01.07.2007 von Negar Azimi , 3 Kommentare
Mostafa Bakry, arabischer Nationalist alter Schule, Zeitungsbesitzer und Parlamentsabgeordneter, versteht es, immer wieder von sich reden zu machen.
Seit fast zwei Jahrzehnten agiert er auf der politischen Bühne ägyptens, wettert gegen Dekadenz, gegen Korruption – Hauptsache, er kann die sonst so schläfrige öffentlichkeit in Erregung versetzen.
Im Sommer letzten Jahres war es das Thema Homosexualität. Bakry brachte im Parlament einen Antrag ein, wonach mehrere Szenen des gerade angelaufenen populären Films «The Yacoubian Building» herausgeschnitten werden sollten, weil sie «obszön und unmoralisch» seien. Eine der Hauptfiguren in diesem bunten Kairoer Alltagspanorama (einschliesslich politischer Intrigen, Dreiecksbeziehungen und drohendem Extremismus) ist ein wohlhabender, gut aussehender Zeitungsredaktor, der zufällig schwul ist. Er hat eine Affäre mit einem einfachen Soldaten aus der Provinz, und damit beginnt eine Geschichte von Begehren und Lust, die mit Mord endet.
«Das ist ein Zerrbild», sagte Bakry, den ich kürzlich im Büro seiner Kairoer Zeitung «al-Osboa» («Die Woche») interviewte. Die Regale sind voll mit Gedenkmedaillen, Ehrenurkunden und unzähligen Kopien des Jerusalemer Felsendoms. Bakry, eine Gebetskette in der Hand, sprach wie ein Politiker, der zu seinen begeisterten Anhängern redet. «Die Amerikaner treten für das Recht von Homosexuellen ein», sagte er. «Ich bin nicht gegen die Meinungsfreiheit, aber dieses widernatürliche Phänomen sollte nicht als normal hingestellt werden. Auch bei uns gibt es Homosexualität, aber sie wird von der Gesellschaft und vom Islam verurteilt.»
Am Ende schlossen sich hundertzwölf Abgeordnete aller Parteien Bakrys Antrag an. Doch die Aktion blieb wirkungslos. Anfang September lief der Film noch immer mit grossem Erfolg; Zensurmassnahmen waren nicht in Sicht. Aber darauf kam es auch nicht an. Bakry hatte sich zu Wort gemeldet, das Banner von Moral, Religion und Anstand hochgehalten.
In der arabischen Welt ist eine deutlich strengere Einstellung zur Homosexualität zu beobachten. Einige Länder sind seit Langem für eine lebendige schwule Subkultur bekannt, galten sogar als Refugium unter westlichen Homosexuellen, die zu Hause mit Vorurteilen zu kämpfen hatten. In diesem Teil der Welt, so schien es, konnten Männer ihre homosexuellen Fantasien ausleben. Natürlich gab es dort keine Schwulenszene, erst recht keine Schwulenbewegung. Homosexualität galt vielmehr als normaler Bestandteil des Alltagslebens, der in den verschiedenen Ländern unterschiedlich ausgedrückt wurde.
Razzia gegen Teufelsanbeter
Doch zunehmend wird Sexualität, besonders Homosexualität, in den arabischen Ländern als Problem wahrgenommen. Politiker, Ordnungskräfte, Regierungsvertreter und ein grosser Teil der Medien verdammen die Homosexualität. So präsentieren sie sich als vertrauenswürdige Nationalisten und gute Muslime, die gegen die Verbreitung westlicher Werte und gegen fremde kulturelle Einflüsse sind und auf diese Weise den wachsenden Einfluss der Fundamentalisten eindämmen. In ägypten, dem bevölkerungsreichsten Land des Nahen Ostens – aber auch in Marokko, Saudiarabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, ja selbst im toleranteren Libanon – hat die Verfolgung von Homosexuellen fast schon panikartige Züge angenommen.
