Niemandsmenschen

Fünf Uiguren, Staatsbürger Chinas, waren am falschen Ort, als die USA ihren Krieg gegen den Terror begannen. Gefangen in Guantánamo, ausgesetzt in Albanien

10.11.2007 von Erwin Koch , 2 Kommentare

Im Januar 2000, den Tag hat er vergessen, bricht Abu Bakr, ein Sattler aus der Stadt Gulja, ins bessere Leben auf. Er streichelt den Bauch seiner Frau und will nicht weinen, die Frau ist schwanger.
Wann?, fragt sie.
Bald, sagt er, 31 Jahre alt, und geht.
Abu Bakr Qassim ist Uigure, Teil einer turkstämmigen Minderheit im Westen Chinas, zehn Millionen Uiguren allein in der Region Xinjiang, sie sind Muslime, erobert und unterdrückt von den Chinesen seit einem halben Jahrhundert, Ostturkestan.
Abu Bakr fliegt von Urumgi in China nach Bischkek in Kirgisien. Dort, auf dem Markt von Torbaz, versucht er sich als Händler, er bietet Broschen an, Uhren, Seile, Lederwaren, kauft sich frei von den kirgisischen Polizisten, die ihn umstellen. Sonst schaffen wir dich nach China zurück.
Manchmal ruft er seine Frau in Gulja an, das die Chinesen Yining nennen, und fragt nach seinem Sohn und dem Kind in ihrem Bauch.
Wann?, bettelt die Frau.
Auf dem Markt lernt er Adel kennen, fünf Jahre jünger, Uigure aus Gulja, Adel Abdulhekim redet wenig, er ist Händler, Vater von drei Kindern, aus der Heimat geflohen wie Abu Bakr. Die Männer mieten ein Zimmer am Rand des Basars von Torbaz, betreiben gemeinsam ihr Geschäft.
Meine früheste Erinnerung, erzählt Abu Bakr dem andern, ist, dass ich als Kind immer nur alte Kleider trug, weil wir kein Geld hatten. Ich trug Kleider mit Löchern bis 1985, als ich in der Lederfabrik der Chinesen zu arbeiten begann.
Und meine früheste Erinnerung, erzählt Adel, als er nachts auf seinem Bett liegt, ist, dass ich mich, auf der Suche nach Schafen, in den Bergen verirrte, drei Tage lang, und dabei fast erfroren bin.
Zwillinge!, zwei Knaben!, jubelt die Frau. Wie willst du, dass sie heissen?
Wenn er Geld hat, schickt er ihr Geld. Die Gewinne von Abu Bakr Qassim und Adel Abdulhekim sind klein, die kirgisischen Polizisten ständig frecher.
Meinen Vater, erzählt Abu Bakr, schlossen die Chinesen zwei Jahre lang ins Gefängnis, weil sie ihn beim Beten erwischten. Sie hängten ihn an die Decke, machten Feuer unter seinen Füssen.
Den Mann meiner Schwester haben sie erschossen, sagt Adel.
Anfang Juli 2001, den Tag haben sie vergessen, fliegen Abu Bakr und Adel von Bischkek in Kirgisien nach Karachi in Pakistan. Abu Bakr, der Sattler, weiss von einem Uiguren, der in der Türkei eine Lederfabrik besitzt, ihn wollen sie suchen und um Arbeit bitten.
Sobald ich dort bin, sagt Abu Bakr seiner Frau, kommst du mit den Kindern nach.
Abu Bakr und Adel haben kein Geld für den Flug in die Türkei, sie beschliessen eine Reise im Bus quer durch den Iran, elf Tage weit, Abu Bakr und Adel, den Antrag für ein Visum zu stellen, fahren von Karachi in die Hauptstadt Pakistans, Islamabad. Dort, in der Botschaft der Islamischen Republik Iran, weist man sie ab, ein Visum bekomme nur, wer eine Aufenthaltsbewilligung für Pakistan vorweise. Abu Bakr und Adel irren durch die Stadt, erfahren von einem Uiguren, der seit Jahren hier lebt. Der Mann lädt sie in sein Haus, er gibt ihnen zu essen und verspricht, sich um die Papiere zu kümmern.
