«Ihr erlebt euren Untergang»

Amokdrohungen durch Schüler nehmen zu. Statt deutlich zu reagieren, sind viele Schulen zu tolerant.

22.01.2010 von Rico Czerwinski , 9 Kommentare

An dem Morgen, an dem in der Schule im Berner Bümpliz-Quartier etwas so noch nie Dagewesenes und für alle Beteiligten Mysteriöses geschieht, lässt Lehrerin Helena T. eine Prüfung schreiben. Gegen 8 Uhr sitzen alle zwanzig Schüler der Klasse mit angestrengten Gesichtern über Aufgaben zum Passé composé, im Unterrichtsraum raschelt es, Stifte bewegen sich über Papier. Obwohl Helena T. in dieser Schule mit diesen Schülern schon eine Menge durchgemacht hat und man bei ihnen nie ganz sicher sein kann, sieht es nach einem planmässigen Verlauf der Stunde aus, Lehrerin T. ist mental schon fast in der Pause.
Sie hat schon Beleidigungen weit unterhalb der Gürtellinie erlebt, Gipfel der Respektlosigkeit und Höhepunkte der Aggression. Doch an diesem Morgen wird die 40-Jährige erstmals nicht nur an einzelnen Schülern, sondern auch an ihren Kollegen und ihrem Beruf generell zweifeln. Wird zum ersten Mal an ihrem Vorhaben zweifeln, ihr Leben nicht an jene zu verschwenden, die mit Chancen und Aufmerksamkeit reich beschenkt wurden, an ihrem Vorhaben, statt Gymnasiasten in einem wohlhabenden Quartier Kinder aus schwierigen Verhältnissen zu unterrichten. Schüler wie jenen Fünfzehnjährigen, der eben aufgestanden ist, mitten in der Prüfung. Jungen wie jenen Nicolas Z., der nie besonders auffällig war — und der jetzt plötzlich etwas beginnt, das wie eine Gerichtsshow anmutet.
Lange, so verkündet er kurz vor Ende des Tests und mit ruhiger Stimme, habe er sich jetzt diese Ungerechtigkeiten an dieser Schule und von ihr, Frau T., gefallen lassen. Lange habe er nicht dagegen aufbegehrt, doch nun sei durch ihre Fehlleistungen seine Abschlussnote gefährdet. Und damit sein Erfolg bei den Ausbildungsbewerbungen. Sie habe ihn immer so schlecht vorbereitet und dann auch noch mit schlechten Noten bestraft. Jetzt gebe er ihr noch eine Chance. Aber gehe es bis zum Ende des Schuljahres weiter so schlecht und bekäme er tatsächlich Probleme bei der Ausbildungsplatzwahl, dann schaue er nicht einfach weiter weg. Denn dann sei sein Leben ruiniert. Dann ignoriere er diese Versäumnisse und auch das Wegschauen der anderen nicht länger. Dann müsse etwas geschehen, dann geschehe etwas. Deshalb habe er sich etwas überlegt. «Dass Sie und die anderen das nicht überleben. Dass ich in dem Fall zurückkomme. Und alle erschiesse.»
Seitdem sich am 20. April 1999 die beiden 17- und 18-jährigen Schüler der Columbine High School Eric Harris und Dylan Klebold im frühesten global übertragenen Schulamoklauf der Geschichte erstmals in die Köpfe vieler Jugendlicher auf der ganzen Welt mordeten, werden Schulen und Eltern in vielen Teilen Europas neben mehreren realisierten Attentaten auch mit einer Flut von Überlegungen, Aussagen, Drohungen, anonymen Ankündigungen oder subtilen Andeutungen mit jeweils ähnlichen Inhalten konfrontiert.
In der Schweiz hat es bislang nicht nur keinen Amoklauf, sondern lange Jahre auch nur wenige Aussagen oder Hinweise auf Amokfanta¬sien unter Schülern gegeben. Auch nicht auf Fantasien von Massakern oder von Tötungsszenarien mit Mitschülern oder Lehrern als Opfer. Doch das ändert sich gerade. Die Schweiz erlebt Krisenpsychologen, Bildungsbeamten und Staatsanwälten zufolge erstmals seit zehn Jahren eine Zunahme an Hinweisen auf solche Fantasien in Schülerköpfen.
Amokdrohungen würden gerade zu einer «gefährlichen Normalität», sagen nicht nur Politiker wie der Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich (SP). Die Zahl der Drohungen und Andeutungen von Amokläufen an Schulen zeigt in den letzten Jahren einen zunehmenden Trend – dieser Ansicht sind auch Polizeikorpskommandanten wie Robert Gerber aus dem Kanton Solothurn oder Bedrohungspsychologen wie der Leiter der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen Hermann Blöchlinger. Die Zahl der ihm bekannten Drohungen habe sich 2009 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, die Drohungen würden in allen Schultypen bis hin zu Primarschulen auftreten, sagt der Krisenspsychologe und ehemalige Leiter des Schulpsychologischen Dienstes im Thurgau Herbert Wyss.

