68, aber lieb

Von «Hopp GC!» zu «Ho, Ho, Ho Chi Minh!»: Wie sich das Weltbild eines Zürichbergsohns in bewegter Zeit veränderte.

21.03.2008 von Res Strehle , 5 Kommentare

Als 68 Zürich erreichte, ging es zunächst fast spurlos an mir vorüber. In der Luft lag an jenem späten Samstagabend Ende Juni ein seltsamer, am Zürichberg zuvor unbekannter Geruch. Es war eine Mischung aus Wasserdampf, Schweiss, gebratenen Würsten und Löschstaub, den die Polizei an diesem schwülen Abend gegen die überhitzten Gemüter in der Innenstadt einsetzte. Ich fuhr auf einem geborgten Solex von einer Party im Keller des Gärtnermeisters Nägeli nach Hause. Nägelis Sohn war Schlagzeuger der Sharks, er hielt den Rhythmus in unserer Band so gut wie sein Vater den Abstand zwischen den Rosenstöcken in den Zürichberggärten. So konnte er vergessen machen, dass am Bass einer stand, der in den roten Jimi-Hendrix-Hosen zwar durchaus auffiel, aber darüber hinaus nur brav an seinen vier Saiten zupfte. Den Rhythmus hatte man mir nicht in die Wiege gelegt.
Am Fest war es trotzdem hoch zu- und hergegangen. Ich stand auf die schöne Claudia, die mir auch nicht abgeneigt schien, aber heute, wie ich höre, mit einem Polizisten verheiratet ist. Meine Schuhe passten nicht recht in die Umgebung, es waren keine abgetretenen Latschen, wie sie damals in waren, sondern solche aus Edelleder von der Bahnhofstrasse. Das Geschäft lag direkt neben der Anwaltskanzlei meines Vaters, Bahnhofstrasse 100, in Zürich eine der ersten Adressen. Die Geschäftsinhaberin hatte mir einen Freundschaftsrabatt gewährt, denn zusammen waren wir ein unschlagbares Doppel im Mixed-Turnier des Tennisclubs Zürich neben dem Grand-Hotel Dolder. Aber auch rabattiert kosteten die Schuhe noch immer das Dreifache im Vergleich zu den Auslagen anderer Schuhgeschäfte.
Je später der Abend, desto aufgeregter die Berichte der Gäste über die Scharmützel an der Bahnhofbrücke. Der Kampf eines Teils der Zürcher Jugend um einen eigenen Raum war in vollem Gange, das leer stehende Globus-Provisorium schien ihr dafür der geeignete Ort. Nicht für uns, denn wir hatten Partyräume zuhauf in den Kellern der Zürichbergvillen, beim Teppichhändler Giacometti, wo draussen zur Abkühlung ein Schwimmbad bereitstand, oder in der weitschweifigen Villa der Musikhausfamilie Hug. Weltpolitik interessierte uns damals höchstens am Rand.
Vergeblich hatte uns der Präsident der Schülerorganisation, ein gewisser Thomas Held, heute Chef der Wirtschafts-Denkfabrik Avenir Suisse, damals drei Klassen über mir, darauf aufmerksam zu machen versucht, dass wir als Schüler gnadenlos unterdrückt seien und endlich das Heft selber in die Hand nehmen sollten. Mir reichte es, wenn ich das Tischtennis-Turnier der Schule gewann, ein Spiel, das wir wirklich beherrschten, denn in den Partykellern am Zürichberg gab es auch jede Menge Pingpongtische. Im Übrigen schlug unser Herz für GC, denn unsere Väter hatten uns als Knirpse schon auf die Hardturm-Tribüne mitgenommen, als der FC Zürich noch in der B-Liga tschutete.
Als 68 ein Jahr später nach St.Gallen kam, war ich mittendrin. Ich sass in der Aula der Hochschule St.Gallen. Ein paar Avantgarde-Achtundsechziger hatten zum Teachin gegen den Vietnamkrieg aufgerufen. Wo sonst Handelsrecht und Buchhaltung gelehrt wurden, spielte eine Band namens Guru Guru Groove. Am Rednerpult, wo normalerweise Arnold Koller und Rolf Dubs in die Probleme der Gesellschaft mit beschränkter Haftung einführten, stand Guy Barrier, Sohn eines Zürcher Immobilienunternehmers, gestählt durch die Strassenschlachten um den Lindenhofbunker und einen Indientrip, inzwischen Begründer der linken Rockergang «Rote Steine». Guy begrüsste die Anwesenden als «liebe Genossinnen und Genossen».
Daraufhin kam es zum Tumult.
Im Saal dominierten die Vertreter diverser Studentenverbindungen sowie jene deutschen Studenten, die von ihren besorgten Eltern in die Schweiz evakuiert worden waren, um dem drohenden Chaos an den dortigen Unis zu entkommen. An der Universität Frankfurt war selbst ein Dozent wie Theodor W.Adorno nicht davor gefeit, zur Zielscheibe roher Eier zu werden. In St.Gallen wurden zu jener Zeit die Eier noch brav zu Omeletts in die Pfanne gehauen. An meinem Wohnort an der Gatterstrasse wachte Schlummermutter Krättli darüber, dass wir keinen Damenbesuch hatten, vorab ihr eigener Sohn nicht, der rund um die Uhr überwacht wurde und deshalb seine Fasnachtspartys jeweils in meinem Zimmer feierte.

