043 bis 052, ungekürzt

01.07.2007 von Max Küng

043 Am Fussgängerstreifen wartete ich brav, bis ein Wagen hielt und der Fahrer mir mit einem freundlichen und klaren Handzeichen deutete, dass ich gefahrlos die Strasse überqueren durfte. Ich winkte dem Mann zum Dank. Er nickte. Er sass in einem roten Kombi. Ich glaube, es war ein Ford. Der Wagen trug den Schriftzug einer Firma: ASSCAR. Ich dachte: Stimmt ja gar nicht.
043.1 Sowieso komisch, was man alles auf Autos lesen kann. In Berlin las ich einmal: «Gebrüder Rammelt – Sanitäre Anlagen». Jemand hatte mit einem dicken Filzstift wohl aus der Manufaktur Edding die Schrift durch zwei Ausrufezeichen ergänzt. «Gebrüder! Rammelt! – Sanitäre Anlagen».
044 Mein Nachbar erzählte mir von seinem anderthalbjährigen Sohn: «Ich komme ins Wohnzimmer. Der Fernseher läuft. Mein Sohn kann ihn nämlich schon alleine anstellen. Cleverer Junge, mein Sohn. Aber dann sehe ich, wie er seinen Kopf gegen den Fernsehschirm presst. Er küsst den Bildschirm. Auf dem Schirm lächelt der Mörgeli, der Politiker. Mein Sohn küsst den Mörgeli. ‹Schmatz, schmatz, schmatz›. Er küsst ihn auf den Mund. Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Schock das war. Meinst du, da muss ich was unternehmen? Meinst du, er…» Ich sagte ihm: «Abwarten. Beobachten.»
044.1 Tage später traf ich meinen Nachbarn mit dem anderthalbjährigen Sohn. Mein Nachbar mit dem anderthalbjährigen Sohn war alleine unterwegs. Er kam eben vom Zahnarzt. Er sah traurig aus. Er jammerte. Sein Sohn hatte ihm mit der Fernsehfernbedienung einen Zahn ausgeschlagen. «Ach, ihr habt auch einen Bang & Olufsen?», fragte ich. Er nickte.
045 Vierundzwanzig DJ-Namen zum Ausleihen: DJ Crazy Fantasy; DJ Streptokokken; DJ Menü 2; DJ Zubrot; DJ One Man Show; DJ Smegmasosse; DJ Chris Fun From Rear; DJ Run From Fear; DJ Läckerli; DJ Rappel Zappel; DJ Tip Top; DJ Mainstream; DJ Miss Kompromiss; DJ SuperSloMo; DJ Mario Cantaluppi; DJ Laptop; DJ Fancy Drinks; DJ Antoine; DJ Mörgeli Has Broken; DJ Feel Good; DJ Plattenbau; DJ Swinger; DJ Siddhartha-Sirdalud; DJ Phalaenopsis.
045.1 Der Mensch, der im Jahr 1704 erstmals die zur Familie der Orchideen gehörende Phalaenopsis beschrieb, hiess Georg Joseph Kamel. Auch kein schlechter Name.
046 DVD-Geschenkidee für Klumpen (und alle, die sich hobbymässig mit Bakterien und ähnlich fiesem Zeugs beschäftigen): «Andromeda – Tödlicher Staub aus dem Weltall», 1971, Regie: Robert Wise. Ich wette, da gefriertrocknet das Blut in Klumpens Adern.
047 Die Frau in mir sagt: Du könntest wieder einmal darüber nachdenken, den Bart zu rasieren. Und zwar ganz. Sie sagt: Stell dir vor, wie schön es dann wird; auf Flughäfen langweilst du dich dann nicht mehr, sondern du kannst im Dutyfree Rasierwasser studieren. Und die Zollformalitäten dauern auch nicht mehr so lange.
048 Eine Frau in Russland sagte mir, als ich beruflich in einer Bar sass und Wodka trank, in Jekaterinenburg, ehemals Swerdlowsk, am Ural, dort, wo die Zarenfamilie erschossen wurde und am Morgen des 2. April des Jahres 1979 aus einer Fabrik für Biowaffen eine unbekannte Menge zwischen zehn Milligramm und einem Gramm Anthrax-Sporen entwich, was zum Tod von 66 Menschen durch Milzbrand führte: «You look like animal from forest.» Das war vor sechs Jahren. Damals lachte ich.
049 Heute habe ich eine grosse Erfindung gemacht! Ein neuartiges Sandwich. Auf eine Scheibe Brot streiche ich etwas Erdnussbutter, nicht zu dick, höchstens 1 Zentimeter. Dann eine Lage Surimi-Fischabfall-Sticks. Dann etwas Mayonnaise. Ich nenne meine Erfindung Pearl Harbor. Sie schmeckt sehr gut.
