500: Ein Tag im Leben von Marlis Tanner, 83, Auswanderin

Seit 48 Jahren leistet sie Freiwilligenarbeit in San Francisco.

10.04.2009 von Peter Haffner , 3 Kommentare

Ich bin eine Nachteule. «Nightline» ist die beste Fernsehsendung, vorher gehe ich nicht ins Bett. Vom Russian Hill, wo ich wohne, sehe ich die Golden Gate Bridge. Fantastisch, die Sonnenuntergänge, wie sie rot aufleuchtet.
Seit 1961 leiste ich Freiwilligenarbeit am San Francisco General Hospital. Erst habe ich im Büro geholfen, dann wusch ich Patienten die Haare. Als mich ein junger Bursche fragte, ob ich sie ihm schneiden könne, probierte ich es. So hat es angefangen. Dann kamen Schwarze, die nach «Clippers» fragten. Ich wusste nicht, was das ist. Doch auch mit der Schneidemaschine habe ich gelernt umzugehen.
Ich benutze ein Spezialshampoo. Man muss es nicht ausspülen, nur abtrocknen. Bei den Homeless wird das Tüchlein ganz schwarz. Da muss ich etwa sechsmal waschen, bis das Haar sauber ist. Doch wenn ich nach Hause komme, habe ich ein gutes Gefühl. Weil ich etwas tue für meine Brüder und Schwestern.
Nur in die psychiatrische Abteilung gehe ich nicht mehr. Alle Fenster sind zu, die Luft ist furchtbar. Viele Junge sind da, das ist so traurig. Und immer haben sie unmögliche Frisuren gewollt. Total rasieren, Irokesenschnitt, noch Schlimmeres.
Einmal habe ich aus Versehen einem Toten die Haare gewaschen. Bin ins falsche Zimmer gegangen, wo ein älterer Herr lag, ein Orientale, der zu schlafen schien. Manche dösen, wenn ich ihnen die Haare wasche, also dachte ich mir nichts dabei. Die Verwandten, die vor dem Zimmer standen, haben mir noch gedankt. Eine Krankenschwester sagte mir dann, dass der Mann tot ist. Ich bin nicht erschrocken, habe nur gelacht.
1954 bin ich als Kindermädchen in die USA gekommen. Ein amerikanisches Kind dürfe man ja nicht anfassen, wurde mir gesagt. Aber der Dreijährige der Familie in Chicago, wo ich zuerst war, hat mich so lange gehauen, bis es mir zu blöd wurde. Ich sagte ihm: Larry, wenn du mich haust, haue ich zurück. Das hat geholfen. Ich habe dann Zahnarztgehilfin gelernt und später im Büro eines Börsenmaklers gearbeitet. Als Schweizerin fand ich leicht eine Stelle, damals hatte die Schweiz noch einen guten Ruf. Nach San Francisco bin ich gezogen, weil eine Bekannte aus Fribourg sagte, ich müsse die Stadt unbedingt sehen. Mit sieben Koffern stieg ich in den Greyhound, wie ein richtiger Pionier. Das war 1957.
Ich bin in Bern aufgewachsen. Heimweh nach der Schweiz habe ich nie gehabt. Ich habe gefunden, was ich suchte. Ich wollte möglichst weit weg von der Mutter. Sie war sehr besitzergreifend. Immer hat sie gedrängt, ich solle doch zurückkommen. Doch ich habe so schnell als möglich die US-Staatsbürgerschaft beantragt.
Geheiratet habe ich nicht, weil ich nicht den richtigen Mann gefunden habe. Ich hätte gerne Kinder gehabt, doch meine zehn Jahre als Kindermädchen haben mir auch die Erfüllung gebracht.
Zweimal in der Woche gehe ich schwimmen. Essen tue ich nur zu Mittag und zu Abend, ich stehe ja auch erst gegen neun Uhr auf. Dann verrichte ich mein Morgengebet. Zur Messe gehe ich in die Saints-Peter-and-Paul-Kirche. Letztes Mal kam der Priester vom Altar, umarmte mich und sagte der Gemeinde, ich sei am Fernsehen und in den Zeitungen in ganz Amerika gekommen. Wegen meiner 48 Jahre Freiwilligenarbeit am Spital, wo ich am Heroes and Hearts Luncheon eine Ehrung erhielt, ein rotes Herz. Das war schön.

Bild Winni Wintermeyer
Bild Winni Wintermeyer

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. Daniel Landwehr

    Jeder der in der Welt ein bisschen herumgekommen ist oder im Ausland gearbeitet hat, weiss, dass manches im Ausland mindestens so gut oder besser ist als in der Schweiz, und dass man extrem gut auch in anderen Ländern leben kann und Beamte auch höflich und effizient sein können. Und das alles erst noch viel günstiger!

  2. Marlise Herrmann

    Ich finde es ein sehr eindrückliches Beispiel, wie bestimmend eine besitzergreifende Mutter in das Leben ihrer Tochter eingreift, indem die Tochter eine Existenz möglichst weit weg von der Heimat aufbaut. Es ist ja keine Auswanderung in Freiheit gewesen, sondern eine Flucht. Wie sehr hat wohl die Mutter indirekt auch bewirkt, dass sie keinen passenden Partner gefunden hat? Trotzdem ist es möglich, wie mir dieses Beispiel zeigt, unter Entbehrungen ein Leben mit Sinn zu füllen.

  3. Peter Aufenast

    Zu meinem Vorredner, respektive Schreiber: Das mag ja alles stimmen. Und gleichwohl — nach längeren geschäftlichen Auslandaufenthalten und unzähligen beruflichen Reisen in ferne Landen, kehrte ich jeweils gerne wieder zurück in unser “Ländli”. Ein “Alpenländli” alles andere als perfekt — mit einer manchmal etwas engstirnigen Bevölkerung, mit Ehrenmännern in Amt und Würden, nicht selten aber Gaunern im Frack, mit einer nicht über alle Zweifel erhabenen Regierung auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene, mit mehr als fragwürdigen Gerichtsurteilen, keine Woche ohne Delikte mit Raub bis zu Mord und Todschlag, Drogen und Alkiszenen, mit Abzockern bis zum geht nicht mehr, mit Parteien und Politikern von links bis rechts, für die das Wort “Filz” kein Fremdwort ist, mit Korruption in vielen öffentlichen Bereichen und noch vieles mehr.

    Trotz all diesen Missständen fühle ich mich in unserem landschaftlich (noch) schönen Land wohl, bin bereit für ein hervorragendes Gesundheitswesen auch etwas zu bezahlen, mit einer AHV die besser ist als ihr Ruf, entrichte brav meine Steuern, obwohl ich mir bewusst bin, dass die “Fränkli” nicht immer optimal eingesetzt werden, wähle hin und wieder sogar grüne und rote Politiker, weil ich bei den bürgerlichen, die mir eigentlich näher stehen, keine wählbaren Köpfe sichte und stelle fest: Die Schweiz ist trotz allen Mängel, verglichen mit vielen Staaten rund um den Globus ein lebenswertes Land, in dem ich meine noch verbleibenden Jährchen mit Vergnügen verbringen werde.

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