24.10.2008 von Finn Canonica
Liest man Ihr Buch genau, hat man das Gefühl, auch Sie seien teilweise der Faszination Camorra erlegen.
Das stimmt, ein bisschen besessen von dem Thema bin ich. Wahrscheinlich fasziniert die Camorra so sehr, weil sie so durch und durch böse ist und gleichzeitig immer wieder ihr Gesicht verändert. Da gibt es alles, vom komplett verblödeten Killer mit Babygesicht, der für eine Kinderüberraschung töten würde, bis zum hochintelligenten Psychoanalytiker.
Sie kennen einen Psychoanalytiker, der Mitglied der Camorra ist?
Ja, einer der Bosse aus Mondragone, einer Gemeinde bei Neapel, ist Psychoanalytiker, ein Experte für Sigmund Freud. Er hatte die radikale Idee, alle HIV-Infizierten seiner Gemeinde umbringen zu lassen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. In relativ kurzer Zeit wurden über 50 Menschen ermordet.
Die Medien, allen voran der Film, sind seit jeher fasziniert von der Mafia. Trotz
der gezeigten Brutalität wird in den grossen Mafia-Filmen immer auch eine gewisse Romantik der Gewalt zelebriert. Was ist denn, trotz aller Gewalt, romantisch an der Camorra?
Nichts, rein gar nichts. Was den Camorristi gefällt, ist in erster Linie die Überzeichnung der Figuren in vielen Filmen. Das ostentative Gehabe, die Protzerei mit Frauen und Macht, die pathetisch-machoiden Sprüche, lauter Dinge, die eben Kino sind und Kino bleiben sollen. Pervers ist jedoch, dass die Camorra begonnen hat, das Kino zu imitieren. Das hat die ganze Spirale der Gewalt beschleunigt.
Sie meinen, Hollywood ist mitschuldig an der Gewalt?
So würde ich das nie sagen, Filme und Bücher sind Kunstwerke, in ihnen sollte alles erlaubt sein. Tatsache ist jedoch, dass die Clans der Camorra einen extremen Kult um viele dieser Mafia-Filme betreiben. Hollywood ist eine der grossen Inspirationsquellen der Camorra. Für viele Camorristi ist ein Film wie «Scarface» das Allergrösste und Al Pacino ein Gott. «Scarface» ist sozusagen die «Ilias» der Camorra. Viele können den Film praktisch auswendig, Dialogzeile um Dialogzeile. Walter Schiavone baute sich eine Villa mit dorischen Säulen, Wasserkaskaden und einer Freitreppe, exakt nach dem Vorbild von Tony Montana alias Al Pacino. Aber nicht nur Mafia-Filme dienen als Vorbild. Ein Boss nennt sich «The Crow» und kleidet sich wie der Protagonist des gleichnamigen Films, es gibt eine Frau, die bewusst denselben gelben Motorradanzug trägt wie Uma Thurmann in «Kill Bill».
Die grossartige Verfilmung von «Gomorrha» von Matteo Garrone hat bestimmt auch das Zeug zum Kultfilm, vielleicht spielen Camorristi eines Tages Szenen aus dem Film nach.
Kann sehr gut sein, mein Anti-Camorra-Buch wird über die Verfilmung für künftige Camorristi zum Kult, was für eine bittere Ironie. Aber Neapolitaner sind nun mal alle Schauspieler, von Matteo weiss ich, wie viele Camorristi sich geradezu um eine Rolle in dem Film gestritten haben. Einer der Killer im Film wurde im Juli verhaftet, Kollegen haben ihn an die Polizei verraten, nachdem sie ihn in einer Vorführung erkannt haben.
Wie geht es weiter mit Ihnen, werden Sie jemals wieder ein normales Leben führen können?
Keine Ahnung. Ich lebe im Augenblick von Tag zu Tag. Vielleicht werde ich einmal wieder in Ruhe leben können, in Italien oder sonst wo. Ich habe mich mal mit Salman Rushdie darüber unterhalten, das hat mir gut getan. Wissen Sie, ich zahle einen hohen Preis für mein Buch, aber die Wunde, die ich der Camorra zugefügt habe, wird noch lange bluten.
Der Italiener Roberto Saviano, 29, erlangte mit seinem 2006 erschienenen Roman «Gomorrha» Weltruhm. Das Buch, eine Mischung aus Roman und Recherche, beschreibt die Camorra und ihre Verflechtung mit Wirtschaft und Politik. Der darauf basierende Film «Gomorra» läuft derzeit in den Schweizer Kinos.