Alles halb so schlimm

Zwei Männer, zwei Karrieren, eine grosse Frage: Wie fühlt sich das an, das Älterwerden? Martin Suter und Bruno Ganz stellen sich dem Unvermeidlichen.

25.09.2009 von Finn Canonica und Birgit Schmid , 11 Kommentare

Sie gehören zu den Erfolgreichsten ihres Fachs und treffen sich hier zum ersten Mal, der Schauspieler Bruno Ganz, 68, und der Schriftsteller Martin Suter, 61. Zusammengeführt hat sie der Film «Giulias Verschwinden». Als Suter das Drehbuch zu schreiben begann, war als Regisseur noch der 2006 verstorbene Daniel Schmid vorgesehen. Dieser wollte von Anfang an, dass eine der wichtigsten Rollen mit Bruno Ganz besetzt wird. Ganz spielt in der Komödie einen alterslosen weisen Mann, der die Titelheldin an ihrem fünfzigsten Geburtstag mit ihrem Alter versöhnt — die typisch poetische Ganz-Figur. Der Ensemblefilm thematisiert leichtfüssig die zu jedem Lebensalter gehörenden Besonderheiten des Älterwerdens, vom Teenager bis zur Altersheiminsassin. In den treffendwitzigen Dialogen zeigt sich unverkennbar Martin Suter. Umgesetzt hat Suters Drehbuch schliesslich der Zürcher Regisseur Christoph Schaub. «Giulias Verschwinden» kommt am 8. Oktober in die Schweizer Kinos.

Der Film «Giulias Verschwinden» bestätigt es wieder mal: Älter werden ist brutal, eine grosse narzisstische Kränkung. Was kann man gegen diese Kränkung tun?
Martin Suter: Wir sehen beide noch so gut aus, wovon reden Sie? Nein. Wissen Sie, es geht langsam vor sich. Ich merke es, wenn ich in den Spiegel schaue. Darin sehe ich immer besser aus als auf Fotos. Man kann sich gut etwas vormachen, weil man langsam ins Altsein hineinkommt. Eben ganz anders, als ich es mir vorstellte mit 30, damals bedauerte ich die 50-Jährigen.
Bruno Ganz: Zum Glück ist es eine schleichende Aushöhlung. Es passiert in winzigen Etappen. Man ist es sich weniger bewusst, da man beim Altern dabei ist, nah bei einem selbst. Aber wenn man die Summe anschaut, ist es gravierend. Ich empfinde es auch so, dass man sich über Fotos mehr erschreckt, als wenn man sich im Spiegel sieht. Aber man weiss ja, wie das ist. Die Erfahrung, dass man älter wird, macht man, seit man Kind ist. Es sind jedoch zwei verschiedene Dinge, ob man sieht, wie die anderen älter werden oder es einen selbst betrifft. Es kommt auch darauf an, wie man älter wird. Wenn man Glück hat und relativ verschont wird vom körperlichen Zerfall, nicht pflegebedürftig wird, dann ist das Älterwerden handhabbar.

Immerhin gibt es ein psychisches Gegengift zu Ihrem körperlichen Zerfall: Sie beide sind der Sonderfall von Männern, die mit dem Alter ja immer nur erfolgreicher geworden sind.
Ganz: Ja, das hilft. Trotzdem, mit einer schweren körperlichen Beschädigung, wenn man mit 60 in ein Heim muss oder eine dieser grausamen Krankheiten hat, die letal sind und man nichts mehr machen kann, mit einem solchen Bewusstsein würde man das nochmals ganz anders betrachten, als ich momentan meine Situation anschaue. Ich sehe zwar einen weissen Bart. Aber ich kann immer noch arbeiten. Was man alles einbüsst im Vergleich zur Jugend, zum Beispiel häufige Zeichen aus der Frauenwelt, ist nicht dermassen dramatisch.

Auf der Leinwand, ganz ehrlich, sehen Sie immer gleich aus.
Ganz: Das ist nett, aber übertrieben. Natürlich sehe ich auch, dass es immer mehr Falten gibt, es gibt Profilsachen, die man nicht so gerne sieht, Doppelkinn und solches Zeug.

Erinnern Sie sich an einen Moment in Ihrem Leben, als Sie sich das erste Mal wirklich alt fühlten?
Suter: Ich bin mit 52 mal heulend aus einem Traum aufgewacht, in dem ich 40 war. Wo sind all die anderen Jahre geblieben?, habe ich mich im Traum gefragt. Dann erwachte ich und erinnerte mich an mein tatsächliches Alter und sah, dass alles in Ordnung ist, meine Frau im Bett neben mir liegt. Das war einschneidend. Ein Albtraum. Ich muss sagen, die letzten dreissig Jahre flogen wie im Flug vorüber. Die ersten zwanzig, dreissig ging es noch, aber dann…

…haben Sie zehn Bestseller geschrieben und ein paar Dreh bücher, wo ist das Problem…?
Suter: Das war aber alles in den letzten fünfzehn Jahren. Ich erinnere mich an viele Dinge, die mir so nahe und präsent sind, als hätte ich sie gestern erlebt. Dann sage ich jeweils das Altherrensätzchen: Jetzt ist das auch schon dreissig Jahre her. Es gibt eine Art Lücke in der erlebten Erinnerung, obwohl ich ja wirklich nicht auf der faulen Haut gelegen bin.
Ganz: Man merkt, dass man alt wird, wenn Jüngere Dinge oder Namen nicht mehr kennen, die in meinem Leben selbstverständlich sind. Junge Leute haben einen völlig anderen Horizont. Ihre Welt ist mit ganz anderen Leuten bevölkert, obwohl wir dieselbe Gegenwart teilen.