Das dauere Monate.
Besser, ihr wartet in Afghanistan, sagt der Mann, denn Pakistan, von Fall zu Fall, liefert Uiguren den Chinesen aus, besser, ihr wartet in Afghanistan, wo das Leben billiger ist, es gibt dort ein Dorf, wo nur Uiguren leben, geht dorthin, und sobald fertig ist, was ihr braucht, werde ich euch rufen.
Ein Freund des Fremden bringt Abu Bakr und Adel in seinem Auto an die Grenze zu Afghanistan, es ist der 26. Juli 2001, vielleicht einen Tag später, Soldaten stehen an der Grenze und kümmern sich um nichts, es ist Abend, als sie Jalalabad erreichen, Afghanistan, zwei Uiguren bewirten Abu Bakr und Adel in ihrem Haus.
Dreimal, erzählt Adel den andern, war ich in den Gefängnissen der Chinesen. Das erste Mal schlugen sie mich fast tot und liessen mich liegen während Tagen. Beim zweiten, beim dritten Mal – das übliche.
Mich hatten sie sieben Monate lang, Verhör nach Verhör, gib zu, dass du ein Separatist bist!, gesteh, du bist Muslim und Terrorist! Elektrofolter, Schlafentzug, Scheinhinrichtung.
Das Dorf, in dem nur Uiguren leben, vier Stunden hinter Jalalabad, am Fuss einiger Berge, die Tora Bora heissen, sind sechs zerfallene Häuser, dreissig Menschen, ein grauer kahler Platz. Ein Mann ist dort, der alles kennt, ein Radio besitzt und ein grosses Gewehr, Abdulmuhsin, der Führer. Abu Bakr und Adel, zusammen mit den andern, bauen die Häuser neu, einen Gebetsraum, eine Küche, sie lesen täglich den Koran, teilen Zeit und Hütte mit Akdhar Qasem Basit aus Gulja, das die Chinesen Yining nennen, und Ahmed Adil aus Kashgar, Familienväter auf der Suche nach Ruhe und Geld.
Ich sah, erzählt Akhdar, wie die Chinesen in die Menge schossen, wie sie, mitten im eisigen Winter, Wasser spritzten, Menschen auf Lastwagen zwangen und wegbrachten. Ich möchte nach Kanada, sagt Ahmed.
Ab und an kommt ein Auto gefahren, gefüllt mit Brot, Linsen und äpfeln. Manchmal ruft Abdulmuhsin zum Gebet, manchmal zur übung am grossen russischen Gewehr.
Wer weiss, sagt der Führer, ob ihr, was ihr hier lernt, nicht irgendwann braucht im Kampf gegen die Chinesen.
Oft sitzt er an seinem Radio, stellt es ab, wenn jemand zu ihm tritt.
Eines Tages flüstert er Adel ins Ohr: Muslime haben Amerika angegriffen, Flugzeuge entführt und in zwei Türme gelenkt. Kann sein, dass Amerika sich wehrt. Aber wir sind Uiguren, Freunde Amerikas, weil Feinde der Chinesen.
Abu Bakr und Adel warten auf Nachrichten aus Pakistan.
Am 11. oder 12. Oktober 2001, nachts, werfen Flugzeuge Bomben auf das Dorf am Fuss von Tora Bora. Wer kann, flieht aus den Hütten und rettet sich in Höhlen. Nichts ist mehr am anderen Morgen, noch siebzehn von dreissig Männern, die Leiche des Führers, der ein Radio besass und ein Gewehr, liegt in Teilen. Aus dem Tal nähert sich ein Auto, ein Afghane am Steuer, auf dem Nebensitz Ayub Haji Mohammed, ein Kind, 18 Jahre alt, Uigure aus Kashgar, Volksrepublik China.
Ich bin, erzählt er, auf dem Weg nach Amerika, um dort Arzt zu werden.
In Pakistan sagten sie mir, besser, du gehst nach Afghanistan. In Afghanistan raubten sie mich aus, Männer mit Gewehren nahmen mir alles weg. Ein alter Mann gab mir zu essen, ich sagte, ich bin Uigure, und irgendwie, obwohl er nicht verstand, verstand er doch und brachte mich hierher.
