16.05.2007 von Max Küng
001 Der Anfang. Der Anfang ist immer schwer. Wenn ich jeweils ein Notizbuch voll geschrieben habe, dann kaufe ich ein neues, und um den Schrecken der leeren Blätter etwas zu mildern, schreibe ich auf die erste Seite: «Das ist der erste Satz.» Manchmal schreibe ich diesen Satz in ziemlich grossen Buchstaben. Auf die nächste Seite schreibe ich dann: «DAS IST DER ZWEITE SATZ.»
002 So schnell gehts: Dies ist schon der neunte Satz.
003 Eine Lebensmittelvergiftung ist kein Spass, das wusste ich, aber als es mich erwischte, war die Heftigkeit der Erfahrung doch überraschend. Es war an einem Montag, als mir gegen 16 Uhr langsam schlecht wurde. Erst dachte ich, es handle sich um die normale Sitzungsübelkeit. Montags haben wir Redaktionssitzung. Ich hasse Sitzungen. Also dachte ich erst nichts Schlimmes und versuchte weiter auf meinen Schreibblock einen Elefanten zu zeichnen, was mir nicht richtig gelingen wollte. Es ist verdammt schwer, einen Elefanten zu zeichnen. Aber mir wurde immer übler. Bleich ging ich nach Hause, jammernd. Etwas war in mir. Und dieses Etwas war nicht gut. Um neun Uhr abends hing ich dann nicht wie sonst vor dem Fernseher rum, sondern über die Badewanne gebeugt, ich umarmte sie und war sehr froh, zu Hause zu sein und nicht auf einer Geschäftsreise, in einem Flugzeug nach Tokio, Sitz 34E, oder in einem voll besetzten Kino, oder beim gemütlichen Znacht beim neuen Chef. Hätte ich denken können, in jenem intimen Moment in meinem Badezimmer, ich hätte an den sensiblen Blick Jeff Goldblums gedacht, als er in «Jurassic Park» das erste Mal den entfernten, aber eindringlichen Ruf eines Dinosauriers hörte. Aber ich konnte nicht denken. Ich konnte überhaupt nichts anderes tun als: Dinosaurier zu sein. Und dann das Fenster zu öffnen.
004 Der Mensch kann ausgesprochen komische Geräusche machen. Vor allem dann, wenn er nicht will.
005 Obwohl: vorhin: Der Gedanke, dass ich froh war, zu Hause zu sein und nicht in einem voll besetzten Kino. Ich glaube, man könnte sich im Kino den Folgen einer Lebensmittelvergiftung hingeben, wenn der entsprechende Film läuft.
006 An jenem Montag ass ich drei Dinge, die folglich als Grund für die Lebensmittelvergiftung in Frage kommen konnten. Morgens einen Schokoladengipfel in der Tamedia-Kantine, der nicht besonders gut war. Mittags im McDonald’s am Stauffacher ein Big-Tasty-Bacon-Menü mit Pommes frites. Nachmittags ein Stück vom Kuchen, der in der Grafikabteilung herumstand, jedoch nicht von jemandem aus der Redaktion gebacken worden war, sondern vom Sprüngli stammte. Der Kuchen konnte es nicht gewesen sein, davon assen auch andere. Also hiess es Gipfel oder Burger – Zeit für Investigationen. Und dann schrieb ich einen elektronischen Brief an Ronald McDonald. Einen Brief mit Fragezeichen.
007 Ich fand schon immer den Saucenanteil beim Big Tasty unverhältnismässig hoch. Einen Big Tasty kann man nicht essen, ohne sich mit Sauce voll zu schmieren. Aber vielleicht ist es das, was die Kundschaft will: sich mit Sauce voll schmieren. Grundsätzlich nehme ich bei McDonald’s immer einen Cheeseburger Royal. Aber manchmal lässt man seine Grundsätze fahren. Und dann wird man dafür bestraft.
008 Man darf nun keine Rückschlüsse auf die Art meiner Ernährung konstruieren. Nicht jeder Tag besteht aus dem Programm Schokoladengipfel/Big-Tasty-Menü/Kuchen vom Sprüngli. Obwohl es ein bisschen dümmlich klingt: Ich achte sehr auf meine Ernährung. Ich wollte ja auch gar nicht zu McDonald’s, aber mon-tags ist der Sandwichladen von Daniel H. mittags geschlossen. Es war pure Verzweiflung, die mich in den engen, dunklen Schlund des McDonald’s am Stauffacher trieb. Es war der Hunger. Und der Hunger ist ein Trieb, der aus dem nettesten Menschen im Nu eine Bestie macht.
008.1 Ein Big Tasty hat 850,15 Kalorien. Eine grosse Portion Pommes frites 470,40. Zwei Portionen Ketchup 40,08. Macht zusammen 1360,63 Kalorien. Ist das viel?
009 Das ist das Schöne am Leben: dass man auch im hohen Alter noch etwas lernen kann.
009.1 Das ist der einundsechzigste Satz.