Ist das nicht der typische Glaube alter Leute? Es wiederholt sich doch immer alles bei jeder Generation.
Ganz: Ich frage mich, ob es nicht eine einzigartige Ausgabe von mir in Seebach 1950 gab, die wirklich nur zu mir und meiner Generation gehört. Und Leute, die heute im Jahr 2009 in Wollishofen 20 sind, überhaupt keine Chance haben, das jemals zu kapieren und ich eigentlich auch nicht kapiere, was sie bewegt. Ich werde deshalb ganz bescheiden: Bestimmte Dinge sind einem zugeteilt, sie prägen das Leben, das man hat. Man kann ein Lebensalter nicht einfach gleichsetzen und sagen: Im Grunde genommen wiederholt sich alles, es ist dasselbe, ob man heute 20 ist oder es damals war, mit dem Unterschied, dass die Jungen jetzt halt einen Computer haben. Nein. Es gibt klare Scheidelinien. Ich gehöre einer anderen Truppe an.

Eine typische Alterserscheinung ist: Man hat das Gefühl, alles gehe den Bach runter. Die Menschen würden immer blöder, unkultivierter und so weiter. Der Kulturpessimismus ist die Menopause des Mannes.
Ganz: Ich habe mich arrangiert. Denn es hat keinen Sinn, diese, wie es Journalisten nennen, kulturpessimistischen Äusserungen zu machen. Indem man das Wort Kulturpessimismus braucht, wischt man es ja elegant weg. Es geht viel tiefer. Das ist ein sehr besorgniserregender Vorgang, der Schwund, der passiert, die Verarmung. Andererseits wird das aufgeblasen mit einem gigantischen Reichtum von äusseren Reizen. Die Jungen sind ja nicht böswillig. Sondern der Appeal ist ein anderer, die Interessenlage ändert sich dadurch. Ich will mich eigentlich auf keine Debatte mehr einlassen. Aber ich bin zutiefst betrübt, wie alles den Bach runtergeht.

Vielleicht sind heute 20-Jährige ja tatsächlich ignoranter als auch schon. Man findet ja kaum mehr jemanden, der einem in drei Sätzen sagt, worum es im «Hamlet» geht.
Ganz: Wenn Sie in eine Debatte eintreten wollen und fragen, warum es so verheerend ist, dass ein 20-Jähriger nichts mehr von «Hamlet» weiss, dann muss ich als Schauspieler, der immerhin zweimal «Hamlet» gespielt hat, sagen: Ja, das ist unverschämt. Aber was will ein heutiger junger Mensch mit «Hamlet»? Das ist doch scheissegal. Für das Leben, das ihn erwartet, ist Shakespeare wirklich nicht wichtig. Er muss wissen, wie die Börse funktioniert, nicht, was «Hamlet» gesagt hat. Das mag man beklagen. Für die aktuellen Anforderungen jedoch ist es irrelevant.

Und Sie, Martin Suter, sind Sie auch so resigniert?
Suter: Ich habe mit dieser Generation wenig zu tun. Ich treffe sie manchmal an Lesungen, 17-Jährige. Dank meinem Buch «Lila, Lila» habe ich zufällig eine Fangemeinde. Aber das sind Jugendliche, die an Lesungen gehen und wohl auch lesen, also eine kleine Minderheit.

Möchten Sie beide eigentlich noch mal jung sein? 25 Jahre alt?
Suter: Es war schön, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren jung zu sein, damals in der Truppe in Oerlikon und Freiburg. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich mit der Truppe von heute tauschen möchte. Nochmals jung sein hätte den Vorteil, dass die theoretische Lebenszeit grösser ist. Die Zeit zwischen 20 und 30 war…
Ganz: …nicht so toll eigentlich.
Suter: Ja. Es waren zu viele Emotionen, zu viel Unsicherheit.
Ganz: Die Klarheit fehlt in diesem Alter. Man ist immer so halb unter Wasser.

Aber sind das nicht die Jahre, in denen man noch Utopien hat? In denen man glaubt, die Welt verändern zu können? Das sind doch die grossen Momente im Leben.
Ganz: Ich erlebte diese Jahre unter besonderen Bedingungen, an der Schaubühne Berlin. Wir waren stark beeinflusst von den Achtundsechzigern, das hat uns als Truppe zusammengeschweisst und uns eine Zielrichtung vorgegeben. Es stimmt, in diesem Alter hat man enorme Energien, die in meinem Fall von einer intelligenten Person gelenkt wurden, Peter Stein, dem damaligen Intendanten. Dawurde nicht so viel vergeudet und gestrampelt, sondern man zeigte immer Resultate dieser Energie, man konnte sich freuen und hatte das Gefühl, dass man sich entwickelt.

Wie alt fühlen Sie sich genau am heutigen Tag?
Ganz: Ich wurde 1941 geboren. Das ist mein Alter.

Sie halten also nichts von diesen Frauenzeitschrifttheorien, wonach es ein gefühltes und ein biologisches Alter gibt?
Ganz: Ich bin 1941 geboren und folglich 68 Jahre alt.

