10 Milligramm Arbeitswut

Ritalin ist die Modepille der Leistungsgesellschaft. Ein Selbstversuch

14.08.2009 von Birgit Schmid , 33 Kommentare

Die ganze letzte Woche nahm ich Ritalin. Ich leide nicht an der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS und bin kein Zappelphilipp. Trotzdem bleibe ich manchmal nicht bei der Sache, an die ich mich erst mit viel Wenn und Aber mache. Ich streife durchs Büro, begutachte das Wachstum der Pflanzen oder büschele Unterlagen. Hänge mit benebeltem Kopf im Sessel und bin froh, wenn möglichst oft jemand den Kopf zur Tür reinstreckt. Anrufe nehme ich dankbar entgegen, ich checke alle halbe Minute die Mails, der Blick geht aufs Handy, von da raus aus dem Büro zur Frau mit dem Hündchen auf dem Balkon vis-à-vis, ich denke mich weiter zu den Geranien empor, verkette mit dem Geranienbalkonkonflikt, über den ich gelesen habe. Ich könnte mich wie Virginia Woolfs «Mrs Dalloway» im Bewusstseinsstrom treiben lassen, den Kopf müde auf die Hand gestützt. Leider ist es aber nicht wirklich entspannend, so in Gedanken verhangen zu sein. Denn ich sollte Artikel fertig schreiben, habe Termindruck und fühle mich äusserst ineffizient.
Solche Tage, an denen man ein Flaneur in Gedanken ist und auf halbem Weg zum Ziel auf der Strecke bleibt oder es nur auf mühsamen Umwegen erreicht, machen noch keine psychoaktiven Medikamente nötig. Im Grunde genommen. Der Leidensdruck, wenn man leisten sollte und nicht kann, mag von Person zu Person variieren. Für viele, die unter keiner diagnostizierten Störung leiden, fühlt es sich behindernd an: Dann greifen sie zu Stimulanzien wie Ritalin. Immer mehr tun es, das zeigen die Medikamentenverkäufe von Ritalin, die sich innerhalb von zehn Jahren verachtfacht haben, das besagen Umfragen. Beliebt ist die pharmazeutische Aufrüstung der Gehirnleistung zunehmend bei Studenten, Ärzten, Forschern, viel reisenden Businessleuten. Auch Mütter von hyperaktiven Kindern drücken manchmal eine kleine weisse Pille aus der Packung und sind dann äusserst positiv überrascht, wie mühelos sie ihrem Kind bei den Schulaufgaben helfen können.
Sogenannte Smart Drugs, Medikamente, die klüger und wacher machen, sind vor einigen Jahren auf dem kulturel len Radar aufgetaucht. Ritalin ist nur eine Substanz unter anderen Neuropsychopharmaka, die zu nicht therapeutischen Zwecken verwendet, oder deutlicher: missbraucht wird. In den USA längst Gegenstand einer öffentlichen Debatte, bürgern sich die englischen Begriffe «Neuro-Enhancement» und «cognitive Enhancement» auch bei uns langsam ein. Damit ist die Steigerung der Hirnleistung gemeint, im Fall von Ritalin: Der Wirkstoff Methylphenidat stimuliert jene Bereiche im Gehirn, die für die Aufmerksamkeitskontrolle und Wahrnehmung zuständig sind. Dadurch kann man sich besser konzentrieren, klarer denken, jeder Anflug von Müdigkeit ist verscheucht. Wenn Ritalin ADHS-Patienten hilft, die leichte Ablenkbarkeit in Bahnen zu führen, die Impulsivität zu mindern, das Herumhaspeln zu beenden, damit sie nicht mehr überall anstossen und anecken, geht es gesunden Konsumenten um nichts anderes als: bessere Performance. Selbstoptimierung.
«Hirndoping», das ist das Wort, das in den Medien herumgeistert. Der Reflex ist, wenn man davon hört: wie verwerflich, ungeheuer, abschreckend. Gleichzeitig strahlt das Wort Leistung, Kraft, Grösse, Sieg aus. Um mitreden zu können, entschloss ich mich, mich in einem Versuch selbst zu dopen. Mein Gehirn sollte so grosse Muskeln kriegen wie Lance Armstrong Wädli hat; und zwar nicht antrainierte Muskeln, sondern neurochemisch erzeugte. Es stellten sich mir nun Fragen wie vor einem Survivaltrip: Würde ich eine Woche durchhalten? Bräuchte ich fortan meine tägliche Dosis Ritalin? Käme ich gar auf Antworten zu den grossen Fragen: Wird die Menschheit dank Pharmatechnologie immer klüger? Sind wir unterwegs zu einer «New Brave Neuro-World»?

Der Energiekick
Ich überredete meinen Hausarzt, mir die kleinste Packung mit dem niedrigst dosierten Ritalin zu verschreiben. Ritalin fällt unter das Betäubungsmittelgesetz, um es in der Apotheke zu beziehen, reicht ein einfaches Rezept nicht. Von Internetbestellungen ist abzuraten. Die Packung enthielt dreissig Pillen à 10 Milligramm und kostete 15.55 Franken. Ich sollte mich an die Dosis von ein bis zwei Tabletten täglich halten, der Abstand zwischen den Einnahmen sollte mindestens vier Stunden betragen. Manche Erwachsene mit einem ADHS schlucken 60 und mehr Milligramm Ritalin pro Tag. Muss ich mit Nebenwirkungen rechnen? Bei dieser niedrigen Dosierung kaum. Was höchstens auftreten könne, seien Kopfschmerzen, der Appetit sei allenfalls kleiner, Schlaflosigkeit, erhöhter Puls. Ich dürfe kein Herz-Kreislauf-Problem haben. Und auf längere Sicht, werden bei meinem Versuch ein paar Hirnzellen absterben? Eine halbe Flasche Wein oder ein Glas Whisky täglich seien schädlicher, kam die beunruhigende Antwort. Nach neustem Wissensstand gäbe es bei Kindern, die über Jahre mit Ritalin behandelt werden, keine neurologische Schädigung. Bei gesunden Personen seien die Langzeitfolgen eines regelmässigen Konsums bisher zu wenig erforscht.
Mittwochmorgen, neun Uhr, ich schlucke die ersten 10 Milligramm Arbeitswut und Selbstdisziplin. In den nächsten Minuten wird der Wirkstoff Methylphenidat die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Dopamin in meinen Nervenzellen hemmen. Nach zirka Dreiviertelstunden spüre ich den Energie-Boost in Kopf und Körper. Das Herz schlägt kräftig. Es stellt sich eine Art Hochgefühl ein, die ersten zwei Stunden ansteigend, eine leicht euphorisierende Wirkung. Ich möchte aufspringen und mich bewegen, wenn mir die Arbeit am Computer nicht verlockender erscheinen würde. Erst als es nach zwei Stunden an der Bürotür klopft, schrecke ich auf. Meine Gesichtshaut spannt, ich muss regungslos auf den Monitor gestarrt haben, habe mich geistig verzahnt mit dem Text. Dass ich auf die Toilette muss, ist ein lästiges körperliches Bedürfnis. Meine Beine tragen meine Gedanken wie ein Wiesel durch den Flur, meine Gedanken haben Beine. Am Mittag habe ich leider eine Verpflichtung und muss meine wunderbare Arbeit verlassen. Während des Stehlunches mache ich intensiven Smalltalk. Bin ich zu hektisch? Wirke ich angetrieben? Ich habe das Gefühl, ich sperre meine Augen auf und verschlucke das Gegenüber beinahe, fixiert auf sein Gesicht. Blinzeln!
Abends ist es noch immer so, als zöge ein Magnet all meine Gedanken an. Als ich das Nachtessen einkaufen gehe, kreise ich nicht drei Stunden lang um die Regale, unentschieden, ob ich Tomaten oder Gurken kaufen soll. Ich weiss plötzlich klar, was ich will. Überhaupt kein Kochtalent, probiere ich zum ersten Mal seit Langem etwas Neues aus. Ein Psychiater hat mal erzählt, wie er einem Patienten während dessen Abschlussprüfung Ritalin verschrieb; zum ersten Mal gelang dem Bäckerlehrling der Tortenboden, endlich fiel der Teig nicht mehr auseinander. Die Pille macht fähiger. Selbstbewusst. Mein Freund erzählt irgendwas, ich sehe, wie er die Lippen bewegt. Aber ich klebe mental an anderem. Ich denke zum Beispiel, dass ich erst in zwölf Stunden wieder im Büro bin und an meiner Arbeit sitzen kann. Hunger, das habe ich an diesem Abend. Und weil ich auf eine weitere Pille später am Tag verzichtete, schlafe ich auch gut.

