neue Formen von Homophobie interessiere, die von den Republikanern aufgegriffen werden können. Ich interessiere mich dafür aus politischen Gründen. Zum Beispiel Schwulenehe – wieso mischt sich der Staat in private Beziehungen ein? Der Staat kann doch nicht die Macht haben, uns in irgendeiner Weise vorzuschreiben, mit wem wir Sex haben, wie wir Sex haben, wie oft wir Sex haben. Gesetze haben nichts zu suchen in derlei Fragen.
Trotzdem, wenn es darum geht, ob schwule Paare einander beerben dürfen oder Rentenansprüche haben und all das Zeug, dann macht das schon Sinn.
Ja, ja, klar. Mein Gott, ich glaube, ich musste nach dem Tod von Howard eine Million Dollar zahlen. Eine Million Dollar! Es tut weh, diesen Haufen Geld einer faschistischen Regierung in den Rachen zu werfen, die damit Kriege finanziert.
Mich hat fasziniert, was Sie in Ihren Memoiren über Ihre Beziehung zu Howard schreiben. Eine sehr zärtliche, sehr innige Liebe – und trotzdem nie intim…
Das gehört zu dem Persönlichsten, was ich je geschrieben habe. Wie wir 53 Jahre zusammengelebt haben und kein einziges Mal Sex hatten.
Das ist aussergewöhnlich.
Um Himmels willen, nein! Die Leute glauben immer, man geht eine Paarbeziehung ein, weil man Sex will. Was mich betrifft, ich will keinen Sex in meiner Beziehung. Wenn du Sex willst, geh raus und kauf ihn!
Viele Leute wollen Sex in der Beziehung.
Ja, und deshalb haben sie so ein grässliches Leben. Die Hälfte aller Ehen in den Vereinigten Staaten endet mit Scheidung. Jetzt rede ich von Heterosexuellen. Wenn es bei uns die Schwulenehe gäbe, dann wäre die Rate noch höher. Also, was solls?
Hatten Sie das Gefühl, in Howard Ihren idealen Lebenspartner gefunden zu haben?
Ich habe nie nach Idealen Ausschau gehalten. Ich halte es mit Montaigne, der mal gesagt hat: «Da ich mich in andere nicht hineinversetzen kann, versetze ich mich lieber in mich selbst.» Das ist mein generelles Motto.
Was mich am meisten verwundert hat: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie Howard noch nicht mal auf den Mund geküsst haben…
…und deshalb hat unsere Beziehung funktioniert. Ich habe es bewiesen. Aber niemand nimmt sich ein Beispiel.
Das erinnert fast ein bisschen an die Art und Weise, wie Monarchen früher die Ehe gelebt haben. Es geht nicht um Lust, es geht um verlässliche Partnerschaft.
Ja, der Aspekt hat was. Wissen Sie, die unteren Schichten gehen ganz anders an die Sache ran. Jungs und Mädels machen miteinander rum, und am Ende sind Babys unterwegs. Warum sollten sich zwei Männer so verhalten? Babys können dabei ohnehin nicht rauskommen. Man kann eine intensive Beziehung miteinander haben, ohne Babys zu machen. Wie Howard und ich. Es gab so viele Dinge, die habe ich nicht gekonnt, aber er konnte es. Und umgekehrt. Wir haben uns gegenseitig ins Gleichgewicht gebracht.
Was konnte er so gut?
Business. Oder Sprachen. Er hat Italienisch in fünf Minuten gelernt, während ich nach vierzig Jahren noch immer einen schrecklichen Akzent habe.
Sie schreiben nie etwas über Ihre sexuellen Affären ausser halb der Beziehung zu Howard.
Stimmt, ich glaube nicht, dass das berichtenswert ist. Mich interessiert ja auch nicht, welche Beziehungen andere Leute zu anderen Leuten haben. Es sei denn, es ist komisch. Ich stamme aus einer Welt, in der es sich nicht gehört, über sich selber zu plappern. Das hat sich geändert. Über sich selber plappern, ist eine sehr amerikanische Beschäftigung geworden. Alles ein einziges Geplapper und Klatsch.
