29.01.2010 von Finn Canonica , 4 Kommentare
Letzte Woche sagten Sie, es wäre klüger, man würde erst mal versuchen, sein eigenes Leben zu verstehen, bevor man sich an die Verbesserung der Menschheit macht. Nun, möchten Sie über die Liebe sprechen?
Für mich bedeutet Liebe heutzutage, dass man seine Freiheit, einen anderen Menschen zum Leiden zu bringen, möglichst einschränkt.
Aber wirklich grosse Liebe sollte einem doch ein möglichst grosses Gefühl der Freiheit geben.
Ich frage mich manchmal, ob die Idee der Freiheit immer noch so viel Achtung verdient, wie wir bereit sind, ihr zuzugestehen; ob das Wort Freiheit in Tat und Wahrheit nicht eine historische Anomalie sein könnte. Wir sollten lernen, den Begriff Freiheit nuanciert und auf unsere Lebensumstände angepasst anzuwenden. Wir könnten uns fragen, ob die mangelnde Freiheit tatsächlich ein Alltagsproblem in fortschrittlichen Gesellschaften ist. Im Chaos des radikal liberalen Marktes ist nicht so sehr der Mangel an persönlicher Freiheit das Problem, sondern der Mangel an Möglichkeiten, diese Freiheiten auch zu nutzen. Uns allen fehlt es an Führung, Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle. Alleine gelassen zu werden mit all den Möglichkeiten, sein eigenes Leben zu zerstören, ist keine wünschenswerte Form von Freiheit.
Sie sind ein verheirateter Vater zweier Kinder und machen einen sehr glücklichen Eindruck. Wie geht das?
Nun, ganz banal, ich bin glücklich, dass ich überhaupt auf der Welt bin. Aber nicht glücklich im Sinne von angstfrei. Ich versuche, möglichst intensiv zu leben, auch wenn das manchmal zu eigenen Tränen führt. Für mich liegt der Schlüssel zu einem erfolgreichen Familienleben darin zu begreifen, dass es eben nicht um einen selbst geht. Es geht nicht um die persönliche Befriedigung, es geht um die Befriedigung, sich einer Sache zu verpflichtet zu haben, die grösser ist als man selbst. Aus der Pers¬pektive eines Egoisten ist die Ehe, das Kinderkriegen natürlich ein Desaster.
Dennoch: Wir sind umgeben von Leuten, welche in unglücklichen Beziehungen stecken. Hat man einfach zu hohe Erwartungen an die Liebe?
Ich glaube, die Medien, Romane, Film, die Kunst allgemein haben uns in dieser Hinsicht fehlgeleitet, aus irgendeinem Grund glauben wir, Beziehungen müssten problemfrei sein — und zwar aus dem simplen Grund, weil eben wir die Protagonisten in ihnen sind. Dabei sind wir selbst es doch, mit all unseren Neurosen und Problemen, die das Unglück schaffen. Ausserdem ist jeder Mensch gegenüber dem alltäglichen Wahnsinn seiner Mitmenschen relativ intolerant.
Wenn zwei Menschen sich trennen, heisst es schnell mal, die Leidenschaft sei ihnen abhanden gekommen. Wie wichtig ist Leidenschaft in einer Beziehung?
Leidenschaft ist eine wunderbare Sache, aber sie passt schlecht zu Freundschaft und Loyalität. Unser Fehler ist, dass wir immer glauben, alle guten Dinge würden zusammenpassen. Auf jeden Fall ist das Pflegen einer guten Freundschaft technisch anspruchsvoller als guter Sex.
Wird Sex überbewertet?
Nicht unbedingt überbewertet, sondern eher zu wenig gut erforscht, und zwar genau von denjenigen, die immer wieder betonen, wie sehr sie Sex mögen.
Wie weiss man, wenn eine Beziehung zu Ende ist?
Es ist eine klassische Illusion, dass eine Liebesbeziehung einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. In Tat und Wahrheit geht es einem doch mit den Gefühlen, die man für einen anderen Menschen hegt so: Sie beginnen, enden, flackern wieder auf, erlöschen, fangen wieder Feuer, ersticken, motten weiter — und das Ganze hundert Mal täglich. Die Liebe ist nie voll da — und sie vergeht auch nie radikal. Proust wollte seine berühmte «Suche nach der verlorenen Zeit» eigentlich «Die Unterbrechungen des Herzens» nennen. Dieser Titel sagt doch alles. Unser Herz stellt in Liebesdingen ständig an und ab, auch wenn wir es lieber hätten, der Schalter stünde immer nur auf «Ein» oder «Aus».
Der Schweizer Philosoph und Buchautor Alain de Botton lebt mit seiner Familie in London. Alle seine Bücher sind im Fischer-Verlag erschienen.Sein neustes Buch «The Pleasures and Sorrows of Work» erscheint demnächst auf Deutsch, ebenso sein Buch «Heathrow», eine Reportage über die anthropologische Dimension eines grossen Flughafens wie Heathrow.
Danke, Finn Canonica für das schöne Interview mit Alain de Botton!
Schön, dass das Magazin, während breite Kreis die Eliten verhetzen, einen bodenständigen Philosophen zu Wort kommen lässt.
Die kurzen Hinweise zur Freiheitsidee sind ein schönes Beispiel: Mit hohlen Phrasen bewirtschaften unsere Populisten systematisch emotional besetzten Themen wie die so genannte Freiheit als ob wir sie, im Konsens mit unserer Zivilisation und der Domestizierung des Menschen, nicht längst selber massiv eingeschränkt hätten. Als ob die heute nutzbare Freiheit z.B. mit der Freiheit von Wilhelm Tell oder einem Steinzeitmenschen noch irgend etwas zu tun hätte.
AdB hat dies un-polemisch auf den Punkt gebracht. Es gibt Freiheiten; aber nicht DIE Freiheit.
Und leider gibt es noch die Freiheit hirnlose Politik zu betreiben und diese mit beliebig viel Blödsinn zu rechtfertigen.
Merke: Philosophie ist hochpolitisch und dringend nötig.
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[...] “Für mich bedeutet Liebe heutzutage, dass man seine Freiheit, einen anderen Menschen zum Leiden zu bringen, möglichst einschränkt.” ich liebe ihn. [...]
“Für mich bedeutet Liebe heutzutage, dass man seine Freiheit, einen anderen Menschen zum Leiden zu bringen, möglichst einschränkt.”
Wow – ich lebe seit langem in einer (meist) sehr gluecklichen Beziehung. Das wäre mir allerdings zu wenig, um mir die Liebe zu erklären. Nach dieser Definition liebte ich meine Putzfrau so sehr wie meine Frau.
Die Definition klingt nach Nächstenliebe, die doch etwas anderes ist als die partnerschaftliche Liebe.