Selbstgenügsamkeit
Anderntags spüre ich einen kleinen Widerstand, ein erneutes Ritalin zu schlucken und mich ans Schreiben zu machen. Ich werde in den kommenden Stunden die Welt ausschliessen, ob ich will oder nicht. Ich will, sobald das Methylphenidat wirkt. Werde ganz selbstgenügsam. Wenn Ritalin süchtig machen würde, dann nach diesem Angetriebensein am Anfang. Es fällt mir beim Schreiben viel leichter, Entscheidungen zu treffen. Braucht es dieses Statement, wo setze ich den Schwerpunkt? Die Worte vermehren sich ungebremst. Andererseits denke ich weniger zusammenhängend. Ich hafte an den Abschnitten, bringe sie nicht in einen grossen Zusammenhang. Das Denken ist wie ein Laser, zu konzentriert, als dass es bis zum nächsten Abschnitt reicht. Alles jenseits des Computerbildschirms behindert. Werfe ich trotzdem einen Seitenblick, bleibe ich einen Moment lang hängen. Stehe neben dem Bücherregal, bis ich nach einigen Minuten merke, dass ich noch immer dastehe und vergessen habe, was ich wollte. Ich falle in eine Art neurochemisch gestützte Instant-Meditation. Ich erreiche einen Grad der Versunkenheit, der anachronistisch anmutet. Man ist sich heute gewohnt, mehrere Tätigkeiten miteinander zu verrichten. Wird man im Büro nicht von jemandem unterbrochen, unterbricht man sich nach ein paar Minuten selbst. Ein Neuro-Enhancer wie Ritalin reduziert die Wahrnehmung radikal: Der einzige Link, mit dem ich noch verbunden bin, ist der Text, an dem ich gerade schreibe. Ihm gilt mein alleiniges Interesse.
Wie oft bei chemischen Substanzen, die eine gewisse Ausstrahlung haben, gibt es auch zu Methylphenidat eine hübsche Entstehungsgeschichte. Erfunden, das heisst synthetisiert, wurde der Wirkstoff 1944 von Leandro Panizzon, einem Mitarbeiter des Pharmakonzerns Ciba, heute Novartis. Im Selbstversuch testete er die Substanz zusammen mit seiner Ehefrau Marguerite, die alle nur «Rita» nannten. Auf ihr beruht der Handelsname von Methylphenidat: Ritalin. Überliefert ist, dass Marguerite merkte, wie sie unter dem Medikament besser Tennis spielte. Ritalin kam 1954 auf den deutschsprachigen Markt und wurde zuerst als mildes Psychotonikum verwendet, das gegen erhöhte Ermüdbarkeit hilft. Seine Wirkung galt als vergleichbar mit einem Stärkungsmittel wie Koffein. Am Anfang erhielt man Ritalin sogar rezeptfrei. Erst 1971 wurde es dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.
Meine Affäre mit Rita ist drei Tage alt. Albert Hofmann nannte seine ambivalente Beziehungsgeschichte zu seiner Entdeckung «LSD, mein Sorgenkind». Für den Ecstasy-Erfinder Alexander Shulgin war sein Verhältnis zu MDMA (Ecstasy) nichts weniger als «A Chemical Lovestory». Verständlich, dass das Methylphenidat Ritalin noch keine Liebeserklärung in Buchform erhielt. Gut, es wurde zu therapeutischen Zwecken entwickelt. Aber anders als das Halluzinogen LSD und das Emotionen intensivierende Amphetamin Ecstasy, die als stark wahrnehmungsverändernd und rauschhaft gelten (und heute für therapeutische Zwecke getestet werden), steht Ritalin nicht im Ruf einer Verführerin. Man wird nicht verführt zu Fantasien. Darum ist die Substanz für Tätigkeiten geeignet, die stark rational und strukturiert sind, Fleiss und eine hohe Konzentration erfordern. Chemieformeln büffeln, Paragrafen auswendig lernen, zehn Stunden im OP stehen, nach einem langen Flug einen Vortrag halten. Tatsächlich, am dritten Tag schlucke ich die Pille abends, und der angestaute Bürokram erledigt sich bis spät in die Nacht wie von selbst.
Hedonistisch, so viel ist bereits klar, macht die Pille nicht. Drogen werden gerne Generationen zugeteilt: LSD steht für die Rebellion gegen den bürgerlichen Mief in den Siebzigerjahren. Mit Kokain plusterten die Yuppies in den Achtzigern ihr Ego auf. Ecstasy gehörte der Neunziger-Spassjugend. Konsumenten von Neuropsychostimulanzien wie Ritalin, so die Kurzformel, erhoffen sich einen Gewinn der geistigen Produktivität. Als Droge der Vernunft passt Ritalin in unsere auf Leistung und Effizienz getrimmte Zeit. Man vergnügt sich nicht mit Ritalin, das wegen seiner Eigenschaften auch als Mikro- oder Nano-Kokain gilt. Man fühlt sich grossartig, hält vieles für machbar. Man überschätzt sich vergleichbar schnell. Kaum Selbstzweifel. Weil sich die Leistungsbereitschaft auf den Körper überträgt, ist Ritalin in der Partyszene angekommen. Nach der Einnahme steigt die Pumpkraft des Herzens, die Muskulatur wird besser durchblutet. Ich gehe mehrmals joggen und renne sogar die vielen Treppenstufen zu meinem Wohnquartier hoch, was ich noch nie geschafft habe. Als wären an meinen Füssen Sprungfedern befestigt.

Smart Drugs für alle?
Während des Selbstversuchs trinke ich keinen Tropfen Alkohol, wie auf der Packungsbeilage empfohlen. Ich habe das Gefühl, sehr gesund zu leben, trotz der täglichen Ration Chemie. Kein Ethanol, das die Gedanken vernebelt und die Sinne berauscht, stattdessen Chili im Gehirn. Warum sie nicht einfach Kaffee und Red Bull trinken würden oder es mit Traubenzucker und Koffeintabletten probieren, werden Studenten, die dem pharmazeutischen Hirnfutter zugeneigt sind, in Internetforen oft gemahnt. Die dopenden Studenten könnten die Frage umdrehen: Was ist besser an anderen Aufputschmitteln? Steigern wir unsere Hirnfunktion nicht die ganze Zeit? Was ist mit Brainfood, der mit Zusatzstoffen angereicherten Nahrung? Sie könnten soweit gehen und fragen: Gehören zu Leistungsfähigkeit nicht auch eine gute Bildung selbst, ein bewusster Lebensstil, genügend Schlaf?
So argumentierten Neurologen, die vorschlagen, Neuropharmaka zur Leistungssteigerung in einem Kontinuum von Innovationen zu sehen, mit denen der Mensch sich und sein Dasein verbessern will; vergleichbar mit den Möglichkeiten der Informationstechnologie.Sie sagen: Die Gesellschaft muss auf das wachsende Bedürfnis nach kognitivem Enhancement antworten. Dann können wir alle profitieren. Wichtig ist, dass gesunde Konsumenten risikobewusst umgehen mit den Substanzen. Diese sind konsequenterweise freizugeben.