Gab es denn nie einen Moment, in dem Sie merkten, Körper und Geist altern nicht gleichzeitig. Dass Sie sich geistig nicht so alt fühlen, wie Sie es in Jahren sind?
Ganz: Ich fühle mich so alt, wie ich bin. Ich fühle mich nicht jünger. Das interessiert mich gar nicht: gefühltes Alter, wahres Alter. Ich bin 1941 geboren, Schluss, aus. Ich habe nicht mal Lust, darüber nachzudenken. Die Leute haben eine solche Panik vor dem Alter. Sie sagen, man sei nur so alt, wie man sich fühlt, und lachen dabei. Diese Society-Kosmetik! Das halte ich alles für totalen Schwindel und Blödsinn.
Suter: Im Film sagt Sunnyi Melles: Man sei so alt, wie man aussieht. Es ist eine schwierige Frage. Man kann es nicht sagen, weil es eine Frage der Perspektive ist. Ich datiere meinen Geburtstag immer vor und bin überrascht, dass ich jetzt dann erst 62 werde, weil ich im Kopf von Beginn des neuen Jahres 62 bin.
Ganz: Weil sich alle jünger fühlen wollen, als sie sind, wird das Alter als etwas Entsetzliches und Grausames angeschaut, das man unterlaufen muss. Und sei es nur im subjektiven Empfinden dem Alter gegenüber, dem eigenen Alter wohlgemerkt. Dass man das auch noch mitteilen muss: Ich fühle mich nicht so alt… und nimmt sich zehn Jahre weg. Das ist nicht nur Schwindel, sondern zeigt, wie man das Alter heute anschaut. Es ist richtig: Toll ist es nicht, wenn man sieht, wie alles nur noch abwärts geht und zerfällt und nicht mehr so fit und sexy und knackig ist. Früher, auf dem Land, sah man die Bauern, die auf dem Bänkchen unter dem Apfelbaum sitzen und Pfeife rauchen, und man dachte: Das ist gar nicht so schlecht, wenn man mit 75 in dieser Ruhe dasitzen kann, und die Sonne scheint und die Bienen summen, und die Bauern schauen übers Land mit so Augen. Man sah das gerne und doch wieder nicht, denn die Bauern waren gebückt und vom Arbeiten versehrt, man sah, was das Alter alles anrichtet. Der ganze erotische Bereich kommt natürlich dazu.
Suter: Ich fühle mich nicht so, wie ich es mir mit 30 vorgestellt habe, dass man sich mit 61 fühlt. Ich kam 1948 auf die Welt, das ist mein Alter und in Ordnung. Aber ich fühle mich vielleicht anders als ein 60-Jähriger vor fünfzig Jahren. Es wird mir auch nicht derselbe Respekt entgegengebracht. Ich bin auch froh drum.

Mit 30 dachten Sie, 60 zu sein, müsse ein grosser Horror sein?
Suter: O ja. Ein Freund von mir ist mit 35 gestorben. Ich war damals zehn Jahre jünger und habe in allem Ernst gedacht: Er ist immerhin 35 geworden. Heute würde ich sagen, er ist praktisch als Kind gestorben. Was alt ist, ist eine Frage der Perspektive. Das habe ich auch mit «Giulias Verschwinden» zu zeigen versucht.

Im Film lassen Sie eine fast 50-Jährigesagen, sie sei froh, dass sie nicht mehr jung ist, all die unerfüllten Träume, die man damals gehabt habe, die sich als Illusion erweisen werden. Sind Träume für Sie nicht lebensnotwendig, im Sinn: Wer keine Träume mehr hat, ist tot?
Suter: Ich habe das geschrieben, weil ich das manchmal gedacht habe. Als ich die «Business Class»-Kolumnen geschrieben habe, habe ich die Managerimitatoren gesehen, junge Leute, die sich schon wie alte anziehen und im selben Jargon sprechen. Man möchte ihnen zurufen, nehmt einen Rucksack und bereist ein Jahr lang die Welt. Lasst euch nicht ein auf das, was euch vorgemacht wird. Gut, es ist eine andere Zeit. Wir waren in einer Zeit jung, als man noch keine Existenzangst hatte. Oder hatten Sie die mit 20?
Ganz: Nein.
Suter: Man gab den Job auf und wusste, man kriegt einen neuen. Man hatte alle Möglichkeiten. Es war eine beneidenswerte Phase. Es gibt auch das andere Klischee: Wir waren jung nach der Pille und vor dem HIV. Auch deshalb möchte ich nicht mit der heutigen Generation tauschen. Ich habe noch immer Visionen, aber andere. Die jungen Leute, die ich im Tram, im Flugzeug, in der Wirtschaft beobachte, sie haben Angst vor der Zukunft, Angst um ihren Job, sie denken in Karrierekategorien, in Pensionskassenkategorien, in Bonikategorien. Das ist deprimierend, die tun mir leid.

Quatsch, die sind doch bloss pragmatischer als früher.
Suter: Ja. Pragmatischer. Wohl auch weniger naiv. Ich fuhr noch im Occasions-Landrover durch Afrika. Das würde ich mich heute nicht mehr getrauen, und es war schon damals gefährlich. Ich hatte das Bewusstsein: Ich kann alles machen. Und seltsamerweise hab ich dann ja auch vieles gemacht.
Ganz: Das fällt mir auch auf. Der Druck des Marktes und des Geldes ist so gewaltig geworden, und die Jungen müssen sich danach richten. Das kann lähmend sein, wenn Menschen schon so früh genormt werden und diese und jene Etappe erreichen müssen zu dieser und jener Zeit, die ganze Lebensplanung. Man hat heute diesen Freund, morgen ist es ein anderer. Das kommt mir schon sehr armselig vor. Wir hatten diese Ängste nicht, konnten ein Jahr lang rumhängen, bei jedem zwanzig Franken ausleihen, sie irgendwann zurückzahlen, und wenn wir sie nicht hatten, dann halt nicht. Wir unterhielten uns nicht darüber, welches nun der günstigste Beruf wäre, ob man mit 17 schon irgendwo drin sein müsste, damit es funktioniert. Man konnte sich Zeit lassen, herumsuchen. Der Weg, den ich gemacht habe, würde heute kaum mehr gehen: dass man aus einer sehr einfachen Familie in Zürich-Seebach kommt, von deren Realität das Schauspielhaus weit entfernt und kaum zugänglich ist, dass man sich ihm mit der Zeit nähern und es erobern konnte. Dazu brauchte es eine gewisse Furchtlosigkeit vor der Zukunft. Das fehlt heute alles.

