01.06.2007 von Max Küng , 5 Kommentare
018 Es war keine gute Idee, während eines Sturmtiefs ein Flugzeug zu besteigen, aber immerhin brachte diese Erfahrung einem wieder näher, was Fliegen eigentlich bedeutet. Dass man in einer zigarrenförmigen Metallkiste durch das Wetter düst, und Wetter heisst vor allem Wind. Der Wind macht, was er will. Als es gar arg wackelte und die Frau in der Reihe vor mir laut zu beten anfing, da schrieb ich ins Notizbuch: «Mein letzter Wille. Meine Plattensammlung soll versteigert werden, Erlös zugunsten Aktion Baschi-und-Katy-in-Not/Winterhilfe.» Doch lesen konnte man kaum etwas von dem, was ich schrieb. Und sowieso unsinnig: ein Testament in einem Flugzeug zu schreiben. Wenn es runterkommt, dann mit Feuer am Ende. Ausser, es fällt ins Meer. Ich klappte das Buch zu und die Augen auch und dachte daran, wer an meinem Begräbnis alles weinen würde und wessen Tränen echt wären. Ich sah auf meinem Begräbnis eine schwarz verschleierte Frau. Alle rätselten, wer sie war. Selbst ich kannte sie nicht
019 Filmtipp zum Sturm: «The Weather Man» von Gore Verbinski mit Nicolas Cage und Michael Caine. Film: 8,5 von 10 Punkten. Michael Caine: 10 Punkte. Er ist so verdammt cool
020 Nach der Landung in Madrid ein SMS von Freund F1. «Geh ins Ritz. Ein Dry Martini an der Bar ist Pflicht.» Ich schrieb zurück: «Logo». Aber dann schaffte ich es doch nicht ins Ritz. Schon komisch. Da fliegt man in eine ferne Stadt, zwecks Ferien, nimmt sich vieles vor, und dann ertappt man sich dabei, dass man zum dritten Mal dieselbe Gasse entlanggeht, in der es nach Urin stinkt, nur doofe Geschäfte gibt, die es in jeder anderen Stadt mit mehr als 17 000 Ein-wohnern auch gibt und man deshalb nicht dazukommt, die Dinge zu tun, die man sich vorgenommen hat.
022 Anstatt im Ritz landete ich in einem Tapas-Lokal namens Bocaito. Es war eng und laut und sehr gemütlich, und weil ich kein Spanisch spreche, bestellte ich Croquetas, Schinkenkroketten, denn dieses Wort beherrsche ich einigermassen, nebst Cerveza und Aeroporto und olé. Ich stand an einer schmalen Theke, vor meiner Nase hingen Fotos von Berühmthei-ten, die das Lokal besucht hatten. Pedro Almodóvar war hier, mit Penelope Cruz. Almodóvar hat scheinbar gesagt – so steht es in einem Zeitungsartikel, der neben dem Foto hängt –, was der Prado für Goya, das sei das Bocaito für Tapas. Lange betrachtete ich ein Foto, das Hugh Grant zeigt mit Sandra Bullock und zwei Köchen. Sandra Bullock sah aus wie immer: dumm, aber nett und irgendwie erfrischend normal. Hugh Grant sah aus, als wäre er granatenvoll und komme eben von der Toilette, wo er längere Zeit mit einer dicken Chorizo-Spezialistin be-schäftigt gewesen war.
023 SMS von Freund F2. «Unbedingt das Prada-Museum besuchen. Und: Die kleinen Happen in den Restaurants heissen Tampons.
024 Fast erleichtert fliege ich nach drei Tagen wieder heim. Madrid ist eine tolle Stadt, keine Frage. Aber Städte sind Vampire. Vor allem, wenn man alles machen will. Wer tagsüber ins Museum geht, kann abends nicht noch tanzen und dazwischen shoppen. Wann tanzte ich das letzte Mal? Ich glaube, als ich mir den Finger in der Autotür einklemmte. Erschwerend kommt dazu, wenn im Hotelzimmer das Bett zu weich ist, in dem man liegt, den Bauch voller Croquetas y Cervecas, und man sich dabei ertappt, wie man auf ProSieben eine Sendung schaut, in der es um ein Kind mit übergewicht geht mit einem Vater mit Alkoholproblem und einer Mutter mit Totalschaden.
025 Die Cablecom hätte lieber ProSieben aus dem Programm genommen denn BBC. Da wo BBC war, Kanal 12 auf meinem alten Bang-&-Olufsen-Fernseher, da wird es für immer rauschen und flimmern, als Erinnerung an den Verlust. Fuck Cablecom.
025.1 Nie mehr «Top Gear» sehen. Darüber werde ich nicht hinwegkommen.
026 Ich habe wieder einmal versucht, mir «Germany’s next Topmodel» mit Heidi Klumm anzusehen, aber die Sen-dung ist zu kaputt. Die ist so kaputt, wie etwas nur kaputt sein kann. Ich bin grundsätzlich gegen Verbote. Aber in diesem Fall wäre eines angebracht. Unbedingt.
026.1 ProSieben macht mich krank. Und traurig.
Wir hatten bis zum Online-Redaktionsschluss die lange Version von Max’ Text noch nicht zur Hand, beziehungsweise zur Maus. Max liegt heute – wie im Text angedroht – krank im Bett. Dass ProSieben den Max K.O. geschlagen hat…
…wag ich zu bezweifeln. Man munkelt hier auch was von streptokokkischen Japanvirii, die da malignös im Umlauf seien. Als Mitbasler und Auslandjapaner hab ich da einen etwas anderen Verdacht… Die Wurzel des Übels (allen Übels?) ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – der FC Zürich… Vielleicht wissen wir nächste Woche mehr.
Inzwischen wünsche ich: Gute Besserung.
Nein, es war nicht der FCZ, der mich umgehauen hat. Ein Bakterium hat mich niedergestreckt. Ich weiss nicht, was für ein Mitglied aus der grossen Familie der Bakterien es war, ich weiss bloss, dass es sich nicht um Steptokokken handelte.
Langsam aber bin ich wieder gesund. Ich esse brav meine Antibiotika. Und bald werden die Dinge wieder gut sein. Richtig gut.
Liebe Grüsse: Max Küng
Lieber Herr Küng, Sie machen mich krank. Und traurig. Bei Ihrer ehemaligen Rubrik "Kaufen mit Küng" im Magazin 15/07 stand im Kleingedruckten folgendes: "Ferienmässiges Fliegen habe ich eingestellt. Ich fahre in die schönen Bündner Berge, so lange es die noch gibt." Ein Mann mit Prinzipien, so gut! Sie wurden sogleich mein Vorbild. In der neuen Reihe "Tausend Dinge" im Magazin 21/07 schreiben Sie nun Ihr Testament auf einem Flug in eine ferne Stadt, "zwecks Ferien". – Leuchtet bei Ihnen auch das rote Lämpli? Trotz des kleinen Fauxpas: ich freue mich darauf, 100 000 weitere Dinge von Ihnen zu lesen!
Mein Gewissen ist rein. Es ist nämlich so: Madrid war in der Vergangenheit. Also: Madrid fand als Ereignis vor besagter "Kaufen mit Küng"-Kolumne statt. Ha, sauber rausgeredet, oder? Ausserdem waren es nicht mal wirklich Ferien. Ich hab meine Frau begleitet, die beruflich in Madrid zu tun hatte. Ich trug ihre Koffer.
Mit besten Grüssen
20/10 (mindestens)