Was der Michi kann
Ein Morgen am Bodensee, Wellen schwappen ans Ufer, Schwäne spazieren einen Strandweg entlang zu einem von zahllosen Gängen und Fluren durchzogenen Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert. Ehrwürdig, wie unantastbar steht es da, das heutige Gebäude der Pädagogischen Hochschule des Kantons St. Gallen. Aber in einem Büro in der vierten Etage lagern Hinweise darauf, warum Schweizer Schulen weniger sicher sein könnten als angenommen.
Marco Vanotti und Hermann Blöchlinger haben einen Stahlschrank geöffnet und vor sich Dutzende Papierschnipsel, Schul-Agenda-Seiten, Tagebucheinträge, Aufsätze, Fotos von Schulbankschmierereien, Erinnerungsprotokolle von Lehrern oder Kopien von E-Mail-Dialogen, MSN-Chats, SMS-Ausdrucken oder Mitschnitte von Befragungen ausgebreitet, alle aus den letzten Monaten, alle aus dem Kanton St. Gallen, ihrem Einsatzgebiet.
«Bitchfresse.»
Vanotti hält den Ausdruck eines gestern aus einer Schule an ihn gesendeten MSN-Dialogs in der Hand, ein Junge aus gutem Haus, Sohn eines Arztes, 14 Jahre alt, schreibt an mehreren Nachmittagen in der letzten Woche MSN-Mitteilungen an eine 14-Jährige namens Jessica, die er auch «Fotzekind» nennt. Oder «Hure». Und ihr androht, sie und einige ihrer Freunde zu erschiessen.
13 Uhr 34 scheissbitch
13 Uhr 35 i wür angscht ha
13 Uhr 37 langsch de fabian eimol ah i schüss di ab

Die Schülerin ist mit dem MSN-Dialog zu ihrem Klassenlehrer gegangen — was äusserst selten ist. Der ging damit zum Rektor und der Rektor zu Vanotti und Blöchlinger. Die beiden gehören zu den erfahrensten Vertretern der gerade neu entstehenden Berufsdisziplin der Bedrohungspsychologen oder Bedrohungsmanager, deren Aufgabe es ist, Situationen wie diese einzuschätzen und professionell auf sie reagieren zu können. Die Bedrohungsmanager treffen Lehrer, Mitschüler, Angehörige. Und na¬türlich die verdächtigen Jugendlichen selbst, die Hinweise auf Amokabsichten gegeben haben. Sie erstellen Gutachten, sie machen psychologische Tests, sie schalten wie bei diesem Schüler namens Michael Kripobeamte ein — wenn sie den Verdacht einer Lebensgefährdung haben oder eine Drohung oder Nötigung vorliegt.
«langsch de fabian ah…» Jetzt antwortet Jessica. «wiso dörfen ned alange?»
«wel er min kolleg isch»
«min au»
«ihr gsend den. i wör afach am fritig nach de schuel afach ned am schuelhof hänge.»
Jessica hat offenbar genug gelesen, loggt sich aus, kurz darauf loggt sich eine ihrer besten Freundinnen ein. Ein Mädchen namens Chiara. Michael war bis eben mit den beiden in derselben Klasse. Und fiel in dieser Klasse mit Leistungsverweigerung auf, mit Disziplinlosigkeit, Aggressionen. Immer wieder war er in Konflikte verwickelt, passte sich trotz Ablehnung durch die anderen nie an die Umgangsformen in dieser Klasse an. Und reagierte auf Hilfsangebote von Lehrern mit immer nur noch heftigeren Störungen, genau wie auf ihre Interventionen, Sanktionen. Nach Monaten verwies man ihn von der Schule. Und nun droht er diesen ehemaligen Mitschülern.
chiara: jessi het mr alles vezelt. michi wa hesch duh man
michael: ihr gsend den
michael: erlebed euen untergang
chiara: michi hör uf
michael: 9 mm pistole
chiara: michi hör mal uf
michael: afach am fritig ufpasse
chiara: michi du übertribsch es
chiara: wa hesch denn devo
michael: euren untergang. for life
chiara: mach eifach nünt michi
michael: etz gsender mol wa de michi alles chan

