01.08.2008 von Martin Beglinger , 3 Kommentare
Peking ist eine Stadt mit 17, 18, 19 Millionen Einwohnern, wer wird es so genau wissen, wohl nicht einmal die Partei. Aber Peking hat garantiert 9 Millionen Velos, wie Katie Melua weiss und so wunderbar singt. «There are nine million bicycles in Beijing – that’s a fact – it’s a thing we can’t deny – like the fact that I will love you till I die.» Allein würde ich also nicht sein in dieser Stadt, aber trotzdem: Velo fahren in Peking? In der Schweiz warnten Leute, das sei verrückt oder lebensgefährlich in diesem Verkehr und in dieser Luft.
Also denn.
Mein hilfsbereiter Kollege Andreas führte mich in den Beijing Yong Feng Jie Mei Bike Shop in der Nähe des Workers’ Stadium, wo er selber schon mal einen Achtzehngänger gekauft hat, ein Velo, das leicht zu fahren ist, aber schwer zu behalten, wie ich noch erfahren sollte. Frau Li, die gerade vor dem Laden beim Kartenspielen sass, wusste sofort, welches Velo das richtige für mich war: der Gigant, ein schnörkelloser Eingänger. Das Modell «Khan» von «Giant» sei die perfekte Marke für grosse Ausländer. Jede Woche verkaufe sie drei, vier Giganten an Grossnasen, sagte Frau Li. Ästheten aus New York oder Zürich verlangen gelegentlich auch noch einen «Fliegenden Phoenix», den Klassiker aus den Achtzigerjahren, der mit seinen filigranen Stängeli-Bremsen an die britischen Raleigh-Modelle gemahnt. Doch den zugehörigen Betonsattel hätte ich mir nicht eine Woche lang antun wollen.
Die Einheimischen stehen hingegen auf ganz andere Modelle. Am liebsten natürlich BMW, und wenns halt ein Fahrrad sein soll, dann ein batteriebetriebener Elektroflitzer. Der billigste ist doppelt so teuer wie mein «Khan», der teuerste, der sechzig Kilometer weit fährt, kostet 3000 RMB, ungefähr einen halben Arbeitermonatslohn. Frau Li war sehr freundlich mit mir, was auch keinen Chinesen wunderte, dem ich erzählte, dass ich für meinen Giganten inklusive Klingel, zwei Schlössern und eines Gepäckkorbs 930 RMB bezahlt hatte, gut hundert Franken. Jeder kannte einen Händler, bei dem ich ein Velo für 200 oder 100 RMB bekommen hätte. Oder eine Occasion für 20. Aber insgeheim hält wohl mancher jene Westler für Deppen, die hier mit dem Velo fahren, obwohl sie sich mindestens ein Taxi und vermutlich gar einen schwarzen Audi mit schwarz getönten Scheiben leisten könnten. Velofahrer sind die Verlierer im China von heute, auch wenn bisweilen der Witz kursiert, sie seien die letzten Helden des Landes.
Was fehlte an «Khan»: eine Lampe. Ist nicht vorgeschrieben, sagte Frau Li, und Chinesen geben gewiss kein Geld für Dinge aus, die nicht vorgeschrieben sind. Der Gedanke an neun Millionen Fahrräder plus eines, alle ohne Licht, das war doch der Moment, als mir die Zahl von 78 000 Verkehrstoten in China durch den Kopf ging, von denen ich gelesen hatte. Natürlich hatte ich meinen Velohelm aus der Schweiz mitgebracht, doch den packte ich gar nicht erst aus. Ich wäre mir überbehütet vorgekommen, lächerlich. Denn jeder Neuling in Peking realisiert sofort, dass kein Mensch einen Velohelm trägt. Helme tragen hier nur Militärpolizisten (weisse) und Bauarbeiter (gelbe und rote). Und um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe in den folgenden sieben Tagen keinen einzigen Verkehrsunfall, ja nicht mal ein Velo vom Ständer kippen gesehen.