049.1 Nachdem ich mein Pearl-Harbor-Sandwich gegessen hatte, dachte ich eine Weile über Roman Kilchsperger nach, weil ich ihn am Morgen im Radio gehört hatte. Ich weiss, dass ich das nicht tun sollte: Radio hören. Es ist nicht gesund. Aber manchmal geschieht es einfach. Ein Reflex. Man schaltet das Radio ein. Man denkt, vielleicht kommen kluge Nachrichten. Aber es kommen nie kluge Nachrichten. Und heute Morgen lief auf Radio Energy in Roman Kilchspergers «Morgenshow» das Telefonspiel namens «Bärchen und Hasi». Das Konzept: Getrennt werden einem Paar telefonisch drei Fragen gestellt. Zuerst der Frau. Dann dem Mann. Oder umgekehrt. Die Fragen sind relativ intim, die letzte der drei Fragen ist immer sexueller Natur, manchmal mehr, manchmal weniger schlüpfrig. Stimmen die drei Antworten der Partner überein, gewinnt das Paar einen tollen Preis. Ein Weekend in einem Wellnesshotel in Feusisberg oder ähnlich. Die dritte Frage lautet zum Beispiel: «Wenn bei euch beim Sex der Gummi platzt, dann sagt Darko ‹ups………›. Was sagt er?» (Antwort Natascha: «Er sagt: ‹Macht nüt›», Antwort Darko: «Ich fluche. Aber es ist noch nie passiert.») Oder «Welches ist Francescos Versicherung, damit er sicher zu Sex bekommt. Was muss er tun?» (Antwort Nura: «Er muss einfach zupacken.» Antwort Francesco: «Schwierige Frage. Ich muss den Sex einfach holen. Dann bekomme ich ihn auch meistens.») Oder «In Sachen Sex: Wie lange geht es bei euch im Durchschnitt?» (Cindy: «Eine Stunde.» Antwort Jan: «Eine halbe Stunde.») Oder «Was muss eine Frau haben, damit sie Claudio gefällt?» (Antwort Alessandra: «Dunkle Haare und grüne Augen.» Antwort Claudio: «Eine rassige Frau mit einer schönen Oberweite muss es sein. Haare dunkel und lang. Nicht allzu schlank, sondern gut gebaut. Und braune Augen.»)
Daran dachte ich, daran und an Roman. Dann wurde mir ein bisschen schlecht. Ich weiss nicht, ob es daran lag, dass ich zu viel Erdnussbutter auf das Brot strich oder ob ich zu intensiv über Roman Kilchsperger nachdachte. Irgendwie ist er ja noch nett, aber leider auch dumm wie Brot ohne was drauf.
050 Vor lauter Langeweile habe ich heute im Laserzone vier Filme gekauft: «Andromeda – Tödlicher Staub aus dem Weltall». «Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit» von Tony Scott. «Opening Night» von John Cassavetes. «Kagemusha – Der Schatten des Kriegers» von Akira Kurosawa. Alle zusammen 104 Franken und 60 Rappen. Zu Hause stellte ich die Filme ins Regal, zu all den anderen Filmen, die ich anzusehen noch keine Zeit hatte. Zur «Twin Peaks – Season 2»-Box. Zu «Grizzly Man» von Werner Herzog. Zu «Blood Diamond» von Edward Zwick. Alle noch in Zellophan eingeschweisst. Irgendwann werde ich einen DVD-Abend machen. Irgendwann. Bald. Bestimmt.
050.1 Edward Zwick ist ja auch ein guter Name. Vor allem, wenn man einen Hexenschuss hat.
050.2 Apropos Namen: Als ich vor vielen, vielen Jahren auf dem Flughafen Frankfurt auf meinen Flug nach Tiflis wartete, lernte ich einen ziemlich neurotischen Kriegsfotografen kennen, der mir seine über seinen Körper verteilte Narben zeigte («This: Afghanistan. Here: Angola. And you see my leg: Greece.» – «There is war in Greece?» – «No. I rented a Scooter.»). Als wir an der Bar sassen und warteten und warteten, weil der Flug acht Stunden verspätet abfliegen sollte, hörte ich plötzlich eine Durchsage. «Herr Satan, bitte melden sie sich am Informationsschalter. Mister Satan, please contact the information desk.» Ich dachte kurz darüber nach, ob das etwas zu bedeuten hatte und sah den Kriegsfotografen an. Er hatte die Durchsage scheinbar nicht gehört. Er erzählte etwas. Eine Story. Angola. Afghanistan. Irgendwoher hatte er einen Latexhandschuh, wie ihn die ärzte tragen, oder ich, wenn ich Chilis schneide. Er zog ihn an. Später würde er ihn tragen, bis wir im Flugzeug sassen. Er würde den Leuten seine behandschuhte Hand hinstrecken und sagen: «Hello, this is my new plastic hand.» Dann dachte ich, dass es nichts zu sagen hat, wenn einer mit dem Namen Satan zum Informationsschalter gerufen wird. Ein Name ist ein Name. Ein Informationsschalter ist ein Informationsschalter.