Ich bin das Opfer
Psychiater weisen seit einigen Jahren auf eine starke Zunahme einer psychischen Störung namens Dissozialität hin, bei Betrachtung vieler Fälle von Amokandrohungen an Schulen wie auch diesem fällt eine seltsame Gemeinsamkeit auf. Sehr viele Droher fühlen sich «gemobbt», geplagt, ausgegrenzt von Lehrern, Mitschülern, der Welt. Natürlich treten in Schulen immer wieder zahlreiche Mobbingfälle auf. Und natürlich wurden nicht wenige jener Schüler, die wie dieser 14-jährige St. Galler Todesdrohungen gegen andere aussprechen, zuvor verletzt, geplagt, teilweise noch in einer früheren Schule als der ge¬genwärtigen, und bei manchen wenden sich diese erlebten Aggressionen jetzt.
«Aber der übergrosse Teil», sagt Her¬mann Blöchlinger, «hat sich selbst zu Opfern ernannt.» Die allermeisten Droher empfänden sich als von der Welt Verstossene — ohne dass es für diese Einschätzung bei unvoreingenommener Betrachtung der Fakten irgendwelche ernst zu nehmenden Anhaltspunkte gäbe. Michi etwa sagt in einem späteren Gespräch, er fühle sich von den anderen ausgeschlossen, ruiniert, behindert. Obwohl eigentlich er selbst stets andere schlecht behandelte und behinderte. Ein weiteres Beispiel: Ein 14-Jähriger namens David schreibt in einem Schulaufsatz, er habe jetzt genug «Nächte voller Wut und Hass» erlebt und «einen Entschluss gefasst». Die Wut, die er zuvor unterdrückt hätte, habe sich aus den «Tiefen seines Körpers befreit». Nun müsse seine «Rache erfüllt» werden, dann «gehe die Wut vielleicht wieder weg» und er habe «keine Geister mehr» in seinem Körper. Aber in Wirklichkeit, finden Blöchlinger und Vanotti heraus, hat dieser Schüler stets die anderen angegriffen.
«Sehr viele der Droher sind Opfer», sagt Blöchlinger, «aus subjektiver, objektiv teils schwer nachvollziehbarer Sicht.» Oft findet er Hinweise auf stark mangelndes oder kaum vorhandenes soziales Einfühlungsvermögen. «Das Gefühl, unverschuldet unter die Räder geraten, von der ganzen Gesellschaft allein gelassen worden zu sein, ist der Ursprung vieler Bedrohungen.» Und in der übergrossen Zahl der Fälle sei das eine Fehleinschätzung, eine Verkennung von Ursache und Wirkung. So scheint auch im Fall des 14-jährigen Schulaufsatzautoren David die Ursache seiner Aggressionen und seiner «Wut» nicht bei den bösartigen Mitschülern, sondern in dem in seiner Familie herrschenden Leistungssystem zu liegen. Blöchlinger: «Sehr oft sind Schüler wie dieser David etwa mit den Leistungsansprüchen an sie überfordert. Der Bruder ist in der Kanti, sie schaffen die Aufnahmeprüfung nicht. Der Bruder ist auf der Uni, sie werden nie diesen Weg gehen. Obwohl sie es sollen. Allmählich kristallisiert sich ihr Versagen heraus. Es kommt zu Problemen, Aggressionen, und dann missverstehen viele auf erschreckende Weise Ursache und Wirkung. Schreiben dieses Versagen etwa statt der Situation zu Hause Mitschülern zu: Ja klar haben sie die Kanti nicht geschafft. Denn der oder jener hat sie immer abgelenkt. Und deshalb haben sie nicht gelernt. Ja klar haben sie sich nie konzentrieren können, denn dieser oder jener hat sie gestört, und deshalb haben sie sich gewehrt.»
Und interessant ist: Nicht selten weisen ihre Eltern genau die gleichen Verhaltensmuster auf. Als Blöchlinger die Mutter des MSN-Drohers Michael zu einem Gespräch über die Morddrohungen gegen seine Mitschüler trifft, beschuldigt sie ihn, Hermann Blöchlinger. Er bedrohe die Zukunft ihres Sohnes. Einsicht in eigene Schuld oder ins Fehlverhalten ihres Sohnes zeigt Frau H. nicht. Sie rückt stattdessen die Schuld anderer in den Vordergrund. Natürlich habe es Konflikte gegeben, natürlich habe sich Michi wehren müssen, die anderen hätten ihn ja immer geplagt, gemobbt, schliesslich hätten ihn sogar die Lehrer von der Schule verwiesen. Und ernst zu nehmen sei diese Drohung ja nicht. «Die Mutter verstand nicht, dass solche Drohungen Konsequenzen haben müssten. Sie schien auch die Wirkung solcher Drohungen auf andere nicht zu verstehen. Mir fällt einfach auf, dass vielen dieser Drohungen typische Charakterzüge zugrunde liegen, die interessanterweise auch oft bei den Eltern anzutreffen sind», sagt Hermann Blöchlinger.
In sehr vielen Fällen treten starke Fehleinschätzungen der eigenen Wirkung auf andere und ebenso starke Fehleinschätzungen der Absichten und Handlungen anderer auf. Viele Droher können auffallend wenig Anteil an Gefühlen ihres Gegenübers nehmen. Sie haben eine geringe Frustrationstoleranz, eine niedri¬ge Schwelle für aggressives Verhalten. Eine Neigung, andere zu beschuldigen, oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das sie in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten sind. Alles typische Verhaltensweisen dissozialer Persönlichkeiten.
Blöchlinger hat sich nach dem Lesen des MSN-Dialogs ein paar einfache Fragen gestellt. Wer wie Michael nicht nur verschwommen, sondern offen, sogar schriftlich mit konkreten Vorstellungen über Waffen, Orte und Zielpersonen droht, oder gar andere warnt, sie sollten an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit nicht an einem bestimmten Ort erscheinen, bei dem ist Blöchlingers Ansicht nach Misstrauen angesagt. Bei dem sollte man nicht nur diskret Informationen von Mitschülern einholen, sondern auch den Schulpsychologischen Dienst oder sogar die Polizei einschalten. Tatfantasien verlieren sich in einem manchmal jahrelangen Prozess. Oder sie konkretisieren sich.
Als alarmierend im Zusammenhang mit Drohungen gelten Kombinationen mehrerer der folgenden Auffälligkeiten:
Dissoziales Verhalten
Aggressive Problemlösungen
Geringe Frustrationstoleranz
Nichtanerkennung von Autorität
Stimmungsschwankungen
Konsum von Gewaltmedien
Gewalttätiger Kleidungslook
Theoretische Beschäftigung oder
grosse Kenntnis von Waffen, starke Faszination für spezielle Waffengattungen, Waffenarten, Hersteller, Modelle

Als höchst alarmierend gelten Kombinationen mehrerer der folgenden Auffälligkeiten:
Verehrung bekannter Gewalttäter
Plötzliche Veränderungen der
Sprache: extrem profane, vulgäre Ausdrucksweise
Konkrete Angaben zu Tatwaffen
Konkrete Angaben von Zielpersonen
Konkrete Angaben zu Zeit oder Ort
eines Racheakts
Teilweiser Rückzug aus der Gesellschaft
Besitz oder Verfügbarkeit von Waffen
Formulierung von Suizidabsichten