Bombenstimmung

Auch ausserhalb des Hauses von Frau Krättli wurde nach dem Aufruf der NZZ im Anschluss an den Globuskrawall, den Anfängen zu wehren, alles überwacht, was sich links des Freisinns und der katholisch-konservativen Partei bewegte. Harter Kern der Heimatschützer war eine Gruppe um Edgar Oehler, damals Assistent für Staatsrecht bei Professor Willi Geiger, später CVP-Nationalrat und gescheiterter Türöffner bei Saddam Hussein, heute Besitzer der Arbonia-Forster-Gruppe und Grossaktionär des FC St.Gallen. Die straff organisierte Gruppe (Oehler: «Wir waren alle militärisch ausgebildet.») überwachte die Opposition und war bereit, jedes Happening im Keim zu ersticken. Damit bot er Anlass zur ersten Parole der St.Galler 68er: «Ohne Oehler ist uns wöhler.»
Während in der St.Galler Aula ein Dokumentarfilm über die Bombenabwürfe der US-Luftwaffe in Vietnam gezeigt wurde, klatschte die Rechte bei jedem Abwurf Beifall, als ob der FC St.Gallen soeben ein Tor geschossen hätte. Der «LSD-Marsch» von Guru Guru Groove heizte die Stimmung zusätzlich auf.
Studentenverbindungen hatten mich nie fasziniert, dazu fehlte mir allein schon die Trinkfestigkeit. Ich zog einen Joint dem Bier vor und war Pazifist. Mich beeindruckten die Schriften der gewaltfreien Theologen, speziell Dietrich Bonhoeffer, Leonhard Ragaz und Paul Tillich. Das war womöglich eine Folge der Vater-Sohn-Dialektik, denn mein Vater war Oberst und Militärrichter. Eines der ersten Flugblätter, das mir in jener Zeit in die Hand gedrückt worden war, richtete sich ausgerechnet gegen meinen Vater, der gegen Dienstverweigerer harte Strafen fällte: «Militärprozess in Zürich. Hauptperson des Schauprozesses: Grossrichter Ernst Strehle, bekannt durch das Blitz-Urteil gegen Paul T. (7 Monate Gefängnis in 15 Minuten).»
An der Frage der Landesverteidigung entbrannte auch der erste grosse Streit mit meinem Vater. Für ihn war klar, dass ich entweder Rechtsanwalt, NZZ-Redaktor oder zumindest Offizier werden sollte. Schon in der ersten Woche meiner Rekrutenschule signalisierte mir der Kommandant, dass ich den Vorschlag zum Offizier bereits im Sack hätte. Ich unternahm in der Folge alles, um den Vorschlag zu verwirken, doch mein Korporal war ein überaus wohlmeinender Studienkollege. Werner Bernet, heute Reka-Chef, nahm mich immer dann aus der Schusslinie, wenn ein höherer Offizier unsere Übungen inspizierte. Erst nachdem ich in einem Aufsatz die Schweizer Armeeführung als «Sammelbecken reaktionärer und faschistischer Kräfte» bezeichnet hatte, fragte mich niemand mehr, ob ich die Offiziersschule machen wolle.