Junge Leute fragen sich heute als Erstes, was etwas nützt. Sie lassen sich nicht mehr auf jeden Unsinn ein, das ist doch gut, ein evolutionärer Fortschritt.
Ganz: Alles auf seine Nützlichkeit hin befragen, das ist kalt und blödsinnig. Ach, jetzt stecken wir schon tief im Kulturpessimismus, den wir vermeiden wollten.
Suter: Fairerweise muss man sagen, dass es heute nicht mehr so einfach ist, seine Träume zu verwirklichen. Wenn einer Maschinenschlosser werden will, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass er es auch kann. Das finde ich tragisch.
Ganz: Das stimmt. Wir hatten eine unausgesprochene Garantie, dass man Arbeit findet. Wenn einer sich angestrengt hat, kriegte er eine besser bezahlte Stelle, wenn nicht, blieb immer noch der Bau.
Suter: Früher gab es noch Wirtschaftsbosse, denen tatsächlich daran lag, möglichst vielen Leuten Arbeit geben zu können, sie trugen also auch eine gewisse staatspolitische Verantwortung. Dieses Denken ist heute leider verschwunden, die Bosse setzten auf die Shareholder-Ideologie und werden es wohl weiterhin tun, obwohl sich jetzt gezeigt hat, wie gefährlich kurzfristiges Denken ist.
Ganz: In den Fünfziger- und Sechzigerjahren hat der Markt unser Leben nicht bis in jeden Winkel beherrscht, wie das heute der Fall ist. Der Kapitalismus, in seiner damaligen Ausprägung, liess uns mehr Platz zum Atmen. Heute scheint es, als ob das Wirtschaftssystem die Psyche des Menschen nachhaltig schädigt.

Nerven Sie sich auch über die Alten?Man hat doch oft das Bedürfnis, sich von der eigenen Generation abzugrenzen. Egal ob man 30 ist oder 70.
Ganz: Im Gegenteil. Mich nerven die Jungen! Wenn ich mit der S-Bahn fahre, all die Jugendlichen mit den Füssen auf den Sitzen gegenüber. Man darf ja heute nicht mehr reklamieren, sonst kommt man sich selbst wie ein Idiot, wie ein Grossvater vor. Tut man es doch, bekommt man zu hören: Bist du ein Angestellter der Bahn? Du Angestellter Bahn mir nix sagen, was wotsch du da? Du wo schtigsch du us? Dies als Drohung. So weit, so schlecht. Der kleine Anfang. Dann hören wir öfter von Männern unter 20, die einen anderen Menchen zu Tode treten in der U- oder S-Bahn. Motive haben sie offenbar keine, aber wie sie selbst sagen, macht es ihnen Spass. Mehr nicht. Die Gesellschaft ist inzwischen so konditioniert, dass man die Täter als Opfer sieht. Wie grotesk. In dieser Hinsicht bin ich erzreaktionär. Ich will, dass die bestraft werden. Je härter, desto besser. So, jetzt habe ich es gesagt.
Suter: Mein Ärger über Leute hat nicht mit dem Alter, sondern mit der Art der Leute zu tun. Ich ärgere mich über spiessige Leute, ob sie alt oder jung sind. Unter den Jungen wächst der Anteil der Spiesser täglich, auch wenn sie gepierct sind oder von Tattoos übersät. So fest sie sich tarnen — ich habe immer noch ein Auge für Spiesser. Das hat man 1968 gelernt: den Spiesser zu erkennen. Ein Spiesser ist nicht a priori alt. Albert Hofmann zum Beispiel, der LSD-Erfinder, war alles andere als spiessig, er wurde 102, ich führte tolle Gespräche mit ihm, die ich mit vielen Jungen nicht hätte führen können.

Haben Sie, Herr Ganz, sich mit 50 denn weniger aufgeregt über das, was um Sie herum abgeht?
Ganz: Was ich sage, hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit Vernunft. Das sind Nachwirkungen der Achtundsechziger. Es war ja schon toll, dass man Leute, die einem nicht gefielen, nicht nur wegbefördert hat, sondern sich um sie kümmerte und fragte, wo kommen die her, warum sind sie so, wie könnte man eingreifen und ihnen helfen? Inzwischen ist die Sozialpädagogik aber ein Berufszweig, der alle als Opfer betrachtet.
Suter: Ob mich Gleichaltrige nerven? Man wird halt Partei. Man schimpft nicht so über die Alten wie über die Jungen. In meiner Jugend nervten mich nicht die alten Leute im Tram, aber Leute im Alter, in dem ich nun bin: die uns in der Sonne stehen. Wir wünschten uns, dass die nun endlich wegkämen. Ich könnte es nachvollziehen, wenn ein junger Mensch das von mir denkt. Warum schreibt jetzt «Das Magazin» so viel über den Typ, was hat der für Beziehungen, warum schreiben sie nichts über meinen neuen Roman?
Ganz: Wenn ich ehrlich bin, gehen mir die Alten schon auch furchtbar auf die Nerven, vor allem im Alltag. An der Kasse, bis die ihr Portemonnaie hervorgeholt haben! Dann zahlen sie mit Karte, es funktioniert nicht, dann finden sie das Geld nicht. Sie stehen immer gerade dort, wo sie nicht stehen sollten. Es ist grauenhaft, so alt zu sein, einfach schrecklich.