Verstreute Warnungen
Eine Schule in Schwyz 2009. Ein Schüler begrüsst seinen Lehrer jeden Morgen vor dem Unterrichtsraum wie ein Clown. Die ganze Woche, alle sehen zu, Dutzende Mitschüler. Und sagen nichts. Der Lehrer und der Schüler hatten in letzter Zeit Prob¬leme miteinander, doch offenbar, denkt der Lehrer, bessern sie sich, offenbar ist diese Begrüssung eine seltsame Art des Schülers, ihm guten Willen zu zeigen.
Zum Glück beobachtet eines Morgens ein Kollege die Szene, stutzt, geht zurück, schaut genau hin — und spricht den Kollegen kurz darauf aufgeregt an. Der Schüler habe ihm so seltsam die Hand geschüttelt, und er habe mitgemacht — aber habe er auch die andere Hand des Schülers gesehen? Lehrer 1 schüttelt den Kopf. Ja, die andere Hand, der Schüler habe sie hinterm Rücken gehalten, sie so seltsam bewegt, als halte er etwas darin, dabei sei die Hand völlig leer gewesen, dabei sei nichts als Luft in der linken Hand hinter seinem Rücken gewesen. «Und als du dich wegdrehtest…», sagt Lehrer 2, «erstach er dich von hinten wie in einem Theaterstück.»
Viele Hinweise, viele wertvolle Anhaltspunkte treten nicht gemeinsam auf, sie liegen verstreut wie Mosaiksteine. Und wenn man sie wie in den USA oder Deutschland regelmässig nach realisierten Attentaten zusammensetzt, sagen alle dasselbe: «Dieses Attentat, jedes Attentat, hätte verhindert werden können.» An der Schule in Schwyz erzählte niemand dem Lehrer je von dem seltsamen Theaterdrama auf dem Schulflur. Erst als er nach Tagen durch den Kollegen davon erfährt, spricht er die Schüler darauf an.
«Ja klar, das ist uns schon aufgefallen. Aber wir dachten, er mache einen Witz. Allerdings hat er schon einmal etwas gesagt. Allerdings hat er in der Woche zuvor gesagt, er hasse Sie. Und am letzten Montag hat er zu einem Kollegen gesagt, dass er Sie umbringen werde. Zu einem anderen sagte er, er bereite es jetzt vor. Er versuche gerade, an eine Waffe zu gelangen. Zwei Tage später sagte er dann, er habe jetzt eine. Von seinem Onkel. Eine Pistole. Und es bringe nichts, nur den Lehrer zu töten. Ausserdem habe er auch keine Lust aufs Jugendgefängnis. Er habe sich überlegt, er mache zuerst den grössten Schulamoklauf. Und erschiesse sich dann.»
In Schulen in der Schweiz werden Mosaiksteine häufig nicht wahrgenommen. Und überdies schweigt man immer noch selbst in eindeutigen Fällen, denen man nachgehen müsste, in denen Lehrer, Mitschüler, Eltern und Experten sich vernetzen und dringend handeln müssten. In einer St. Galler Schule verraten Mitschüler 2008 erst im letzten Moment die Pläne eines 16-Jährigen, einen Lehrer am ersten Schultag nach den Ferien umzubringen; die Pistole war bereits im Schulhaus, nur durch Zufall erschien der Lehrer an diesem Tag nicht, sein Heimflug aus Afrika war verspätet. In vielen Schulen existiert noch immer keine Kultur, die Hinweise von Schülern an Lehrer wahrscheinlicher macht. Eine Kultur, in der man offen, transparent, verständlich für alle erklärt: Wir an dieser Schule lehnen nicht nur jede Form von Gewaltinhalten ab. Es ist auch die Pflicht eines jeden, jeden Hinweis sofort mit einem Lehrer oder dem Rektor zu besprechen. Und deren Pflicht ist es, jeder Beobachtung nachzugehen.
Natürlich ist das nicht einfach, natürlich erfordert das Energie, Ausdauer, Aufmerksamkeit. Vertrauen zu Lehrerinnen und Lehrern, die mit diesem Vertrauen umgehen können. Aber ein Rektor namens Marco Frauchiger erzählt, was die Alternative zu einer solchen Kultur sein könnte.Frauchiger sitzt in einem Rektorenbüro in Uzwil, er hat vor einiger Zeit die Schule gewechselt, einen historischen Tag in der Schweizer Schulgeschichte erlebte er noch an seiner alten Wirkungsstätte.
Vor Frauchiger liegt der bisher unveröffentlichte Untersuchungsbericht zu den Ereignissen des 18. 12. 2008 an einer der grössten Schulen der Ostschweiz. «Ich hätte mich gefreut, wenn mir vor jenem Tag jemand erlaubt hätte, von seinen Erfahrungen zu lernen.» Bisher sind die Abläufe einer der grössten Evakuationen eines Schulgebäudes und besonders ihre Ursachen fast unbekannt.
Frauchiger zögert ein bisschen, schiebt dann mit einem Seufzer den Papierstapel herüber. «Auch wenn es mir etwas unangenehm ist. Aber wenn jener schreckliche Tag im Nachhinein wenigstens dazu dient, dass andere künftig etwas besser machen, leiste ich meinen Beitrag. Ich hab da vielleicht etwas falsch gemacht.»
18. 12., vor 9 Uhr, ein Helikopter ist am Himmel über dem Kaufmännischen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen, der riesige Betonquader wirkt aus der Luft wie ein Staudamm. Ein Staudamm kurz vor dem Platzen.
Im Innern spielen sich hektische Szenen ab. Gegen 8 Uhr ist der Vater einer Schülerin aufgelöst ins Lehrerzimmer gekommen. Rektor Bucheli alarmierte daraufhin seinen Stellvertreter Frauchiger: Aufgrund des Verschwindens der Schülerin und der Waffe des Vaters könne man eine Bedrohung der tausend Menschen im KBZ-Gebäude nicht ausschliessen.
«Ich musste nicht nach dem Namen des Mädchens fragen. Es handelte sich tatsächlich um Andrea. Vor ein paar Wochen war sie in meinem Büro gewesen, weinend, nervös, völlig fertig mit den Nerven. Sie könne nicht mehr. Könne nicht mehr mit ihrer Familie leben. Nicht mehr in St. Gallen bleiben. Müsse nach Australien. Ob sie die Schule abbrechen dürfe.»
Für Frauchiger ist in diesem Moment klar: «Wir haben bei neunhundert Jugendlichen und jungen Erwachsenen in dieser Schule damals nicht selten mit psychischen Notlagen, plötzlichen Veränderungen, Disziplinauffälligkeiten zu tun. Ich verstand natürlich: Man muss dem Mädchen helfen. Aber ich empfand es nicht als totale Ausnahmesituation. Den Schulabbruch und die Australienreise hielt ich für keine gute Lösung. Ich sagte ihr, es gebe einen Weg. Ich sagte ihr, wir würden ihn zusammen gehen. Ich sagte: Sie brauchen jetzt fachpsychologische Beratung. Sie sagte: okay.»
Kurz darauf, selbes Büro, zwei 20-Jährige stehen vor Frauchiger. Und brechen fast zusammen, «sie hat uns gesehen, sie hat uns gesehen» — ihre Schulkollegin Andrea L. ist eben mit bösem Blick an der verglasten Bürotür von Frauchiger vorbeigegangen. «Jetzt bringt sie uns um.»

