20.08.2007 von Max Küng
065 Heute wachte ich um sechs Uhr auf. Einfach so. Ohne Wecker. Einfach so? Niemand wacht einfach so um sechs Uhr am Morgen auf. Niemand unter 40. Es war ein erster Vorgeschmack auf das, was man senile Bettflucht nennt, was wiederum nur ein kleines Fragment dessen ist, was bald beginnen wird.
066 Heute spazierte ich gemütlich via Bäckerei ins Büro. Ich zählte die Schritte. Im Park sah ich eine Frau mit Pitbull. Die Frau sah ihren Hund an und lächelte. Der Hund blickte mich an. Ich kann nicht sagen, ob er lächelte. Er trug einen Maulkorb und schien zu zittern vor schierer Energie.
067 Heute wollte ich die Schritte von meinem Zuhause in mein Büro via Bäckerei zählen. Doch ein Pitbull gefriertrocknete diesen Gedanken. Ich kam bis 66. Dann lief ein Schauer über meinen Rücken. Einen kurzen Moment hielt ich inne. Dann ging ich schneller.
067.1 Heute ging ich von zu Hause in mein Büro via Bäckerei. In der Bäckerei fiel mir wieder ein, dass ich eigentlich die Schritte zählen wollte, dass mich der Schreck des Anblicks des Pitbulls diesen Gedanken jedoch vergessen liess. Ich dachte nicht mehr daran, meine Schritte zu zählen, sondern ich überlegte mir, was ich täte, würde er über den Rasen auf mich zurasen. Ich ärgerte mich ein wenig, als mir einfiel, dass ich das Zählen vergessen hatte, denn wie oft schon wollte ich zählen, wie viele Schritte es sind von meinem Zuhause in mein Büro via Bäckerei. Immer nahm ich es mir vor, sie zu zählen. Und dann vergass ich es. Vergass es, noch bevor ich aus dem Haus ging. Vergass es auf den Stufen nach unten. Vergass es nach fünf Schritten, weil ich in den Briefkasten lugte, durch den Schlitz, wo natürlich noch nichts lag, denn die Post, als wüsste ich es nicht, kam erst viel, viel später. Vergass es unterwegs, weil ich einen Vogel sah, eine Krähe etwa, die nach Insekten pickte, oder nach Würmern, und ich über die Krähe nachzudenken begann, mich fragte, ob sie verwandt war mit der Krähe, die ich als Kind hielt, die Krähe, der ich den Namen Hansi gab, die ich mit kaputtem Flügel am Bach fand, auf halbem Wege fast zwischen Maisprach und Magden, die ich mit nach Hause nahm, die hinten auf dem Henkel eines Korbes auf dem Gepäckträger meines Velos mitfuhr, die ich pflegte und die mein Freund wurde. Vergass das Zählen der Schritte unterwegs, einfach so, ohne äusseren Grund. Vergass es, nachdem ich die Bäckerei wieder verliess, weil ich nur noch an den Schokoladengipfel in der Tüte in meiner Hand dachte. Vergass es, weil ich jemanden antraf (und ich konnte dieser Person ja kaum sagen: «Zweihundertachtundfünfzig … hallo Dingsbums… Zweihundertachtundfünfzig … schon lange nicht mehr gesehen, wie gehts? … Zweihundertachtundfünfzig … also mir läuft alles bestens, alles … zweihundertachtundfünfzig … tipptopp, alles super … zweihundertachtundfünfzig … zweihundertachtundfünfzig … zweihundertachtundfünfzig … sorry, darf die Zahl nicht vergessen … zweihundertachtundfünfzig … die Schritte, die Schritte, du weisst schon, die Schritte … zweihundertachtundfünfzig…»). Vergass es am Fussgängerstreifen, weil ich mich auf das Erscheinen des grünen Männchens konzentrierte. Vergass es, weil die Frau mit dem Pitbull im Park stand. Sie rauchend. Lächelnd. Er keuchend. Zitternd.
