11.07.2008 von Michèle Roten , 1 Kommentar
Herr Joop, ich war eben noch in Ihrem Restaurant in Potsdam und hab was gegessen…
Ach, da hätte ich dazukommen können! Ich war nämlich auf dem Markt. Ich hab von dort meine Tochter angerufen, aber sie ging nicht ran, das Biest! Papa ante portas.
…und in Ihrem Restaurant gibt es nur ein Klo für Männer und Frauen. Ist das Unisex-Klo irgendwie programmatisch für Ihre Weltsicht, Ihre Sexualität – die Auflösung der Geschlechter?
Ich bin nicht Marcel Duchamp, ich signiere keine Kloschüssel, um ein Statement zu machen. Ansonsten will ich mich immer ganz klar orientieren können innerhalb der Geschlechter. Ich finde auch Androgynität ziemlich bedrückend, ein paar Exemplare ausgenommen. Aber wenn die grosse Masse androgyn wird, schrecklich. Oder wenn die grosse Masse bisexuell wird, nein, nein. Überhaupt, wenn die grosse Masse sexuell wird, schlimm. Man müsste ja heute alles erst mal wieder in die Intimität rücken, damit man durchs Schlüsselloch gucken möchte.
Gibt es eigentlich noch Tabus?
Jein. Gerade weil so viele Tabuthemen in Auflösung sind, ergibt sich eine Wertediskussion, von der eine neue Sittlichkeit und Bürgerlichkeit zu erwarten ist. Die Gay Culture hatte immer eine Sonderstellung in der Gesellschaft. Jetzt heisst das Motto: von gay-pride zu «gay-bride»! Emanzipation hatte die schwule Braut allerdings weit vor der Ehemöglichkeit lernen müssen.
Weil es nicht anders ging?
Ja, weil der schwule Jüngling sich von Anfang an nicht an verbriefte Abläufe halten kann wie der Heterojüngling.
Ist es eigentlich auch eine Form von Emanzipation, dass Schwule heute wieder männlicher werden, äusserlich?
Ja, stimmt, nicht? So mit Bart und Holzfällerhemd. Aber auch männlich im Sinne von: Verlässlichkeit. Schwule mussten sich einfach immer schon mehr anstrengen im Job, die Karriere war ja der Schutz, das Einzige, was niemand hinterfragte. Was ich über Heteromänner mitkriege, ist selten schmeichelhaft dieser Tage.
Was denn so?
Ach, Empfindlichkeiten, Animositäten, Orgasmusschwierigkeiten, sie entziehen sich, sie wollen keine Verantwortung übernehmen, Sachen, die sich keine Schwuchtel getrauen würde.
Und auch äusserlich werden sie weicher: Stichwort Metrosexuelle.
Das Wort klingt so modisch. Dabei sind diese Männer nur entspannter als früher. Ich nenne sie manchmal Heterotunten. Als ich vor zwei Jahren ins Fitnessstudio ging, um mal wieder was für mich zu tun, da waren nur Heterotunten da. Man erkannte sie daran, dass sie alle gewachst waren, man cremte sich gegenseitig die Tattoos ein, die brauchen ja ganz viel Pflege. Man muss auch gewachst sein, sonst sieht man ja das Tattoo nicht. Ich hab neulich in einer Reportage gesehen, dass es jetzt auch durchaus okay ist bei Heteromännern, sich im Beisein von Kumpeln den Schritt und auch den Analbereich wachsen zu lassen, unter grossem Geschrei natürlich.
So als Unternehmung mit Freunden?
Genau. Solche Dinge traue ich Homosexuellen im Gegensatz zur öffentlichen Meinung nicht zu. Als homosexueller Junge beobachtest du dich und deine Umwelt erst mal leise und lange. Du musst deinesgleichen suchen, wirst nicht erstickt vor lauter deinesgleichen wie Heterosexuelle. Du schützt dich, du hast anfänglich Angst, entdeckt und ausgegrenzt zu werden. Diese Angst vor Ausgrenzung existiert akut im Profi-Fussball. Dort, wo körperliche Nähe für jeden einsehbar ist, wird es keine Outings geben.
Wie war das denn bei Ihnen?
Nun ja. Das Männerbild war schon ein ganz anderes, als ich aufwuchs. Mein Vater war für mich keine positive Figur, sondern eine beklemmende, mich in meiner Freiheit beschneidende Person. Ich merkte schnell, dass die Männer dieser Kriegsgeneration sich um ihre Biografie betrogen fühlten. Ich war konfrontiert mit der Ohnmacht des erwachsenen Mannes. Mich irgendwann subversiv zum Vorbild «Mann» zu entwickeln, ist mehr generationsbedingt als erotisch.
Sind Sie denn nun eigentlich schwul oder bisexuell?
Ehrlich gesagt, ist mir das Feld zu weit, um es unter einem Begriff zusammenpacken zu können. Die Wörter «homo» und «hetero» bezeichnen doch eigentlich auch nicht mehr als die Position der Einlochung. Früher wär ich froh gewesen, mich einordnen zu können, heute will ich weder zu den einen noch zu den anderen gehören. Unsere Sexualität ist doch so einzigartig wie ein Fingerabdruck.
Was wollen Sie denn vom Menschen?
Ich möchte wenigstens eine Person haben, die mich ausschliesslich mag, die mich liebt, bei der ich meine Ängste aufgeben kann.