Die Grundregeln
Die Mädchen haben die Zusammenarbeit mit Andrea L. in derselben Abschlussarbeitsgruppe zuletzt nicht mehr ausgehalten, jetzt wollten sie Frauchiger eigentlich über Andreas gewalttätige Ausraster und Drohungen informieren. «Sie drohte: Wenn wir die Arbeit wie von uns angekündigt nicht weiter zusammen schreiben, weil wir es mit ihr nicht mehr aushalten, dann werde etwas geschehen. Dann würden wir etwas erleben. Sie hat vor Kurzem ihrem Freund das Nasenbein gebrochen. Sie hat ihr Zimmer daheim verwüstet. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht.»
Frauchiger versteht: «Die Lage ist ernst.» Und doch reagiert er nicht sofort. «Ich dachte schon, das müssen wir jetzt klären. Dachte, jetzt Eltern auf Platz. Aber dann dachte ich: Moment, das darf ich ja nicht. Denn Andrea ist ja bereits volljährig, und das ist ein Problem. Denn sie wollte ja keine Beteiligung ihrer Eltern. Und ich war unsicher, ob ich diese dennoch informieren sollte. Da entschied ich mich, etwas zu tun, was ich heute anders machen würde, ihre Eltern nämlich noch nicht sofort zu kontaktieren. Aber ich rief — ohne Namensnennung natürlich — die Psychiatrische Klinik Herisau an, um Rat zu holen. Doch am nächsten Tag dachte ich, du musst jetzt einfach. Musst jetzt den Vater einladen. Und bestellte ihn für den übernächsten Morgen. Und dann kam er auch. Aber eben zwei Stunden früher, als geplant, und erzählte von der vermissten Tochter, der vermissten Waffe — da war es zu spät.»
Im Rahmen der Schulevakuierung unter der Leitung der Stadtpolizei werden kurz nach dem Notruf Frauchigers eintausend Schüler und Lehrer aus dem Gebäude gebracht — in eine verglaste Sporthalle. Wenige Minuten nach den ersten mit Gewehren bewaffneten Polizisten tauchen die ersten Medienvertreter auf, kurz darauf steht die erste TV-Übertragungsantenne. Ein unübersehbares Meer von Menschen flutet aus dem Gebäude, teilweise chaotische Szenen spielen sich ab, verängstigte Schüler rennen in die falsche Richtung durch den Korridor, mancher Lehrer packt erst noch gemütlich seine Bücher zusammen. Die Schulleitung wird vom Medieninteresse der inzwischen vierzig Berichterstatter überwältigt. «Uns war nicht klar, was wir ihnen ständig Neues geben sollten. Und so erzählten und sendeten manche einfach irgendwas. Und Schüler filmten alles auf Handys, machten Details über die Polizeimassnahmen via Internet-News-Portalen fast zeitgleich allen zugänglich.»
Die Polizei derweil kann nicht mal nach der das ganze Schulhaus verängstigenden Zielperson suchen. Denn es fehlt ihnen das dazu Notwendige, Polizei und Schule verfügen an diesem Morgen nicht einmal über ein einfaches Porträtfoto. «Zwar waren die Einsichten aus diesem Tag zahllos», so Frauchiger. «Zwar wissen jetzt alle, dass man in so einer Situation entweder in alle Richtungen flüchtet oder sich im Klassenraum verbarrikadiert und mögliche Zielpersonen nicht in einer gläsernen Sporthalle zusammenfasst. Aber ich hätte dennoch lieber auf diesen Tag verzichtet — und auf die Blamage, als die Schülerin später aus dem Bündnerland anrief und die Pistole an einem unüblichen Ort in der Wohnung gefunden wurde.»
Am KBZ werden unter Frauchigers und Buchelis Leitung sofort nach jenem 18. 12. Regeln für einen besseren Umgang mit Bedrohungssituationen definiert. Regeln, um künftig das Entstehen solcher akuter Gefahrensituationen zu verhindern. «Als der Vater in der Schule war, konnten wir nichts mehr tun», sagt Frauchiger. «Da war nur noch die Frage: sich später Überreaktion oder aber Mitschuld am Tod von Schülern und Kollegen vorwerfen lassen. Das Problem ist nur: Es hätte zu alldem nicht kommen müssen. Wenn wir, speziell ich, schon früher sehr deutlich reagiert hätten. Früh und deutlich. Das ist die wichtigste Regel. Und immer. Früh, deutlich und bei jeder Form von Gewaltinhalt aktiv werden. Dann hat man eine gute Chance, dass das Problem klein bleibt. Sonst hat man eine gute Chance, dass es sehr gross wird.»
Frauchiger sowie weitere Rektoren, etwa der Leiter des GBSSG, des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St. Gallen Lukas Reichle, haben sich Gedanken zu präventiven Massnahmen gemacht, um Bedrohungssituationen ineinem Frühstadium zu erkennen und richtig auf sie zu reagieren. Wichtig sei es, bei jeglichem, auch noch so kleinen oder unbedeutend wirkenden Hinweis auf ¬einen Gewaltinhalt aufmerksam und aktiv zu werden. Bei allen Andeutungen, Verdachtsmomenten und ohnehin bei allen offenen Drohungen. Und zwar folgendermassen aktiv zu werden.
«Möglichst schnell damit zum Rektor.» Auf direktem Weg. Gewalt sei Chefsache. «Wenn etwas im Unterricht auftritt», so Frauchiger, «erst mal die Lage beruhigen. Die Wogen glätten.» Lukas Reichle ergänzt: «Nie akzeptieren, nie diskutieren, sich nie auf eine Auseinandersetzung im Plenum einlassen, damit die Sache weder zu einem Machtspiel noch zu einer Bühnenshow für den betreffenden Schüler wird.» Auch niemanden kränken, vor der Menge einzelne anzugreifen, führe zu unnötigen Überreaktionen. «Stattdessen: darauf hinweisen, dass man Gewaltinhalte nicht akzeptiert. Und man diesen Vorfall nach der Stunde weiterbehandeln wird.»
Und dann in der Pause zum Rektor. Nicht zum Prorektor oder Klassenlehrer. «Das hat nichts mit Feigheit zu tun», sagt Frauchiger. Lukas Reichle: «Ich muss mich in dieser Funktion vor meine Lehrer stellen. Und wir signalisieren mit diesem Verfahren, es geht hier nicht um Kavaliersdelikte.» Immer mehr Rektoren verfahren so. Bestellen automatisch nach einer Gewaltdrohung die Eltern ein. «Am besten am selben Tag», sagt Frauchiger. «Wenn das nichts löst, der Schüler etwa leugnet, oder aber unserer Ansicht nach auch nur ein Verdacht auf ein Amokrisiko besteht, schalten wir sofort den Staatsanwalt ein.»

