08.02.2008 von Stefan Zweifel , 1 Kommentar
Als Leontios, der Sohn des Aglaion, einmal aus dem Piräus an der nördlichen Mauer draussen heraufkam und merkte, dass beim Scharfrichter Leichname lagen, fühlte er Lust, sie zu sehen, zugleich aber auch Abscheu. Er wandte sich ab, kämpfte so eine Zeit lang mit sich: Er verhüllte sich, dann aber, von der Begierde überwunden, lief er mit weit geöffneten Augen zu den Leichnamen hin und sagte: «Da habt ihr es nun, ihr Unseligen, sättiget euch an dem schönen Anblick!»
Platon, «Der Staat»
Ein perverses Buch. Durch und durch. «Pervers» heisst ja: «verdreht». Und in der Tat: Noch nie wurde die Perspektive so sehr umgedreht wie in diesem Roman, Jonathan Littells «Die Wohlgesinnten». Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der Judenverfolgung und der Endlösung wird zum ersten Mal nicht aus der Perspektive eines Opfers erzählt, sondern aus der Perspektive eines Täteßrs.
Dieses Vorhaben erfordert eine zusätzliche Perversions-Drehung. Denn laut Littell, der sieben Jahre für die «Aktion gegen Hunger» zwischen Schlächtern in Serbien, Tschetschenien und Ruanda gearbeitet hat, sprechen die Täter nie die Sprache ihrer Taten. Wenn sie etwas zu Protokoll geben, dann die Parolen der Staaten, denen sie dienen und in deren Namen sie Teil der Staatsverbrechen sind, sei es in Serbien, sei es in Russland. Oder eben: in Nazi-Deutschland.
In den Prozessen von Nürnberg, im Eichmann-Prozess, in den Tagebüchern von KZ-Kommandant Rudolf Höß – nirgends, so Littell, haben die Täter wirklich über ihr Tun gesprochen, sondern sich immer nur auf die eine oder andere Weise gerechtfertigt. Deshalb führt uns nun Littell einen, wenn man ihn denn so nennen darf, «Helden» vor, der selbst eine durch und durch perverse Sexualität auslebt, von einem grenzenlosen Inzest mit seiner Schwester träumt und ihn, da sie nicht greifbar ist, in der Fantasie im Garten ihres Anwesens auf einem Baumstamm auslebt, dessen dicksten Zweigstumpf er zuvor sorgsam einspeichelt, bevor er mit dem Baum, der Natur und der Schwester eins wird.
Durch die Perversion der Perversion ist es dem Autor möglich, das zum Sprechen zu bringen, was sonst immer verschwiegen wird. Sein Held Max Aue, ein hoch gebildeter Jurist, behält immer eine Distanz zu seinem Tun, zu seiner Umgebung, zur Ideologie der Nationalsozialisten, auch wenn er sie weitgehend teilt. Aue gerät durch Zufall in die Menschenvernichtungsmaschinerie, weil er im Berliner Schwulenpark erwischt wurde. Er wird Spion im Dienste der Nationalsozialisten und steigt nach und nach auf, bis er die KZ von Auschwitz und Buchenwald effizienter machen soll.
Es kommt zu unerträglichen Szenen: Wenn er beim Violinspiel von Eichmann darüber nachdenkt, dass dessen «bürokratisches Genie» den Noten so sklavisch folgt wie den Vernichtungsbefehlen, wenn er mit einem Kind von Rudolf Höß einer Ameisenstrasse folgt, die in einem Hochofen endet, oder sich die Spitzenhöschen von Frau Höß ausmalt, die sie aus dem Fundus vergaster Jüdinnen bezogen hat.
Eine Million Leser in Frankreich
Das haben fast eine Million Menschen in Frankreich gelesen. Littell hat mit dreitausend Lesern gerechnet, der Verlag Gallimard, etwas optimistischer, mit achttausend. Gewiss wurde dann geschickt promotet. Doch ein solches Phänomen kann man nicht einfach von aussen lenken. Das gewaltige Publikumsinteresse ist eigentlich nur als «historisches Phänomen» zu erklären, wie der völlig begeisterte Historiker Pierre Nora, Verfasser des Standardwerks «Lieux de mémoire» über die Erinnerungsstätten Frankreichs, im Gespräch mit Littell meinte. Ein Phänomen, das vielleicht mehr über uns und unsere Zeit aussagt als über den Wert des Buches selbst.