Sie mögen keinen Klatsch? Interessiert Sie nicht, warum Britney Spears sich die Haare abrasiert hat oder…
Das war kein hübscher Glatzkopf, nein. Natürlich interessiert sich jeder ein bisschen für Klatsch, solange er nicht völlig belanglos ist. Deshalb mag ich History. Geschichtsschreibung ist nichts anderes als Klatsch über die Vergangenheit, in der Hoffnung, dass da was Wahres dran ist. Ich sitze gerade an meinem Buch über den mexikanischen Krieg.
Ihre Eltern hatten eine schreckliche Ehe, schreiben Sie. Kommt daher Ihre Abneigung gegen die Institution?
Damit hat es sicher angefangen. Wenn ich meine Mutter ansah, die wirklich einer der wenigen Menschen in meinem Leben war, die ich hasste, dann dachte ich: «Oh je, schuld ist ihre Ehe.»
Das ist ein echter Hammer: die eigene Mutter hassen.
Ich bewunderte meinen Vater. Das da ist er, auf dem Foto an der Wand. Er war der beste Athlet in der Geschichte der amerikanischen Universitäten. Gewann die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen. Eine wundervolle Person. 43 Jahre lang waren wir miteinander verbunden, wir hatten nie dieselbe Meinung, aber wir hatten auch nie Streit. Nur Männer bringen das zustande. Frauen können das nicht.
Glauben Sie, dass Homosexualität durch die Bedingungen entsteht, unter denen man aufwächst? Nach dem Motto, Ihre Mutter hat Sie für alle Zeiten von allen Frauen abgeschreckt?
Nein, aber ich bin definitiv abgeschreckt, was das Konzept der Ehe betrifft. Meine Mutter war dreimal verheiratet. Sie wurde von der Presse gefragt, ob sie gedenke, ein viertes Mal zu heiraten. Darauf antwortete sie: «Mein erster Ehemann hatte drei Eier, mein zweiter zwei, mein dritter eins. Selbst ich weiss jetzt genug, um auf Nummer sicher zu gehen.» Jaja, meine Mutter hatte auch eine interessante Seite…
Wie kam es, dass Ihr Vater drei Eier hatte?
Wir sind seltsame Leute, wir Rätoromanen. Wir sind eine ureigene Rasse. Wir sind keine Italiener, wir sind keine Schweizer, wir sind Rätoromanen, hoch oben in den Alpen. Tiberius hat uns hierher gescheucht. Kürzlich war ich mal wieder in Sent, ein schöner Ort südlich von St. Moritz. Dort wurde eine Party für mich gegeben – mit ungefähr achthundert Vidals! Wir haben eine Sprache, die nur 38 000 Menschen auf der Welt sprechen. Wir sind ein winziges Völkchen, das sich nur in den Bergen fortpflanzt. Da kann es schon mal passieren, dass man genitale Defekte davonträgt.
Wollten Sie da nie wohnen?
Ich habe ja ein Haus in der Nähe, in Klosters. Ich liebe den Frühling und den Sommer dort. Auch Weihnachten, das ist in Italien schrecklich.
A propos Tiberius, war das alte Rom im Grunde genommen nicht eine Gesellschaft von Tunten?
So dachte man damals nicht. Alle Menschen waren sexuelle Wesen. Sie trieben es einfach miteinander. Übrigens ist das auch meine Einstellung zu dem Thema. Die ganze Aufteilung in Gruppen, wobei die eine Gruppe dieses tut und die andere Gruppe jenes, das ist doch Quatsch. Inzwischen ist es so weit gekommen, dass die Amerikaner aus jeder Kleinigkeit einen Fetisch machen: «Ich mag Kartoffeln. Du magst Reis? Oh my god, ich will dich nie wieder sehen!»
Sehnen Sie sich nach dem langen, glücklichen Leben mit Howard wieder nach einer neuen Beziehung?
Nein, ich habe ja genügend Beziehungen zu so vielen Leuten. Aber das Problem mit dem Altwerden ist nun mal, dass es immer weniger Menschen gibt, die man anrufen kann. Ich habe dreissig Jahre lang jeden Tag mit einer guten Freundin telefoniert und über alles geplaudert, von Literatur bis Politik. Sie ist kürzlich gestorben.
Fürchten Sie sich vor dem Tod?
Nein. Tot sein kann nicht schlimmer sein als die Phase, bevor ich geboren wurde, und ich erinnere mich diesbezüglich an nichts Unangenehmes.
Gert Jonkers ist Chefredaktor des holländischen Schwulen-Magazins «Butt», wo dieses Interview auch erstmals publiziert wurde.