Klare Sanktionen
Im Kanton St. Gallen wird als Reaktion auf die Räumung des KBZ und einiger anderer ähnlicher Vorfälle 2009 ein direkter Kanal zum Ersten Staatsanwalt Thomas Hansjakob eingerichtet. Hansjakob hat sich einen Namen mit der Bekämpfung von Stadiengewalt gemacht, er hat auch den Fall des in St. Gallen von einem Vater getöteten Lehrers Paul Spirig studiert. «Im Nachhinein hat man sich jeweils über die Fülle an Signalen gewundert, die ein Täter im Vorfeld aussendete. Und darüber, dass wir sie nicht genügend ernst nahmen.»
Immer mehr Rektoren prüfen bei Androhung von Amokläufen die Möglichkeit einer Anzeige. «Niemand», sagt Hansjakob, «muss sich in einem Schulhaus bedrohen lassen.» Drohungen gegen Lehrpersonen sind Offizialdelikte, auch Nötigungen, bei denen jemand eine Drohung mit einem Interesse wie etwa einer besseren Note verknüpft, sind Offizialdelikte. Bedrohungen von Mitschülern sind Antragsdelikte, in dem Fall verzeige am besten der Rektor den Schüler, um bedrohte Mitschüler aus der Schusslinie zu nehmen. Alle St. Galler Rektoren verfügen für diese Fälle über Thomas Hansjakobs Handynummer. «Sie können mich 24 Stunden sieben Tage die Woche erreichen.»
Natürlich brauche es dafür auch klare, für alle verständliche Regeln. Marco Frauchiger beispielsweise erklärt anlässlich des ersten Schultages nach den Ferien allen Schülern die Konsequenzen von Drohungen. «Es braucht ein transparentes Regelwerk, die Botschaft muss sein: Gewaltinhalte jedweder Form werden an unserer Schule sanktioniert. Zum Beispiel mit einer Anzeige.» Der Rektor des GBSSG Lukas Reichle sagt, natürlich müsse man auch immer wieder Werte setzen, etwa im allgemeinbildenden Unterricht, ethische Fragen wie den Sinn von Respekt oder die Uno-Menschenrechtscharta thematisieren. «Das muss denen mal jemand erklären, öfter als man denkt, vergessen die Eltern das nämlich.» Und natürlich müsse man sich für Lernende in realen oder auch nur subjektiv empfundenen Notsituationen interessieren. «Auffälligkeiten im Verhalten noch fleissiger als bisher wahrnehmen. Schüler auch einfach ansprechen: Du bist so ruhig in den letzten Wochen, ist etwas? Und die Reaktion beobachten.» Das sei nicht zuletzt eskalationshemmend, bestätigen Bedrohungspsychologen wie Hermann Blöchlinger: «Wenn sich ein Amokplan konkretisiert und der Schüler angesprochen wird, ist das in der Regel hemmend.» Und natürlich, so alle Rektoren, müsse man seine Lernenden gerne haben, ihre Stärken stärken, ihre Schwächen schwächen.
Aber wenn jemand in Drohsituationen die Leitlinien weit hinter sich lässt, braucht es nach Meinung von Rektoren wie Frauchiger und Reichle auch Härte. «Im Fall einer offenen Amokdrohung muss man sagen: Jetzt ist Schluss.» Staatsanwalt Hansjakob: «Ich empfehle eine Anzeige inzwischen auch bei unterschwelligen Drohungen — wenn man den Eindruck hat, dass der Schüler so verstanden werden will, wie er es sagt. Ich würde alles anzeigen, was nicht Affekt ist, nicht ein zeitlich begrenzter Wutausbruch, wo einer nicht kurz einmal die Nerven verliert und brüllt: Ich bring Sie um. Wir haben inzwischen bei diesen Amokdrohungen ein Level erreicht, über das wir nicht hinausgehen sollten.»
Und natürlich ist das auch anstrengend. Im Fall der Berner Französischlehrerin Helena T. wurde der junge, durchaus überlegt wirkende Amokdroher Z. jedenfalls nicht weiter verfolgt. Schon gar nicht mit einer Strafanzeige. «Nach der Stunde ging ich zum Rektor: Hhm, er wisse auch nicht, ob man da jetzt handeln sollte. Der Schüler sei einfach ausgetickt.» Kollegen scherzten: Schuld sei das Privatfernsehen. Oder der Junge habe keine Freunde. Im Gespräch später, auf das Helena T. bestanden hatte, wiederholte der 15-Jährige die Amokdrohung. Ruiniere man seine Zukunft, müsse man mit Konsequenzen rechnen. Dann töte er alle. Nach langer Diskussion entschuldigte er sich dann, okay, es sei schon nicht so gemeint gewesen. Woraufhin alle aufatmeten, die Sache erledigt war.
Wie geht es diesem Jungen heute? «Keine Ahnung. Er begann kurz darauf eine Lehre.» Ob er wieder mal mit einem Amoklauf drohen könnte? «Das traue ich ihm zu.» Ob man nicht die Polizei hätte einschalten müssen? «Das schon nicht, ich bin nicht der grösste Polizei-Fan.» Ob der Junge wohl gefährlich ist? «Darüber hab ich nachgedacht. Alle Kollegen, mit denen ich darüber sprach, fanden: Das war einfach ein Ausraster. Wer so etwas sagt, tut es nicht. Wenn Sie mich heute fragen, so vom Gefühl her: Ich glaube, er war nicht gefährlich.»