Die bösen Pharmafirmen
Es gibt ethischmoralische Bedenken. Würden sich meine Arbeitskollegen betrogen fühlen, wenn ich aufgrund meines täglichen «Vitamin R» zum Frühstück dreimal so viel schreiben würde wie sie? Das Hirndoping sei eine Form des Mogelns und verfälsche die Konkurrenzsituation, wird in der Diskussion um leistungssteigernde Substanzen an Unis und in Schulen oft gesagt. Wer sich das Ritalin nicht leisten kann oder will, ist von vornherein benachteiligt.
«Eine technische Neuerung wie das Mobiltelefon besassen am Anfang auch nicht alle. Jene, die es sich leisten konnten, waren begünstigt. Sie hatten je nach Beruf beim Bewerbungsgespräch einen handfesten Wettbewerbsvorteil», sagt der Philosoph Thorsten Galert, der sich an der Europäischen Akademie GmbH in Bad Neuenahr-Ahrweiler mit ethischen Fragen rund um das Hirndoping beschäftigt. Derzeit koordiniert der 39-Jährige eine interdisziplinäre Projektgruppe zu den Potenzialen und Risiken des pharmazeutischen Neuro-Enhancements. Ungleiche Voraussetzungen, das gehöre zum Leben: «Wenn es um kognitive Fähigkeiten geht, kann ohnehin nicht von Chancengleichheit die Rede sein. Wer das Geld besitzt, veredelt seine geistigen Ressourcen durch exklusive Bildungsangebote.» (Genauso, könnte man anfügen, verhält es sich mit der Schönheitschirurgie: Wer über die Mittel verfügt, kann sich den Körper in Form bringen lassen.) Kann man eine Arbeit als Schwindel empfinden, die unter Ritalin geschaffen wurde, weil sie nicht «aus eigenen Kräften» zustande kam? Es gehe in diesem Fall nicht um meine Person, antwortet der Neuroethiker. Sondern um ein Ergebnis, das auch anderen zugute käme. «Anders ist es, wenn im Sport gedopt wird. Das ist ein zweckfreies Geschehen, wo man für die Leistung an sich Anerkennung erhält.» Deshalb wäre es auch absurd, einem Nobelpreisträger, der mit der Beichte an die Öffentlichkeit tritt, seinem Geist pharmazeutisch auf die Sprünge geholfen zu haben, den Preis abzuerkennen. Die Forschungsarbeit hat einen Wert losgelöst von ihrem Entstehungsprozess; sie nützt im besten Fall der Gesellschaft, der egal sein kann, ob geistige Muntermacher mit im Spiel waren. (Die Weltliteratur wäre ärmer ohne all die Werke, aus denen der Rausch spricht.) Galert, der trotz seiner liberalen Sicht noch nie Ritalin oder ähnliche Stimulanzien geschluckt hat, «was manche Leute erstaunt», spricht dann auch nicht gerne von «Hirndoping». Der Begriff ist zu negativ. Zu einer neutralen Debatte gehört zu hinterfragen, was «aus eigenen Kräften» heisst: «Die Kritiker sind von einem Pathos bewegt, das nur gelten lässt, was ‹im Schweisse meines Angesichts› geschaffen wird.» Dieses puritanische Ethos schreibt vor, dass man an der Arbeit zu leiden hat und sie mit den gottgegebenen Fähigkeiten ausführt und erduldet.
Mit dem Unbehagen gegenüber dem Neuro-Enhancement, sagt der Philosoph, gehe letztlich ein generalisiertes Pharmabashing einher. Synthetischpharmazeutisch hergestellte Substanzen würden Naturprodukten gegenübergestellt, ohne zu bedenken, dass auch diese Gifte enthalten, siehe Johanniskraut gegen depressive Verstimmungen, siehe Gingko fürs Gedächtnis. Hat die Pharmaindustrie an diesem Markt der Gesunden denn nicht ein wachsendes Interesse? Sicher, sagt Galert. Gerade deshalb sei eine öffentliche Debatte dringend nötig. «Wenn weiterhin breite Kreise Neuro-Enhancement ablehnen, werden die Pharmafirmen unter dem Deckmäntelchen forschen, dass sie es für therapeutische Zwecke tun. Man würde neue Krankheiten erfinden, wenn etwas nur ein bisschen von der Norm abweicht. Das wird uns nur erspart bleiben, wenn man offen forschen kann.» Allerdings wären strengere Richtlinien nötig: Beim Nachweis der Sicherheit und Wirksamkeit für Gesunde müssten noch höhere Standards angelegt werden als bei Medikamenten, mit denen man Krankheiten bekämpfe. Galert: «So könnten wir die Doppelmoral, die um sich greift und die wir im Radsport haben — alle tun es, keiner gibt es zu — vermeiden.»
Ein Tag zu Hause. Manche Konsumenten berichten, dass sie unter Ritalin die Wohnung blitzblank geputzt oder die CD-Sammlung minuziös alphabetisch geordnet haben. Kanalisiert man die Aufmerksamkeit nicht auf die Aufgabe, die man erledigen muss, profitieren nebensächliche Tätigkeiten davon. Aufpassen. Ich will den Moment des kognitiven Höhenflugs nutzen und etwas Anspruchsvolles lesen. Nietzsche im Büchergestell hat bisher einzig Besucher beeindruckt, mich machte er nach drei Seiten nervös. Und plötzlich sitze ich seit einer Stunde auf dem Sofa und lese Nietzsche. Ich scanne «Menschlich, Allzumenschliches» nicht nach Schlüsselwörtern, so wie man heute online liest, sondern lese die Seiten von Anfang bis Ende, Satz für Satz, lese Gedanken auf wie reife Birnen, sammle sie ein. Ich schweife nicht ab zur Einkaufsliste oder dem gestrigen Abend, und selbst die Musik, die im Hintergrund läuft, habe ich völlig ausgeblendet. Ich höre sie und höre sie doch nicht. Ich interessiere mich nicht für sie. Würde ich wohl die dreihundert Bücher, die ich für die Literaturprüfung im Studium lesen musste, heute noch ohne Hirndoping bewältigen? Ich bräuchte sicher länger als damals, als man weniger multitasking war; als ich mich noch über die Telefonleitung ins Internet einwählen musste und nur zweimal täglich E-Mails checkte.

Nichts für Flaneure
Dahin will ich nicht zurück. Ich mag dieses Vernetzt- und Angezapftsein, die permanent strömenden Impulse. Interessant ist nicht die Frage, ob die totale Beanspruchung unserer Aufmerksamkeit schlecht ist, da man den Prozess sowieso nicht rückgängig machen kann. Sondern: Wäre es nicht grossartig, wenn man gleichzeitig dank Ritalin wieder diesen hohen Grad an Konzentriertheit erlangen kann?
Man muss sich andererseits fragen, ob Konzentration wirklich in allen Lebenslagen so erstrebenswert ist. Weil ich es gerade zur Hand habe, lese ich im Büchlein «Warum Denken traurig macht» von George Steiner. Er schreibt, dass absolute Konzentration nicht nur zu Erschöpfung, sondern langfristig auch zu einem geistigen Zusammenbruch führt, Beispiel Mathematiker und Schachmeister. Deshalb würden es «Wunderkinder auf dem Gebiet des Gedächtnisses» selten «zur Reife» bringen. Geistiges Mäandern führt zu gesunder persönlicher Entwicklung. Sich mit biegsamem Geist einlassen auf Gedanken, die in die Quere kommen, fördert eine Art von intuitiver Klugheit. Das «unwillkürliche, vielgestaltige Wellenspiel gewöhnlichen Denkens» bildet auch einen Schutzschild, schreibt Steiner: «Es ermöglicht uns, auf die spontanen, oft formlosen Ansprüche und Reize des Alltags mehr oder minder adäquat zu reagieren. Die Eruptionen konzentrierten Denkens, der Zwang zu absoluter Fokussierung könnten das Risiko nachfolgender geistiger Erschöpfung oder Beeinträchtigung in sich tragen. Gewissen Denkintensitäten haftet etwas Monomanisches an (Laser können Verbrennungen hervorrufen).»
Ja, und weil die scharfen Denkstrahlen alles wegschneiden, was belasten könnte, scheint eine Empfindung wie Traurigkeit gerade unerreichbar. Es leuchtet ein, dass Ritalin schon als Antidepressivum verwendet wurde. Auch jede Melancholie geht auf Kosten der Superkonzentriertheit. Verloren geht, was eigentlich inspiriert. Unter Ritalin wäre ich kaum zwei Stunden lang durch den Friedhof Montparnasse in Paris flaniert, und ich hätte meinen Schatten, der in der Abendsonne auf die Grabsteine fiel, nicht mal bemerkt. Flirten wäre nicht wie ein Schmetterling, den man zu fangen versucht, sondern angestrengt und aggressiver. Ich würde mich nicht mehr gedankenlos verlieben mit einem schon fast körperlichen Wissen, sondern mit Verstand. Scharf denken macht unfrei: rumblödeln, absurde Ideen entwickeln? Nein. Auf sich selbst zurückgeworfen, wird auch das Schreiben eng. Man hinterfragt sich nicht, tritt keinen Schritt zurück; die Kehrseite der fehlenden Selbstzweifel. Das Resultat: «unreif» im Sinne Steiners.
Das fokussierte Bewusstsein bringt weniger Magie hervor. Die Kernszene in «Die Suche nach der verlorenen Zeit» gäbe es wohl nicht, wenn Marcel Proust sein Werk — sieben Bände, 1,5 Millionen Wörter — unter Ritalin geschrieben hätte. Die Stelle, an der ein teedurchtränktes Madeleine den Erzähler in seine Kindheit zurückkatapultiert und eine Kette von Erinnerungen auslöst, ist ein Moment purer Ablenkung und Zerstreuung. Ritalin hätte auch Proust Scheuklappen angelegt. Man träumt sich nirgendwohin. Genauso fehlt die Musse zum Rumliegen, sich langweilen. In die Badi gehen oder arbeiten? Arbeiten! Wenn Ritalin ADHS-Betroffenen hilft, sich zu organisieren, nicht ständig ihren Impulsen nachzugeben und das zu tun, worauf sie gerade Lust haben, so wirkt es bei mir als Triebkontrolle. Immerhin habe ich während dieser Woche privat eine neue Form der Bezogenheit gefunden. Wir spielen nun allabendlich Schach. Schnell bin ich im Besitz von zwei Rösschen.
Der Zustand, in den mich Ritalin während sieben Tagen versetzt, könnte das treffen, was der Neuropsychologe Hennric Jokeit «Abstraktion des Ich von sich selbst» nennt. Im Essay «Neurokapitalismus» beschreiben er und die Journalistin Ewa Hess ein Zusammengehen von Kapitalismus, Neurowissenschaft und pharmazeutischer Industrie. Der Wohlstandskapitalismus hat dazu geführt, dass wir uns unablässig selbst verwirklichen wollen. Das erleichtern uns heute Neuropsychopharmaka, die das emotionale Erleben modulieren und die aufmerksamkeitsökonomische «Fitness» verbessern. «Angebot und subjektive Bedürftigkeit erzeugen einen Markt, der Milliarden umsetzt und dort expandieren wird, wo sich das postpostmoderne Selbst in der Leistungsgesellschaft defizitär erlebt, also in Schule, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft und im Alter.» Beschleunigungstechnologien der Globalisierung wie Handy, Flugzeug und Internet zwingen uns, unsere Aufmerksamkeit chemisch zu beeinflussen. Nach der Rationalisierung von Raum und Zeit folgt der Angriff aufs Ich: Ritalin befähigt, persönliche Grenzen zu überwinden, um Schritt halten zu können. Gleichzeitig wird so die kapitalistische Produktivität gesteigert. Jeder Chef hätte Freude, wenn er meinen Arbeitseinsatz sähe. Andere Bedürfnisse werden vernachlässigbar. In Jokeits Worten: «Mit der Pharmakologie zur kognitiven Leistungssteigerung werden Human Resources auf neuronaler Ebene des Selbst angezapft. Was folgt, ist die Abstraktion des Ich von sich selbst.»
Der Neuropsychologe hatte mir das zuvor am Telefon erläutert. Ich rief ihn in nüchternem Zustand an, das heisst: an einem Tag, an dem meine Gedanken auseinanderstieben wie aufgescheuchte Hühner. Hätte Ritalin geholfen? Jokeit wirkt gelassen. Wenn ein Botoxarzt das Nervengift an sich selbst ausprobiert, kann man auch bei einem Neuroexperten davon ausgehen, dass er die Substanzen schon mal getestet hat; wohl genauso wie ein ADHS-Spezialist, der sie seinen Patienten verschreibt. Der Dozent der Uni Zürich kritisiert zwar das Neurozeitalter, sagt aber: «Mit Psychostimulanzien wird nicht krimineller umgegangen als früher. Abgesehen davon, dass Aspirin letztlich gefährlicher ist als Ritalin, hat es das Bedürfnis nach Energie-Boosters immer schon gegeben, auch vor fünfzig und mehr Jahren.»

