Alain de Botton Teil 5

Flughäfen sind unser Drama

05.02.2010 von Finn Canonica

Vor Kurzem haben Sie eine ganze Woche auf dem Londoner Flughafen Heathrow verbracht. Warum?
Ich arbeitete dort an einem Buch als offizieller «Writer in Residence». Dafür hatte ich überall im Flughafen Zutritt, konnte mit jedem reden. Das war ein Traumprojekt. Flughäfen sind die Zentren und das Drama der modernen Welt. Normalerweise dürfen wir dort nicht neugierig sein: Aber was denkt ein Zollbeamter eigentlich wirklich? Wie kommt eine 747 in die Luft? Wer macht die Flugzeugmahlzeit und wie?
Was lernten Sie in Heathrow über die Globalisierung und den Menschen?
Ich lernte vor allem etwas über mich selbst, denn ich habe meine Heimat zu jung verlassen. Mit acht Jahren pendelte ich zwischen Zürich-Kloten und London-Heathrow, besuchte ein englisches Internat — und der Flughafen war für mich ein Tor zu heftigen Gefühlen. In Kloten lag das Paradies, in Heathrow die Hölle, und dazwischen eine danteske Reise. Seitdem habe ich das seltsame Verlangen, auf einem Flughafen zu leben. Es ist ein Ort, wo ich meine eigenen Gefühle der Entfremdung begreife, meinen Mangel an Wurzeln.
Lösen Flughäfen Trauer in Ihnen aus?
Sie regen mich eher auf. Es sind Orte voller Möglichkeiten. Du schaust auf die Abflugsanzeige, und wohin auch immer du fliegen wirst, in welcher Laune du auch sein magst, jetzt gleich bringt man dich irgendwohin nach Moskau, Tokio, Rio, an Orte, welche dir in diesem Moment magisch erscheinen.
Rem Koolhaas sagte, Flughäfen seien «Weltraummüll». Teilen Sie seine Meinung?
Flughäfen sind immer mehr als das jeweilige Land, in dem sie stehen. Und sie bringen uns in grössere Nähe zu unserem möglichen Tod. Diese unbewusste oder halbbewusste Erkenntnis enthemmt uns. Und sie ermöglicht Herzlichkeit. Wir brechen aus der täglichen Gewohnheit aus, spüren unsere Sterblichkeit, sind offener für aussergewöhnliche Begegnungen. Unglücklich Verheiratete können einander in Flughäfen plötzlich romantische Dinge sagen. Die Vorstellung eines Flugzeugabsturzes kann Wunder wirken auf eine durchhängende Beziehung.
Und was ist das Schlimmste an Flughäfen?
Sie verheimlichen uns, wie sie funktionieren. Wie die Technik organisiert ist oder woher die Piloten ihren Wetterbericht erhalten. Dafür schleust man uns durch Empfangsräume, in denen wir meinen, einfach nur shoppen zu gehen. In Wirklichkeit schirmt man uns dort von der Technik ab. Nachdem ich Zeit in der Heathrow-Cateringabteilung verbringen durfte, schien es mir viel interessanter, wie eine Flugzeugmahlzeit hergestellt wird, als eine zu mir zu nehmen.
Haben Sie immer noch romantische Gefühle zu Beginn einer Reise?
Peinlicherweise bin ich immer noch aufgeregt am Flughafen. Es ist klar, wäre ich kein Schriftsteller geworden, sollte ich für Swiss oder British Airways arbeiten. Ich hätte besonders gern darüber nachgedacht, wie man Fluggästen entgegentritt und mit ihnen umgeht. Aber wer weiss, vielleicht werde ich eines Tages noch meinen Beruf wechseln.
Und was war Ihre bislang schönste Reise?
Die für mein letztes Buch «The Pleasures and Sorrows of Work». Ich folgte den Thunfischen von ihrem Weg im Indischen Ozean in den Supermarkt in Grossbritannien, sprach und fotografierte ihre globale Odyssee. Teil des Problems unserer modernen Welt ist, dass wir nicht mehr verstehen, woher die Dinge kommen, wie die Welt verbunden ist.
Finden Sie, Mobiltelefone und Billigflüge töten unser Heimweh?
Heimweh ist ein Zustand unserer Seele. Und das wird es immer sein. Es ist das Gefühl, dass das Paradies irgendwo anders ist, dass etwas Kostbares verloren und nicht mehr zurückzubekommen ist. Das Gute am Flughafen: Es ist die Heimat des Heimwehs. Dort sind alle einsam, deswegen ist es dort erlaubt. Ich gehe zum Flughafen und ersticke meine individuelle Einsamkeit zusammen mit meinen Leidensgenossen.

Der Schweizer Philosoph und Buchautor Alain de Botton lebt mit seiner Familie in London. Alle seine Bücher sind im Fischer-Verlag erschienen.Sein neustes Buch «The Pleasures and Sorrows of Work» erscheint demnächst auf Deutsch, ebenso sein Buch «Heathrow», eine Reportage über die anthropologische Dimension eines grossen Flughafens wie Heathrow.

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