Es ist Winter in Tora Bora, Schnee fällt, die achtzehn Uiguren sammeln, was essbar ist, verstecken sich in den Höhlen und hoffen, jemanden zu treffen, der weiss, wo ein Dorf ist, wo Brot und Wasser sind. Flugzeuge queren den Himmel, aus Angst vor ihren Bomben wechseln die Männer die Höhlen, die Täler, stossen auf wilde Affen, die Steine nach ihnen schmeissen. Zwei Monate lang kriechen sie durch die Berge, sie frieren, hungern, beten, begegnen endlich einigen Fremden, Arabern, denen sie durch den Nebel folgen in ein Dorf.
Willkommen in Pakistan, sagt ein Mann.
Die Uiguren fürchten, jemand könnte sie den Chinesen verraten. Sie sagen, sie seien Usbeken, wohnhaft in Afghanistan, auf der Flucht vor dem Krieg.
Man schlachtet ein Schaf und teilt es mit den Uiguren, Zettel flattern in den Strassen: Ihr bekommt Millionen von Dollar, wenn ihr helft, die Mörder der al-Qaida und Taliban zu erwischen. Das ist genügend Geld, um für den Rest des Lebens eure Familien zu versorgen, euer Dorf, genügend Geld, um den Arzt zu bezahlen, eine Herde zu kaufen, Schulbücher und Häuser für euch alle.
Am Abend des dritten Tages führt ein Mann die Uiguren zu einer Moschee ausserhalb des Dorfes. Darin sollten sie sich verstecken, sagt der Mann, die Polizei sei unterwegs, den Ort heimzusuchen. Geländewagen fahren vor, Abu Bakr, Adel, Ahmed, Akdhar, Ayub und die vierzehn anderen Uiguren, ratlos, dankbar, steigen auf die Ladeflächen, anderthalb Stunden dauert die Fahrt, dann befiehlt einer, auf Lastwagen zu wechseln, und gegen Mitternacht sind sie in einer Stadt ohne Namen, die Lastwagen halten vor einem grossen weiten Haus, die Uiguren treten durchs Tor, man legt ihnen Handschellen an.
Wir sind Usbeken, Muslime wie ihr, was haben wir getan, dass ihr uns schlagt, als wären wir Hunde?
Einer bringt Kleider, dünnen blauen Stoff, Hose und Jacke an einem Stück.
Nach zwei Wochen, vielleicht drei, nachts, treibt man die Uiguren, gefesselt an Händen und Füssen, schwarze Säcke über den Köpfen, in ein Flugzeug.
Warum?, fragt Abu Bakr.
Weil man euch verkauft hat für 5000 Dollar.
Stunden später sind die Uiguren in Kandahar, Afghanistan, Männer schreien, zerren sie aus dem Flieger und schlagen sie zu Boden, vor jedem Gefangenen stehen drei Menschen in hohen Stiefeln, wer sich bewegt, wird getreten. Man nimmt ihnen den Sack vom Kopf, die Fesseln von Händen und Füssen, man zieht sie aus, nackt stehen sie in der Kälte.
Wer wir wirklich sind, verraten wir nur den Amerikanern, flüstert Abu Bakr.
Es wird Morgen. über dem Gefängnis weht die Fahne der USA.
Unsere Rettung, sagt Abu Bakr.
Sprichst du Englisch?
Nein.
Warum sprichst du kein Englisch, du Hurensohn?
Sprichst du Englisch?
Ja.
Warum, du Ratte, sprichst du Englisch?
Wir sind Uiguren, geflohen aus China, wir sind keine Terroristen, wir lieben Amerika, wir sind auf eurer Seite.
Ich bin auf dem Weg nach Amerika, weint Ayub, der Jüngste, um dort Arzt zu werden.
Nach Amerika wirst du kommen, lacht ein Soldat.
Im Juni 2002, die Augen verklebt, die Ohren verstopft, den Körper an den Sitz gekettet, erreichen die Uiguren Guantánamo Bay, einen Stützpunkt der amerikanischen Kriegsmarine im Süden der Insel Kuba. Dort stehen Käfige bereit, 24 in einer Reihe, 48 in einem Block, Camp Delta, Maschendraht.