Damit beantworten Sie bereits die Frage, ob Humor altern kann. Der Ihre offensichtlich nicht. Wie ist es bei Ihnen Martin Suter, als Meister des Genres?
SUter: Ich hoffe, er bleibt mir erhalten. Humor hat viel mit Selbstironie zu tun. In allen meinen satirischen Texten mache ich mich lustig über Leute, die auch in mir stecken. Ich glaube, das ist ein Geschenk, wenn man diese Fähigkeit hat. Als junger Mann war ich viel zynischer. Jetzt mache ich mich nicht mehr über ganz alles lustig.

Können sich mit dem Älterwerden auch Emotionen verbrauchen? Kann man sich zum Beispiel noch so intensiv verlieben, wie das um die 20 der Fall war?
Ganz: Da müssen Sie einen Greis fragen, nicht mich. Aber man hat natürlich im Alter mehr Instrumente, die man angesammelt hat und die man auch Erfahrung nennt, die alles dämpfen und sofort checken, ob etwas überhaupt Sinn macht. Instrumente, die einem sagen, wenn es lächerlich ist, sich noch einmal auf ein Abenteuer einzulassen. Trotzdem, wenn die Gefühle stark genug sind, werden sie sich auch durchsetzen. Schade ist es trotzdem, dass man vor allem die Unbekümmertheit verliert. Dass man alles prüft und gegenprüft, alle Erfahrungen wie durch ein Sieb lässt.

Nimmt nicht in gewissem Sinn die Illuminationsfähigkeit ab? Die Fähigkeit also, sich spontan von seinen Gefühlen mitreissen zu lassen, Begeisterung zu zeigen, wenn man zum ersten Mal den Eiffelturm sieht oder eine unfassbar schöne Frau.
Suter: Das ist eine Charaktersache. Ich habe alte Leute gekannt, die waren von einer nervenden Begeisterungsfähigkeit. Es verändert sich halt. Man ist etwas besser in der Liebe und etwas schlechter in der Verliebtheit.
Ganz: Ältere Leute strahlen oft aber eine extreme Selbstzufriedenheit aus, gerade in wohlhabenden Ländern. Die regen sich über nichts mehr auf, sind so supercool wie die Jungen. Sie haben sich eingerichtet und wissen, wie es geht. Das ist so furchtbar. Lähmend. Sie leben auf einem Niveau, auf dem sie sich abgesichert haben, mit ihrer Pension, dem Auto, sie erhalten ihren Besitz und mähen die Wiese, die Migros ist hier und der Coop ist dort. In ihrer Selbstsicherheit verströmen sie einen unglaublichen ekelhaften Wohlstand, diese Alten, sie sind braun gebrannt, tragen Basecap und Turnschuhe und fühlen sich so jung.

Was ist das Gegenmodell? Wie altert man in Würde, wenn ein gewisser Wohlstand da ist?
Ganz: Würde ist wieder etwas ganz anderes. Ein grosses Wort. Etwas Wunderbares. In diesem Zusammenhang, über den ich jetzt geredet habe, ist man schon nur zufrieden, wenn man neugierig bleibt. Lebendig und wach und nicht total versunken im Erhalten des Wasserschlauches, der dort rechts hängen muss, damit man die Autopneus waschen kann. Wenn man diese Art von Lebenseinrichtung durchbrechen kann und sich nicht auf sie zurückzieht, dann hat man schon viel erreicht. Würde, das strebe ich an. Das wäre grossartig. Es ist nicht so einfach.

Wer ist für Sie ein grosser Alter?
Ganz: Ein Regisseur von mir am Theater, den es nicht mehr gibt: Klaus Michael Grüber. Er zeigte schon Anzeichen von Würde, als er 40 war, die mit den Jahren stärker wurden. Grüber war für mich ein würdiger Alter.
Suter: Etwas Wichtiges und Banales ist auch, dass man das Alter akzeptiert. Man es nicht zu verleugnen versucht und zu viel Gegensteuer gibt.

Es gibt aber auch einen Kult um die Alten. In Genf gibt es nun einen Spielplatz für Senioren, mit Tretbänken, Rampen und Leitern.
Suter: So viel zum Thema Würde.
Ganz: Genau. So viel zum Thema Würde.

Ist es ein Trost, wenn man weiss, dass man etwas hinterlässt, das einen überdauert? Filme oder Bücher?
Suter: Mir ist es wichtig, etwas zu hinterlassen, das das Leben meines Kindes erleichtert. Das wäre höchstens etwas Materielles, das ich hinterlasse. Ich halte mich nicht an die Regel derer, die für die Nachwelt schreiben, indem sie keine aktuellen Ereignisse erwähnen. Meine Bü­cher sind für jetzt, und ich glaube nicht, dass einer 2080 noch die gesammelten Werke von Martin Suter im Regal stehen hat.
Ganz: Jene, die immer noch in unseren Regalen stehen, Dostojewski oder Goethe, man würde die gerne befragen, ob das ihr Ziel war. Das war es kaum, aber es kam halt so. Aber ob es sie besonders stolz macht, dass sie zweihundert Jahre später noch gelesen werden? Ich weiss es nicht.