Eine Gruppe für jeden

Diese Einschätzung war etwas platt, schon mein Vater hatte ihr nicht entsprochen. Er war ein Liberaler, dem freilich mein 68er-Weltbild viel zu weit ging. Unsere Diskussionen endeten meist damit, dass wir uns gegenseitig nach Moskau schickten. Beide hatten wir auf unsere Weise recht: er, weil viele 68er sich nie richtig vom Stalinismus distanzierten; ich, weil Bilder von Schweizer Militärgerichten damals durchaus jenen aus dem Kreml glichen.
Meine Mutter litt unter dem damaligen Zerwürfnis, doch sie hielt sich raus. Nur einmal empörte sie sich so richtig, das war bei einem Besuch meines alten Nachbarn und Schulkollegen Jürg Wildberger, damals Mitglied der Revolutionären Aufbauorganisation Zürich, später Mitbegründer von «10vor10» und Chefredaktor von «Facts». Meine Mutter hatte bedauert, dass Wildberger, auch er ein gutbürgerlicher Zürichbergsohn, demonstrativ in den Arbeiterkreis 5 gezogen war, worauf mein Freund Jürg meinte: «Lueged Si, Frau Strehle, es kann halt nicht jeder am Zürichberg wohnen.»
So wurden meine Besuche bei den Eltern seltener und wenn, dann diskutierten mein Vater und ich sicherheitshalber über Fussball. Wenigstens dort waren wir uns einig: GC taugte nichts mehr, und die Nationalmannschaft war eine Katastrophe. Selten habe ich je wieder einen Fernsehzuschauer sich so inbrünstig ärgern gesehen wie meinen Vater, als die Schweizer Elf unter der damaligen «Periode der ehrenvollen Niederlagen» ehrenvoll unterging. Wir trafen uns in klassenübergreifender Solidarität gegen das Mittelmass.
In St.Gallen begann die Entspannung schon früher. Der liberale Wirtschaftsprofessor Walter A. Jöhr stand bei uns zwar wegen seiner früheren Sympathien für den Nationalsozialismus unter Beschuss, doch nun schrieb er ein Seminar aus zum Thema «Die neue Linke». Das letzte freie Referatsthema hiess «Der eindimensionale Mensch», basierend auf dem Buchtitel des deutschen Philosophen Herbert Marcuse.
Ich besorgte mir das Buch, will aber nicht behaupten, dass ich als 18-Jähriger Sätze wie diesen auf Anhieb verstanden hätte: «Die Vereinigung von anwachsender Produktivität und anwachsender Zerstörung, das Hasardspiel mit der Vernichtung, die Auslieferung des Denkens, Hoffens und Fürchtens an die Entscheidungen der bestehenden Mächte, die Erhaltung des Elends angesichts eines beispiellosen Reichtums enthalten in sich die unparteiischste Anklage – auch wenn sie nicht die Raison d’être dieser Gesellschaft sind, sondern nur ihr Nebenprodukt: ihre durchgreifende Rationalität, die Leistungsfähigkeit und Wachstum befördert, ist selbst irrational.» Aber das Buch war super cool, damals.
Schliesslich half mir der Referatstext, den ein Klassenkamerad zum selben Thema kurz vor der Matura gehalten hatte. Der Schulkollege war im Unterschied zu mir ein frühreifer 68er. Er war der Erste, der schon in den frühen Sechzigerjahren mit Twisthosen in die Schule gekommen war, mit goldenen Knöpfen auf dem Hosenschlitz, wenn ich mich richtig erinnere. Sein Partykeller war der erste, wo unlimitiert gesoffen werden durfte, sodass die Kameraden anderntags mit roten, aber leuchtenden Augen in den Schulbänken hingen. Ein paar Jahre später stand der Kollege in Zürich dem Kleinen Studentenrat vor und setzte sich in die Nesseln, weil er dem Vietcong nach dem Abzug der Amerikaner im Namen der Zürcher Studentenschaft ein Glückwunschtelegramm nach Hanoi geschickt hatte.
Der Beistand des Schulkollegen half. Mein Referat fiel schliesslich so überzeugend aus, dass mir der deutsche Assistent Hansi B., ein Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), am Schluss zuraunte: «Komm heute Abend an die Schwertgasse, zweiter Stock.» Als ich in jenem düsteren Haus auftauchte, sass die Runde schon beisammen, eingenebelt von allerlei Rauch. «Was will denn der hier?», fragte Guy Barrier die versammelten Genossen und deutete auf mich. «Er hat heute ein brillantes Referat über Marcuse gehalten», sagte Hansi B.

