«Über Sex können wir nach der Sitzung reden»

Max Wiener, ehemaliger Top-Manager und Werber, sieht die Situation von Schwulen im Berufsleben absichtlich rosiger, als sie ist. Ein Gespräch über Karrieren.

11.07.2008 von Andreas Dietrich

Wann haben Sie sich geoutet?
Ich habe nie ein offizielles Statement abgegeben, weder bei den Eltern noch beim Rabbiner noch bei sonst wem.

Aber jeder, der Sie kennt, weiss, dass Sie schwul sind.
Ich habe nie etwas versteckt, bin aber auch nie mit einem «Ich bin schwul»-Plakat durch die Welt gelaufen. Es war und ist nur ganz selten ein Thema.

Gingen Sie davon aus, dass hinter Ihrem Rücken getuschelt wird?
Ja, sicher. Und wenn mich jemand darauf ansprach, sagte ich: «Klar bin ich schwul.» Oder: «Hast du etwas dagegen?» Wobei das nicht oft vorgekommen ist. Wer es wusste, wusste es. Ich glaube auch, dass viele sich nicht getraut haben, mich darauf anzusprechen.

Sie waren einige Jahre in der Konzernleitung von Ringier…
…und ich habe dort deswegen nie Schwierigkeiten gehabt. Michael Ringier wusste Bescheid, und es war ihm so lang wie breit.

Keine negativen Erfahrungen?
Ein einziges Mal passierte etwas Befremdliches. Ich war, in der Konzernleitung zuständig fürs Marketing, an einer Sitzung mit etwa zwanzig Anzeigenleuten und dem Chef Zeitschriften oder Zeitungen, das weiss ich nicht mehr so genau. Er eröffnete die Sitzung mit den Worten: «Herr Wiener, damit wir alle gut miteinander leben können – wollen Sie sich jetzt hier nicht outen?» Das fand ich doch sehr seltsam. Ich antwortete: «Über Sex können wir ja nach der Sitzung reden. Ich würde jetzt lieber über Inserate reden.» Damit war die Sache erledigt.

Das Wirtschaftsleben ist sehr hetero geprägt, in den Chefetagen sowieso.
Früher sagte man, ein Hoteldirektor ohne Frau, das geht nicht. Dabei hat es im Gastgewerbe ja weiss Gott ein paar schwule Tüchtige. Aber seit der Regierende Bürgermeister von Berlin offen schwul ist und mit seinem Freund die Königin von England samt ihrem Prinzgemahl herumführt, ist diese Denkweise obsolet geworden. Es gibt sicher noch da und dort Restanzen von Schwulenfeindlichkeit, und womöglich unterschätze ich es. Aber ich will es auch unterschätzen.

Warum?
Weil es mir recht wäre, wenn Schwulsein kein Thema mehr wäre.

Haben Sie es eigentlich gemerkt, wenn Sie beruflich mit einem anderen Schwulen zu tun hatten?
Das ist etwas Merkwürdiges. Ob es bei Ringier Schwule hatte oder nicht: Ich weiss es gar nicht. In meiner Werbeagentur hatte es bestimmt – aber es hat mich im Beruf einfach nie interessiert.

Ich bitte Sie.
Sie meinen, ob ich im Büro nie einen angemacht habe? Business ist Business, und Moses ist Moses. Ich habe schlicht nicht daran gedacht, und es ist auch nie zu einem Techtelmechtel gekommen. Ach, das klingt jetzt alles so sauber! Das passt mir nicht, weil ich das überhaupt nicht bin. Aber ich kann ja nicht irgendwas erzählen, das ich nicht erlebt habe.

Haben Sie von schlechten Erfahrungen anderer gehört?
Ja, sicher. Ich bin beim «Network für schwule Führungskräfte», unsere 250 Mitglieder sind alle in einer gehobenen oder sonstwie besonderen Position. Da höre ich schon Sachen und denke: Andere haben es nicht so einfach wie ich. Einer hat mir mal gesagt, er wisse genau, dass er die oberste Karrierestufe nie erreichen werde. Das sei unvorstellbar in seiner Firma, schwul und Topposition. Wobei ich ihm dann sagte: «Bist du sicher? Meinst du nicht, dass du ein Problem hast und gar nicht die andern?» Allerdings sehe ich es wohl rosiger, als es ist. Vermutlich stimmt beides: Es gibt Diskriminierung, und es gibt selbstverantwortete Probleme.

Ist «Network» der Rotaryklub der Schwulen?
Wenn Sie so wollen, ja. Die hatten ja bis vor Kurzem auch nur Männer.

Man hilft sich gegenseitig?
Wenn man kann, ja.

Gibt es einen schwulen Filz?
Davon wüsste ich nichts – aber es wäre gar nicht schlecht. Natürlich schaue ich, wenn ich geschäftlich etwas brauche, zuerst bei uns im «Network». Ein bisschen aus Loyalität wie bei den Rotariern, ein bisschen aus der Haltung heraus, dass man sich gegenseitig hilft, weil man eine Minorität ist.

Das Bewusstsein, einer Minderheit anzugehören, hat Ihr Leben geprägt?
Ich bin ja doppelt minoritär, weil ich auch jüdisch bin, ein schwuler Jude, ein jüdischer Schwuler. Ich bin jetzt 76 – und im Rückblick empfinde ich nichts als Dankbarkeit hierfür. Ich glaube, ich habe mir im Leben mehr, vielleicht sogar doppelt Mühe gegeben. Deshalb ist einiges besser herausgekommen, als wenn das nicht gewesen wäre. Die Grenzposition motiviert einen, mehr zu tun.

Schwule Führungskräfte wären demnach die besseren?
Das kann ich mir vorstellen, ja.

Sie sind 76. Ist es heute angenehmer, schwul zu sein?
Vom Erotischen her war es früher spannender. Es lief im Versteckten, und das war reizvoll. Heute ist alles viel lockerer und angenehmer, und zum grossen Glück haben wir jetzt weit gehend Gleichberechtigung, die unerhört wichtig ist. Aber das hat auch seinen Preis: Die Normalität bringt es mit sich, dass die Schwulen langweiliger und spiessbürgerlicher werden. Die Kreativität und der Antrieb, die der Minderheitenstatus hervorgebracht hat, drohen verloren zu gehen.

Max Wiener, Zürich, früher Werbeagentur Wiener & Deville und Mitglied Konzernleitung Ringier AG | Philippe Jarrigeon
Max Wiener, Zürich, früher Werbeagentur Wiener & Deville und Mitglied Konzernleitung Ringier AG | Philippe Jarrigeon

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.