Himmlische Fahrspuren
Ebenfalls mit nach Peking gebracht hatte ich eine Schachtel Mundschutztüchlein, die wir auf Geheiss des Bundesamtes für Gesundheit brav zu Hause horten, sollte die Schweiz von der Vogelgrippe überfallen werden. Doch auch den Mundschutz liess ich im Hotel liegen, denn vermummt sind hier nur die städtischen Strassenwischerinnen mit ihren Abfallrikschas. Neuerdings soll es zwar westliche Biker geben, die nur noch mit Hightech-Masken durch die Stadt fräsen. Ich habe allerdings nie einen entdeckt, ebenso wenig die amerikanischen Olympioniken, die gemäss «New York Times» sofort allesamt Gasmasken anziehen werden, sobald sie den ersten Atemzug in Peking machen müssen. Das werden sie offenbar so spät wie möglich tun, um ihre Hochleistungslungen zu schonen, und ihre vorderhand geheimen Supermasken, die 80 bis 100 Prozent der olympischen Dreckluft herausfiltern sollen, erst unmittelbar vor dem Start zum Wettkampf wieder ausziehen.
Weil ich aber weder einen Marathon noch einen Triathlon machen wollte, fuhr ich wie meine neun Millionen Mitradfahrer ohne Helm und Mundschutz los, dafür mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, weil ich zunächst keine Ahnung hatte, wie ich den Weg vom Veloladen zurück ins Swiss Road Hotel in einem lauschigen Altstadtviertel finden sollte. Ich konzentrierte mich weniger auf das Gewimmel von Hyundai, VW, Velos, Elektrovelos, Fussgängern, Rikschas und Bussen, sondern vor allem auf den Stadtplan. Den Olympischen Spielen sei Dank, sind zwar mittlerweile selbst kleine Nebensträsschen konsequent in Englisch angeschrieben. Doch es braucht seine Zeit, Strassennamen zu entziffern wie Chaoyangmen Beixiaojie, die wiederum nicht zu verwechseln ist mit der Chaoyangmen Nanxiaojie oder Chaoyangmennei Dajie.
Die ersten paar Kilometer fühlt man sich wie ein funktionaler Analphabet, der Stadtplan und Strassenschild Buchstabe um Buchstabe miteinander vergleichen muss. Das Erstaunlichste dabei war, wie rasch ich dieses anfängliche Gefühl des halb blinden Herumtappens wieder verlor, und zwar in jenem Moment, als ich buchstäblich erfahren hatte, dass Peking funktioniert wie Manhattan: Das Strassennetz ist ein Schachbrett. Ganz so einfach wie die New Yorker mit ihren durchnummerierten Avenues und Streets machen es einem die Pekinger zwar nicht. Doch auch hier begreift man überraschend schnell, in welche Himmelsrichtung man gerade unterwegs ist. Und im Gegensatz zu New York haben Pekings Velofahrer viel Platz. Und keine Tramschienen zu fürchten wie in Zürich. Von der Quartierstrasse bis zur Avenue haben sie ihre eigenen Fahrspuren, oft auch baulich abgetrennt. Verkehrsgeschichtlich ist Peking eine Velostadt.
Die engen Hutongs, jene letzten verbliebenen Altstadtviertel, die noch nicht zugunsten des sogenannt modernen Peking geschleift worden sind, gehören ohnehin den wendigen Velos. Der neue Central Business District von Peking sieht aus wie jeder Central Business District zwischen New York und Singapur – ausser dass er schöne, breite Fahrradspuren hat, zum Beispiel um den neuen Fernsehturm von Rem Koolhaas zu umfahren.
Mit der Masse gondeln
Schon am Dienstagmorgen fuhr ich auf dem Radstreifen der Andingmennje Dajie Richtung Süden. Die vier Meter breite Spur in wunderbarem Baumschatten war zwar meistens voll, doch das vermeintliche Chaos war nie hektisch, weil das Tempo eine gemütliche Tiefe hat. Raser habe ich so gut wie nie gesehen, und wenn, dann wars garantiert ein Westler. Kurzzeitig Gefahr drohte höchstens, wenn ich zu sehr auf Läden und Leute schaute anstatt auf die Strasse. Ich sass auf meinem «Khan», klingelte alle paar Meter, weil die neue Klingel so wunderbar klang, überholte im angenehmen Fahrtwind verschwitzte Westtouristen, die sich die Absätze in Peking schief liefen, und im Übrigen hatte ich das Gefühl, schon seit Jahren durch diese Stadt zu fahren. Das Velo verschafft einem die wohlige Illusion, sich organisch in den Puls von Peking zu fügen, auch wenn man dazu im Jahr 2008 eher ein Auto kaufen müsste, von denen täglich 1500 neue in Verkehr gesetzt werden. Unterdessen gibt es 3,3 Millionen Autos in Peking, während von den neun Millionen Fahrrädern immer mehr irgendwo angekettet unter Staub und Rost verschwinden. Beides bedeutet: Es gibt noch mehr Platz auf den Velostreifen. Bislang ist es die grosse Ausnahme, dass Autos die Radwege als Parkplatz missbrauchen.