Ich durfte bleiben.

Die 68er-Bewegung in St.Gallen bestand aus vielleicht vierzig Genossen, die in wechselnder Zusammensetzung die politische Aktivistengruppe «Inform» bildeten, in der Theoriegruppe Marx, Adorno und Habermas lasen, in der Filmgruppe die ersten Studiofilme nach St.Gallen brachten und in der Studententheatergruppe das Kontrastprogramm zu «Figaros Hochzeit» im Stadttheater boten. Die paar Genossinnen bildeten eine Frauengruppe, die paar Schwulen eine Homosexuellengruppe, die paar Humanisten eine Strafrechtsreformgruppe, die Realpolitiker hielten die Verbindung zum linken Dachverband der Studentenschaft, und die angehenden Journalisten füllten die Studentenzeitschrift «Prisma» mit Texten ab. Dieselben vierzig Leute demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, simulierten einen 1.-Mai-Umzug und eine Studentenbewegung.
Unsere Demonstration gegen den Vietnamkrieg bestand aus dreissig Leuten und zwei Transparenten. Die Passanten am Marktplatz nahmen kaum Notiz von den «Ho, Ho, Ho Chi Minh»-Rufen trotz flammend abgefasstem Flugblatt. So zogen wir uns bald zurück in den nahe gelegenen Spielsalon. Wegen uns wurde der Krieg vermutlich nicht beendet.
Die studentische Basis verfolgte unser Treiben mit Interesse, besuchte zwar nicht die Theorieabende, aber wenigstens Godards Filme und die Aufführungen von Ionesco-Stücken. Die liberalen HSG-Professoren, vorab in den Geisteswissenschaften, begegneten uns mit Wohlwollen, speziell unser Philosophiedozent (den die Hochschule vor einem Fototermin erst noch zum Haareschneiden schickte), ebenso der Historiker und der Soziologe. Schliesslich waren wir die Einzigen, die freiwillig Hegel lasen.

Schlingensief light

Ich war Mitglied der Theoriegruppe und las pausenlos. Zudem spielte ich ¬eine Nebenrolle in Tadeusz Rózewicz «Zeugen oder unsere kleine Stabilisierung», malte Kinoplakate («Charles mort ou vif») und schrieb mir im «Prisma» die Finger wund. Anfänglich waren es Liebesgedichte, über die ich heute lieber den Mantel des Schweigens breiten würde. («Als ich sie fragte: Liebst du mich/Da lachte sie bloss.») Später ging es auch um die Hochschule. Ich gründete die Homosexuelle Arbeitsgruppe mit, weil kein Schwuler sich im damaligen St.Gallen öffentlich hätte outen können. Das brachte mir eine Denunziation an der Wandzeitung der HSG und viele männliche Verehrer ein.
Dabei stand ich inzwischen auf Esther, die wunderbare Lieder auf der Gitarre spielte, nein, nicht Joan Baez oder Bob Dylan, sondern The Kinks («They seek him here, they seek him there»). Esther erhörte mein Liebeswerben leider nicht so richtig, sie stand eher auf den heutigen Kaufleuten-Betreiber Fredy Müller, der schon damals die am stilvollsten abgewetzte Lederjacke hatte und es als Einziger schaffte, dass sein Dreitagebart immer nach drei unrasierten Tagen aussah. Daneben schwärmte Esther für den Schauspieler Matthias Habich am Zürcher Schauspielhaus, das in der Ära Löffler auf seine Weise den 68er-Aufbruch andeutete. Schauspieler provozierten auf der Bühne in einer Art Schliengensief light, mit nichts als fleischfarbenen Trikots bekleidet, Hamlet tauchte mitten im Stück als Zigarettenverkäufer im Publikum auf, nach Schüssen (aus Schreckschusspistolen) protestierte ein als Bühnenarbeiter verkleideter Schauspieler wegen mangelnder Sicherheit. Und: Das Zürcher Schauspielhaus wagte es, Stücke von Brecht aufzuführen. «Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber», sagten die Nachbarn meiner Eltern am Zürichberg und schickten ihr Saisonabonnement zurück.