Die bekannteste Razzia in ägypten fand auf der Queen Boat statt, einer schwimmenden Disco im vornehmen Kairoer Viertel Zamalek. In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 2001 stürmten knüppelschwingende Einsatzkräfte das Schiff und nahmen zweiundfünfzig Männer fest, ärzte, Lehrer, Mechaniker. Die Verhafteten wurden geschlagen, gefesselt, gefoltert, einige nach Hinweisen auf Analsex untersucht. In den folgenden Wochen veröffentlichten Zeitungen die Namen der Verhafteten, mit Anschrift, Foto und Angabe des Arbeitsortes. Den Männern wurde vorgeworfen, an Sexorgien teilgenommen und Frauenkleider getragen zu haben, Teufelsanbeter zu sein und sogar dubiose Kontakte zu Israel zu unterhalten. Bakrys Zeitung «al-Osboa» spielte bei dieser Kampagne eine führende Rolle.
Die Queen Boat war nur der Anfang. Beamte der Sittenpolizei observierten Schwulentreffpunkte, warben Informanten, hörten Telefongespräche ab, durchsuchten Wohnungen, machten über Internetforen Jagd auf Homosexuelle. Heute finden im ganzen Land Verhaftungen und Razzien statt, von Damanhur und Tanta im Nildelta bis nach Port Said und Kairo.
In den meisten Polizeiberichten ist vom «Schutz der öffentlichen Moral» die Rede und vom «Ansehen der Nation», das die Verhafteten beschmutzt hätten. Für die offiziellen Stellen ist das Image ägyptens von grösster Bedeutung. Allerdings ist Homosexualität in ägypten nicht strafbar. Den meisten Männern, die verhaftet werden, wird «Fujur» («unsittliches Verhalten») vorgeworfen. In einigen Ländern, etwa Saudiarabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, steht Homosexualität tatsächlich unter Strafe. In ägypten greifen die Behörden immer öfter zu einer kreativen Interpretation eines Gesetzes von 1951, das zum Kampf gegen die Prostitution erlassen worden war, in der man ein überbleibsel der kolonialen Vergangenheit sah. (Unter den Engländern waren lizensierte Bordelle eingeführt worden.)
Fast gleichzeitig mit der Aktion auf der Queen Boat gab es in Kairo groteske Kontroversen um die öffentliche Moral – der Aufruhr um den Roman «Banquet for Seaweed» des syrischen Autors Haider (die Veröffentlichung führte zu wütenden Protesten an der Al-Azhar-Universität, weil das Buch als islamfeindlich angesehen wurde), der Prozess gegen Saadeddin Ibrahim, einen ägyptisch-amerikanischen Professor und Menschenrechtsaktivisten, dem Veruntreuung und Annahme ausländischer Gelder und Verunglimpfung der Nation vorgeworfen wurde, und im Jahr 2002 der Prozess gegen einen prominenten Geschäftsmann, der neunzehn Frauen hatte. Bei den Wahlen von 2000 errang die oppositionelle Muslim-Bruderschaft siebzehn Abgeordnetenmandate.
Die Kontrolle der öffentlichen Moral ist ein Bereich, wo das säkulare Regime – oft vertreten durch die oberste religiöse Instanz, die Al-Azhar-Universität – die gleiche Linie vertritt wie die Islamisten. Die al-Azhar wurde 1961 von Präsident Nasser unter staatliche Aufsicht gestellt. Mithilfe der al-Azhar versucht das Regime, die religiöse Opposition zu besänftigen, vor allem in Frauen- und Familienfragen.
Verbotene Vergnügungen
Tanta mit seinen 350 000 Einwohnern, auf halbem Weg zwischen Kairo und Alexandria, ist eine langweilige Industriestadt am Nil. Es gibt eine Universität und mehrere Baumwollspinnereien und Speiseölfabriken. Bekannt ist Tanta für den Maulid, ein Fest zur Erinnerung an Said Ahmed al-Badawi, einen marokkanischen Sufi-Mystiker aus dem 13. Jahrhundert. Al-Badawi starb 1276 in Tanta, und jedes Jahr im Oktober fallen Abertausende von ägyptern ein, um den Schrein zu besuchen.