Als Peter Achten, der China-Korrespondent von Schweizer Radio DRS, vor vierzehn Jahren nach Peking zog, waren Autos noch ein Privileg der Bonzen, während die Strassen fast gänzlich den Velos gehörten. Eine seiner ersten Fahrten unternahm der Velofreak Achten auf dem Rennrad inklusive Renndress und -schuhen, bis er mitten auf einer Kreuzung von einem Polizisten abrupt gestoppt wurde und sich in einem Auflauf wild gestikulierender Chinesen wieder fand. Seither gondelt auch er nur noch unauffällig mit der Masse und fühlt sich wunderbar darin. Das Erste, was er sich dazu hatte abgewöhnen müssen, waren seine Aggressionen beim Warten, wie er bei einem Glas Weisswein erzählte. Ein Chinese gibt beim Warten nie nach, weil er sonst nirgendwohin käme, doch der Schweizer Zuzüger musste erst einmal lernen, dass dieses stete Drängeln nicht aggressiv zu sein braucht.
Diese Lektion lässt sich in jeder Strasse beobachten. Die Stadt wimmelt von Geisterfahrern (immerhin nicht von Autofahrern), doch weil das jeder hier weiss, richten sich alle darauf ein und weichen seelenruhig aus, wenn ihnen trotz Einbahn einer entgegenkommt. (Die wirklich gefährlichen Geisterfahrer kommen ohnehin von hinten, urplötzlich, vollkommen geräuschlos: die Elektrovelos.) Es wird zwar viel gehupt und geklingelt, aber da ist keine Spur von jenem aggressiven Kleinkrieg in Zürich, in dem sich jeder Velofahrer innert Sekunden befindet. Ich habe jede Menge lächelnde Leute erlebt. Sieben Tage lang sah ich keinen Stinkefinger, erhielt keine Vögel gezeigt, hörte keine Belehrungen und Drohungen, also nichts vom normalen Zürcher Programm, obwohl die neun Millionen Pekinger Radfahrer Rotlicht grundsätzlich als Grün betrachten. Sie halten höchstens im Notfall, denn Anfahren mit dem Eingänger ist streng. Stattdessen rollen sie langsam weiter, solange der Weg frei ist. Stopp- und andere Tafeln: alles fakultativ für die Velofahrer. Der Polizei ist es egal.
Nie den Vortritt erzwingen, immer «low profile» fahren, erst recht gegenüber Bussen und Autos, ist auch die Devise eines anderen erprobten Schweizer Velofahrers, Stephan Rothlin, der Wirtschaftsethik in Peking lehrt. Rothlin weiss von einem Landsmann, der schon mal aus seinem Jeep stieg, um eigenhändig das Verkehrschaos zu regeln. Ihm selber käme das nie in den Sinn. «Das Unterrichten von Wirtschaftsethik ist schon schwierig genug, da muss ich nicht auch noch Verkehrspolizist spielen.» In seinen zehn Jahren hat er allerdings nur eine einzige gefährliche Situation erlebt, in der ihn ein Bike-Rowdie fast von den Beinen geholt hätte. Ein Westler.
Trotzdem hat der freundliche Mann das Velofahren aufgegeben. Nachdem ihm vor drei Jahren das sechste Velo von einem bewachten Parkplatz geklaut worden war, hatte er endgültig genug und stieg auf Bus und U-Bahn um, die dank der Olympischen Spiele heute sehr viel besser funktionieren. Von seinen sechs Velos hatte er keines länger als ein Jahr. Anderen Ausländern wurde das Gefährt jeweils schon nach ein paar Monaten gestohlen, und meinem schönen «Khan» gab man trotz zwei soliden Schlössern keine Woche. Aber wir haben auch die Veloknacker von Peking überstanden, obwohl ich «Khan» nicht mit lauter Vieren bemalt hatte, wie es eine Schweizer Peking-Fahrerin in der «Basler Zeitung» zur Abschreckung empfohlen hatte, weil die Vier im Chinesischen eine Unglückszahl ist. Peter Achten rät (nach fünf geklauten Velos) mittlerweile zu Rost und zum Verzicht auf allen Schnickschnack und den Luxus von 18 Gängen.