Neuro-Zukunft
Ausser dem rasanten Anstieg der Ritalinverkäufe, die man nicht mehr nur auf eine Zunahme von ADHS-Kindern zurückführen kann, gibt es für die Schweiz keine Zahlen. Beispiele wie dasjenige des Mediziners, der eine Praxis aufbaut «und es ohne Modafinil nicht schaffen würde», bekommt man schnell erzählt. Modafinil ist ein weiteres Medikament, das zur Leistungssteigerung zweckentfremdet wird. Damit wird eigentlich die Schlafkrankheit Narkolepsie behandelt, die einen mitten am Tag umkippen lässt. Gesunde hält es bis zu 32 Stunden wach und bei sehr klarem Bewusstsein, weshalb die Substanz auch für Schichtarbeiter, Langstreckenpiloten und Soldaten geeignet ist. Modafinil fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Es soll auch bei uns stark im Kommen sein und Ritalin langsam ablösen.
In den USA dopen sich auf manchem Campus bis zu 25 Prozent der Studierenden mit verschreibungspflichtigen Stimulanzien. In einer Umfrage im April 2008 wollte die Fachzeitschrift «Nature» von ihren Lesern wissen, wie viele schon Ritalin oder Modafinil geschluckt haben, um ihren Fokus und ihr Gedächtnis zu schärfen. Jeder Fünfte hatte schon. Nur halb so viele verwendeten die Medikamente therapeutisch. 86 Prozent der 1400 Teilnehmer fanden, dass gesunden Erwachsenen der Zugang zu Smart Drugs erlaubt sein sollte und sahen in den leichten Nebenwirkungen ein akzeptierbares Risiko. Eine Umfrage in Deutschland zu «Doping am Arbeitsplatz» wiederum ergab, dass 13 Prozent Medikamente gegen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen einnehmen (DAK-Gesundheitsreport 2009). Noch sind Psychopharmaka gegen Angst, Unruhe und Nervosität mit 44 Prozent viel beliebter.
Am vierten Tag fühle ich mich zum ersten Mal ausgebrannt. Ich will die Pille erst am Nachmittag schlucken. Um wacher und aktiver zu werden, wäre jetzt zwar ein Ritalin nötig. Nur mit der nahtlosen Einnahme vermeide ich den «Rebound», wie man den Zustand nach Nachlassen der Wirkung nennt, den Sturz in ein Energieloch. Beginnt die Pille zu wirken, verschwinde ich im Text. So geht es weiter, am fünften, sechsten, siebten Tag. Es schreibt und schreibt und schreibt.
Die ganze letzte Woche nahm ich Ritalin. Mit Ausnahme von mal 15 und mal 20 Milligramm immer nur eine Pille. Obwohl es an müden Tagen von Vorteil sein kann, sich an die Arbeit zu setzen, ohne einen Sinn zu hinterfragen, hat das Gefühl der Hyperfokussiertheit rückblickend etwas Erschöpfendes. Das Medikament eignet sich dann, wenn man sich an eine Tätigkeit peitschen muss und sich von jeder Mücke ablenken lässt. Aufgeputscht, erlebte ich das Zwischenmenschliche als eher mühsam. Leider wurde ich nicht zur Superwoman. Wie hat der Philosoph Thorsten Galert die Vision, dass wir dank Neuro-Enhancement immer klüger werden, relativiert? «So eine Pille verhilft Ihnen nicht zu geistigen Kräften, die Ihr Potenzial erheblich übertreffen. Sondern Sie schöpfen damit Ihre Fähigkeiten aus und zeigen Ausdauer beim Aufrufen Ihrer Leistungsfähigkeit.»
Klarer hätte man es auch unter Methylphenidat nicht sagen können. Geh jetzt, Rita.

Plötzlich wird alles scharf: Der Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin) steigert die Aufmerksamkeit und schärft die Wahrnehmung. | Hans-Jörg Walter
Plötzlich wird alles scharf: Der Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin) steigert die Aufmerksamkeit und schärft die Wahrnehmung. | Hans-Jörg Walter

Die Diskussion

33 Reaktionen

  1. Profile Pic
    doris laeubin

    Grundsätzlich ein gut geschriebener, objektiver Selbstversuch. Ich möchte aber noch etwas der Vollständigkeits-halber erwähnen: Die niedrigste Dosierung, bzw. die kleinste Einheit Ritalin sind nicht Tabletten zu 10mg sondern zu 5mg.
    Ich bin selber AD(H)S Betroffene und Mutter von einem Kind mit AD(H)S und lebe mit einer Tbl. Ritalin à 5mg am Morgen bestens.

  2. Raffaele Merminod

    …ja und ich habe auch mal ein Selbstversuch gemacht. 10mg am Morgen mit dem Resultat, dass ich rein gar nichts bemerkt habe. Nada, niente, nothing.

  3. Martin Winkler

    Sehr fragwürdiger “Journalismus”. Sie haben sich strafbar gemacht, da sie offensichtlich unter fragwürdigen Angaben (bei einem offenbar leichtgläubigen) Arzt ein Medikament erschlichen haben, dass sie als Droge missbrauchen wollen. Keine Frage, der Arzt ist ein Idiot, wenn er so leichtfertig und unter Missachtung der Leitlinien ihnen Methylphenidat verschreibt. Das rechtfertigt aber ihren Selbstversuch in keiner Weise. Selbstversuch (?) vermutlich um auf den ach so tollen “Ritalin ist eine Lifestyle-Droge-Zug” aufzuspringen. Irgendwie bin ich mir noch nichtmal sicher, dass sie Methylphenidat wirklich geschluckt haben. Da ist die Dosierung, da ist ihre Fahrigkeit (vielleicht bräuchten sie ja wirklich Therapie ?). Auf jeden Fall ist das Ziel ihrer kriminellen Handlung nicht wirklich klar. Hätten Sie sich nicht als Journalistin erstmal über ADHS und die Medikation mit Metyhlphenidat informieren müssen, bevor sie so einen illegalen Quatsch machen und damit eine seriöse Behandlung in Misskredit ziehen ?