Das übrige Jahr ist es vergleichsweise ruhig in Tanta. Im August traf ich mich in einem Hotel unweit des Heiligtums mit einem jungen Mann namens Hassan. Von einer Schwulenszene in Tanta kann zwar nicht die Rede sein (nicht alle ägypter, die mit Männern Sex haben, betrachten sich als schwul), aber der 37-jährige Hassan ist doch eine Art Anführer. Er kommt aus einfachen Verhältnissen – sein Vater hat ein kleines Geschäft für Autoersatzteile –, und um den Militärdienst sei er herumgekommen, weil er der einzige Sohn der Familie sei. Für Hassan und viele schwule Männer in Tanta waren die letzten Jahre besonders schwer. «Zuerst der Tod von Shibl, dann die Affäre um Ahmed, dann der Tod von Adel und die ganzen Verhaftungen.»
Shibl, ein Freund von ihm, war 2002 mit einem Mann im Bad des Schreins aufgegriffen worden, einem beliebten Schwulentreff. In der Haft wurde er so brutal geschlagen, dass er an Herzstillstand starb. Ahmed, ebenfalls ein Freund Hassans, wurde im selben Jahr zu Hause verhaftet, unter der Beschuldigung, mit zwei Männern in seiner Wohnung sexuell verkehrt und eine Clique von Teufelsanbetern gebildet zu haben. Im Gefängnis musste er sich ausziehen, er wurde gedemütigt und so sehr geschlagen, dass er innere Blutungen davontrug. Nach der Entlassung verlor er seinen Job als Lehrer. Eine Lokalzeitung schrieb: «Ein Lehrer schiebt all seine Grundsätze beiseite und folgt seiner perversen Lust, kleidet und schminkt sich wie ein Frau, um Männer zu verführen, die verbotene Vergnügungen suchen.»
Adel, ein dritter Freund von Hassan, wurde von einem Liebhaber ermordet. Die anschliessenden Ermittlungen, die einer Hexenjagd gleichkamen, führten zur Verhaftung vieler verdächtiger Homosexueller in Tanta, darunter auch Hassan. Er und andere berichteten, dass sie in einer Verhörzelle festgehalten wurden, die «Kühlschrank» hiess, und in der ein Teppich lag, der mit Adels Blut getränkt war. Jede Nacht wurden sie gefoltert, über zwei Wochen lang. Nach Hassans Schätzung wurden mindestens hundert Männer verhaftet und gefoltert. Manche mussten stundenlang auf Zehenspitzen stehen, andere wurden mit Elektroschocks an Penis und Zunge gequält, wieder andere erhielten Stockschläge auf die Fusssohle, bis sie das Bewusstsein verloren.
Die meisten Männer wurden so lange festgehalten, bis sie zusammenbrachen und sich bereit erklärten, als Informanten zu arbeiten, andere Homosexuelle in die Falle zu locken und jeden Tag Bericht zu erstatten. «Sie erklärten uns, Adel habe den Tod verdient», sagte Hassan. «Alle Homosexuellen müssten sterben.»
Knaben für den Propheten?
Bei meinem zweiten Besuch in Tanta im August traf ich mich mit Hassan und Mo, einem schmächtigen jungen Mann, der an der Universität englische Literatur studiert. Wir sprachen über Islam und Homosexualität. Beide Männer bezeichneten sich als gläubige Muslime. Mo hat das Internet nach Hinweisen auf die Unvereinbarkeit von Islam und Homosexualität durchsucht. Auch auf der populären Website des ägyptischen Laienpredigers Ahmed Khalid habe er nichts gefunden. Scheich Jussuf al-Qadarawi habe Schwule jedoch als «pervers» bezeichnet.
Al-Qaradawi, der weithin als liberal gilt, ist mit seinem TV-Programm «Die Scharia und das Leben» (ausgestrahlt auf al-Jazeera) und mit seiner Website (Islamonline) bekannt geworden.
«Im Koran gibt es keine eindeutige Aussage zur Homosexualität», sagte Hassan. «Es heisst da, dass derjenige, der sie praktiziert, verletzt werden sollte. Was aber heisst verletzt? Auf der arabischen Halbinsel wurden die Betreffenden mit einem Stock von der Grösse eines Bleistifts bestraft. Nicht wie bei Diebstahl oder Ehebruch. Und ohnehin waren dem Propheten Knaben im Paradies versprochen worden, nicht Mädchen.»