050.3 Nochmals apropos Namen: Wer beim «Magazin» in einem Artikel einen Namen falsch schreibt, der muss 50 Franken in die Weihnachtsessenskasse zahlen. Letzte Woche musste ich 100 Franken bezahlen. Das tat weh. Ich schrieb in der Japan-Reportage «Kurasawa» statt «Kurosawa». «Eric» Satie statt «Erik» Satie. Peinlich. Peinlich, aber wahr. Aber ich bin nicht alleine. In dem einen Heft waren an die zehn Namen falsch geschrieben. Ich habe das Gefühl, es könnte ein anständiges Essen werden, Ende Jahr.
051 Erster Nachtrag zur Art Basel. Ein dicker Deutscher vor dem Restaurant Erlkönig. Er geht nervös herum. Er raucht. Und er bellt in sein Handy. Er bellt: «Das Bild hängt so geil. Zwischen Artschwager und Rockenschaub. So geil. Jetzt muss der Knoten einfach mal platzen. Ich hab den Pablo in Venedig schon heiss gemacht.»
051.1 Zweiter Nachtrag zur Art Basel. Eine Zürcher Galeristin mit Nachdruck zu einem Ehepaar: «Oh, I’m sorry, it’s already sold. It goes to a very, very important collection.» Das Ehepaar schaut betrübt. Der Mann fragt nach, zeigt auf ein anderes Bild. Die Galeristin schüttelt den Kopf.
051.2 Ich möchte einmal erleben, dass eine Galeristin sagt, das Bild gehe an eine «very, very unimportant collection».
051.3 Was ist der Unterschied zwischen einer «important collection», einer «very important collection» und einer «very, very important collection»? Ich frage einen Freund, der vom Fach ist. Er ist Künstler. Er weiss Bescheid. Er sagt: «Wenn die Sammlung very, very important ist, dann dauert es mindestens ein halbes Jahr, bis das Werk auf dem Secondary Market auftaucht. Bei nur einem very wandert das Werk direkt auf die nächste Auktion.»
051.4 Dritter Nachtrag zur Art Basel. Um zwei Uhr morgens traf ich eine altgediente Zürcher Galeristin vor einem altgedienten Basler Restaurant. Sie war ausser sich. Einen Basler Künstler in auffälliger Kleidung an ihrer Seite schüttelte sie unterstützend den Kopf. Sie sagte, dass sei ihr noch nie passiert. Noch nie passiert. Noch nie! Um neun Uhr seien sie im Lokal gewesen. Um neun Uhr! Um Mitternacht sei der Hauptgang gekommen. Um Mitternacht! Dabei habe sie den teuersten Wein bestellt. Den teuersten Wein! Und wie lange komme sie schon in dieses Lokal? Wie lange schon? Jahre! Jahrzehnte schon! Jahrzehnte!
Es scheint bergab gegangen zu sein mit dem altgedienten Restaurant, wo schon Andy Warhol sass, als er noch sass und ass. Etwas in diese Richtung sagte sie. Dann winkte sie sich ein Taxi. Sie stieg zusammen mit ihrer schlechten Laune und dem teuersten Wein im Blut in den Mercedes ein und fuhr davon. Wir winkten. Ich dachte, dass ich froh bin, dass ich in einer Lebenssituation bin, in der ich nie in die Situation geraten werde, in einem Restaurant mich genötigt zu sehen, den teuersten Wein zu bestellen. Der Künstler stand in seiner auffälligen Kleidung da und schüttelte den Kopf. Man sah, dass er eine bedeutende Menge des teuersten Weins getrunken haben musste. Ja, sagte er, es gehe bergab mit dem Restaurant. Bergab. Ich fragte ihn, ob das Restaurant nicht vielleicht ein Symptom sei, ob es nicht vielleicht mit ganz Basel bergab gehe in einem Winkel von sagen wir 13 Prozent. Er schaute mich böse an. Er schielte ein bisschen. Der Wein. Wohl auch 13 Prozent. Er sagte nichts. Ich wusste: Es gibt Dinge, die sagt man besser nicht, auch wenn sie im Witz gemeint sind. Was ich nicht wusste: War es im Witz gemeint?