Man befiehlt den Uiguren, sich nackt auszuziehen, die Soldaten lachen, man führt sie in eine Dusche, zwingt sie in orangefarbene Kleider, Hose und Jacke an einem Stück, fotografiert sie und beginnt das Verhör.
Bist du der Ansicht, die ganze Welt sollte islamisch werden?
Abu Bakr Qassim, 13. 05. 1969, ist Nummer 283.
Adel Abdulhekim, 10. 10. 1974, Nummer 293.
Ahmed Adil, 01. 08. 1974, Nummer 260.
Akdhar Qasem Basit, 14. 11. 1973, Nummer 276.
Ayub Haji Mohammed, 15. 04. 1984, Nummer 279.
Fast achthundert Männer halten die Vereinigten Staaten von Amerika auf Guantánamo Bay fest, Amerika nennt sie feindliche Kämpfer, sie sind nicht angeklagt, haben keinen Richter, keinen Verteidiger, kein Recht auf Haftprüfung.
Noch einmal, Mister Abu Bakr: Du möchtest doch auch, die ganze Welt würde islamisch?
In der Zelle ist ein Bett aus Metall, darauf eine Matratze und zwei Laken, zwei Handtücher sind darin, Zahnpasta, Zahnbürste und eine Schüssel für Kot und Urin.
Warst du je Mitglied einer politischen Partei oder Gruppe?
Nein.
Hast du je eine Waffe besessen?
Nein.
Aber du hast am Fuss von Tora Bora mit einer Waffe geschossen?
Ja.
Weshalb?
Weil man mir sagte, es könne nicht schaden, zu wissen, wie man schiesst.
Also hast du geschossen?
Ja.
Weshalb?
Jeden Morgen um fünf lärmt ein Band zum Gebet. Dann schiebt ein Wärter das Frühstück in den Käfig. Dann warten, vielleicht schlafen, beten, im Koran lesen, Mittagessen, warten, schlafen, putzen, duschen, warten, Verhör, Abendessen. Fünfzehn Minuten am Tag, das Duschen mitberechnet, sind die Uiguren nicht zwischen den Gittern.
Abu Bakr rechnet aus, wie alt seine Zwillinge sind.
Wir haben Beweise dafür, dass du Mitglied der Islamischen Bewegung Ostturkestans bist, die Verbindungen zur al-Qaida hat.
Welche Beweise?
Zeugen.
Was für Zeugen?
Mach dir dein Leben nicht schwer.
Das haben mir die Chinesen schon vorgeworfen, dass ich Mitglied dieser Bewegung sei. Aber die gibt es nicht.
Eine Erfindung der Chinesen, um uns zu knechten.
Wenn sie sich langweilen, werfen die Wärter Steinchen durchs Gitter. Sie stellen ihren Fernseher laut, damit Abu Bakr nicht schlafen kann.
Abu Bakr rechnet aus, wie alt die Zwillinge sind.
Abu Bakr, Adel, Ahmed, Akdhar und Ayub hören auf, sich zu rasieren.
Wann reistest du nach Afghanistan?
Im August 2001.
Also vor dem Angriff der al-Qaida auf Amerika?
Ich weiss nicht, was wann in Amerika geschah. Nach Afghanistan ging ich im August 2001.
Hast du je auf Truppen der USA oder ihrer Verbündeter geschossen oder jemandem geholfen, dies zu tun?
Was für eine seltsame Frage. Es gab niemanden, auf den wir hätten schiessen können.
Denkst du, die Welt wäre besser, wenn sie islamisch wäre?
Nein.
Im September 2002 erlauben die USA der Volksrepublik China, die sie in ihrem Menschenrechtsbericht dafür tadeln, dass China muslimische Uiguren unterdrückt, fünf Beamte nach Kuba zu schicken, um die zweiundzwanzig Uiguren zu befragen, die auf Guantánamo gefangen sind.
Wenn wir dürften, sagen die Chinesen und rauchen in einem Zimmer ohne Fenster, nähmen wir dich mit nach Hause.