Kann einen ein anderer Mensch glücklich machen?
Manche können Unglaubliches! Ich glaube aber, der Ansatz ist Illusion. Nur man selbst schickt sich ins Glück oder Unglück. Ich war in sehr wenigen Beziehungen nach einer Weile glücklich, wenn der Zustand gegenseitiger Vergebung erreicht war. In den meisten kam es nie so weit. Wenn ich mich verliebe, kann ich auch nie genau sagen, warum ich mich in genau diese Person verliebe.
Ist das nicht immer so?
Ich hatte nie ein Raster. Gerade von Schwulen erwartet man doch, dass sie ein ganz klares Beuteschema haben.
Ist zumindest das Geschlecht ein grobes Kriterium?
Eben nicht! Wenn Sie jetzt hundert Frauen und hundert Männer vor mich hinstellen würden, habe ich keine Ahnung, in welche Person ich mich aus welchen Gründen eventuell verlieben könnte.
Womit wir doch wieder beim Unisex-Klo wären: Schliesslich sind Männer und Frauen doch einfach nur Menschen. Liebe ist nicht geschlechtsgerichtet.
Genau. Es geht einzig um die Ausnahmesituation, die ein anderer Mensch bei dir auslösen kann. Kopulieren ist eine Ausnahmesituation! Tiere, Menschen steigen aufeinander, kopulieren – machen alle ein blödes Gesicht. Der Löwe macht ein blödes Gesicht, das Zebra, auch die Vögel, wenn sie ihre Kloaken aufeinanderpressen. Vor allem aber ist jedes Tier während der Kopulation leichte Beute.
Und Verliebtheit ist das Gefühl, das einen dazu bringt, wegen eines anderen Menschen diese Gefahr auf sich zu nehmen.
Verliebtheit ist ja sowieso etwas Gefährliches! Es wird einem ja auch immer so bewusst, was einem fehlt, wenn man verliebt ist! Man bewundert den anderen für was auch immer, den Slang, den Status, die Chuzpe, die Jugend, die Jugendakne vielleicht sogar, man findet alles am anderen so grossartig, und einem selber fehlt das alles.
Also ist Verliebtsein unangenehm, oder?
Es wirft einen aus der Balance, die man gerade mühsam gehalten hat. Sich verlieben ist wie sich verlaufen.
Und warum ist es trotzdem so toll?
Das ist der Suchteffekt. Wie bei Drogen: Die sind am Anfang auch nicht angenehm. Süchtig wird man, wenn man den Kick kennt und ihn wieder erwartet.
Stimmt es eigentlich, dass Sie einerseits Ihren Lebenspartner haben und daneben noch einen Geliebten?
Nein. Mein Partner ist zwar vor allen Dingen mein Seelenverwandter, diese Art von Liebe. Eternal Love. Aber auch ein Soulmate verbietet einem eigentlich Verhältnisse.
Keine offene Beziehung?
Nein, wozu?
War nie offen?
Anonymer Sex war noch nie mein Ding. Und jetzt, mit dem Alter, wo auch der sexuelle Hunger etwas nachlässt, tendiere ich dazu, diese Aktivitäten Profis zu überlassen. Pornodarstellern. Die sind dann auch schön rasiert und so und können sich ineinander verschlingen wie Mollusken, und ich kann wegzappen und behalte ein appetitliches Selbstbild. Das ist mir wichtig.
Momentan heiraten ja viele Schwule. Was halten Sie davon?
Hätte gar nie verboten sein dürfen. Völlig klar. Jede Liebe ist gottgewollt, und kein Segen darf ihr verweigert werden.
Meinen Sie nicht, dass diese Tendenz zur Verbürgerlichung die ganze Schwulenkultur verändern wird?
Sicherlich! Aber das ist gut so! Dann geht es halt nicht mehr nur darum, sich fit zu machen und sich selbst geil zu finden und sich modisch anzuziehen, sondern jetzt geht es um die schwule Familie. Das ist die nächste grosse Aufgabe der Szene.
Warum heiraten Sie und Ihr Partner nicht?
Ehrlich gesagt, war mir einmal genug. Bis auf die Erbschaftssteuer kann man alle privaten Belange notariell regeln lassen.
Die Liebe zu Frauen und die Liebe zu Männern – fühlt sich die anders an?
Oh ja. Frauen wollte ich immer ganz archaisch in meine Hütte schleppen und besitzen und beschützen. Bei Männern fühle ich das Gegenteil: Ich will beschützt werden. Und ein Element ist auch die Spannung, ein nicht vorgelebtes Modell zu entdecken. Auf jeden Fall sucht man einen Partner, der das fehlerhafte Ich komplettiert.
Am Schluss geht es immer darum, nicht allein zu sein.
Männer brauchen andere Männer, allein ist ihnen kalt und bange. Im Extremfall, wie beim Kannibalen von Rothenburg, wo sich viele Männer auf seine Internetanzeige gemeldet haben, in der er angeboten hatte, einen Freund zu verspeisen, ist es der pervertierte Wunsch nach Vergebung und Auflösung durch die totale Verschmelzung – aus zwei mach eins –, der Wunsch, nie mehr allein sein müssen.
Ist Lickup nicht mehr da? Oder war das nur ein Gag? Wär Schade…