Diese gesellschaftliche Dimension, ergänzt Littell, ist erst wirklich zu beurteilen, wenn das Buch in Deutschland erschienen sein wird, wo der Berlin-Verlag nur für die übersetzungsrechte angeblich eine halbe Million Euro bezahlt hat und eine Startauflage von 150?000 Exemplaren plant. Noch hütet der Verlag die Druckfahnen mit strenger Sperrfrist.
In Frankreich freilich konnte man sich im September 2006 dem Sog nicht entziehen, wollte Teil jener Masse werden, die dieses Buch las. Gallimard ging das Papier aus, man musste auf verlagsfremde Druckereien ausweichen. Die Buchhändler freuten sich zunächst – und jammerten dann, weil angesichts der Lesezeit für die knapp tausend Seiten das restliche Sortiment liegen blieb. Selbst hier noch war das Buch monströs: Kannibale seiner Bücher-Brüder.
Dann erhielt es nach dem grossen Preis der Académie française auch noch – eine Premiere in der französischen Literatur – den Prix Goncourt, die Krönung aller Krönungen. Und Littell? Er hat den Preis abgelehnt und gab zu Protokoll: «Ich glaube nicht, dass Preise etwas mit Literatur zu tun haben. Sie haben mit Marketing zu tun, nicht mit Literatur – das gefällt mir nicht.»
Der Roman wurde mit den grössten verglichen. Der Berlin-Verlag wirbt mit einer Sentenz der Zeitung «Le Monde», die das Buch auf die Höhe von Tolstois «Krieg und Frieden» hebt. Der Autor sieht das gelassener – und realistischer: Tolstois Roman sei viel breiter angelegt, viel komplexer. Denn er schreibe ja nur von der einen Seite, vom Krieg. Bei aller Bescheidenheit fragt man sich: Wie kommt ein Amerikaner dazu, auf Französisch über den deutschen Nationalsozialismus zu schreiben?
Jonathan Littell ist 1967 in den USA geboren, Vater von zwei Kindern und als Sohn des erfolgreichen Thriller-Autors Robert Littell vorgeprägt. Seine jüdischen Vorfahren mussten 1886 bei den Pogromen unter Alexander II. aus Russland nach Amerika auswandern, Littell selbst wuchs mehrheitlich in Paris auf. Er schrieb mit neunzehn einen Sciencefiction-Roman, dann begann er zu übersetzen: Georges Bataille, Maurice Blanchot und de Sade. Davon wurde nichts veröffentlicht ausser ein paar Briefe des Marquis in einer Literaturzeitschrift.
Damals plante Littell ein zehnbändiges Werk von wahrlich pharaonischem Ausmass. Davon hätte dieses Buch den vierten Band bilden sollen. Doch frühe Schreibübungen, zu seinem eigenen Unglück jetzt mit dem Band «Etudes» im Verlag Fata Morgana veröffentlicht, zeigen die literarischen Grenzen des Autors. Noch fehlte die Kernfusion. Seit 1989 hatte er den Stoff mit sich herumgetragen, wobei es sich zunächst nur um Bilder von Schnee und Blut handelte. Dann sah er 1992 Claude Lanzmanns Film «Shoah», in dem der Historiker Raul Hilberg erklärt, wie bürokratisch das Morden organisiert war – genau diese Bürokratie des Todes erlebte Littell ab 1992 bei seinen humanitären Einsätzen. 1998 dann las er Aischylos’ antikes Drama «Orestie» und fand endlich eine Struktur für seinen Stoff. Zuletzt folgten ausgedehnte historische Recherchen, Besuche der Schauplätze, Gespräche mit Hinterbliebenen und Opfern.
Der Schreibakt erfolgte wie eine Explosion und dauerte sagenhaft kurze vier Monate – also genau 120 Tage. Ein beunruhigender Zufall, wenn man bedenkt, dass als grausamstes Werk der Weltliteratur bislang de Sades «120 Tage von Sodom» galt, in dem sämtliche erdenklichen Perversionen des Menschen aufgelistet werden und der Satz steht: «Es ist nicht das Objekt der Begierde, das uns erregt, sondern die Idee des Bösen.»