068 Heute klingelte das Handy, als ich vom Bäcker ins Büro ging, einen Schokoladengipfel in der Tüte. Klumpen war am Apparat. «Hallo Lifestyle-Fuzzi», sagte er. «Ha, ha», sagte ich müde. Er war gut in Fahrt. Er war gut gelaunt, so früh am Morgen schon. «Ich habe gehört, du bist ein Lifestyle-Fuzzi. Ich habe es gelesen.» – «Oh. Das ist schön. Ich wusste nicht, dass du liest.» – «Lifestyle-Fuzzi, stand in einem Leserbrief, und dort stand auch die Frage, was ich wohl davon halte.» – «Und was hältst du davon?» – «Es stand, du vergötterst einen 90 000 Franken teuren Geländewagen. Warte, ich habs gleich zur Hand, also, hier, ein Marco Raoult aus Thalwil schreibt: ‹Max Küng wird alt. Früher amüsierte er uns mit der Suche nach einem Occasions-Auto unter 10 000 Fr. Später lobhudelte er über einen Geländewagen für 90 000 Fr. Früher fragte er sich, was MP3-Player sollen, die 1000 Tonträger speichern. Später empfahl er den ultimativen iPod-Kopfhörer. Hat der Mensch alle Relationen verloren? Was hält wohl Klumpen vom neuen Lifestyle-Max?›» – «Ja. Ich hab das auch gelesen. Danke. Ich kenne die Zeilen des Mannes namens Marco aus Thalwil. Aber dieser Geländewagen, den er mir da anzuhängen versucht, um den es ging: In besagtem Artikel ging es nicht um die Vergötterung von Geländewagen, sondern um die Erklärung des Hybridantriebs, und zwar zu einer Zeit, bevor alle über Hybridantrieb schrieben. Es war ein Lexus RX400h, der, das nur nebenbei, nicht 90 000 Franken kostet, sondern 75 700 Franken. Es ging nicht um diesen Lexus. Verdammt. Es ging um die Rettung der Welt. Ich fand den Lexus ja nicht mal schön. Ich fand ihn hässlich. Ich schrieb, es sei ein unvernünftiges Auto. Ich hasse SUVs, ich verachte sie zutiefst. Ich hasse Geländewagen, vor allem Geländewagen, die gar keine Geländewagen sind. Eine Blondine in einem BMW X-5 ist für mich das Sinnbild für das Verrecken dieser Welt. Wenn ich einen Wicht in einem Range Rover Sport sehe, nicht selten mit Zuger Autonummer, dann empfinde ich ekel. EKEL!.» – «He, ganz ruhig. Nicht so empfindlich. Sachte, sachte. Mir ist schon klar, dass einer mit einem Vollbart wie du kein Lifestyle-Fuzzi sein kann. Hast du gelesen, dass nur drei Prozent der deutschen Frauen einen Vollbart attraktiv finden?» – «Hochinteressant. Wo stand das?» – «Im ‹Blick›.» – «‹Blick› sprach zuerst mit der Leiche, sagt mein Vater immer.» – «97 Prozent finden Haare im Gesicht abstossend, ekelerregend, widerlich, vor allem während und nach dem Essen.» – «Tja, die deutschen Frauen.» «Ich sag dir jetzt mal was», sagte Klumpen, und klang er eben noch heiter, so schlug er nun einen ernsthaften bis feierlichen Ton an, es fehlte bloss etwas Orgelmusikbegleitung, «ohne deutsche Frauen herrschte bei uns in urbanen Gebieten libidotechnisch Flaute. Ohne deutsche Frauen hätte ich beispielsweise überhaupt kein Sexualleben. Schreib du mal ein Loblied auf die deutsche Frau, anstatt Lifestyle-Fuzzi-Zeugs. Und was die Bärte betrifft: In der Schweiz wird es wohl nicht gross anders aussehen mit der Akzeptanz von Gesichtspelzen.» – «Nun ja, drei Prozent der Schweizer Frauen, das sind doch ein paar. Das sind, lass mich rechnen, so etwa 90 000 Frauen. Das genügt mir. Und ich stand ja auch schon immer eher auf Minderheiten. Minderheiten haben immer recht, darum sind sie ja in der Minderheit.»
Klumpen sagte eine Weile nichts. Er schien über den letzten Satz nachzudenken. Es war nun an mir, eine Frage zu stellen. «Darf ich mich übrigens höflich nach dem Grund ihres Telefonats erkundigen?» «Ach ja», sagte Klumpen, «genau. Hätte ich fast vergessen. Ich rufe an, um mein Kommen anzukündigen. Ich werde morgen in Zürich eintreffen.» – «Warum?» – «Kulturelle Gründe. Ethnologiekurs. Besuch eines Lokals namens Hooters.» Dann machte er ein komisches Geräusch. Es klang nach Bronchialkatarrh. «Was war denn das?» – «Eine Eule. Der Ruf einer Eule.» – «Eine Eule?» – «Erklär ich dir morgen. Hast du gewusst, dass Schnäuze bei immerhin zwölf Prozent der Frauen auf positive Resonanz stossen?» – «Ach ja? Wo? In Kleinbasel?» Er wiederholte den Ruf der Eule. «So», dachte ich, «klingt doch niemals eine Eule.» Ich sagte: «Gru, gru, Blut ist im Schuh.»