Einige Namen sowie Details wurden verändert.

Rico Czerwinski ist «Magazin»-Redaktor.
Die amerikanische Künstlerin Megan Francis Sullivan wird in Zürich von Freymond-Guth & Co vertreten.

Wut, Geister und ein Entschluss: Zitat aus einem Schulaufsatz eines 14-Jährigen | Megan Francis Sullivan
Wut, Geister und ein Entschluss: Zitat aus einem Schulaufsatz eines 14-Jährigen | Megan Francis Sullivan
In einer Schule in St. Gallen ist die Pistole schon im Gebäude, nur durch Zufall erscheint der Lehrer nicht. | Megan Francis Sullivan
In einer Schule in St. Gallen ist die Pistole schon im Gebäude, nur durch Zufall erscheint der Lehrer nicht. | Megan Francis Sullivan

Die Diskussion

9 Reaktionen

  1. Stefan

    Mobbing ist ein typisch menschliches Verhalten und fast überall anzutreffen. Wenn der gemobbte Schüler beim Schulpsychologen Blöchlinger Hilfe sucht und stattdessen zu hören bekommt, das Mobbing sei “nicht nachvollziehbar”, der Schüler habe “sich selbst zum Opfer ernannt”, dann ist die Katastrophe programmiert.

  2. nestor amrain

    Man muss sich wohl beim ganzen Artikel darüber klar sein, dass es sich um fünf-vor-zwölf-Prävention handelt. Nur unter dieser Perspektive ist die Formulierung verzeihlich, der Schüler habe sich selbst zum Opfer ernannt. Dass er seine aktuellen Schwierigkeiten in diesen Rahmen stellt, mag objektiv unberechtigt sein, und dass seine Eltern nur Sündenböcke suchen, statt sich für eine Lösung zu engagieren, mag diese Haltung unterstützen. Die Ursachen für die akuten Gewalt-Probleme sind das aber nur bedingt. Wenn man versucht, die Perspektive etwas zu erweitern, wird man in den meisten Fällen finden, dass das subjektive Gefühl, Opfer zu sein, durchaus berechtigt ist. Warum aber diese Jugendlichen tatsächlich Opfer sind, können sie nicht benennen. In der Regel sind sie Opfer wiederholten, lang dauernden Unverständnisses für ihre Entwicklungsbedürfnisse, schon bevor sie in die Schule oder nur schon unter andere Kinder kommen. Nehmen wir beispielsweise – wie im Artikel – an, ihren Eltern wäre seit jeher schwergefallen, sich angemessen in die Bedürfnisse der Kinder einzufühlen, die nun als Jugendliche so grosse Schwierigkeiten machen, so gehört es auch für einen schwierigen Jugendlichen zum Schwersten, seine Eltern anzuschwärzen – lieber sieht er sie als Verbündete gegen die böse Welt. Um keinen Zweifel an diesem Bündnis aufkommen zu lassen, ist er auch bereit, die angebotene Unterstützung zu einem Teil des Bösen zu erklären.
    Zu recht wird viel daran gearbeitet, Pädagogen auf Kriseninterventionen vorzubereiten, aber noch viel mehr wird daran zu arbeiten sein, wie sie auf Fehlentwicklungen reagieren können, die sich erst anbahnen.

  3. Quadrup

    Wir scheinen aus heiterem Himmel entdeckt zu haben, dass Kindern ein Trieb zum Perversen, zum Gewalttätigen und zur Terrorisierung innewohnt. Dass das ‘niedliche Kind’ mehr Kulturfantasie als Wirklichkeit ist, sollte uns seit Freud bekannt sein – wieso aber glaubt man noch immer, Abschreckung sei mit Erziehung nicht vereinbar? Die Angst ist ein Antrieb zur Tugend, die an Ecken und Enden unserem ganzen Gesellschaftstreiben fehlt. Erst dem reifen Menschen, dem Erwachsenen soll die Wahl offen stehen, sich gegen die Moral zu wenden, weil er dann Verantworung und Besinnung über sein Handeln trägt. Ein Kind versteht nicht, was gut für es ist und braucht Unterweisung. Mehr Zucht bitte! Aber Zucht mit Bildung.

  4. Bronson

    Mit keinem Wort wird die Hauptursache erwähnt. Diese liegt in der hemmungslosen und unkontrollierten Zuwanderung, vor allem aus dem Balkan und aus Afrika. Damit haben wir uns ein immenses Gewaltpotential aufgehalst. Hier müsste der Hebel zuallererst angesetzt werden. Aber darüber schweigt anscheinend des Sängers Höflichkeit, beziehungsweise es wird ganz einfach unter den Teppich gekehrt. Kein Mensch spricht beispielsweise heute mehr von dem durch einen Kosovaren ermordeten Lehrer aus St.Gallen. Der Mörder läuft heute im Kosovo frei herum. In einem Staat übrigens, den die Schweizer Regierung sich bemüssigt fühlte – weltweit als eine der ersten – vorbehaltlos anzuerkennen. Ja, es gibt bei uns politische Parteien, die alle diese Zuwanderer ohne wenn und aber einbürgern möchten. Deren Wählerstimmen würden ihnen (und sind es bereits) gewiss sein. Und bei Gewaltvergehen würde es dann in der Presse nicht so auffallen, da es sich dann ja um Schweizerbürger handelte. Diese Situation haben wir allerdings, in sehr grossem Rahmen, schon seit längerer Zeit und eine Besserung ist nicht in Sicht – ganz im Gegenteil.

