02.11.2007 von Thomas Zaugg
Grosse Träume entstehen meistens aus Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenswirklichkeit. Bei mir begann das erst vor wenigen Tagen mit dem SMS eines Bekannten: «Mein lieber habe gestern mit iphone tel und touchscreen funktioniert super». Und ich simste zurück, mit meinem Nokia N95: «nein, das leben ist nicht fair».
Ich war eifersüchtig auf den Bekannten und traurig, also begann ich zu träumen von meinem zweiten Traumgerät. Es war ein Haus von Apple. Es gehörte mir ganz allein. Sein Metallgehäuse schien mir ein bisschen gar grau, es war keines der frühen, avantgardistischen iMac-Häuser, eher ein Intel-Mac-Haus, aber drinnen wurde ich dafür entschädigt. Nirgends gab es Kabel. Wenn man die Wände berührte, verwandelten sie sich in Benutzerpanels, mit den Fingern bedienbar und auch aufziehbar. Und auf dem Küchentisch lag ein iPhone. Ich nahm es in die Hände und multitouchte ein bisschen mit ihm rum. Aber ich spürte nichts. Gar nichts. Mein Finger war der Finger eines andern. Und mein Traum ein Albtraum.
Geträumt, wirklich geträumt hab ich schon lang nicht mehr. Meine Träume beschränken sich auf iPhones oder aufs neue, noch schlankere iPhone des nächsten Jahres. Schon lange warte ich auf eine echte Innovation, jenseits der blossen, noch besseren Benutzerfreundlichkeit. Seit dem iPod scheint die Revolution ein exklusiver Apple-Brand zu sein, und jetzt also auch der Traum. Aber man darf sich nicht veräppeln lassen. Würde ich für das Wochenblatt «Weltwoche» schreiben, würde ich an dieser Stelle vielleicht sogar schreiben: «Microsoft ist um Längen innovativer als Apple. Und dies schon seit Jahren. Das glaubt niemand, aber es ist definitiv so.»
Ein wahres Traumgerät müsste von der U.S.S. Enterprise NCC-1701-D stammen, und es müsste nicht einmal der Warp-Antrieb sein oder der Transporter zum Beamen, nein, ich wäre schon sehr zufrieden mit dem Replikator, denn der kann Gebrauchsgegenstände oder sogar Essen replizieren. Man kommt also nach Hause, geht in die Küche und sagt: «Tee. Earl Grey. Heiss.» Oder: «Rösti. Mit Speck und Ei. Warm. Aber dalli.» Und in wenigen Sekunden materialisiert sich das Gewünschte in der Replikatorkammer.
An einem ähnlichen Gerät arbeitet die NASA im Hinblick auf allfällige Mars-Missionen. Es werde einem beispielsweise «sherry trifle» servieren können, ein geschichtetes Dessert aus Biskuits und Früchten, mit dem wichtigen Unterschied, dass die Früchte nicht Früchte und die Biskuits nicht Biskuits sind, sondern eben aus irgendwelchen, leichter transportierbaren «unconventional ingredients» bestünden, wie es das Wissenschaftsmagazin «NewScientist» ausdrückt.
Und bereits seit Mitte Jahr verkauft die Firma Desktop Factory ihre 3D-Drucker für das mittelschmale Portmonee. Für 4995 US-Dollar kann man sich zuhause Quietschentchen, architektonische Modelle, Teetassen, seine Lieblingsstars ausdrucken; alles dreidimensional, schichtweise gedruckt, mit einem nylonbasierten Pulver, das man sonst in der Schminke verwendet. Gegenüber dem Nachrichtensender CNN meinten die Entwickler sogar: «Wir können uns vorstellen, dass es in Zukunft im Internet 3D-Druckpläne zum Download geben wird, so dass sich jeder seine Ersatzteile selber ausdrucken kann.» Und den Preis für ihre Drucker würden sie in den nächsten Jahren bis unter tausend Dollar senken können.
So also fing der Anfang vom Ende an, wird es irgendwann einmal heissen, damals, als das Druckerunding für alle erschwinglich wurde und die Menschen ihre Häuser erstmals mit falschen Nägeln und Schrauben zusammenflickten, mittels dubioser 3D-Druckpläne aus dem Internet und nylonbasiertem Schminkpulver.

Die echte Schönheit von Bern? Oder die replizierte? | Bild: Thomas Zaugg