Wovor fürchten Sie sich in den nächsten Jahren?
Suter: Natürlich ist das das Sterben. Noch grösser ist die Angst, krank zu werden und zu leiden.
Ganz: Der rabiate physische Niedergang, damit hätte ich Probleme, wenn ich dramatisch eingeschränkt würde. Aber man weiss auch nicht, was man aus einer solch schwierigen Situation wieder ziehen könnte. Der Tod ist mir völlig unklar.
Suter: Der Verdrängungsmechanismus funktioniert ziemlich gut. Als junger Mensch schaute ich im Tram oft alte Leute an und konnte nicht verstehen, wie die das überhaupt aushalten, die Gewissheit, dass ihnen nur noch wenig Zeit bleibt. Das hält man offenbar aus bis 100. Man könnte nicht leben, wenn man sich bewusst wäre, was alles passieren kann.



Ein Meister der Dialoge: Martin Suter | Nathan Beck
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Ist das gespielt? Bruno Ganz | Nathan Beck
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Schmid, Ganz, Suter und Canonica | Nathan Beck
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Die Diskussion

11 Reaktionen

  1. Grania

    Als ob früher jeder Bauer Hamlet gekannt hätte…
    Es geht mit den Herren abwärts, nicht mit der Gesellschaft (nein, nicht mit der Qualität ihrer Arbeit, sondern mit ihrem Leben).

  2. lizzy

    Das hat ja wieder einmal gut getan: Statt endlich einmal Ermunterung oder ein Lob zu bekommen, was die Jungen alles gut machen (Neugier, Unverdorbenheit, Eifer, Sehnsucht, Humor, Unvoreingenommenheit…) bekommen wir von einem ‚alten’ Mann, der seine Pfründe abgeholt hat, zu hören, dass mit der Jugend alles ‚den Bach runter’ gehe.

    Irgendwann einmal war es Tugend, alte Menschen für weise zu halten, reich an Erfahrungen, von denen junge Leute lernen können. Diese Verantwortung haben viele ‚Alte’ längst abgegeben, und viele Lehrer und Dozierende wissen oft selbst nicht, wovon sie sprechen, wenn sie uns den Faust vorlegen.

    Dieser alte Mann scheint sich im Leben so sehr etabliert zu haben, dass er sich keine Fragen mehr zu stellen braucht.

    Da ist null Einfühlungsvermögen in die Jugend, die sich ihren Weg zur Sinnhaftigkeit selber bahnen muss, und dazu noch von ‚oben’ bespuckt wird. Schade, dass ein so berühmter Name letztlich ein weiteres Mal nur enttäuscht.

    Was soll ich von einem solchen Menschen lernen, der zwar die Füsse nicht auf die Sitzbank legt, ansonsten aber nichts mit der Jugend zu teilen hat? Der von ‚Verarmung’ (woran?) spricht, nur weil er sich selbst nicht mehr zu sorgen braucht? Was soll dieser Frontalangriff auf die Nachkommen? Wo ist die Überlieferung der ‚wirklichen Werte’ an die Nachwelt steckengeblieben?

  3. Peter Aufenast

    Schmunzelnd habe ich die Antworten dieser zwei, noch etwas taufrischen Jünglinge konsumiert. Insbesondere das Statement von unserem guten Bruno: “ … sie sind braun gebrannt, tragen Basecap und Turnschuhe und fühlen sich so jung”, könnte auf mich, einen trotz etwas klapprigen Knochen und einigen abgestorbenen grauen Hirnzellen, noch einigermaßen gut erhaltenen “70 plus” zutreffen. Vor Jahren war ich beruflich weltweit tätig. Heute genieße ich den dritten Lebensabschnitt und bereise als Globetrotter mit Rollkoffer, wie es sich für „Gruftis“ geziemt und hin und wieder, Schande!, mit Rucksack und Schlafsack die Welt. Ich bevorzuge soweit möglich Bahn, Schiff, Bus und Miet-Pkw anstelle von Airlines. In den Gastländern benutze ich die gleichen (manchmal etwas komischen!) Verkehrsmittel wie die Einheimischen. Als Genießer lasse ich mich auch in den abgelegensten Orten kulinarisch überraschen und probiere (fast) alles aus! Auf meinen Reisen treffe ich auch immer wieder auf Junge, die zwischen Matura und Studium oder nach der Lehre die Welt selbstsicher und mit offenen Augen bereisen, aber auch Junge die schon als Greise zur Welt gekommen sind. Und dann gibt es auch die Alten, die mit Basecap und Turnschuhen, wie ich auf unserem (noch) schönen blauen Planeten auf mehr oder weniger abenteuerliche Weise voller Elan unterwegs sind und eine extreme Selbstzufriedenheit ausstrahlen. „Das ist so furchtbar!“, sagt Bruno. Und Martin spricht von einer nervenden Begeisterungsfähigkeit!

    So oder so, ich bleibe bei meiner Philosophie: Das Leben ist zu kurz, um es nicht in vollen Zügen zu genießen und beherzige das Zitat: Die Welt ist ein Buch, wer nie reist, sieht nur eine Seite davon. Wenn ich einmal das hölzerne Pyjama anziehen und die Radieschen von unten ansehen muss, will ich sagen können: „Pesche, dein Leben war lebenswert!“

  4. Profile Pic
    Christian Röthlisberger

    darf man fragen, warum dieses wunderbare interview online nicht verfügbar ist? ich wollte es eben im blog weiterempfehlen.

    neue strategie?