«Ich habe gelesen, dass der Betreffende geköpft oder von einem Felsen gestürzt werden soll», fuhr Mo fort. Hassan widersprach: «Der Koran erwähnt keine expliziten Strafen für Schwule.» Mo entgegnete: «Das Problem ist nicht die Strafe, sondern der Skandal.»
Mit triumphierendem Gesichtsausdruck erinnerte Hassan an Papst Schenuda III., das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche in ägypten, der die Homosexualität ebenfalls verdammte. (In unrühmlicher Erinnerung ist seine Bemerkung von 1990: «Haben Homosexuelle überhaupt Rechte?») «Es ist komplizierter, als du denkst», sagte er zu Mo.
Immer wieder wird auf unterschiedliche Interpretationen der Geschichte von Lot hingewiesen, auf die sich islamische, aber auch christliche und jüdische Kommentare zur Homosexualität beziehen. Da es innerhalb des Islam keine einheitliche Rechtsauffassung gibt, beruft sich jeder auf die Interpretation, die ihm am besten passt. Im Oktober 2005 erliess der schiitische Grossayatollah Ali al-Sistani auf der arabischsprachigen Version seiner Website eine Fatwa gegen Schwule. Im Mai des letzten Jahres wurde sie ohne Begründung entfernt (manche glauben, internationaler Druck habe den imagebewussten Geistlichen zum Einlenken bewegt). Und al-Qaradawi bezeichnet Homosexuelle zwar als pervers, weist aber zugleich darauf hin, dass es hinsichtlich einer Bestrafung «unterschiedliche Standpunkte» gebe.
Auch mal Elektroschocks
Auf einem Hügel in Helwan, einer Industriestadt südlich von Kairo und einst Ausflugsziel der wohlhabenderen Kairoer, liegt das Behman Hospital. Mit seinen gestutzten Hecken und Tennisplätzen ähnelt das Gebäude eher einem Klubhaus als einer psychiatrischen Anstalt. ärztlicher Direktor ist Nasser Loza, der auch als Berater des Gesundheitsministeriums tätig ist und eine Klinik im vornehmen Viertel Mohandiseen leitet. Von Freunden hatte ich gehört, dass Loza psychologische Hilfe für homosexuelle Paare anbietet.
«Sie kommen mit ganz banalen Beziehungsproblemen», sagte Loza. «Trotz der ablehnenden Haltung der Gesellschaft führen sie ein normales, ruhiges Leben.» Alle zwei, drei Monate kommt ein neues Paar zu ihm in die Behandlung. «Die meisten haben einen guten Beruf, manche einen gemischt-kulturellen Hintergrund.» Seine Patienten sind Menschen, von denen man nicht so viel hört im Lärm der Auseinandersetzungen, die in diesem Teil der Welt über Homosexualität geführt werden. M. beispielsweise, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der zu den 52 Verhafteten der Queen Boat gehörte, ist inzwischen in die USA ausgewandert. Kürzlich schrieb er mir per E-Mail: «Geld hat mir Sicherheit gegeben. Ich habe meinen Partner bei einer Dinnerparty kennengelernt. Ich konnte reisen. Und weil ich von zu Hause ausgezogen war, hatte ich meine Eltern nicht am Hals. Ich habe ein normales Leben geführt, bis das passierte.»
Meistens sind es jedoch Familien, die zu Loza kommen. «Typischerweise kommen die Eltern mit dem Sohn oder der Tochter, wenn sie gerade erklärt haben, dass sie homosexuell seien», sagt Loza. «Ich soll helfen. Die Eltern reagieren erst mit Nicht-Wahrhabenwollen und dann mit unglaublichen Vorwürfen.» Seit 1990 steht Homosexualität nicht mehr auf dem WHO-Katalog der Krankheiten, aber «ob sie als Krankheit behandelt wird oder nicht, hängt letztlich vom Arzt ab», sagt Loza. Gebräuchlich ist offenbar eine Mischung aus Psychotherapie und Antidepressiva, aber gelegentlich ist auch von Elektroschockbehandlungen zu hören.