Auf dem Radar der Ficheure

Wir lasen auch das «Kleine rote Schülerbuch», eine Anleitung zu Verhütung und Bewältigung anderer Herausforderungen im Leben. An der Kantonsschule St.Gallen schien das Büchlein nicht zu zirkulieren, denn eine Schülerin war von einem Mitschüler geschwängert worden, weshalb die beiden Maturanden kurz vor dem Ausschluss standen. Mitschüler solidarisierten sich mit ihnen und gründeten die Aktion «Rotes Herz». Bloss konnte es von den Mitschülern keiner wagen, Flugblätter vor der Kanti zu verteilen, weil alle Angst vor dem damaligen Hauptlehrer und späteren Reformpädagogen Rolf Dubs hatten. So verteilten eben wir diese Flugblätter und steckten uns rote Herzen ans Revers – mit mässigem Erfolg. Der Ausschluss des jungen Vaters war nicht mehr zu verhindern.
Anfang der Siebzigerjahre gab ich meinen Status als Wochenaufenthalter auf und meldete mich in St.Gallen an. So tauchte ich auf dem Radar des Polizeikommandos St.Gallen auf, das künftig regelmässig Meldung über verdächtige Aktivitäten nach Zürich machte. Eine erste Meldung betraf meinen Versuch, den Düsseldorfer Architekturprofessor Jörn Janssen nach Zürich einzuladen. Janssen hatte an der ETH Zürich für Aufsehen gesorgt, weil er mit seinen Studenten die Auswirkungen der damals hochschiessenden Vorstadtbauten rund um Zürich untersucht hatte, speziell die Göhner-Überbauung bei Volketswil («Göhnerswil»). Das reichte, um seinen Lehrauftrag nicht zu verlängern. Meine Einladung an Janssen zu einem Gastreferat in St.Gallen scheiterte an einem Redeverbot gegen ihn (Ficheneintrag: «Von Kapo ZH: Erwähnt ist auch S. als Gesuchsteller für eine Redebewilligung für Janssen an der Handelshochschule in St.Gallen»).
Zwei Monate später folgende Meldung des Polizeikommandos St.Gallen: «Bericht über S., der für eine Veranstaltung der Kulturkommission HSG um einen Referenten der PdA-Initiative für eine Volkspension nachsuchte.» Tatsächlich hatte ich ein altgedientes PdA-Mitglied (den Arbeiter Jakob Wüest) angefragt, ob er an der Hochschule die Volkspensions-Initiative vorstellen wolle. Sie sah, als Gegenvorschlag zum Pensionskassenobligatorium, existenzsichernde AHV-Renten für alle vor. Selbst dies war den Ficheuren ausführliche Berichterstattung wert, «spediert in zwei Exemplaren an Bundesanwaltschaft und 1 Ex. an Nachrichtendienst der Kantonspolizei».
Während sich in Zürich die linken Gruppierungen schon reihenweise spalteten und sich drei verschiedene maoistische Richtungen bekämpften, konnten wir uns in St.Gallen keine Spaltungen leisten. Hier gab es vielleicht einen oder zwei Maoisten, einen Trotzkisten und eine Handvoll Reformstalinisten, der Rest war freischwebend. Alles, was links von der SP war, spannte zusammen. Das hatte den Vorteil, dass man sich nicht bekämpfte, aber den Nachteil, dass wichtige Diskussionen (etwa jene um die Verbrechen des Stalinismus und der bloss halbherzige Bruch in der Chruschtschow-Ära) nicht geführt wurden, weil sie zwangsläufig zum Bruch geführt hätten. Wir hassten zwar die Sowjetunion, aber liebten ihre Aussenpolitik in den Dritten Welt, weil sie die Befreiungsbewegungen unterstützte. Die USA waren für uns der Napalmkrieg gegen das vietnamesische Volk, die Unterdrückung der Schwarzen im eigenen Land, die Sicht auf Südamerika als «Hinterhof» und schmutzige Innenpolitik à la Watergate. Vor diesem Hintergrund gingen die Weiss- und Grautöne verloren.