  5. Profile Pic
    Christian Röthlisberger

    oh, jetzt ist es plötzlich da. auch eine antwort. – merci viu mau.

  6. Mario Schärli

    Wenn ich die Antworten von Herrn Ganz in diesem Interview lese, dann muss ich leider (und das als einer der “Jungen”) sagen, dass sie mich befremden. Sie bestätigen – man kann es nicht anders sagen – einige Clichés, welche den “Alten” entgegen gebracht werden. Auf geradezu schockierend irrationale Weise schliessen Sie aus den Taten weniger auf eine Mentalität der Jungen. Diese Fälle von Gewaltanwendung “aus Spass” sind wahrlich nicht repräsentativ für eine Generation.
    Weiter sind die Füsse-auf-den-S-Bahn-Sitzen-Lasser offenbar durch ihr Verhalten bestimmt mit Ausländern und schlechtem Deutsch zu konnotieren, notabene ohne dass sie von ihnen je zurecht gewiesen worden wären. Die von ihnen dargestellte Mentalität haben sie hier schon so zur Gewissheit hochstilisiert, dass sie nicht mehr hinter sie zurück können und auf ihr aufbauend Vorurteile für bestätigt ansehen.
    Dem Heute können sie nichts Positives abgewinnen, dem Gestern aber schon, wobei sie aber vergessen, dass sie auch in diesem Heute leben, dass dieses Heute auch eine Folge bzw. Entwicklung aus dem Gestern ist. Es ist die ihre Generation, welche die Gesellschaft mit geprägt hat, und so zu dem geformt hat, was sie heute ist. Das nicht als Vorwurf, sondern als Anstoss.
    Nein, Herr Ganz, sie haben sich nicht arrangiert, und nein, es ist nicht alles halb so schlimm.
    Sie sprechen von Würde im Alter: Diese könnte vielleicht auch im Heute stattfinden. Würde wäre meiner Ansicht nach sich, ohne sich im Alters-Spielplatz wiederfinden zu müssen, trotzdem als Teil dieser Gesellschaft zu sehen, sich der Realität zu stellen und ihr angemessen zu begegnen: Unbefangen, als Mitglied einer Gemeinschaft, zu der man sich selbst als zugehörig betrachtet.

  7. Kyrillos

    Die Unwissenheit über das Hier und Jetzt eines jungen Menschen in diesem Text ist unheimlich. Es kann einem nur leid tun, wenn eine so abenteuerliche und in allen kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen hochspannende, bewegte Gegenwart auf Kulturpessismus und Leistungsgesellschaftsopfertum reduziert wird. Das Wahnsinnige an Hamlet ist doch, dass er sich sowieso wiederholt, auch wenn er nicht gelesen wird. Ich respektiere das Schaffen und die Werke dieser erprobten Herren, doch ich wünsche mir von den Alten: Entweder würdig und still das eigene Leben zu lieben und zu SCHWEIGEN, oder sich mit der neuen Ordnung der sich doch immer WANDELNDEN Welt offen und neugierig zu befassen. Dann könnte aus ihrer Erfahrung vielleicht sinnvolle Kommentare darüber abgegeben werden, und nicht…schon wieder Gejammer.
    Ein Fünfundzwanzigjähriger!

  8. Thomas Laeubli

    Bruno Ganz hat ganz recht. Die heutige Jugend hat zwei Leitfragen: “Was nützt mir das?” und “Warum muss ich mir dein Gejammer und deine Kritik gefallen lassen?”.

    Früher war es eine Selbstverständlichkeit, dass man sich im Leben auch mit Dingen beschäftigt, die einem im Leben “nichts nützen”. Heute hat fast jeder von nichts mehr eine Ahnung. Eine gewisse Bildung gehört eben zur Grundausstattung eines Bürgers. Schliesslich stimmt man ja auch ab und zu über Kredite für Kulturinstitutionen ab, und eigentlich dürfte jemand, der Britney Spears als die grössere Kunst wie ein Shakespeare-Drama betrachtet, darüber gar nicht befinden.

    Die Bemerkung, Herr Ganz möge doch würdig und still das Leben lieben und möglichst schweigen, ist Ausdruck eines Kulturpessimismus, wonach niemand mehr Kritik äussern dürfe. Wen es nicht interessiert, der soll einfach nicht hinhören und SCHWEIGEN. Kritik ist omnipräsent: Gewisse Politiker wettern gegen die angebliche politische Korrektheit (womit sie bloss ihr eigenes Weltbild in der Öffentlichkeit zementieren wollen). Gewisse Medien machen die Intellektuellen fertig und verhöhnen sie (z.B. Muschg im TA, Hürlimann in der NZZ). Hingegen ist es mittlerweile verpönt, wenn Kulturschaffende Kritik äussern: Sie werden als Spiesser, Landesverräter oder Moralapostel verhöhnt, man spricht ihnen die Urteilsberechtigung ab oder sie werden einfach totgeschwiegen. Mit ihren Argumenten will man sich schon gar nicht mehr auseinandersetzen – es reicht, wenn man ihre Kritik unbegründet als “sinnlos” bezeichnet. Damit ist das apodiktische Urteil schon ausgesprochen.