Nur schon, dass du den Amerikanern erzähltest, wir hätten dich gefoltert, brächte dich zu Hause vor Gericht.
Wir wissen genau, sagen die Chinesen und blasen den Rauch in die Gesichter der Gefangenen, wie viele Kinder du hast und wo sie leben.
Dann fotografieren sie, von vorn, von den Seiten.
Gegen Ende des Jahres 2003 kommt das Verteidigungsministerium der USA zum heimlichen Schluss, fünfzehn der zweiundzwanzig Uiguren seien harmlos, das Risiko, das von zehn dieser fünfzehn ausgehe, sei gering, zumal sich deren Hass gegen das kommunistische China richte, und die fünf anderen, Nummer 260, 276, 279, 283 und 293, seien zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, eigentlich könnte man sie freilassen.
Ein Soldat schenkt Ayub, dem Jüngsten, einen Apfel, Ayub trägt ihn in den Käfig, ein Wärter findet den Apfel, am Apfel fehlt der Stiel. Wo ist der Stiel?, schreit der Wärter.
Wo ist der Stiel, du Hurensohn, was hast du gottverdammt mit dem Stiel gemacht, wo hast du den Stiel versteckt?
Achtundzwanzig Tage Einzelhaft.
Gegen Ende des Jahres 2004, Monate nachdem das Verfassungsgericht der USA den Gefangenen auf Guantánamo Bay endlich das Recht vermittelt hat, die Haftgründe von einem Richter prüfen zu lassen, Combatant Status Review Tribunals, sitzt Abu Bakr in einem engen Zimmer auf einem Stuhl aus weissem billigem Plastik, Hände und Füsse an einen Bolzen gekettet, der im Boden steckt. Ein Richter thront auf schwarzem Leder, in seinem Rücken hängt ein Spiegel, dahinter, unsichtbar für den Gefangenen, Soldaten.
Ihr Amerikaner, beginnt Abu Bakr Qassim, ISN # 283, ihr seid nicht unsere Feinde. Wir Uiguren haben genug Feinde, die Chinesen, mehr als eine Milliarde. Weshalb sollten wir uns noch weitere Feinde schaffen? Sie werfen mir vor, ich hätte, als ich in Afghanistan war, den Koran gelesen. Wie können Sie mir das vorwerfen? Amerika ist doch ein demokratisches Land mit der Freiheit zu glauben, was man will. Wie können Sie uns vorwerfen, wir hätten den Koran studiert? Wie kann jemand die mächtigen USA beschädigen, wenn er den Koran liest? Ist es denn ein Verbrechen, als Muslim den Koran zu studieren? Wenn das ein Verbrechen sein soll, weshalb dann statten Sie uns hier in Guantánamo Bay mit dem Koran aus? Wenn es ein Verbrechen sein soll, den Koran zu lesen, was ist dann der Unterschied zwischen Amerika und China? Der ganzen Welt hat Amerika verkündet, es kämpfe für Menschenrechte und Demokratie. Aber Amerika, indem es uns Uiguren behandelt wie Vieh, verrät sich selber. Unser Vertrauen in Amerika war gross. Immer dachten wir, wenn uns jemand die Freiheit bringt, dann Amerika. Wie können Sie mich einen feindlichen Kämpfer nennen, mich, der ohne Waffe unterwegs war, verkauft von einigen Pakistanern? Als ich noch zu Hause war, las ich Geschichten über Amerika, verbotene Geschichten. Ich las, ein Präsident von Amerika habe einmal ein altes Haus zerstören wollen, um dort ein neues zu bauen. Doch zuvor sei er auf das Dach gestiegen und habe dort einen kleinen Vogel in einem kleinen Nest gefunden, sein Junges wärmend. Darauf habe der Präsident entschieden, das Haus stehen zu lassen, so lange, bis das Junge fliegen konnte, redet Abu Bakr vor seinem Richter.
Auch dieses Gleichnis ist der Grund, weshalb ich auf Amerika so sehr hoffte.
Abu Bakr, Adel, Ahmed, Akdhar und Ayub, seit zweieinhalb Jahren auf Kuba, erhalten einen neuen Titel, NLEC, Not longer Enemy Combatants.