Köpfe, damals hitzig

Dann kam die grosse Konfrontation mit der Hochschulleitung: Ich wurde vor den Rektor (Hans Siegwart, Rechnungswesen) und den Prorektor (Alfred Meier, Finanzwissenschaft) zitiert, die mit ernster Miene meine charakterliche Eignung als Akademiker infrage stellten. Der Grund war, dass ich als verantwortlicher Herausgeber unsere Studentenzeitschrift der St.Galler Frauengruppe zur freien inhaltlichen Gestaltung zur Verfügung gestellt hatte. Was die Frauengruppe schrieb, könnte heute in jeder Broschüre von Gleichstellungsbeauftragten stehen. Dazu zeichnete eine halbwegs begabte Grafikerin ein Titelbild mit einer nackten Frauenfigur, in der ihre Funktionen gemäss klassischem Männerbild beim entsprechenden Organ eingezeichnet waren (Kochen, Waschen, Bügeln, Staubsaugen, im Bett zur Verfügung stehen und so weiter). Das war handgestrickt, aber wirkungsvoll: «Polizeikommando St.Gallen: Übermachen diverse Berichte in und um die Zeitschrift ‹Prisma›. Verantwortlich für die als skandalös bezeichnete Januar-Nummer zeichnet die FRAUENGRUPPE ST.GALLEN. Teilen weiter mit, dass S. unter anderem für die Redaktion des PRISMA verantwortlich zeichnet.»
Nun wirkten in dieser Studentenzeitschrift sehr wohl auch Köpfe mit charakterlicher Eignung zum Akademiker: Charles E.Ritterband zum Beispiel, der heutige Wien-Korrespondent der NZZ, schrieb viel und war der Einzige, der pünktlich ablieferte. Wegen seines schon damals auffallend staatstragenden Duktus nannten wir ihn «Ritter Hadubrand».
Journalistisch noch inaktiv war mein Kommilitone Gerhard Schwarz, heute Wirtschaftschef bei der NZZ. Der Vorarlberger interessierte sich damals neben der Hochschularbeit nach aussen manifest in erster Linie für Skirennen und triumphierte im Winter spätestens nach der Lauberhornabfahrt, denn es war die Ära des Karl Schranz. Auch mein Studienkollege Michael Ringier, mittlerweile nicht mehr Verlegerssohn, sondern Verleger, tat sich weniger publizistisch als vielmehr sportlich hervor. Er verbrachte seine Zeit mehrheitlich auf dem nahe gelegenen Tennisplatz Rotmonten. Kommilitone Lukas Mühlemann, später Chef der Credit Suisse, war eher musikalisch als politisch tätig, dort allerdings mit grosser Begabung (als Keyboarder der New Five); ganz ähnlich Gastrounternehmer Rudi Bindella, der damalige Schlagzeuger von Les Moby Dicks.