    Es nützt zudem nichts, von einer wandelnden Welt zu sprechen, wenn man nicht die immergleichen Strukturen darin wieder aufblitzen sieht (Liebe, Schicksal, Intrigen, Macht, Gewalt, Tod etc.) Dies sind im übrigen auch die Themen von Kunst und Kultur, an denen die utilitaristisch verkürzte Frage “Was nützt mir das?” schon in manchem Lebensentwurf gescheitert ist.

  9. allezusammen

    also das die jugend den bach runtergeht hab ich nicht das gefühl, und auch meine ich, haben wir jungen Leuts mehr Möglichkeiten etwas mit uns anzustellen als früher, etwas wirklich mit dieser chance anzustellen liegt an uns selber und auch wie wir erzogen worden sind, von eurer generation.
    ich komme aus einer migrationsfamilie, habe dabei das glück gehabt nicht von dessen religionen beeinträchtigt zu werden – mein tanzstudium beginnt und ich freue mich fast auf die aussicht, nicht viel geld in der zukunft zu verdienen, weil ich dann weiss, ich werd von moment zu moment schauen müssen, das leben wird passieren, wie es grad passiert und nicht wie ich es plane. Wahre Reisende wissen nicht wohin.

  10. Kyrillos

    Lieber Thomas Laeubli: Ich sprach vom Gejammer und der Kritik über meine Generation. Ich bin vielmehr sehr interessiert an der Meinung aller Mitglieder dieser Gesellschaft, egal welchen Alters. Ach, Sie sprechen von Muschg! Welcher es doch am besten zum Punkte bringt, was ich mit ‘Sich wandelnder Welt’ meine. (http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/die_gerettete_einzelheit_1.782100.html) Wenn Sie sagen: ‘Heute hat fast jeder von nichts mehr eine Ahnung’, dann kann ich nur antworten: Gibt es nicht immer eine Ahnung? Meinen sie im Ernst, da sei nur Britney Spears im Spiel? Das sind engstirnige, etws hifllos anmutende Betrachtungen, die überhaupt zu nichts führen. Darüber wünschte ich mir Schweigen, und wie gesagt: Anstatt dessen eine Neugier und Offenheit für neue Werke und Ahnungen der Welt, die (Sie werden es nicht glauben) sehr wohl vorhanden sind. Und was mir das nützt? Die ‘ewiggleichen Strukturen’ vielleicht in neuen Spielformen zu erfahren, denn darin, hoffe ich , könnte man sich einig sein: Dass diese Strukturen immer, wirklich immer wieder einen neuen Ausdruck finden in der Welt.

  11. Kassandrea

    Ich kann Mario Schärli und Kyrillos nur beipflichten.
    Fast zwei Wochen lang lag das Interview von Suter und Ganz ungelesen auf meinem Nachttischen und jedes Mal, wenn ich ins Bett kroch, dachte ich mir: „Das sind doch zwei sympathische Typen, wie sie so leicht kauzig-verträumt von diesem Schwarzweiss-Foto schmunzeln und –wie ich annahm – über das Älterwerden philosophieren, weise und gelassen. Doch weit gefehlt! Ich weiss nicht, aus welchem Zitat der Titel „Alles halb so schlimm“ gewonnen werden konnte in diesem zutiefst kulturpessimistischen Wörternebel. Mir scheint es eher, als wäre alles „doppelt so schlimm“. Der Prozess des Älterwerdens bleibt auf der Ebene des Doppelkinns stehen. Wo bleibt die Weisheit? Man kann hoffen, dass Ganz sich bewusst entschlossen hat, in diesem Interview eine diametral entgegengesetzte Figur zu den liebenswerten, zeitlos Weisen in seinen Filmen, zu mimen. Statt sich über die subjektiven Veränderungen und Perspektiven zu unterhalten, wird nur in Stammtisch-Manier über den stereotypen „Jungen“ hergezogen, der sich irgendwo in einem diffusen Bereich zwischen aspirierendem Wirtschaftsmanager und verschlagenem „Füsse-nicht-von-den-Sitze-Nehmendem“. Dabei gerät die Mehrheit der Jugendlichen in Vergessenheit. Ein Professor sagte kürzlich, die Idee, alles wäre früher besser gewesen, sei ein Topos seit der Antike. So entsprechen viele Statements auch ganz schlicht nicht den Tatsachen. Die Jugendkriminalität hat statistisch abgenommen (auf jeden Fall stand das vor einer Weile im Tagi-Magi), es studieren mehr Jugendliche als früher ob an Fachhochschulen oder Universitäten und es gibt nach wie vor viele Junge, die gerne lesen (die Fangemeinde von Suter ist da keineswegs eine Ausnahme). In meiner Klasse, den damaligen Parallelklassen und auch im Jahrgang meines Bruders begann nur einer von 24 Schülern gleich nach Abschluss der Maturität ein Studium, alle anderen gingen auf Reisen und schnorrten sich wohl auch ab und zu zwanzig Franken. Der Abgesang auf die heutige Jugend lässt sich von meiner subjektiven Warte aus nicht bestätigen. Ich kenne natürlich nicht alle Jugendlichen, aber ein ziemlich breitgefächertes Spektrum der heutigen 20- bis 25-Jährigen. Wahrscheinlich gibt es auch Exemplare der von Suter und Ganz evozierten Sorte, doch sie stehen meiner Meinung nach nicht stellvertretend für die ganze Jugend. Ich wage sogar zu behaupten, dass die Gruppe der Jugendlichen in den letzten 40 Jahre ähnlich heterogen geblieben ist. Fazit: Ich mag Bruno Ganz einiges besser, wenn ihm die Drehbuchautoren die Worte in den Mund legen.

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