  4. Marcel Zufferey

    Mit Taylor hat der Mensch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelernt, sich dem Rhythmus der Maschine optimal anzupassen, mit Ritalin wird er selber zur Maschine. Leistung ist alles.

  5. Memi Beltrame

    Da die meisten Botoxärzte über eine lähmbare Stirn verfügen, liegt es in der Tat nahe, dass sie sich im Selbstversuch die Mimik einfrieren lassen. Dass Neuroexperten dies bei Medikamenten für neurophysiologische Störungen auch machen sollen, ist schon eine ziemlich unbedarfte Behauptung. Wie Antidepressiva auf Leute wirken, die gar nicht depressiv sind, ist für den verschreibenden Arzt wohl kaum wichtig im Selbstversuch zu erfahren. Allenfalls konsultiert er dazu Fachliteratur (kennen Sie, oder?). Eigentlich zeigt Ihre Behauptung nur eins: Sie haben von vornherein nicht verstanden, für was Ritalin bei AD(H)S Patienten nützlich ist. Wahrscheinlich ist Ihnen auf Ihrem Kryptokokain-Trip vor lauter Übereuphorisierung der Aufmerksamkeit (!) entgangen, einen klaren Unterschied zwischen Missbrauch und therapeutischer Behandlung zu machen. Dies hätte aber dummerweise Recherche vorausgesetzt, etas was verständlicherweise dem Selbstversuch diametral entgegensteht. Dennoch wäre beispielsweise etwas Nachforschung zum Thema “Wirkung Ritalins auf AD(H)S Patienten” nicht schlecht gewesen. Möglicherweise wäre ihnen Bewusst geworden, dass gerade der Zustand ohne Ritalin viel Erschöpfender ist als mit. Als Betroffener sieht man das Leben durch eine Windschutzscheibe au,f die heftiger Regen prasselt. Ritalin ist der Scheibenwischer der die Sicht frei gibt. Das ist was Galert übrigens mit seiner Relativierung meint: Man bekommt keinen besseren Orientierungssinn, man sieht bloss endlich mal den Weg klar vor sich.
    Die Tatsache, dass sie Ihre Arbeit nur im gufgepeitschten Zustand mit Eifer erledigen und sonst jede Mücke wichtiger als ihr Schaffen ist, gekoppelt mit der Tatsache, dass ein Germanistik-Literaturakzess offensichtlich nicht das Rüstzeug für eine Journalistische Karriere ist, sollte Ihnen zu denken geben.
    Mit freundlichen Grüssen
    Memi Beltrame

  6. Ksapar von Gamper

    Dass Birgit Schmid ihren Selbstversuch ohne vorherige Abklärung jeglicher Nebenwirkungen gemacht hat, spricht für realitätsnahen Journalismus. Denn welcher Konsument von Pharmazeutika ist sich aller möglichen Szenarien bewusst, Herr Winkler? Als Student eines medizinischen Studienganges bin ich mir im Klaren, was eine solche Fokussierung des Geistes an Potential beinhalten kann. Zu oft ist der Wunsch danach vorhanden. Bei einigen wird er durch Ritalin erfüllt. Andere denken sich, dass das Geleistete reichen muss. Wenn man den Ansprüchen der – wohl ebenso durch Ritalin ( oder des noch weniger zu bändigenden Ehrgeizes) produzierten – Professoren genügen will, reicht normaler Arbeitswille nicht. Dann muss man entweder einige Studienjahre doppelt belegen, oder man beginnt seine eigenen Ehrgeiz zu hinterfragen. Denn dies ist genau der Ort, wo das liebe Ritalin seine Wirkung entfaltet: an dem Ort, wo der Normalsterbliche den Sinn des Geleisteten nicht mehr voll erfasst und seine Arbeit getan sieht. Die Frage nach dem Selbstverständnis und der Verherrlichung dieser Leistungsgesellschaft stellt sich also von selbst und wird durch diesen Magazin -Beitrag geradezu verkörpert. Ritalin um den Ansprüchen unserer Gesellschaft gerecht zu werden? Sind da nicht die Ansprüche etwas hoch gesetzt?
    Ich schreibe hier nicht die Trauertirade eines missglückten Medizinstudenten. Das ganze ist möglich – auch ohne Ritalin und Selbstaufgabe. Aber wer will schon einen Arzt, Psychologen, Architekten, der allein sein eigenes Studienzimmer von innen gesehen hat? Die Frage nach dem Umsatzaufschwung von Ritalin muss gesellschaftskritische Gedanken nach sich ziehen!

  7. Profile Pic
    jamie oliver

    Im Grunde genommen wäre es ein spannender Artikel der sich um die Frage dreht wie vieviel Leistung und Fokussierung wir selber wollen und welchen Preis wir dafür zahlen wollen.

    Leider wird das ziemlich oberflächlich, leichtsinnig oder naiv abgehandelt. Gewissen Journalisten scheinen sich nicht dafür zu interessieren was für Botschaften sie vermitteln.

    Diese sind hier nämlich äusserst fragwürdig.
    - Ritalin bekommt man einfach über einen Hausarzt, auch ohne ADS Symptome.
    - Ritalin ist in etwa eine besser Tasse Kaffee.
    - Ritalin fährt super ein und lässt einem das eigene Potential voll nutzen und hat scheinbar keine Nebenwirkungen.
    - Leute die kein Ritalin ergaunern sind selber schuld. Schlussendlich ist es ja kein Hirndoping da es ja nur auf das Ergebnis drauf ankommt. Und vielviel Drogen man dazu schluckt ist zweitrangig solange es dann der Menschheit dient.

    Ich denke der Text animiert wunderbar zum ausprobieren von Ritalin. Ein richtiger Werbetext. Negative Punkte werden ausgeklammert.

    “Die Journalistin findet die Wirkung hat rückblickend etwas Erschöpfendes”. Wow!
    Vielen Dank für diesen selbstkritischen Artikel. Und jetzt gehen wir alle Ritalin kaufen!

  8. Hans Markus

    Früher verschrieb man Kindern mit ADHS Speed, da dieses in kleinen Mengen bei Hyperaktivität beruhigend wirkte. Ritalin ist ja chemisch sehr nahe verwandt mit Amphetamin, die hier beschriebene Wirkung könnte eigentlich auch einen Speed-Trip beschreiben. Würde die Autorin dem Konsum von Speed vom Dealer nebenan auch einen Artikel widmen und erzählen wie effektiv und zeitgemäss dies sei?

  9. Claudio Moretti

    Höchste Konzentration notwendig!

    Die Selbstversuchsdarstellung der Autorin Birgit Schmid mit Ritalin gibt in ihrer individuell-farbigen Darstellung wieder was ich in unzähligen Schilderungen von hunderten von Patienten erfahren habe, welche ich seit mehr als 20 Jahre mit Ritalin behandelt habe. Ein Mittel, das die Hirnleistung steigert und wenn jemand bereits ein Arbeitstier ist es gar zum Arbeitswütenden bringen lässt. Äusserst vielfältig und auch unterschiedlich sind die feinen Wirkungen bei jedem einzelnen Menschen. Die Rückmeldungen der Effekte an den verschreibenden Arzt sind wichtig, v. a. bei den auch auftretenden negativen Wirkungen.

    Leistungssteigerung in einer Leistungsgesellschaft ist meist das Ziel bei ADHS-Betroffenen, um in dieser Gesellschaft zu reüssieren. Die Behandlung beginnt wenn die ADHS-Symptome die „normalen“ Aktivitäten, welche diese Gesellschaft an uns stellt, behindern und dies ist bereits beim Kind notwendig beim kognitiven Lernen in einer immer mehr ausgerichteten Multitasking-Welt. Musse hatte der ablenkbare und impulsive Schafhirtenjunge in den Hügeln der Abruzzen oder in Anatolien. Ablenkbarkeit und Impulsivität waren dort wichtig, um zu reagieren. Ablenkbare Stressfaktoren gab es kaum. Genetisch haben wir uns in den letzten 3000 Jahren kaum verändert. Unsere Welt wurde aber immer kompetitiver und leistungsorientierter, und dies über alle Grenzen hinaus, globalisiert, namentlich in den Bereichen des Denkens und der Kognition. Der Hirnleistungsstärkere gewinnt, dem Schwächeren droht die Ausgrenzung, wenn er nicht was unternimmt. Höchste Konzentration ist das Mass, das wir uns auferlegen. Die Musse soll warten, wenn Ferienzeit ist.