Ein Rechtsanwalt aus Boston, Sabin Willet, den Menschenrechten verlobt, darf Abu Bakr und Adel besuchen, Juli 2005, Willet trifft sie in einer Sperrholzhütte ohne Fenster, Hände und Füsse an einen Bolzen gekettet, der tief im Boden steckt. Der Anwalt, fast zufällig, erfährt, dass die beiden von allen Vorwürfen längst befreit sind, keiner hat es den Uiguren je gesagt. Willet reicht Abu Bakr das Telefon, Abu Bakr ruft seine Frau an, er weiss nichts zu reden, sie weint. Die Zwillinge sind fünf Jahre alt.
Beim Supreme Court der Vereinigten Staaten von Amerika stellt der Anwalt den Eilantrag, seine Klienten seien sofort in Freiheit zu setzen. Das Verteidigungsministerium entschuldigt, über hundert Länder habe man bereits gefragt, von Angola bis Australien, von Deutschland bis Schweden, Gabun, Liechtenstein, ägypten, Brasilien, Frankreich, Jamaica, Chile, aber keines sei bereit, die Uiguren aufzunehmen, vielleicht deshalb, weil niemand es mit den Chinesen verderben wolle.
Die USA, aus Angst, ein Beispiel zu schaffen, weigern sich, die Uiguren ins Land zu holen.
August 2005, Verlegung von Camp Delta nach Camp Iguana, vier Kilometer. Die Uiguren, umgeben von Zäunen und Stacheldraht, bewacht von Soldaten, dürfen sich bewegen, sie dürfen kochen, fernsehen, Zeichentrickfilme, Tierfilme und Harry Potter, keine Nachrichten. Der Anwalt möchte ein Wörterbuch schicken, Uigurisch-Englisch. Verboten, richtet die Gefängnisleitung aus, alles, was Gefangene gegen die USA benützen könnten, gehöre nicht nach Guantánamo.
Ahmed schreibt am 19. Januar 2006 der Aussenministerin der Vereinigten Staaten, Condoleezza Rice, einen Brief.
Dass ein Land wie die USA, das dafür eintritt, die demokratischen Rechte unterdrückter Völker zu fördern und zu schützen, jemanden so behandelt, wie ich behandelt worden bin, das übersteigt meine Vorstellungskraft. Ich frage mich, ob die amerikanische Regierung vorhat, mich hier bis in Ewigkeit gefangen zu halten, falls sie kein Land findet, das mich aufnimmt. Ist das Gerechtigkeit?
Abu Bakr fällt ein, dass er irgendwann Geburtstag hat.
Uiguren in den USA bieten an, ihre Landsleute bei sich aufzunehmen.
April 2006, in Tirana wartet der Botschafter der USA in Albanien dem Ministerpräsidenten auf, Sali Ram Berisha. Der, Regierungschef eines der ärmsten Flecken Europas, ist bereit, die fünf Uiguren ins Land zu lassen. Und Albanien wünscht, die USA verhülfen der südserbischen Provinz Kosovo, wo die Mehrheit albanisch ist, zur politischen Unabhängigkeit, und Amerika, ausserdem, befördere Albaniens schnelle Aufnahme in den Nordatlantikpakt Nato.
Condoleezza Rice antwortet Ahmed nicht.
Am Vormittag des 1. Mai 2006 tritt ein Offizier in den Zwinger der Uiguren und sagt, endlich habe man ein Land gefunden, das bereit sei, sie aufzunehmen. Welches, dürfe er nicht sagen.
Abu Bakr, Adel, Ahmed, Akhdar und Ayub hoffen, es handle sich um Deutschland, um die Schweiz oder die Türkei.
Am Nachmittag spricht ein Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz den Namen aus, Albania.
Sie verstehen Almania.
Drei Tage später, nach vier Jahren auf Guantánamo Bay, reicht man den Männern neue bunte Kleider, Jeans, Hemden, Jacken, Schuhe, auch Zahnbürsten und Kämme, made in China, zum Abendessen gibt es Fleisch. Der Leiter des Gefängnisses lässt ausrichten, er bitte um Entschuldigung.