Littells Buch hat Passagen von grosser Dichte mit literarischem Sog, dann wieder wirkt es klischiert wie ein Hollywood-Film über Nazi-Deutsche, bald banal, bald poetisch, doch gerade dieses Gemisch führt zur Explosion. Oder zur Implosion. Denn dem Leser implodiert der Kopf, er wird in den Nächten nach der Lektüre den eigenen Albträumen ausgesetzt. Und das ist es, was Littell erreichen wollte. Dass wir merken, dass die wahre Gefahr nicht von ein paar Psychopathen ausgeht, sondern «von uns normalen Menschen». Littells unangenehme Botschaft: «Jeder ist ein Deutscher.»
Ein Schuss durch den Kopf
So wie Littell das Stilmittel des Klischees einsetzt, sei das Buch hier mit lakonischer Distanz nacherzählt:
Recht munter sitzt Max Aue in seiner Spitzenklöppelfabrik, auch wenn er zuweilen von Durchfall heimgesucht wird – oder von jener Wortschwemme, mit der er uns seine skandalösen Erinnerungen vorlegt. Die Rückschau beginnt: Mitten durch die geborstenen «Föten» der ausgebrannten Panzer bewegt man sich hinter der siegreichen Ostfront der Deutschen, besucht, den Baedeker in der Hand, barocke Städtchen und fühlt sich seltsam wohl: Nein, man appliziert nicht Genickschüsse wie die unmenschlichen Bolschewiken, sondern es schiessen jeweils zwei Männer aus der Distanz auf die zusammengetriebenen Juden – deshalb fühlen sich die Deutschen bereits als bessere Menschen. Wer diese Passagen überstanden hat, tritt ein in den nächsten Höllenkreis.
Bei den Massenexekutionen in russischen Städten bleibt Max Aue nicht mehr Beobachter, sondern muss selber schiessen, schaut zu, wie sich sein Arm selbstständig macht, wahllos auf Juden schiesst und dann zu ihm zurückkehrt, als ganz normaler Arm. Am Galgen baumeln russische Partisaninnen, und zwar, wie der Leser voll Ekel feststellen muss, vor Lust zuckend im Todeskampf.
Mit zerrütteten Nerven gelangt Aue in ein Sanatorium am Schwarzen Meer. Auch hier will er sich nützlich machen. Während die Schlacht um Stalingrad tobt, wird erkundet, ob eine Gruppe kaukasischer Bergjuden im rassischen Sinn Juden seien. Eine Konferenz wird einberufen. Der absolute Irrsinn, ausgebreitet auf hundert Seiten.
Szenenwechsel: Stalingrad. Der Kessel als Kristall der Kälte menschlicher Herzen. Läuse flüchten in schwarzen Massen von toten Körpern, ärzte experimentieren mit Leichen, es gibt, anders als im Stalingrad-Roman «Leben und Schicksal» von Wassili Grossman, kein Inselglück menschlicher Liebe, sondern nur Terror, Tod und totale Sinnlosigkeit. Nachdem ihm ein russischer Sniper mitten durch den Kopf geschossen hat, sinkt Aue nieder und schwebt unter dem Eis der Wolga und mit einem Zeppelin im Fiebertraum ans Ende der Welt.
Doch dorthin kommt er erst nach seiner Genesung: nach Auschwitz. Durch das Loch im Kopf als «drittes Auge» kann er in die schwärzeste Schwärze hinabblicken. Himmler beauftragt ihn, die Produktivität der KZ zu analysieren, die Korruption einzudämmen. Und so steht Aue vor Sonnenuntergängen, die vom Rauch der Kamine getrübt sind. Eichmann fiedelt ein bisschen auf der Violine, man reicht sich Appetithäppchen und Bonmots des Antisemitismus. Diese Bilder der Normalität sind vor ihrem Hintergrund schlicht würgend.
Zwischen Comic und Grauen
Als Rückzugskämpfer flüchtet sich Aue in das Anwesen seiner Schwester, die mit ihrem Mann in die Schweiz geflüchtet ist. Hier kommt es zu einem endlosen Reigen von Perversionen. Aue möchte wieder Kind werden, geschlechtslos fast. Er irrt durch die Räume und beginnt sich mit ihnen zu vermählen. Dringt in die Zimmer ein wie in den Schoss seiner Schwester Una. Möchte mit ihr eins werden.
