11.07.2008 von Guido Mingels
Ist Stricher Ihr Beruf?
Kann man so sagen. Traditionell meint man mit «Stricher» aber eher die Prostitutierten auf dem Strassenstrich, und die gibt es praktisch nicht mehr. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, sage ich, ich sei Prostituierter. Das versteht jeder.
Callboy?
Das ist mir zu guguselig. Das ist für Jungs, die sich zu fein sind, sich Prostituierte zu nennen. Am liebsten sehe ich mich als Sexualtherapeut. Oder als Heiler.
Was heilen Sie?
Unerfüllte Wünsche. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Kunden zu helfen, ihre Sexualität auszuleben.
Was kosten Sie?
300 Franken pro Date. Andere bevorzugen gestaffelte Preise – einen für einen Blowjob, einen für Verkehr. Ich arbeite mit einer Pauschale und habe gute Erfahrungen damit gemacht.
Wann wird bezahlt? Vor- oder nachher?
Bei mir danach. Weibliche Kolleginnen finden das unprofessionell. Aber wenn der Kunde zu mir kommt, ist er giggerig, er will Sex. Das will ich nicht stören durch Reden über Geld.
Wie viele Kunden haben Sie pro Tag?
Meine Haltung ist, wenig zu arbeiten und viel zu leben, dafür bescheiden. Ich habe pro Woche vier bis acht Kunden. Damit komme ich über die Runden.
Wer kommt zu Ihnen?
Etwa die Hälfte sind echte Schwule, also Homosexuelle mit homosexueller Identität. Das sind aber oft solche, die auf dem freien schwulen Beziehungsmarkt keine Chance haben. Weil sie dort als zu alt gelten oder als zu dick. Jugendkult und Attraktivitätszwang in der Schwulenszene sind grausam. Genau davon lebt die Männerprostitution. Ich nehme auch Alte und Dicke. Kürzlich hatte ich einen 72-Jährigen aus dem Emmental, netter Typ, der wollte einfach einen jungen Burschen, mit dem er auch ein bisschen plaudern kann vor- und nachher. Als Schweizer habe ich da einen Marktvorteil, ich bin als Inländer fast ein Exot in der Szene. Es gibt viele Thais und Brasilianer, und die können oft kaum Deutsch.
Lehnen Sie auch Kunden ab?
Wenn sie stinken oder besoffen sind. Kommt aber fast nie vor. Das ist der Vorteil einer gesitteten Kleinstadt wie Bern: Da kommt man noch gewaschen!
Und wer ist die andere Hälfte Ihrer Kunden?
Heteros mit Doppelleben. Oft schon etwas älter, oft verheiratet, oft mit Kindern. Kürzlich hatte ich einen 40-jährigen Familienvater, der hatte total Angst. Es dauerte eine Stunde, bis er ausgezogen war, der Sex dauerte vielleicht dreissig Minuten, und dann haben wir zwei Stunden über seine Situation diskutiert. Diese Männer sind oft in einem furchtbaren Dilemma. Sie lieben ihre Frau, ihre Kinder, können aber zu Hause nicht über ihre Bedürfnisse reden, weil das alles kaputt machen würde. Da bin ich dann wirklich der Therapeut.
Sie beeinflussen Lebensläufe. Ist Ihnen das klar?
Schon. Da sind Lebenserfahrung und Einfühlungsvermögen gefragt. Und das macht meine Professionalität aus, denn hier geht es um mehr als Schwanzgrösse, Knackarsch, Sixpack und Lächeln.
Bei diesen Kunden mit Hetero-Biografie: Haben Sie einem auch schon abgeraten, seine schwule Seite auszuleben?
Nein. Sexuelle Erfahrungen bringen wertvolle Erkenntnisse. Aber ich ziehe mich zurück, wenn sich einer verliebt. Einmal hatte ich einen Arzt als Stammkunden, der wollte seine Familie verlassen, um mit mir ein neues Leben anzufangen. Da sagte ich: Du kommst nicht mehr zu mir.
Wie werben Sie für sich?
Vor allem übers Internet. Da bin ich in schwulen Chats und natürlich auf gayromeo.com, das ist der Hauptumschlagplatz. Dort gibt es Fotos von mir und Informationen zu meinen Vorlieben und zu meinen Körperdaten, Gewicht, Behaarung, Schwanzgrösse und so. Ich habe zwanzig Zentimeter auf fünf, das hat nicht jeder. Das ist ein Vorteil.
Was bieten Sie an?
Kein bestimmtes Programm. Mit mir kann man einfach Sex haben, was genau, ergibt sich dann.
Küssen Sie?
Sicher. Das ist bei schwulen Prostituierten anders als bei Frauen in diesem Job. Küssen gehört bei uns einfach dazu. Was dagegen weniger zwingend ist beim schwulen Sex, ist Penetration. Obwohl ich das natürlich auch anbiete – allerdings nur aktiv. Passiv mache ich nicht. Mein Arschloch ist Privatsache.
Haben Sie selber Spass beim bezahlten Sex?
Unbedingt. Das ist ganz wichtig. Ein Prostituierter, der keinen Spass hat dabei, kann auch keinen Spass vermitteln. Wobei der Spass beim beruflichen und privaten Sex völlig unterschiedlich ist. Beim privaten Sex bin ich auf gleicher Ebene mit meinem Partner, da erlebe ich eigene körperliche Erfüllung. Beim beruflichen Sex resultiert das Vergnügen eher daraus, Lust zu vermitteln. Die Befriedigung für mich ist ähnlich wie in jedem anderen Beruf. Ich freue mich, dass mein Kunde gerade mich als Dienstleister ausgewählt hat. Ich freue mich über den Lohn, das ist Anerkennung meiner Leistung. Und da ich mich als Therapeut verstehe, freue ich mich über den Erfolg meiner Therapie.

Bild: Vera Hartmann