068.1 «Tja», sagte Klumpen. «Hm», erwiderte ich. Eine Weile sagte keiner von uns etwas. «Gut», sagte ich, «dann bis morgen?» Klumpen aber fiel doch noch etwas ein. «Moment. Warte. Ich muss dir noch etwas erzählen. Etwas, das ich auch im ‹Blick› gelesen habe: Die Tochter des ehemaligen französischen Regierungschefs Dominique de Villepin, Marie de Villepin, arbeitet als Fotomodel. Ziemlich erfolgreich übrigens geht sie diesem sicherlich sehr anstrengenden Beruf nach. Sie ist das super Kätzchen in der Werbung für das neue Parfüm von Givenchy. Natürlich modelt sie nicht unter ihrem richtigen Namen. Sie hat sich ein Pseudonym zugelegt. Einen Künstlernamen.» – «Und wie ist dieser werte Name? Marie de Citypin? Marie de Dorfpin?» – «Nein, hör zu: Marie Steiss.» Ich tat einen Pfiff. Ein solcher Name verdient einen anerkennenden Pfiff. «Ich frage mich», sagte Klumpen, «wie man auf Marie Steiss kommt. Steiss. » – «Steiss? Ohne Scheiss?» – «Steiss. Genau. Super. Tony. Emil. Ida. Super. Super. Ich meine, wir alle wissen ja, dass die Franzosen in manchen Dingen ein bisschen komisch sind. Dass sie gerne ohne Unterhosen rumlaufen oder aber in dreckigen solchen. Dass sie gerne Käse haben, bei dem der Einsatz einer Abc-Schutzeinheit angebracht wäre. Aber sich selbst Marie Steiss zu nennen…» – «Sag jetzt nicht, was du denkst.» – «Was denke ich? Sag du mir, was ich denke.» – «Nichts.» – «Nichts?» – «Nichts.»
069 Heute wartete ich an der Ampel auf das grüne Männchen, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen war. Ich wartete ziemlich lange und kam mir ein bisschen blöd vor. Es wäre absolut kein Problem gewesen, die Strasse bei Rot zu kreuzen. Aber: Man geht bei Rot nicht über die Kreuzung. Es könnte einen ja ein Kind sehen. Es war zwar auch kein Kind in Sicht, aber vielleicht sah eines ja aus einem fernen Fenster mit einem Feldstecher herunter. Ich möchte kein schlechtes Vorbild sein. «Der Ruf der Eule», dachte ich, «wäre auch ein super Titel für einen Roman.» Die Ampel schaltete auf Grün. «Gibt es aber sicher schon», dachte ich, und halblaut sagte ich den Titel vor mich hin. «Der Ruf der Eule.» Klang irgendwie ziemlich gut. Fand ich. Dann stand ich vor meiner Bürotüre. Ich klopfte. Es blieb still.
069.1 Heute klopfte ich an meine Bürotüre. Obwohl mich niemand aufforderte, die Türe zu öffnen, öffnete ich sie. Ich trat ein. Wie ich erwartet hatte, war niemand im Büro. Ich öffnete das Fenster, liess die Storen hochfahren und setzte mich auf meinen nicht sehr bequemen Bürostuhl. Kühle Luft kam herein. Auf meinem Pult lag ein kleines Paket. Absender war ein deutscher Buchverlag. Ich riss das Paket auf. Ein Buch kam zum Vorschein. Ich wandte mich sofort der Rückseite des Buches zu. Bei Büchern muss man sich immer zuerst die Rückseiten ansehen. Ich las: «Hör auf zu jammern. Fang an zu produzieren. Sei kreativ. Grab die Erde um. Sei fröhlich. Das Leben ist absurd. Fang an zu leben.» Und weiter unten: «Vom Autor des Kultbestsellers Anleitung zum Müssiggang».
Ich seufzte. Das Buch trug den Titel «Die Kunst, frei zu sein – Handbuch für ein schönes Leben». «Gut», dachte ich, «dann grab ich mal die Erde um.»
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