Als Kind schon war er nackt durch die Wälder geirrt, hatte sich auf die spitzen Stacheln der Pinien fallen lassen – doch seit er in den Wäldern Juden jagte, sind sie ihm ein Ort des Terrors geworden. Er kann sich in ihnen nicht mehr verlieren wie als Kind, sondern findet immer einen Weg zurück, zurück zu jenem Ich, das er eigentlich verlassen möchte.
Die dauernde überschreitung von Tabus, der Versuch, den im Mannmännlichen eingesperrten Körper zu entgrenzen, wird hier in drei, vier Wellen vollzogen, die den Leser nach Luft schnappen lassen. Alles wird aufgeboten, was Littell von den grossen französischen Todes-Erotikern Bataille und Sade kennt, von der Autopenetration mit Weinflaschen bis zur Selbsthängung zwecks Panik-Erektion. Gewiss, hier spielt Kalkül hinein, und doch entblösst sich der Autor mit seinen Fantasmen auf eine Weise, dass man als Leser den eigenen Fantasien ausgeliefert wird.
Was danach folgt, ist die Götterdämmerung in Berlin, wo Aue durch mehrere Morde seine Haut rettet. Als Ratte der Nacht taumelt er durch unterirdische Labyrinthe der Kanalisation, durch den Führerbunker, wo er mit einem goldenen Kreuz geehrt wird und Hitler in die «mongolisch-ostjakische Nase» beisst (diese oft kritisierte Stelle ist eine Huldigung an den Beginn von Dostojewskis «Dämonen»). So oszilliert das Buch zwischen Comic und Grauen. Kaum hat man sich an einen Tonfall gewöhnt, wird man von einer anderen Seite attackiert. Zuletzt klappt man das Buch zu und muss, am Ende seiner Kräfte, zugeben, dass man selten ein so beklemmendes Ekelerregungskunstwerk gelesen hat.
Das entfesselte Böse
Natürlich melden sich nun die grossen Verdränger unter den Kritikern. Sie sitzen da mit Geschichtsbüchern und Rotstift und werfen dem Autor ein paar Fehler vor. Oder finden die Figur des Erzählers nicht einleuchtend. Widersprüchlich. Doch wovon, wenn nicht von den grössten Widersprüchen des Menschen, erzählt dieser Roman denn?
Ja, was ist «der Mensch»? Wir stellen uns darunter immer so etwas wie unsere nächsten Bekannten vor. Doch auch sie sind, wie wir, nur eine Möglichkeitsform des Menschenmöglichen. Wir leben – wie Littell betont: zum Glück! – von Regeln und Gesetzen eingeschränkt, von Tabus. Doch was geschieht, wenn diese Tabus fallen? Ja mehr noch: Was geschieht, wenn der Staat neue Gesetze erlässt und uns dazu anhält, mit ihm zusammen Verbrechen zu begehen wie heute noch die Folterer vieler Länder?
Der Mensch wird bei Littell zermalmt zwischen zwei gigantischen Bewegungen: zum einen vom Spiel der Triebkräfte, die von frühester Kindheit an die Schemen seines Handelns bestimmen und seine Lust leiten, zum anderen von den äusseren Bedingungen der Gesellschaft und ihren Gesetzen. Das klingt banal. Aber wenn man wie Littell das Chaos der Triebe so exzessiv schildert, wenn die Person im Namenlosen der Triebflüsse untergeht, in einem Meer von Sperma, Blut und Urin, wenn sich alle Grenzen in diesem ewigen Fluss der Materie auflösen und auf der anderen Seite ein bürokratischer Wahnsinnsapparat herrscht, der das Töten von Juden unterteilt in viele Mikrohandlungen, sodass sich jeder nur als ausführender Beamter fühlt, der keine Verantwortung trägt: Dann wird die Lage beklemmend.
Dieses Buch stellt die grossen alten Fragen: Wäre es nicht das Beste, nicht geboren zu sein, als in dieser Welt zu leben? Und das Zweitbeste: möglichst früh zu sterben? Oder soll man es sich bequem machen im Konsum, ein bisschen Drogen ab und zu und ein bisschen Sex? Man kann doch ein gutes Gewissen haben, schliesslich sind die Kriege fern von uns. Sind wir also durch ein Wunder bessere Menschen geworden?