L., eine Lesbe aus Alexandria, macht in Kairo eine Psychotherapie. Frauen sind in ägypten nicht den gleichen Angriffen ausgesetzt wie Männer, vielleicht weil sie relativ unsichtbar sind. L.s Hauptproblem sind ihre Eltern. «Ich war bei drei Psychiatern, die sich jedes Mal auf die Seite meiner Eltern gestellt haben. Die ersten beiden gaben mir Antidepressiva und sagten, das sei nur eine Phase, das gehe vorbei, ich solle mir keine Sorgen machen. Der dritte verschrieb Elektroschocktherapie. Ich bin einfach nicht mehr hingegangen.»
L. studiert in Kairo Kommunikationswissenschaften. Mit ihren Eltern hat sie nichts mehr zu tun. über das Internet hat sie eine Partnerin gefunden. Es bleibt das Stigma. «Wenn ein Muslim stirbt, muss eine halbe Stunde gebetet werden. Wenn ein Homosexueller stirbt, begraben ihn die Leute und laufen weg.»
Gelegentlich liegt ein Stigma über den Bemühungen, Homosexuelle vor Repression oder übergriffen zu schützen. Der ägyptische Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist Negad el-Borai hat mit seinen Ansichten für Irritationen unter seinen Freunden gesorgt, aber auch deswegen, weil er bereit ist, zur Finanzierung seiner Arbeit amerikanisches Geld anzunehmen. (Seine Kritiker bezeichnet er gern als «Kommunisten». Er war einer der Ersten in ägypten, die Geld aus einem Nahost-Fonds des US-Aussenministeriums erhielten.) Ich diskutierte mit
el-Borai darüber, welchen Platz das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung im Kontext der Menschenrechte einnimmt.
«Ein Freund von mir arbeitet bei Amnesty International. Ich habe ihm gesagt, dass wir jede Menge Probleme hier haben – Folter, Gewalt gegen Strassenkinder, wir haben einen Haufen Probleme», sagte er und gestikulierte heftig mit seinen ringgeschmückten Händen. «über Schwule und Lesben zu sprechen, ist schon okay, aber es ist nicht das Hauptproblem. Das ist so, als hätte ich Hunger und Sie fragen mich, was für eine Sorte Cola ich haben will. Also, ich will zuerst essen. Anschliessend können wir über die Cola reden. In ägypten über Schwulenrechte zu diskutieren, ist Luxus.»
Nach der Razzia auf der Queen Boat haben viele Menschenrechtsaktivisten, einschliesslich
El-Borai, geschwiegen. (Einige attackierten sogar diejenigen, die mit den Angeklagten sprachen.) Hossam Bahgat, der sich in einem Artikel für die Verhafteten einsetzte und die Menschenrechtsaktivisten aufrief, trotz allen Bedenken ihre Stimme zu erheben, verlor unmittelbar darauf seinen Job bei der ägyptischen Organisation für Menschenrechte.
Onkel Sam, der warme Bruder
Im Westen wurden die Vorgänge um die Queen Boat eine Art «cause célèbre». Amnesty International unterstützte Protestkundgebungen vor der ägyptischen Botschaft in London. Auf der Website GayEgypt.com wurden die Homosexuellen in ägypten aufgerufen, am zweiten Jahrestag des überfalls auf die Queen Boat Rot zu tragen (was einer Einladung zur Verhaftung gleichkam), und fünfunddreissig Mitglieder des US-Kongresses appellierten an Präsident Mubarak, den Kreuzzug gegen Homosexuelle einzustellen. Kein Wunder, dass die Zeitung «al-Ahram al-Arabi» schrieb: «Sei pervers, und Uncle Sam wird dich unterstützen.»
Bahgat, der in dieser Sache dann mit Human Rights Watch zusammenarbeitete und später seine eigene Organisation gründete (Egyptian Initiative for Personal Rights), sagte: «In ägypten wurde dies als Einmischung des Westens gesehen. Es war wichtig zu zeigen, dass es bei dem Kampf für die Rechte der Verhafteten um die Menschenrechte ging, nicht primär um die Interessen von Schwulen, nicht um westliche Interessen. In einer Situation, in der die Menschenrechte tagtäglich verletzt werden, bringt es nicht viel, die Fahne der Schwulen hochzuhalten.»