051.5 Noch ein Nachtrag zur Art Basel. Vor lauter Menschen keine Kunst gesehen. Wie würde es der Zürcher Galerist Bruno Bischofberger in der «Schweizer Illustrierten» ausdrücken: «Ich hasse Vernissagen. Seit 25 Jahren gebe ich keine Interviews mehr. Meine 22 Angestellten regeln das für mich.» Drei schöne Sätze in Folge. Das sagen alle: Wie furchtbar Vernissagen sind. Kommen aber trotzdem immer alle, und alle werden wieder kommen. Und wo sagte der Zürcher Galerist Bischofberger den Satz «Ich hasse Vernissagen»? An der Vernissage. Alle jammern. Ausser die Sammlerin Goetz aus München. Die ist nicht nur klug, sondern auch konsequent. Klug sind ja viele. Konsequent aber nicht. Sie macht einen grossen Bogen um die Kunstmessen.

Auch ich jammerte. Schrecklich anstrengend, so eine Vernissage. Obwohl, was heisst da Vernissage. Ich war ja gar nicht an der Vernissage. Als die eigentliche Vernissage losging, da sass ich schon wieder bei meinen Gastgebern auf dem Balkon und jammerte darüber, wie schrecklich anstrengend so eine Vernissage ist. Ich besuchte bloss die Preview, denn ich wusste um die Gefahren der Gemeinvolkvernissage. Als ich genug gejammert hatte, kehrte ich wieder zurück nach Zürich, ohne wirklich Kunst betrachtet gehabt zu haben, was mich ein wenig traurig machte.
051.6 Also fuhr ich zwei Tage später einfach wieder nach Basel. Ich wollte mir an der Liste nochmals eine Arbeit des Holländers Guido van der Werve ansehen (www.roofvogel.org). Ich fand es eine der besten Arbeiten, die ich dieses Jahr an den Messen gesehen hatte. Sie besteht aus einem Film (35 mm kopiert auf DVD). In diesem Film ist der Künstler zu sehen. Er geht auf einer weissen Fläche. Es scheint Eis zu sein. Es muss Eis sein. Hinter ihm fährt ein Eisbrecher. Ein echter Eisbrecher. Er verfolgt ihn. Aus dem Kopfhörer hört man klassische Musik und das Rumoren des Eisbrechers. Der Film kostet 11 000 Euro. Das ist erstens zu viel für mich, zweitens bin ich kein Film- oder Videokunstsammler. Als Derivat gibt es eine Fotografie, 100 mal 120 Zentimeter, die den Künstler vor dem Eisbrecher gehend zeigt, für 2500 Euro. Aber ich möchte keine Fotografie. Ich möchte ja eigentlich den Film, denn der Film ist das Werk. Ich möchte nicht eine 100 mal 120 Zentimeter grosse Erinnerung an das, was ich eigentlich gut finde. Zögern und Nachdenken. Das ist manchmal gut. Manchmal schlecht. Vor einem Jahr besuchte ich in Berlin die Galerie Kamm (www.galeriekamm.de), wo ich schon einmal eine Arbeit gekauft hatte, von Simon Dybbroe Moller, der gerade im Kunstmuseum Thun ausstellt (www.kunstmuseum-thun.ch), und sah mir Bilder eines jungen Deutschen namens Bernd Ribbeck an. Ich fand sie auf Anhieb super. Sie erinnerten mich an das Werk von Emma Kunz. Und von Emma Kunz hätte ich ja ausgesprochen gerne eine Arbeit, was leider aus finanziellen Gründen nicht in Frage kommt. Aber ich zögerte und dachte, ich denk mal ein bisschen darüber nach. Nun besuchte ich den Stand von Kamm an der Art, in der festen Absicht, etwas von Ribbeck zu kaufen. Aber es gibt nichts mehr. Alles schon weg. Plus lange Warteliste. Tja, dachte ich, Künstlerpech. Oder besser: Käuferpech.
051.7 Ich erstand dann schliesslich keinen Holländer, sondern reservierte eine kleine Skulptur von Jan Mancuska für drei Stunden. Als ich nach Hause fuhr, stellte ich allerhand Berechnungen an. Dann schrieb ich dem Galeristen ein SMS. Ich schrieb: «Gekauft. In welcher Stückelung wollen Sie das Geld?»
052 Jetzt stelle ich den Computer ab, verlasse das Büro und spaziere zum Plattenladen. Ich werde sehr langsam spazieren und mir dabei überlegen, welche Platten ich mir zu kaufen vorgenommen habe. «Electrelane», denke ich. Ein paar Meter weiter werde ich es wieder vergessen haben.

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