Kein Mao fürs Velo
Am Mittwoch fuhr ich auf Leichenschau. Ich band «Khan» an einen Pfosten beim Tiananmen-Platz und reihte mich in die zweihundert Meter lange Schlange ein, nachdem wir alle gefilzt und durchleuchtet und per Megafon ins Mausoleum dirigiert worden waren. Wer wollte, der durfte nun eine gelbe Plastikblume kaufen und sie dann, verbunden mit einem kurzen Knicks, beim Eingang auf einen Riesenberg voller gelber Plastikblumen legen, um sich sogleich wieder in die lange Reihe einzugliedern. Stehen bleiben war strikte verboten, erst recht direkt vor der Leiche. Die lag in fahlem Licht unter einer roten Flagge, umgeben von Panzerglas und einem Meer aus Plastikblumen. Die Farbe des Grossen Vorliegenden erinnerte an einen reifen Kürbis. Aber es war Mao. Stehen bleiben durfte man erst wieder in der Devotionalienabteilung, wo es Bilder, Poster, Büsten, Krüge, Plaketten, Kugelschreiber, Füllfederhalter und Uhren mit dem Konterfei des Grossen Vorsitzenden zu kaufen gibt. Dekorationen fürs Velo habe ich keine entdeckt.
«Khan», gut bewacht von ungefähr tausend Polizisten, stand immer noch am gleichen Pfosten am Rande des Tiananmen-Platzes, und so fuhr ich um den Platz herum zur Grossen Halle des Volkes. In Sitzungssälen prangen je ein riesiges Wandgemälde von Shanghai und Peking, der offensichtliche Stolz des modernen China, aber nach Fahrrädern sucht man auf diesen Bildern vergeblich.
Dabei haben die Velofahrer noch immer nirgends mehr Platz als exakt hier, im Machtzentrum des Riesenreichs, auf der Dong Chang’an Jie, der Paradestrasse von Land und Partei, zur Linken der Tiananmen-Platz, zur Rechten die Verbotene Stadt. Zweimal fünf Spuren gehören dem Autoverkehr – und daneben eine abgesperrte vierzig Meter breite Spur für mich und meinen «Khan». Kein Zweifel, das ist die breiteste offizielle Velospur der Welt. Hier können Blinde fahren. Doch weil ausser «Khan» kaum ein anderes der neun Millionen Pekinger Velos durchfährt, fühlte ich mich fast schon gespenstisch einsam und wartete im Grunde nur darauf, dass mich ein Polizist von meinem Boulevard pfeifen würde. Doch nichts geschah. Es zeigte auch kein Uniformierter Interesse, als der «Magazin»-Fotograf zehn Minuten lang auf der Strasse stand und in aller Ruhe Bilder machte – im Gegensatz zu drei jungen chinesischen Passanten, die sich hinterher unbedingt mit «Khan» und mir fotografieren lassen wollten, weil sie kurioserweise glaubten, es müsse sich hier um einen irgendwie wichtigen Ausländer handeln.
Ich, der 24-Stunden-Experte
Es ist ja nicht ganz einfach, in einer Stadt mit 17, 18, 19 Millionen Menschen und neun Millionen Fahrrädern aufzufallen, und dass es schon reichen würde, als Langnase mit einem grossen, grüngrauen Velo der Marke «Giant» durch Peking zu radeln, das hatte ich zuallerletzt vermutet. Tatsächlich hatte mich bereits am Dienstag ein ukrainisches Fernsehteam in der Nähe der Einkaufsmeile Wangfujing für ein Interview abgefangen, weil der Journalist der Meinung war, wer als Nichtchinese gemütlich durch die Stadt radle, sei garantiert orts- und vermutlich auch landeskundig. So kam ich dazu, nach etwas mehr als 24 Stunden Aufenthalt in Peking dem ukrainischen Fernsehpublikum in fünf Minuten die chinesische Hauptstadt zu erklären. Ich pries Peking als echte Velostadt, und neben mir standen immerhin hundert von angeblich 50 000 brandneuen Mietvelos, die auf Olympiatouristen warten.