Und hier liegt Littells Kritik auch an der Gegenwart. Wir alle, so meint er, haben die Verantwortung an Staatssysteme abgegeben. Zwar seien nicht alle so verbrecherisch wie Russland, was er in einem vernichtenden Bericht über Putin und die Geheimdienste festhält, oder die USA, wo laut Littell ein Heer von Juristen wie Max Aue das Recht des Staates auf Folter begründen. Und doch haben wir alle als Konsumenten und Profiteure des Wohlstands am weltweiten Elend teil.
Man sagt sich ja gern: Mir könnte das nie passieren. Was? Ein Nazi zu werden. Doch woher nehmen wir diese Sicherheit? Jonathan Littell ist sich da gar nicht sicher. Er hat mit Schlächtern in Serbien und Tschetschenien zusammenarbeiten müssen, hat sich an die Banalität des Bösen gewöhnen müssen und eben doch nicht gewöhnt. Er hat gesehen, wie schmal der Grat ist, der uns davon trennt, in unsägliche Abgründe zu versinken.
Littell antwortet für sich: Wäre er nicht 1967 in den USA, sondern wie sein Held 1913 in Deutschland geboren worden, er hätte sich vielleicht der Auslöschung ebenso hingegeben wie heute der humanitären Arbeit. In Abwandlung von Flauberts Diktum «Madame Bovary, c’est moi» sagt er: Max Aue, «das bin ich».
Da fragt man sich natürlich: Was ist dieser Autor für ein Mensch? Nur allzu gern würde man in das Hirn hineinblicken, das dieses Buch ausgebrütet hat. Nur allzu gern in den Körper des Autors eintauchen, um all die Triebregungen zu erkunden, die zu diesem Text geführt haben, dem unerträglichsten, der seit ganz langer Zeit geschrieben wurde.
Littells Blick bei öffentlichen Auftritten verstört bisweilen wie sein Lachen, doch mit seinen Händen baut er in der Luft glasklare Strukturen, Kathedralen der reinen Vernunft. Als Höchstintelligenz zitiert er Historiker wie Raul Hilberg, Christopher R. Browning und Ian Kershaw, zaubert psychoanalytische Modelle sonder Zahl aus den ärmelsc en, und immer wieder kommt er auf sein Vorbild Maurice Blanchot zurück. Wie er es schaffte, dessen feinsinnige, nur ein paar Eingeweihten bekannte Theorien in einem Roman umzusetzen, der Hunderttausende faszinierte, das bleibt ein Geheimnis.
Geheimnis? Nein, reines Kalkül, antworten gewisse Kritiker. Denn es gibt in der Tat Stellen, denen man ein Schielen nach Skandal nicht absprechen kann. Und die werden, so muss man namentlich bei der deutschen Ausgabe befürchten, auf Rechtsradikale aufgeilend wirken. Da möchte man natürlich eingreifen, Schutzdämme einrichten. Doch vielleicht muss ein Buch dieses Risiko eingehen, um im Tabubruch zu zeigen: In jedem von uns wartet das radikal Böse auf seine Entfesselung. Wer das nicht verdrängt, wird sich der Frage stellen müssen: Max Aue – bin das ich?
Stefan Zweifel ist ein äusserst fähiger Rezensent, auch mündlich im Literaturclub, als er kürzlich Littells Roman vorstellte. Corinna Caduff sprach dort zu Recht die „Genderfrage“ an, was danach leider wegen der nervös-emotionalen Moderatorin mit Tunnelblick auf pornografische Aspekte des Buchs nicht weiter diskutiert werden konnte (als wäre sexuelle und pornografische Ausbeutung in den KZs nicht System gewesen, siehe „Vergessen oder Vergeben? Bilder aus der Todeszone“, von Alexandre Oler, David Olere). Zweifels Meinung bezüglich der Genderfrage hätte interessiert, denn sie stellt sich gerade in seiner am Schluss dieser Rezension gestellten berechtigten Frage: Max Aue – bin das ich? Denn: muss sich eine Leserin diese Frage stellen? Wenn immer es um brutalste Gewalt geht: ich sehe immer nur Männer; im Film „Shoah“ von Lanzmann; im Film „Der Pianist“ von Polanski (er war im Getto), die diversen Massaker in Vietnam, Ruanda, Darfur…. (klar, Deutsche Frauen haben ökonomisch profitiert, siehe „Hitlers Volksstaat“ von Götz Aly). Aber hier geht es um die Frage des Mitmachens in Bereichen, die als jenseits vom „normalen“ menschlichen Verhalten empfunden werden.