Meienberg, Frisch und Spitzel

Publizistisch nachtaktiv war Niklaus Meienberg. Der St.Galler wohnte damals in Paris, verbrachte den Tag mit Schlaf und Gesprächen und schrieb in der Nacht. Er musste sich in jener Zeit einen Töffkauf mit einer Stellvertretung als Geschichtslehrer in Chur abverdienen. Zwischendurch war er ein häufiger Gast in unserer St.Galler WG (drei Männer, eine Frau). Die Behauptung wäre übertrieben, dass er anfänglich auch an uns Männern interessiert gewesen sei; immerhin akzeptierte er uns ersatzweise als Gesprächspartner, wenn unsere WG-Kollegin S. abwesend war. Ich habe alle Texte, die er im frühen «Tages-Anzeiger-Magazin» publizierte, jeweils im Voraus mündlich und sehr ausführlich geschildert bekommen.
Meienberg wurde später zu einem Freund, mit dem ich zeitweilig zusammenwohnte. Sein praktisches Geschick im Haushalt reichte, um die Saucissons zu wärmen, die ihm eine Waadtländer Bewunderin regelmässig in Fresspaketen schickte. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je seine Bettwäsche gewechselt hätte. «An Dreck kann man sich gewöhnen», sagte er. Auch meine eigenen Kleider kamen nun nicht mehr aus der Zürcher Bahnhofstrasse, sondern aus dem St.Galler Brockenhaus. Ich kaufte mit Vorliebe Arbeiterhemden (50 Rp.) und Magazinerkittel (1 Franken). Am teuersten waren die Militärmäntel (2 Franken). Das war gewissermassen die Lightversion der Proletarisierung. Andere Genossen nahmen den Begriff ernster, brachen ihr Studium ab und gingen in die Fabrik arbeiten. Meienberg hielt meine Version für ausreichend und prophezeite mir, dass ich nie mehr zu meiner bourgeoisen Klasse am Zürichberg zurückfinden würde.
Meienbergs Freunde waren auch meine, und unter Genossen sagt man sich du. So kam ich zum Du mit Weltliteraten, etwa mit Max Frisch, den ich – ein Höhepunkt – nach einem Nachtessen bei Freunden nach Hause bringen durfte. Max’ Jaguar stand in der Garage, so musste für die Fahrt nach Küsnacht mein Occasions-Alfa reichen. Wir haben uns auf der Heimfahrt gut unterhalten, aber doch nicht so gut, dass mich Max ein paar Wochen später in der Migros wieder erkannt hätte. Ebenfalls ein und aus ging bei uns der Humanist unter den Strafrechtlern, Peter Noll, zumindest solange, bis ihm die Frauen Hausverbot erteilten, weil er ein Schürzenjäger alter Prägung war.
Alle andern Gäste haben wir in unseren WGs wohlwollend aufgenommen. Mal waren es Flüchtlinge, mal (wie sich später herausstellte) ein Spitzel des Verfassungsschutzes, zwischendurch auch immer wieder solche, die auf der Kurve waren. Küde etwa, ein liebenswerter, aber schräger Vogel, an den ich bessere Erinnerungen hätte, wenn er seine Fehde mit einem Zuhälter im Zürcher Milieu nicht mit meinem Sturmgewehr ausgetragen hätte. Er hatte das Gewehr im Estrich behändigt (die Taschenmunition lagerte ich pflichtbewusst andernorts), dem Nebenbuhler nachts an die Schläfe gehalten und so die ausgerissene Freundin definitiv zurückerobert. Dumm nur, dass er danach mein Sturmgewehr im Treppenhaus des Bordells stehen liess, wo die Polizei es fand und den rechtmässigen Besitzer verdächtigte.
Es war die Zeit, als mein Weltbild vom guten Menschen, den bloss das System kaputt macht, die ersten kleinen Risse bekam. Sie haben bis heute nicht dazu geführt, dass ich es für gänzlich falsch hielte. Doch dem Schwarzweissbild habe ich ein paar Grautöne zugefügt. Womöglich war ja auch die damalige Weltsicht, dass Angst immer «Angst im Kapitalismus» (Dieter Duhm) ist, ein bisschen platt. Und sicher mehr als platt war die Entschuldigung der sowjetischen Repression mit deren sogenannt fortschrittlicher Aussenpolitik. Womöglich ist «repressive Toleranz» (Marcuse) doch besser als Repression. Und selbst eine bürgerliche Demokratie besser als keine Demokratie.
Unser Vorbild wurde Ota Sik, der tschechische Wirtschaftsminister, der vor den russischen Panzern nach St.Gallen geflüchtet war und als Professor zeitlebens nach einem dritten Weg zwischen rigoroser Planwirtschaft und deregulierter Marktwirtschaft suchte. Seine Tragik war, dass Tschechien nach dem Ende des real existierenden Sozialismus mit aller Kraft auf den zweiten Weg einschwenken wollte. Als ich Ota Sik im hohen Alter noch einmal besuchte, interessierte er sich in erster Linie für Malerei.
Ein anderer, der ebenfalls früh einen dritten Weg suchte, war Roger Schawinski. Er schrieb 1967 im «Prisma» konstruktiv gegen den Vietnamkrieg an: «Wenn wir den Kommunismus bekämpfen wollen, müssen wir ihm seine Grundlagen entziehen. Die Entwicklungshilfe, wie sie bis heute getätigt wurde, war nichts als ein Almosengeben. Nur durch eine von Grund auf neue Konzeption, die den hungernden Völkern Asiens, Afrikas und Südamerikas die Möglichkeit eines Überlebens ohne Kommunismus gibt, können Lyndon B.Johnsons (und unsere) Ziele realisiert werden.»
Nebenbei führte uns Schawinski in die Kunst des Marketings ein. Das war sein Metier, mehr noch als das Handballspiel. Ich war im ersten Semester Torhüter in seiner Mannschaft am HSG-Turnier, Er hatte schon damals Offensivdrang und war am linken Flügel unberechenbar – für Feind und Freund. Ein Jahr später holte ich für ein neues Team Walter B.Kielholz an den linken Flügel. Am Kreis wühlte derweil Küde Meier, später Mitbegründer des ersten grossen Selbstverwaltungsexperiments «Kreuz» in Solothurn. Die K&K-Tore brachten uns bis in den Halbfinal.
So verstanden sich ab 1969 an der Hochschule St.Gallen – links von den Studentenverbindungen und exilierten deutschen Fabrikantensöhnen – alle irgendwie als 68er. Mehr noch als Zürich war St.Gallen die schweizerisch-konkordante Variante von 1968. Selten unversöhnlich antagonistisch, meist integrativ spätestens beim Billigfusel in der Spanischen Weinhalle. Links, aber lieb. Oder wie ich nach meinem Austritt aus der Rekrutenschule qualifiziert wurde: «Kritisch, aber anständig.» Der Mensch bleibt, Marcuses Einschätzung zum Trotz, selbst im Kapitalismus, mehrdimensional.