Dann, gegen elf Uhr nachts, befiehlt einer die fünf Uiguren in eine Maschine der Luftwaffe, gefesselt hocken sie in ihren Sitzen, umzingelt von dreissig Soldaten, zwölf Stunden bis Albanien.
Seine Angst, den Chinesen überstellt zu werden, verliert Abu Bakr erst, als er am Morgen des 5. Mai 2006 europäische Gesichter erkennt, Mutter-Teresa-Flughafen, Tirana. Zwei albanische Beamte stehen bereit und schreiben Namen auf, dann winken sie die Uiguren in einen Bus und bringen sie nach Babru an den Rand der Stadt. Dort ist eine alte Kaserne, ein paar niedrige gelbe Häuser, das National Center for Refugees, Qendra Kombetare per Azil kerkues, belagert von Zäunen, Mauern und Dreck, die Fenster vergittert, am hohen Metalltor steht ein Wärter, in seinem Gürtel
eine Pistole, Frühstück von 8:30 bis 9, Mittagessen von 12 bis 13, Abendessen von 18 bis 19, Nachtruhe von 22 bis 5, drei Stunden Wasser im Tag.
Der Anwalt in Boston erfährt von der Freilassung seiner Klienten per E-Mail.
Zwei Tage später, 7. Mai 2006, reist Ministerpräsident Berisha nach Kroatien und trifft dort Dick Cheney, Vizepräsident der USA, der Berisha versichert, Albaniens Wunsch, Glied der Nato zu werden, habe er sich gut gemerkt. Berisha lobt, Albanien sei bereit, dafür jeden Preis zu bezahlen.
Die Uiguren, ohne Geld und Papiere, sitzen in der Kaserne an der Kante der Stadt und sehen fern, sie haben vier Zimmer, in einem schlafen Ayub und Akhdar, im andern Adel und Ahmed, im dritten Abu Bakr, der älteste, 38.
Ein Arzt prüft die Gesundheit der Männer, Abu Bakr, Adel, Ahmed, Akdhar und Ayub haben Blut der gleichen Gruppe, A.
Albanien schenkt jedem fünfzig Euro im Monat. Die Fahrt in die Stadt kostet acht, ein Anruf nach Hause zwanzig.
Sie rasieren sich wieder.
In einem Internetcafé am Skanderbergplatz drücken sie die Ziffer 9/11 in ein Suchprogramm, sehen zum ersten Mal die brennenden Türme in New York, 11. September 2001.
Sie sitzen in der Kaserne und sehen fern, albanische Lieder, serbische Tänze, kroatische, mazedonische, griechische, italienische, Nachrichten, die sie nicht verstehen. Ein halbes Jahr lang, dreimal in der Woche, unterrichtet sie eine Lehrerin Albanisch, dann kommt sie nicht mehr, man habe ihr keinen Lohn bezahlt.
Spielst du Fussball?, fragen die Zwillinge am Telefon.
Drei Mal sucht der chinesische Botschafter für Albanien den Ministerpräsidenten auf und bittet um die Auslieferung der fünf Uiguren. Albanien, lässt China wissen, verletze internationales Recht. China sagt den Besuch seines Aussenministers in Tirana ab.
Sie warten und sehen fern, fahren am Freitag in die Stadt zum Gebet, sie gehen durch die Strassen, langsam und müde, die Hände auf dem Rücken, einer hinter dem andern.
Wann?, betteln die Zwillinge.
Einmal steht der chinesische Generalkonsul in der alten Kaserne, sieht sich um, sucht etwas und verschwindet im schwarzen Mercedes.
Einmal tritt ein Vertreter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR in den Hof und fragt, wie es gehe.
Wir sterben aus Langeweile.
Dafür ist Albanien zuständig, sagt der Mann.
Mitte Mai 2007 leisten sie sich ein Taxi zum Amtssitz von Ministerpräsident Berisha, ihn um seine Hilfe zu bitten. Sie erreichen das Vorzimmer, ein Sekretär sagt, Berisha habe viel zu tun in Zeiten, da er den Besuch des amerikanischen Präsidenten Bush erwarte.