    Dr. med. Claudio Moretti, Psychiater, Zürich

  10. Hans Reinhard Schmidt

    Es ist völlig eindeutig, dass Methylphenidat immer häufiger als Lifestyle-Droge im Sinne eines Hirndopings zur Leistungssteigerung illegal verwendet wird. Das ist eigentlich nicht verwunderlich. Skandalös ist aber, dass selbst die legale Verwendung bei Millionen Kindern weltweit in Wahrheit nichts Anderes als leistungsdoping ist. Man versteckt dies hinter der Modediagnose ADHS, die sich viele Eltern leicht besorgen, um ihrem irgendwie mehr oder weniger gehandicapten Kind bessere Startchancen in der Leistungsgesellschaft zu verschaffen.

  11. Theo Byland

    Die Pille für verbesserte Aufmerksamkeit, erhöhte Wachheit, verbesserte (intellektuelle) Leistung könnte doch allen Schüler/innen und Studis gratis abgegeben werden – damit würde dann die Leistungsgerechtigkeit bei Prüfungen wieder hergestellt, vielleicht? schlägt der advocatus diaboli vor.
    Im Ernst: Wie wäre gegen diesen Vorschlag zu argumentieren? Zählen doch in der “Normalschule” fast nur (intellektuelle) Leistungen fürs Weiterkommen…

  12. franziska probst

    Vielen Dank für diesen sehr anschaulichen Bericht über Ritalin. Es war eine Wonne ihn zu lesen, obwohl ich auch die Gefahren darin sehe bin ich froh um den unschweizerischen Mut zu diesem Bericht und seiner Veröffentlichung. Gut damit den Teppich zu kehren als ihn/es im darunter zu verwischen.

  13. Michael Roth

    Ich bin froh dass so etwas nicht an Studis abgegeben wird. Weil dann müssen alle Studis sowas nehmen, dass sie nicht benachteiligt sind. Und dass man nach dem Studium die gleiche Leistung hat, muss man sich das Leben lang Dopen.
    Oder einem “schlechten” Mitarbeiter wird angeboten, doch diese Pille zu nehmen, dass er nicht durch jemand anderen ersetzt wird.
    Und in China wird das unters Essen gemischt?

  14. Clina

    Ich selber habe Narkolepsie und könnte eigentlich gut mit meinem Schlafrhythmus leben. Könnte. Denn meine Wach- und Schlafenszeiten sind nicht mit der Gesellschaft kompatibel. So nehme ich ärztlich verschrieben das Ritalin, damit ich annähernd meinen Beitrag in unserer Gesellschaft leisten kann. Bei der benötigten Dosis von 20-30mg/Tag treten bei mir folgende Nebenwirkungen auf: Appetitlosigkeit gefolgt von Hungerattacken, wenn das Ritalin nicht mehr wirkt. Mundtrockenheit, Hautreizungen und gelegentlich unheimlich gruslige Träume von Würmern (analog zu den Träumen von Kokainsüchtigen). Um die Dosis durch rasche Gewöhnung nicht erhöhen zu müssen, lege ich einen medifreien Tag pro Woche ein; ein Tag, an dem ich gar nix auf die Reihe kriege, weil ohne Ritalin und doch nicht in meinem eigenen narkoleptischen Schlafrhythmus. So balanciere ich jeden Tag neu auf der Gratwanderung, wieviel “Kosten” ich bereit bin auf mich zu nehmen, um in der Gesellschaft bleiben zu können.

    Leider kommt dieser Aspekt meiner Ansicht nach in ihrem Bericht zu kurz. Vielleicht ist es für einen gesunden Menschen selbst mit einem Versuch gar nicht nachvollziehbar, was es bedeutet, wenn man unfreiwillig am Rande der Gesellschaft steht.

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    Andreas Koch

    Spannend zu lesender Bericht, der offenkundig ein Tabu-Thema berührt, wie die hier z.T. primitiven, inkompetenten und unter die Gürtellinie zielenden Kommentare verdeutlichen.
    Jeder, der halbwegs etwas von naturwissenschaftlicher Forschung versteht, weiss, dass es oft nicht ohne Selbstversuche geht. Zürcher Pharmakologie-Professoren testen neuroaktive Substanzen, bevor sie darüber Lehren, Nobelpreise und andere höchste akademische Ehrungen werden auch heute noch u.a. basierend auf Selbstversuchen vergeben. Der Selbstversuch ist oft ein Teil der Validierung einer Hypothese.
    Die Autorin hat im Prinzip eine, wenn auch nur am Einzelexperiment gut formulierte Indikation für Ritalin bei „Gesunden“ publiziert. Ich weiss jetzt, unter welchen Umständen ich vielleicht auch mal Ritalin einnehmen würde.
    Die Heuchelei und der Ton, der einem beim Versuch, Aufklärung zu schaffen entgegen schlägt sind typisch für den immer währenden Kampf zwischen Skepsis/Wissenschaft und Glauben/Religion. Insofern wäre ein weiterer interessanter Versuch jener, die Wirkung von Ritalin auf die Anfälligkeit gegenüber Propheten und Mythen bzw. die Resistenz gegenüber Fakten zu untersuchen.

  16. klonk

    hm.. also das hündchen auf dem balkon..
    frau schmid, es würde mich nicht wundern, wenn ihr benebelter kopf, ihre angewohntheit, alle halbe stunden die mails zu checken, die position mit dem abgestützten kopf, “in gedanken verhangen” (wunderbarer ausdruck!!), das gefühl, ineffizient zu sein und vieles mehr, was im text durchscheint, nichts anderes zu sein, als das, weswegen ich selbst “die pillen” nehme, wenn ich wichtiges zu erledigen habe.
    ich habe übrigens eine grundständige diagnose, ich bin ein träumer und das ist auch gut so ; )
    haben sie jedenfalls viel glück im nahkampf mit dem balkon, dem hündchen und den geranien…

    es grüßt,
    ein mitstreiter

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    Manuel Kunz

    Als Direktbetroffener von ADS (ohne Hyperaktivität) möchte ich hier ebenfalls mitdiskutieren. Der Artikel zu Ritalin rüttelt wach und hat, endlich mal, auch skeptische Töne drin. Ich kann gar nicht schreiben, wie froh ich darüber bin!

    Im 2001 verlor ich meine erste Lehrstelle auf einer Gemeindeverwaltung in der Region. Kurz darauf versuchten wir es ebenfalls mit Ritalin. Damals war ich noch bei den Verkehrskadetten und regelte auf einer Kreuzung den Verkehr, als der so genannte „Rebound“ einsetzte. Die Wirkung liess rapide nach und ich wusste von einer Minute auf die andere nicht mehr, was ich mit den Armen angezeigt (sprich: gewunken) hatte. Ich musste einen Kameraden auf die Kreuzung lassen und ging eingeschüchtert nach Hause. Dort packte ich die Schachtel mit Ritalin (übrigens auch 10 mg) und warf sie kurzerhand in den Abfalleimer.

    Die Zeiten sind vergangen. Heute studiere ich in Chur Informationswissenschaften und habe eine BMS absolviert – und dies alles ohne Ritalin. Gerade deshalb ist der Artikel so toll: Er zeigt nicht nur Vorteile, sondern äussert sich auch skeptisch.

    Was ich jedoch vermisse sind Massnahmen ohne Ritalin zur Konzentrationsförderung. Ich persönlich musste mir dies hart erarbeiten. Zusammenfassend lassen sich die Massnahmen, welche ich sogleich schildern werde, im folgenden Buch finden: http://www.buch.ch/shop/bch_start_startseite/typhoonartikel/ID11400383.html;jsessionid=fdc-765w2kcyxf2.tc4 Ich erwähne dieses Buch hier gerne, weil es mein Leben verändert hat.

    Wie Sie bereits erwähnt haben, macht Ritalin unfrei und kreative Gedanken werden abgetötet. Dies ist effektiv so.

    Wie nun aber vorgehen ohne Ritalin? Sie erwähnen das Beispiel eines Vortrages nach einem langen Flug. Gestützt auf meine eigenen Erfahrungen möchte ich Ihnen aufzeigen, wie ich dieses Problem angehen würde.

    - Den gesamten Vortrag vor dem Abflug vorbereiten.
    - Den Vortrag während der Flugzeit nochmals üben.
    - Eine Checkliste, am Besten in einer separaten Agenda erstellen, wo alle Aufgaben notiert werden – der Kopf ist somit frei für den Vortrag.
    - Eine genaue Terminabfolge im dafür vorgesehenen Terminkalender erstellen.
    - Im Flieger genügend schlafen
    - Vor dem Vortrag ein Glas Orangensaft (keinesfalls Kaffee, der Absturz kommt genau so heftig wie bei Ritalin!!) zu sich nehmen und genügend essen.
    … und schon bleibt das kleine Tablettchen im Abfalleimer, wo es meiner Meinung nach hingehört!