Jeder hat eine Vergangenheit: der Autor auf dem Land…
Jeder hat eine Vergangenheit: der Autor auf dem Land…
…und als Gründungsmitglied der WoZ.
…und als Gründungsmitglied der WoZ.

Die Diskussion

5 Reaktionen

  1. Alfred Betschart

    Wie sie sich alle ähnlich sind. Res Strehles Kommentar hier, Eugen Sorgs in der Weltwoche vor einem Monat. Dadurch dass der Autor sich über seine Vergangenheit lustig macht, kann er sich problemlos von ihr distanzieren. Er muss nicht nach den eigenen Fehlern suchen. Und so kann er nach wie vor den alten Fehlern anhängen. So da wären: Hirnlastigkeit, Vertrauen auf alles erklärende Theorien, Radikalität ohne jegliche Skepsis gegenüber Theorien, Fehlen jeglicher praktischer Erfahrung. Diese waren es, die uns damals irrtümlicherweise im Marxismus (welcher Färbung immer) zuflucht ergreifen liessen.

    Wir setzen uns nicht kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinander. Leider geht damit jedoch auch eine fehlende Wertschätzung dessen einher, was wir damals erreichten. Wir sind zwar total unter der falschen Fahne (d.h. jener des Marxismus) gesegelt. Doch die Gleichberechtigung der Frau, der Abbau der allmächtigen Autoritäten in Familie, Schule und Betrieb, die Individualisierung der Gesellschaft, die sexuelle Befreiung (inklusive jener der Schwulen) sind Errungenschaften, die hoffentlich nicht so schnell verloren gehen. In einigen Bereichen (bspw. Schule, öffentliche Sicherheit) sind wir wohl zu weit gegangen, und hier braucht(e) es Korrekturen. Doch gerade angesichts der zunehmenden Kritik an den 68ern erscheint es mir falsch zu sein, sich mit den 68ern und ihren Ideen nur auf der Ebene des Anekdotischen auseinanderzusetzen.

  2. Hans-Peter Bertin

    Schon erstaunlich, wie es Herr Strehle mit bald 60 fertig bringt, beinahe an seinem eigenen pupertären Erguss zu ersticken.

  3. Felix Epper

    Chance vertan.
    Statt mit dieser locker-flockigen Schmuddel-Runde in Meienbergs Bettwäsche rumzualbern hätte uns Herr Strehle besser ein paar Kapitel aus seiner Einführung in die Marx’sche Theorie, “Kapital und Krise”, präsentiert und aus der Distanz kritisch kommentiert.

  4. Anleitung zur Uni-Revolte (aus: Nebelspalter 2008) « beiz 2.0

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