Peking ist flach, Peking hat Platz, doch Peking hat eine Luft mitunter so stickig wie aus einem Veloschlauch. Mitte Juni erlebte ich Tage, da schien die Stadt wie unter Novembernebel zu liegen. Alles war hellgrau verschwommen, was weiter als hundert Meter entfernt lag. Ich wusste nie, ob das nun Dunst oder Smog oder Feinstaub oder alles zusammen war. Sechs Tage lang lag die Sonne hinter Milchglas. Die Pekinger Luft zählt zu den zwanzig dreckigsten der Welt, doch immerhin kratzte es nie im Hals.
Die Partei lässt es regnen
Auch am Montagnachmittag noch war der Himmel milchig wie meistens gewesen. Die Prognosen verhiessen nichts als trockene und zunehmend heisse Tage. So fuhr ich guten Mutes mit «Khan» und meinem Kollegen Andreas zum Nachtessen. Doch auf der Heimfahrt brach urplötzlich eine Sintflut aus, und wir strampelten in einer Seenlandschaft nach Hause. Es war Andreas, dem etwas in die Nase stach, denn schon früher hatte sich nach Gewittern in Peking ein feiner chemischer Geruch in die vom Regen gereinigte Luft gemischt. Am Dienstagmorgen wusste er aus dem Radio, dass die Partei wieder mal das Wetter gemacht hatte. Um den Dreck aus der Luft zu waschen, hatten die Regenmacher von Peking eine silberiodidhaltige Rakete in die Smogwolken geschossen und damit ein Gewitter künstlich ausgelöst. Zielen die Regenmacher zu tief, riecht es hinterher ein bisschen chemisch.
Regenraketen sind längst nicht die einzige Massnahme, um die Stadtluft bis am 8. 8. um 8 Uhr abends olympisch rein zu kriegen. Ganze Fabriken sollen geschlossen und Schwertransporte in der Stadt verboten werden; 70 Prozent der städtischen Beamtenfahrzeuge werden in den Olympiawochen stillstehen und – theoretisch – die Hälfte des Privatverkehrs, indem an geraden Tagen nur Wagen mit geraden Nummern fahren dürfen und umgekehrt. Wenn die Partei will, steht Peking fast still. Die Radfahrer dürften im August also noch mehr Platz haben als im Juni, doch ob die hochsommerliche Smogglocke tatsächlich weniger atemberaubend sein wird als in früheren Jahren, das weiss jetzt noch kein Mensch. Die Schweizer Olympiafahrer bleiben jedenfalls skeptisch. Ihr Chefarzt Beat Villiger spricht schon seit zwei Jahren von «unverantwortlichen Menschenversuchen», der die Sportler im Smogtreibhaus von Peking ausgesetzt seien. Villiger fürchtet, man werde hier Asthma-Spiele erleben, bei denen nur eine Chance hat, wessen Körper einigermassen smogresistent ist.
Am vierten Tag, schon gut trainiert nach täglich dreissig Kilometern, fuhr ich ins Olympiadorf, zehn Kilometer nach Norden, über den zweiten, dritten und vierten Stadtautobahnring hinaus. Ein gemütliches Fährtchen, ehrlich. Die lange baumgesäumte Zufahrtsstrasse ist frisch geteert, also wenig staubig, auf dem Mittelstreifen blühten echte Rosen und Geranien, alle paar Meter wird man willkommen geheissen. Dann: die fernen Konturen des monumentalen Vogelnestes von Herzog & de Meuron, fast Ton in Ton mit dem bleiernen Himmel. Ich fuhr einfach geradewegs darauf los, bis ich vor einer zehnspurigen Autobahn und einem fluchenden amerikanischen Fussgänger stand, der die Unterführung nicht fand. Mit «Khan» ging das rasch, und trotzdem brauchte ich nochmals eine ganze Stunde, bis ich das gesamte Olympiagelände samt seiner Parkplatzwüste umfahren hatte. Näher als dreihundert Meter zum weiträumig abgeriegelten Stadion schaffte ich es nie.