Nichts ist privat
Am Ende stellte Human Rights Watch sein Engagement für die Queen-Boat-Opfer in den allgemeinen Kontext der Folter, um sich nicht als Repräsentant ausländischer Interessen angreifbar zu machen. Viele der Verhafteten wurden gefoltert, und Folter wird von den meisten Menschen abgelehnt, zumindest theoretisch. In dem 150-Seiten-Bericht von Human Rights Watch ging es in erster Linie um Folter, weniger um Religion oder Schwulenrechte. Und vielleicht war es der erste und letzte Menschenrechtsbericht, in dem Michel Foucaults «Geschichte der Sexualität» zitiert wurde. Nach der Veröffentlichung des Berichts im März 2004 kamen Kenneth Roth und Scott Long als Repräsentanten von Human Rights Watch mit Vertretern der ägyptischen Staatsanwaltschaft, des Innenministeriums und des Aussenministeriums zusammen. Das Treffen scheint nicht ganz fruchtlos gewesen zu sein. Zwar kommt es noch immer zu gelegentlichen Verhaftungen von Homosexuellen, aber die umfassende Verfolgung, die mit der Queen-Boat-Razzia begann, wurde eingestellt. Ein ranghoher Beamter des Innenministeriums teilte einem Anwalt mit: «Aufgrund der Aktivitäten einiger Menschenrechtsorganisationen wird in ägypten nicht weiter gegen Homosexuelle vorgegangen.»
Mit Blick auf die Tatsache, dass das Engagement für die Rechte von Schwulen zunehmend als westliche Einflussnahme empfunden wird, sagte Scott Long: «Vielleicht hatte unser Bericht in den Vereinigten Staaten kein so grosses Echo, weil wir nicht von schönen braunen Männern gesprochen haben, denen in ägypten das Recht auf Liebe verwehrt wird. Wir haben uns an die ägyptische öffentlichkeit gewandt und versucht, unser Engagement als Kampf für die allgemeinen Menschenrechte verständlich zu machen. Vielleicht haben wir es nicht in die Schlagzeilen geschafft, aber Geschichte hat unser Bericht jedenfalls gemacht.» Bleibt abzuwarten, ob wirklich Geschichte geschrieben wurde. Long: «Die Tatsache, dass die Razzia wie aus dem Nichts kam, lässt die Vermutung zu, dass es immer wieder zu solchen Massnahmen kommen kann.»
Die Möglichkeit ist jedenfalls vorhanden – überall in der arabischen Welt. Im August letzten Jahres wurde eine Hochzeitsgesellschaft in der saudiarabischen Stadt Jizan Ziel einer Polizeirazzia. Nach Angaben der Zeitung «al-Watan» wurden zwanzig Männer in Frauenkleidung verhaftet. Bei einer Razzia in Ghantout in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden sechsundzwanzig Männer verhaftet. Die Medien empörten sich, sprachen von einem Skandal, über Handy zirkulierten Fotos von Männern in Frauenkleidern. Ein Regierungssprecher erklärte: «Da diese Männer ein Risiko für die Gesellschaft darstellen, werden sie die erforderliche Behandlung erhalten, von Hormonbehandlung bis hin zu Psychotherapie.» Auch im liberalen Libanon und in Marokko kam es zu Verhaftungen.
In ägypten ist eine zunehmende Islamisierung zu beobachten, und gleichzeitig mischt sich der Staat immer mehr in private Angelegenheiten ein. Im Wahlkampf 2005 bezeichnete die Muslim-Bruderschaft Schönheitswettbewerbe, Videoclips und freizügige Fotos als Themen, über die in der Gesellschaft kritisch diskutiert werden müsse. Im Fernsehen hätten (selbst Schleier tragende) Moderatorinnen nichts zu suchen, und in den Schulen müsse der Religionsunterricht mehr Raum einnehmen. Die Bruderschaft errang achtundachtzig Sitze.
In den meisten Fällen werden übergriffe auf Schwule juristisch nicht verfolgt. Einzelne Polizeioffiziere, die zu weit gegangen waren, wurden befördert oder weggelobt. Im September gab es in Kairo mindestens einen Fall, wo ein junger Mann einem Beamten der Sittenpolizei via Internetchatroom in die Falle ging. Daraufhin wurde er verhaftet, geschlagen und brutal gefoltert.