Meine früheste Erinnerung, erzählt Adel, als er nachts auf seinem Bett liegt, ist, dass ich mich, auf der Suche nach Schafen, in den Bergen verirrte, drei Tage lang, und dabei fast erfroren bin.
über Guantánamo reden sie nicht.
Sie beschliessen, am 10. Juni 2007, wenn Präsident George W. Bush Tirana besuchen und vom Flughafen in die Stadt gleiten wird, an der Strasse zu stehen, zu schauen und zu schweigen.
Der Leiter des Flüchtlingsheims lädt die Uiguren zu einem Ausflug ans Meer, nicht sehr weit, sagt er, wenn sie Bush sehen wollten, dann halt am Abend nach der Rückkehr. Unterwegs wird dem Heimleiter schlecht, eine Olivenbaumallergie, behauptet er, und legt sich drei Stunden lang in ein Krankenhaus, zu spät, um Bush zu schauen.
Am 3. August 2007 bringt ein Beamter des Innenministeriums fünf dunkle blaue Reisepässe in die Kaserne von Babru, die belagert ist von Zäunen, Mauern und Dreck, This document is valid for all countries except China, the holder is authorized to return to Albania.
Manchmal müssen sie lachen.
Manchmal schreckt Abu Bakr aus dem Schlaf und weiss nicht, wer geschrien hat.
Sie sehen fern und warten, bis Freitag ist.

Das Flüchtlingslager Babru am Stadtrand von Tirana, Albanien | Bild: Philippe Dudouit
Das Flüchtlingslager Babru am Stadtrand von Tirana, Albanien | Bild: Philippe Dudouit
Seit ihrer Freilassung nach vier Jahren in Guantánamo sitzen sie in Albanien fest. | Bild: Philippe Dudouit
Seit ihrer Freilassung nach vier Jahren in Guantánamo sitzen sie in Albanien fest. | Bild: Philippe Dudouit
Abu Bakr Qassim, 13. 05. 1969, war in Guantánamo Nummer 283. | Bild: Philippe Dudouit
Abu Bakr Qassim, 13. 05. 1969, war in Guantánamo Nummer 283. | Bild: Philippe Dudouit
Ahmed Adil, 01. 08. 1974, war Nummer 260. | Bild: Philippe Dudouit
Ahmed Adil, 01. 08. 1974, war Nummer 260. | Bild: Philippe Dudouit
Adel Abdulhekim, 10. 10. 1974, war Nummer 293 | Bild: Philippe Dudouit
Adel Abdulhekim, 10. 10. 1974, war Nummer 293 | Bild: Philippe Dudouit

Die Diskussion

2 Reaktionen

  1. Pascal Merz

    Falscher Name zur falschen Zeit am falschen Ort, dies allein reichte aus, um im berüchtigen rechtslosen Raum namens Guantanamo oder sonst wo zu landen. Die Beispiele von solch für die westlichen Politiker unerfreulichen Vorkommnissen häufen sich. Menschen geopfert für angeblich höhere Interessen im Wissen darum, dass man damit die universell geltenden Menschenrechte mit Füssen tritt. Die Antwort unserer demokratisch gewählten Politiker zumeist Schweigen. Doch gilt in unseren Breitengraden nicht der Vorsatz im Zweifel für den Angeklagten? Wie sollen unsere westlichen Demokratien noch glaubwürdig sein, wenn wir tragende Säulen wie die Menschenrechte tagtäglich zerstören? Sind wir bereit im global propagierten Kampf gegen den Terrorismus alles zu opfern? Die Antwort muss ganz einfach Nein lauten, ansonsten verwischen wir die Grenzen zwischen uns und denen, die wir als Terroristen bezeichnen.

  2. Barbara Munz

    Ich bin begeistert von der sprachlichen Meisterschaft dieses Artikels und tief berührt vom Schicksal der fünf Uiguren. Ich frage mich: Wie "findet" der Autor diese Menschen und wie geht er beim Recherchieren und Überprüfen ihrer Angaben vor? Und natürlich frage ich mich: Kann ich konkret etwas tun, um den Beschriebenen zu helfen?

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