  5. Kaspar Scheidegger

    Es ist sehr angenehm, einmal einen derart guten, differenzierten und ausgewogenen Artikel zu dem Thema zu lesen. Die Gratwanderung ist immer, einerseits genügend zu reagieren und anderseits nicht Hysterie in der Umgebung auszulösen via Medien und Eltern/ Lehrer. Leider geschieht dies oft und erschwert eine saubere Aufarbeitung und Reintegration der Droher. Es braucht eine rasche, frühzeitige, konsequente, aber auch diskrete und verhältnissmässige Reaktion.
    An Herrn Bronson kann ich nur sagen: unter den Jungs, welchen ich bisher mit Amokdrohungen begegnet bin, waren sowohl Schweizer wie auch Personen mit Migrationshintergrund. Das ist nicht hilfreich, sondern nur populistisch.

  6. bigorski

    Die Sünden der Väter und der Mütter bezahlen nun halt die Kinder, ja genau das sind unsere eigene Kinder.
    Wir als Eltern, Anwählte, Richter Polizisten, Ärzte, Metzger, Pflegefachmänner,haben nun unseren grössten Beitrag geleistet!!!!???? Jetzt sagt der Latain Suma sumarum, oder Tabula Rasa, jemand muss es ausbügeln und abrechnen!
    Verstanden, oder braucht es noch mehr Opfer auf diese Erde
    voll mit Misstrauen, Lügen, Ausnehmen, Mobben, und nur noch eine ganz kleine Flamme, die hoffentlich nicht erlöschen wird!
    Werdet ihr nüchtern, jetzt und hier geht es um unsere Zukunft, und die Zukunft unsere Kinder und Enkelkinder.
    Aggressionen sind wie Schweinegrippe, kommen auch leicht zu Dir!
    Bei mir sind Sie schon passe composse!
    Liebt euch!!!!

  7. Robert Meister

    Mich würde einmal wunder nehmen, ob das Gewaltproblem tatsächlich zugenommen hat. Gibt es da Statistiken? Haben Schüler früher auch solche Drohungen ausgestossen, bloss stiessen diese nicht bis in die Presse vor?
    Wie sieht es aus mit Gewalt gegen “innen”, bzw. an sich selbst? (Magersucht, Drogensucht, Selbstverletzung, psychische Störungen etc. von Schülern?).
    In Presseberichten wird oft schnell einmal mit “immer wie mehr…” / “immer wie schlimmer…” argumentiert und das ganze mit episodischen Beispielen untermauert. Bei “immer wie mehr…” handelt es sich aber um etwas, das mit eine Zahl begründet werden müsste.
    Sicher ist gut, dass man sich dem Problem annimmt, denn jeder Fall ist schlussendlich zuviel. Man sollte es aber nicht bei diesen 5 vor zwölf Kriseninterventions-Stellen bewenden lassen.
    Selber an einer Bildungsinstitution tätig stelle ich fest, dass auf Anliegen u Ggf. Anfechtungen von Noten sehr unterschiedlich reagiert wird: Es gibt leider zuviele sogenannte “Abwimmler”, die sich bloss überlegen, wie sie ein Einspruch widerlegen können. Zuerst zuhören, das “allgemeine” Problem, das vielleicht “dahinter” steckt, das Anliegen ernst nehmen, das braucht nicht viel Aufwand und zeugt dem “Antragssteller” gegenüber von Respekt und Anerkennung. Die “Abwimmler” haben mE im Bildungswesen nichts verloren. Nb: Bei mir kriegt – obschon ich die Anliegen ernst nehme – selten eine(r) Recht, weil es keinen objektiven Grund dazu gibt. Und was ich immer wieder fest stelle: Wenn man am Schluss einen Tipp gibt, wie sie es das nächste Mal besser machen können u wo das Problem der unbefriedigenden Leistung war, dann sind sie oft glücklicher, also wenn sie die halbe Note noch gekriegt hätten.

  8. Donjeta Maloki

    Es ist sehr einfach wieder einmal den Ausländern die Schuld für alles zugeben, anstatt zu versuchen früher zu reagieren. Das Problem liegt nicht bei der Nationalität. Es liegt bei jenen Personen, welche bei eindeutigen Anzeichen nicht reagieren.
    PS: die Schweiz hat niemand gezwungen, Kosovo anzuerkennen.

  9. Dani Altenbach

    Schulen erleben in zunehmendem Masse Kinder, denen in der Erziehung zuwenig Vorbilder, Grenzen und Orientierung mitgegeben wurde. Das Notfallszenario Amok ist aber nur der allerletzte Augenblick, um darauf zu reagieren. Wichtig sind auch Lehrpersonen, welche die genannten Mängel ersetzen können und auf diese Weise mit Rückhalt im Kollegium ein vertrauensvolles Sozialklima in der Schule schaffen. Als Schulpfleger kann ich bestätigen, dass dies in sehr engagierten Schulen auch gelingt. Damit es überall gelingen kann, müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer aber nicht nur als wie professioneller werden, sondern der Staat muss ihnen auch die zeitlichen Ressourcen geben, um solches leisten zu können. Im Kanton Zürich müssen dazu die Lektionenzahl und die Klassengrössen reduziert werden!

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