Am Ende meiner sieben Tage stellte ich «Khan» an die Hotelmauer. Keinen Kratzer hat er abbekommen in dieser Woche, nur eine erschreckend dicke Staubschicht. Die Schlüssel für die beiden Schlösser übergab ich dem Concierge, und der staunte, dass das zugehörige Fahrrad nicht irgendwo verschwunden war unter den neun Millionen Fahrrädern und 17, 18, 19 Millionen Einwohnern. Mein «Khan» ist jetzt das Hotelvelo, mit nach Hause genommen habe ich bloss die wunderbare Ersatzklingel.

Boxenstopp! «Khan» braucht nichts und der Autor bloss Wasser für die Weiterfahrt. | Julian Baumann

Hier gehts lang und länger: Kanal in Peking. | Julian Baumann
Peking mit dem Fahrrad ist tatsächlich grossartig, ich mietete mein schwarzes “Newland”, überraschenderweise in der richtigen Grösse und voll funktionstüchtig, jeweils für eine Tagesmiete von 15 RMB (max. von 6 – 23 Uhr).
Richtig beeindruckt im Strassenverkehr von Peking hat mich die Querung einer breiten Strasse aus einer anderen breiten Strasse. Wie sich, pfeift und winkt der Verkehrspolizist auf der Kreuzung, 50 oder 100 Fahrräder gleichzeitig in Gang bringen und dann wie ein, o Intelligenz der Massen, Fischschwarm im allgemein anerkannten, sehr angenehm langsamen Gemeinschaftstempo durch die auf allen Seiten wartenden und fahrenden Autos bewegen.
Ist es nicht ein Gefühl von niemals erwarteter Geborgenheit und Sicherheit, das einen erwartet, radelt man inmitten einer solchen Traube?
Zurück in Europa fiel mir dann die allgemeine mangelnde Koordinationsfähigkeit auf. Nicht nur beim Radfahren, bei allen möglichen Tätigkeiten, die man zwangsläufig innerhalb der Masse verrichtet, wie Bus- und Zugfahren (Ein- und Aussteigen, Platz finden, etc).
Peking hat so viele Menschen und alle sind unterwegs. Dennoch kann ich mich nicht daran erinnern, dass mich in insgesamt über einer Woche Peking jemand angerempelt hätte. Gefahr geht da vor allem von den Touristen (ich inklusive) aus, von denen viele auffallen durch ihre höchst ungeschmeidige Einbindung in die allgemeinen Bewegungsabläufe.
Nachdem ich nun schon seit vielen Woche stetig in Versuchung geführt und immer enttäuscht wurde, ist dies der erste Artikel über unsere diesjährige Olympiastadt, der sich zu lesen lohnt.
Was wir Europäer nur mit wissenschaftliche Experimenten und großem Tamtam wie Shared Space http://www.shared-space.org/ herausfinden, erkennt die Chinesische Volksseele scheinbar inutitiv.
Schmunzelnd habe ich die Peking-Velo-Story von Marting Beglinger konsumiert. Vor noch nicht allzu langer Zeit haben wir dieses “schnuggelige Städtchen” auch wieder einmal besucht und auf eigene Faust erkundet.
Obwohl die Taxis sehr billig sind, haben wir als Exoten unter den „Touris“ mehrheitlich Bus und U-Bahn bevorzugt und in den meistens hoffnungslos überfüllten Wagen den Alltag vieler Einheimischen hautnah miterlebt. Mehrmals haben wir staunend erlebt, dass die in den Wagen mitfahrenden Schaffnerinnen, junge Chinesinnen und Chinesen energisch aufforderten, uns ihren Sitzplatz zu überlassen. Es stellt sich nun die berechtigte Frage: „War der Grund, weil wir Touristen waren oder sahen wir so alt und gebrechlich aus?„ Na, lassen wir das!
Auch den den Rummel vor dem Bahnhof muss man erlebt haben. Leider ist der Zutritt zu den vollgestopften Wartesälen und zu den Bahnsteigen mit den direkten Fernzügen in die Mongolei und Russland nur noch mit Ticket möglich. Vor einigen Jahren haben wir Peking mit der Bahn angesteuert. Dauert zwar etwas länger als mit dem Flieger, aber eine, zugegeben etwas strapaziöse Reise von Bern, Bahnhof Nord via Russland und die Mongolei nach Peking und dann weiter nach Hongkong auf der Schiene mit normalen Linienzügen muss man erlebt haben!