    Für mich war auch immer wichtig, etwas wirklich zu wollen! Weil ich bei meiner vorhergehenden Arbeitsstelle gemobbt wurde, wollte ich eine Veränderung in meinem Leben. Ich war bereit für meinen Traumberuf, als Archivar, alles zu geben – und vieles aufzugeben. Zudem: Wenn Sie mit obigen Massnahmen arbeiten, werden Sie, hoffentlich, Erfolgserlebnisse haben. Diese bestätigen Sie und helfen Ihnen, weiter auf dem Weg ohne Ritalin zu gehen.

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    jamie oliver

    Lieber Herr ANDREAS KOCH, schön das ihre Kommentar nicht primitiv und inkompetent ist. Nein es ist ein wahre Wonne ihre Gleichsetzung von Wissenschaftlichen Studien und Artikeln von Journalisten zu lesen. Aber vielleicht haben Sie recht und die Autorin bekommt ja für ihren Artikel auch noch den Nobelpreis verliehen.

    Und schön dass Sie durch den Artikel jetzt wissen unter welchen Umständen Sie vielleicht auch Ritalin einnehmen würden. Ist ja nur ein Rezeptpflichtiges Betäubungsmittel. Kriegen Sie ja bei ihrem Hausarzt wenn Sie ihn ein wenig überreden.

  19. Mela Dittrich

    Herr Koch, ich kenne die Pharmakologie-Professoren in Zürich sehr gut und ich versichere Ihnen, die schlucken ihre Sachen nicht selber. Nur einen Toxikologen kenn ich, der das macht und der weiss – im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten auf dieser Welt – sehr genau, mit welchen Stoffen er da spielt.
    Nun sind sich scho Wissenschaftler untereinander nicht einig, was Wissenschaft genau ist… da wollen wir einer Journalistin nicht allzu sehr auf die Pelle rücken…
    Den Artikel fand ich nicht besonders gut. Ich muss auch sagen, vielleicht liegt es an zu vielen oder den falschen Medikamenten, dass die Damen in der Magi-Redaktion sich einen euphorisch-neckischen Stil angeeignet haben…
    Ob ich meine Bekannten bei Novartis und Roche mal fragen soll, was man da machen kann? Eine Substanz für kritisches differenziertes Denken – DAS wär doch mal ne echte Verbesserung – und erst noch mit nem grossen Markt…

  20. Tanja Benedikt

    Beim Thema Ritalin kommt mir schlicht und einfach das Kotzen. Sind wir nicht eine scheinheilige Gesellschaft? Baut ein älteres Ehepaar Hanf im Garten an, um der an MS erkrankten Frau die Schmerzen zu lindern, werden sie kriminalisiert. Aber wir scheuen uns nicht, ein Betäubungsmittel grosszügig an unsere Kinder zu verteilen!

    Wir sind Meister in der Symptombekämpfung, aber wir scheuen uns davor, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Kann es wirklich sein, dass praktisch schon jedes Kind eine ADS-Diagnose bekommt, wenn es in der Schule nicht so tickt, wie man das gerne als Lehrer und Eltern hätte und dann, damit auch niemand einen grösseren Aufwand hat, mit Drogen vollpumpt? Die Kinder lernen heute in der Schule nicht mehr als früher, im Gegenteil. Aber sie sind definitiv schneller “verbraucht”.

    Es wäre an der Zeit, wenn in unserer Gesellschaft ein Wandel vor sich gehen würde. Eine Gesellschaft, die nur auf Leistung beruht, gepuscht mit Drogen (Ritalin ist nicht anderes), wird unwillkürlich verrohen. Schwächere werden keinen Platz mehr finden. Nur sollten sich auch die Leute am oberen Ende der Leiter darüber klar sein, dass auch sie mal stürzen können. Und dann vielleicht froh sind, wenn sie von mitfühlenden Menschen aufgefangen werden…

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    Andreas Koch

    @ Jamie Oliver: Vielleicht hätten Sie unter Ritalin den Mut, sich unter Ihrem eigenen Namen in die Diskussion einzuschalten. Ich habe in keiner Weise wissenschaftliche Studien mit Artikeln von Journalisten gleichgesetzt. Ich habe mich über das Prinzip des Selbstversuches als Bestandteil vieler Errungenschaften geäussert. Die folgenden Beispiele sind öffentlich gemacht worden, weshalb ich sie hier unter Nennung der Namen zitieren darf: Charles Weissmann, ein bedeutender Molekuarbiologe, schluckte als erster in den 70ern des letzten JH gentechnisch veränderte Mikroorganismen, um der Spekulation entgegen zu wirken, dass “Gene” nicht a priori des Teufels sind (was über 30 Jahre später die grün-esoterische Ecke der Gesellschaft immer noch nicht erreicht hat; aber das ist ein anderes Thema). Ein weiteres Beispiel aus der Hüfte geschossen: Der Nobelpreis im Zusammenhang mit der Entdeckung der Korrelation Helicobacter-Infektion und Magengeschwür. Und als letztes Beispiel, um Ihnen,

    Mela Dittrich zu antworten: Gaudenz Waser (liegt halt zurück in den 80ern, ändert aber nichts an der Tatsache). Er verkündete in seiner Pharmakologie-Vorlesung voller Stolz, dass er jede Substanz, über die er im Zusammenhang mit Drogenwirkungen unterrichtete, auch selbst an sich getestet hat.

  22. hans marti

    Da hat sich wohl jemand vom “The New Yorker” na ja sagen wir mal inspirieren lassen…

    http://www.newyorker.com/reporting/2009/04/27/090427fa_fact_talbot

    Witzig wie oft man in schweizer publikationen artikel sieht die man tage, wochen oder montage zuvor in aehnlicher weise in amerikanischen publikationen gelesen hat…

  23. Mela Dittrich

    @ A. Koch
    Die 80er sind ja sowas von seit Jahrzehnten vorbei…

  24. ANTON ALBERS

    Hurra… jetzt nur noch zum Arzt, Rezept holen, Krankenkasse zahlt und schon kann man die Szene links liegen lassen weil man kein “Schnee” mehr braucht und kein Gefahr läuft im Knast zu kommen. Prachts-Reklame.- Bravo Bravo!!!

  25. Flo

    Ein interessanter Artikel, den ich auch gar nicht so einseitig empfinde wie manch anderer Rezensent. Auch jetzt werde ich mir kein Ritalin holen, obwohl ich mir einen solchen Boost beim gerade abgeschlossenen Examen hin und wieder gewünscht hätte.

    Womit ein weiteres Thema gennat ist: diejenigen, die sich hier fürchterlich über den kriminellen, unangebrachten Konsum von Ritalin beschweren, sollten sich eventuell mal auf einem Campus zur Klausurenzeit umsehen. Da muss man nicht in die oft genannten USA gehen, da muss man auch nicht an AD(H)S leiden. Da bedarf es lediglich einiger gestresster Studenten, Apotheker oder Ärzten unter den Eltern und schon hat man das Mittel. Was ich persönlich nicht allzuschlimm finde, denn diejenigen Personen aus meinem Umfeld, die Ritalin ausprobiert haben, sind durchaus vernünftige Menschen.

    Florian Brücher

  26. Profile Pic
    Lina Foulon

    Ritalin ist seit 1956 auf dem Markt.
    Ritalin wirkt…….schnell, gegen offensichtliche (für jeden Laien erkennbare) Symptome.
    Ritalin macht abhängig!
    Wo sind die (objektiven) Langzeitstudien?
    Wo kommen im deutschsprachigen Raum die langjährigen Ritalin Konsumenten zu Wort?

    Ich empfand den Artikel als ausserordentlich offen.
    Merci dafür.

    Und ich kann es nur zu gut nachvollziehen, wenn sich jemand anhand solcher gedruckten Aussagen etwas überzeugter der genannten chemischen Hilfsmittel zuwendet.

    Lasst das! Bitte.

    Ritalin ist gefährlich und macht süchtig.

    Den Enthusiasmus,dessen Auswirkungen die Autorin teilweise doch sehr nett beschrieben hat, ….ähhhhh…ich nenns mal Freude an der Arbeit, Sinn darin erkennen……..ähhhhh

    ….Tja

    Hübsch das.

    Ritalin macht süchtig….seit 1956!
    Hirnregionen, nicht bloss vordere Stirnlappen…., klinken sich aus.
    Sucht nach Langzeitbenutzern. Fragt.

    Und nochmal: Ritalin macht süchtig. Ist so.