Derweil nimmt die gewohnte Kritik am Westen und seinen (realen oder vermeintlichen) politischen Strategien in der Region an Schärfe zu. Trotz ihrer engen strategischen Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten verschärft die ägyptische Regierung ihre rhetorischen Angriffe auf den Westen, um sich angesichts der katastrophalen amerikanischen Nahostpolitik als glaubwürdige Vertreterin nationaler Interessen darzustellen. Auf einer Parteikonferenz der regierenden Nationaldemokratischen Partei im September lehnte Gamal Mubarak, der Sohn des Präsidenten und auserkorene Nachfolger, westliche Initiativen zur Stärkung der Demokratie in Nahost ab. Die Angriffe auf all jene, die sich für Menschenrechte einsetzen, gehen weiter. Mostafa Bakry bezeichnete Hossam Bahgats Organisation und eine andere NGO, die sich dem Kampf gegen Aids verschrieben hat, als Verteidiger von «Perversen». In ägypten und in der ganzen Region wird auch in Zukunft mit Repressalien zu rechnen sein.
Die Queen Boat, in knalligem Grün heisst sie nunmehr Queen Boot, liegt noch immer am Nilufer vor Anker. Sie ist nicht mehr der Treffpunkt für Schwule, der sie einst war. Heute sind es eher Pauschaltouristen, die sich dorthin verirren. Viele der Männer, die vor fünf Jahren dort verhaftet wurden, haben das Land verlassen, andere verhalten sich unauffällig, auch wenn es Anzeichen dafür gibt, dass junge Männer wieder am Nilufer cruisen und über das Internet Kontakt knüpfen.
Gegen Ende meines Aufenthalts in Kairo erhielt ich eine E-Mail von M., dem bereits erwähnten Geschäftsmann, der in die USA gegangen ist: «Die Amerikaner sprechen jetzt von Islamfaschismus, die Araber sprechen von ihren Werten. Wir alle, und ich meine nicht nur Schwule, alle, die nicht der Norm entsprechen – Kämpfer für Demokratie, Transvestiten, ganz egal –, wir werden als fünfte Kolonne des Westens gebrandmarkt. Wir bezahlen den Preis.»
Schwulsein in Arabien? Oh nein, danke! Wo Menschenrechte und -würde mit Füssen getreten werden, ist kein menschenwürdiges Leben möglich. Deshalb: Nix wie weg und ab gen Westen!
Razzien, Verhaftungen, Verfolgungen… Die Medien berichten immer mehr über Aktionen gegen Schwule. Der neue Bericht aus der arabischen Welt ist erschreckend. In letzter Zeit hat sich auch Russland offiziell als schwulenfeindlicher Staat geoutet; welcher weitere unserer so genannten zivilisierten Welt folgt als nächster? Auch in unserer lieblichen kleinen Schweiz haben es, vor ca. 3 Jahren, Schwule wieder einmal zu spüren bekommen, dass die Behörden sie unter Kontrolle haben möchte. Bevor die als Sittenrichterin auftretende Zürcher Polizei Razzien in Schwulenlokalen veranstaltete (dies unter dem Vorwand von Drogenkontrolle und Hygiene) ging sie nämlich in einer landesweiten, sehr kostspieligen Aktion gegen die Mitglieder einer einzigen, speziell ausgewählten schwulen Internet-Chatseite vor, weil diese in ihren persönlichen Profilen harmlose Bilder ihrer Penisse veröffentlicht hatten. Unterstützt durch das Urteil eines weltfremden Bundesrichters wurden diese wegen Veröffentlichung von Pornographie angeklagt, weil sie ihre Bilder Jugendlichen zugängig gemacht hatten. Dass bei dieser Razzia hunderte ungeoutete Homo- und Bisexuelle verhört, schikaniert, und blossgestellt wurden, beeindruckte die Behörden nicht im Geringsten. Human Right Watch sollte diese nicht ganz vergangene Sache einmal unter die Lupe nehmen, die Wunden der Betroffenen sind noch nicht vernarbt.
Super Schlusssatz! Gratuliere! “Wir alle, und ich meine nicht nur Schwule, alle, die nicht der Norm entsprechen – Kämpfer für Demokratie, Transvestiten, ganz egal –, wir werden als fünfte Kolonne des Westens gebrandmarkt. Wir bezahlen den Preis.”