Das quirlige Alt-Peking mit den belebten engen Gassen und den noch übriggebliebenen einmaligen Hutongs, wo die Zeit anscheinend stillgestanden ist, haben wir mit dem Fahrrad — Modell: etwas speziell, ohne Übersetzungen!, ausgerüstet mit der obligaten überlebenswichtigen Riesenklingel erforscht. Aber Vorsicht — Kompass nicht vergessen! Könnte sein, dass wir sonst noch heute in diesem Labyrinth unterwegs rumradelten!
Auch die letzten Hutongs etwas außerhalb des Zentrums sind einen Trip mit oder ohne Velo wert. Dort sichtet man weit und breit keine „Touris“. Man kommt sich auf den Strassen mit den Massen von Menschen, die mehr oder weniger leckere Speisen auf der Gasse zubereiten oder von der Zahnbürste bis zum Fernseher alles verkaufen schon ein wenig deplaziert vor. Ein Gespräch ist praktisch unmöglich. Hier spricht man ein Chinesisch, das auch Chinesen aus Shanghai nicht verstehen. Auch das ist Peking. Fragt sich nur, wie lange noch. Olympia 2008 steht vor der Tür. Ganze Quartiere werden abgerissen, Einkaufszentren und Hotels der Superlative erstellt und die ehemaligen Bewohner umgesiedelt. Ob zu ihrem Wohl ist eine andere Frage! Peking will sich 2008 im Glanz einer modernen Metropole der Welt präsentieren.
Nebst den weltbekannten Sehenswürdigen sind die vielen traumhaften Parks mit kleinen bis größeren Seen mit Bootsvermietung, Theater und Musikdarbietungen immer wieder für Überraschungen gut. Interessant sind auch die unzähligen Freiluft-Fitnessanlagen, die man mitten in den Quartieren findet. Staunen ist angesagt: Uralte Chinesinnen und Chinesen turnen an diesen kuriosen Geräten ohne eine Miene zu verziehen wie Teenagers! Wir haben es zum „Gaudi“ der Einheimischen „Sportler“ auch ausprobiert. Macht Spaß und Muskelkater! Und Hunger!
Apropos Hunger: Unzählige gemütliche, mehrheitlich von Einheimischen frequentierte Restaurants von Einfach bis Luxuriös können hier Abhilfe schaffen. Meine Frau und ich sind Genussmenschen und haben für ein exzellentes chinesisches Mehrgangessen mit süffigem Wein (auch das gibt es in China!) oder einem kühlen Bier, jeweils zwischen umgerechnet 5 bis 10 Franken für zwei Personen bezahlt. In den „Touri“ Lokalen zahlt man etwas mehr, dafür ist das Essen weniger schmackhaft! Nicht in jedem Restaurant gibt es eine englische Speisekarte. Ein Reiseführer mit den wichtigsten Wörtern auf chinesisch ist Gold wert und man hat nicht plötzlich einen Hund, eine Kröte oder eine Ratte auf dem Teller. Haben wir mal angenommen! Und detailliertes Nachfragen haben wir uns auf Reisen abgewöhnt. Entweder es schmeckt oder es schmeckt nicht – so einfach ist das! Lediglich die Weinbestellung ist mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. In unserem chinesischen Sprachführer war wohl das Wort „Wein“ vermerkt, jedoch von weiß oder rot keine Spur. Manchmal standen bis zu 5- und mehr Bedienerinnen um unseren Tisch und versuchten zu erraten, wenn wir das chinesische Wort „Wein“ in Verbindung mit roten Gegenständen bringen wollten. Alles lediglich eine Frage der Zeit. Das Problem wurde immer mit dem üblichen chinesischen Lächeln gelöst!
Abschließend nur noch dies: Peking mit oder ohne Velo ist, respektive war immer eine Reise wert. Nur, nach Olympia 2008 habe ich da so meine leichten Zweifel. Was soll’s. Auch Shanghai und weitere Städte in diesem ziemlich großen “Ländli” sind eine Reise, mit oder ohne Drahtesel wert.