  27. Markus Leutwyler

    Ich finde den Artikel sehr gelungen. Er entspricht in seiner Form genau dem Inhalt und repräsentiert durchaus das Innenleben der Autorin während der Arbeit, will heissen dem Selbstversuch. Daher ist er wohl auch etwas lang geworden…
    Im ersten Teil wird man halb totgeschlagen von Fakten, Namen und Zitaten. Die “Brillanz” der Autorin weckt puren Neid. Doch in diesem Fall weiss ich wenigstens: Die Klugscheisserin war gedopt. Das beruhigt.
    Und dann kommt das Ausgebrannt sein. Husch eine Pille rein. Und schon schreibt’s weiter. Vielleicht ist beim nächsten Ausbrennen die doppelte Dosis nötig?

    Mag sein, dass die Autorin kriminell gehandelt hat, doch was sie aufzeigt, ist eine Krankheit in unserem System. Die Krankheit, Leistungen stets mit der höchstmöglichen Leistung zu vergleichen und nicht mit der höchstmöglichen, nachhaltig verträglichen Leistung. Das schraubt die Anforderungen stets nach oben und immer mehr Menschen zerbrechen daran.

    Und noch etwas an Mela Dittrich. Ihre Aussage:
    “Eine Substanz für kritisches differenziertes Denken – DAS wär doch mal ne echte Verbesserung – und erst noch mit nem grossen Markt…”

    Vergessens Sie’s! Diese Substanz hätte nicht den geringsten Marktwert. Damit kann niemand Geld verdienen…

    Dipl. Natw. ETH, jetzt Lokführer
    Markus Leutwyler

  28. Profile Pic
    Andreas Koch

    @Mela: Die 80er sind vorbei. Aber was hat das mit dem Selbstversuch als Bestandteil wissenschaftlicher Methodik zu tun?

    @Markus: what happened?

  29. Markus Leutwyler

    @ Andreas
    Kleine Verschnaufpause… Zurück ins Leben, weg vom Dauerstress als Selbständiger. Im Führerstand durch die Schweiz zu kurven ist eine äusserst befriedigende Tätigkeit.

  30. Leo Beo

    Mir sind die Leute, die Ritalin nehmen, damit sie eine Leistungsstärkung kriegen zu wider. Und die werden sowieso krumm angeschaut, wenn sie erzählen, dass sie Ritalin nehmen, damit sie kompetenter, leistungsfähiger etc. sind. Natürlich, wenn man damit sinnvoll behandeln kann ist die Pille nützlich. Dennoch, die Leute die ohne Ritalin kompetent sind werden immer mehr geschätzt sein. Aber eben auf das kommt es doch eigentlich gar nicht so drauf an. Eher geht es um jede einzelne Person selber, ob sie sich im Reinen ist, wenn sie sich selber dopen muss. Soll ich eine Pille nehmen nur damit ich jetzt die Prüfung besser abschliesse? Langfristig wird die Prüfung eh nicht mehr von grosser Bedeutung sein. Man strebt doch meistens nicht nach einer guten Note, sondern nach glücklichsein und Zufriedenheit. Und dies stellt sich eher nicht ein, wenn man sich selber mit einer Pille bescheisst, als wenn man sein (vielleicht etwas langsameres) Selbst akzeptiert auch wenn der Erfolg bei der Prüfung kleiner sein sollte.

  31. Sabine Schmidt

    Ich finde Birgit Schmids Artikel äußerst erhellend (wie auch einige der Kommentare). Verbieten, freigeben, öffentlich machen? Ritalin ist ein gesellschaftliches Problem und erfordert Auseinandersetzung. Erwachsene können ja zum Glück für sich selbst entscheiden.

    Problematisch ist für mich dieses Hirndoping bei Kindern, weil davor immer eine Diagnose steht (oder zumindest stehen sollte!). Die Diagnose AD(H)S ist meist eine Fragebogendiagnose und steht daher auf äußerst wackeligen Beinen. Ich weiß, dass es sehr gewissenhafte Diagnostiker gibt, die sich viel Zeit mit den Familien nehmen, aber die gängige Praxis sieht anders aus.

    In meiner Praxis als Sozialarbeiterin sehe ich zu oft Kinder, die gar nicht wissen, was sie da eigentlich nehmen und wieso. Zitate: “Wenn ich die Tabletten nicht nehme, bin ich böse” (9 Jahre), “wenn du willst, dass ich mich benehme, musst du mir halt eine Tablette geben” (11 Jahre), “die Tablette morgens nehme ich nicht, dafür gibt mir der XY aus meiner Klasse einen Euro” (12 Jahre). Oder Eltern: “Und vorm Diktat kriegt er halt noch eine Extratablette.”

    Ritalin für Menschen, die sich ohne als krank empfinden – das soll wohl so sein. Aber das “Krankheitsbild” ist bei Kindern viel zu schlecht definiert. “Krank” und “hat zu schlechte Noten” scheinen mir da oft eins zu sein.

    Womit wir wieder bei Frau Schmids Frage wären: Wieviel Leistung bin ich der Welt schuldig?

  32. 5×2= PODCAST #07 SMALLTALK

    [...] als Stichwortlinks zum Nachlesen und Anschauen: David Lynch Vortrag, Ritalin Artikel, Kobi Galopprennbahn, Herbert Currywurst, Pferdle und Äffle, Post aus der Schweiz, Tourette [...]

  33. blavatski

    Ich könnte nun einen Bericht abgeben “das letzte halbe Jahr habe ich Heroin genommen. Das, nachdem ich 15 Jahre clean war…..” Das ist wahr, aber ich beziehe mich nur auf den Bericht über Ritalin. Muss noch anfügen, ich bin aus Deutschland, da sind die Menschen sehr tablettengläubig und ehrfürchtig vor den Ärzten. Ich selber bin da eher vorsichtig in beiden Dingen, denn ich weiss, dass die Natur die besten Medikamente vorhält und dass auf jeden Fall die deutsche Medizin nur Symptome behandelt. Ich denke, ich kann da ganz gut mitreden als Betroffener in allen Dingen: ich war drogensüchtig, ich kenne Speed in vielen Varianten, ich war clean, ich habe Psychopharmaka verschrieben bekommen, ich bin wieder drogensüchtig geworden, ich habe einen Sohn, bei dem ADHS festgestellt wurde und der Ritalin bekommen sollte. Wir haben das allerdings strikt abgelehnt. Mein Sohn muss nicht noch früher als ich mit Drogen anfangen.

    Ganz klar ist Ritalin, genauso wie Amphetamin oder Heroin oder Alkohol eine Droge. Nur weil es verschreibbar ist, ist es nicht einfach etwas anderes. Es ist der absolut falsche Weg, sich mit Stoffen zu unterstützen, um Dinge besser oder einfacher erreichen zu können oder Dinge zu erreichen, die ich nur unter dem Einfluss von Stoffen erreichen kann.

    Wenn es um echte Stoffwechselstörungen im Gehirn geht, dann kann man u.U. ein Medikament in Erwägung ziehen. Ich glaube jedoch, dass uns die Wissenschaft ein Wissen über unser Hirn vorspielt. Auf jeden Fall kenne ich persönlich Menschen, denen Ritalin hilft, die es nicht missbrauchen, um mehr Leistung zu erzielen. Da geht es einfach darum, dass man endlich die Fähigkeit hat, sich auf etwas länger zu konzentrieren und zur Ruhe zu kommen. Es kommt ja bei ADHS zu einer beruhigenden Wirkung des Ritalin, denn in der Tat ist Ritalin ein reines Aufputschmittel, Speed ganz einfach.

    Wir wissen alle, dass bestimmte Stoffe die Leistung steigern, seien es nun legale oder illegale Stoffe. Ein Stoff, der immer höher dosiert werden muss, um ein gleichbleibende Wirkung zu erzielen, ist eine Droge. Eine Droge hat noch nie einem Menschen geholfen, egal, ob er sich dicht machen will, um zu vergessen, oder ob er sich fit für den Berufsalltag machen will. Gerade, weil ich eine gewisse Vita habe, kann ich das aus eigener Erfahrung sagen. Auf jeden Fall nehme ich Stoffe nur für meinen eigenen “Spass”, nicht um noch mehr in der Arbeit zu leisten, das ist ja kurios! Und zum Glück weiss ich, dass kein Stoff ein Problem löst, auch wenn es um Leistungssteigerung geht. Denn als nächstes kommt das Mittel, um am Abend schlafen zu können, wenn man den ganzen Tag auf Speed ist. Und dann wird es eine richtig schöne Doppelabhängigkeit, die sich gewaschen hat. Meine Meinung also, niemals etwas zur Leistungssteigerung nehmen, wenn überhaupt,dann nur unter dem Spasseffekt. Und auf keinen Fall übertreiben, auch hier gilt, oft ist weniger mehr.

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