19.12.2008 von Rico Czerwinski , 10 Kommentare
Noch immer starren die Kritiker auf die Ikonen der Erwachsenenliteratur. Noch immer verfolgen sie lieber diese Stars über Buchmessen, anstatt sich ernsthaft für Kinderbücher zu interessieren. Doch beim Publikum sind sie ungeheuer angesagt. Generieren aus irgendeinem geheimnisvollen Grund nicht nur gerade vor Weihnachten Millionenumsätze, ohne die Werbeetats der Verlage annähernd zu belasten. Was ist das Geheimnis dieser Bücher, das Geheimnis der besten, der wirklichen Klassiker unter ihnen? Könnten sie, die immer so leichtfertig abgetan werden, vielleicht sogar Erwachsenen etwas sagen?
Für viele ist er der beste lebende Kinderbuchautor. Für Unzählige eine Kultfigur, ein begnadeter Künstler, Zeichner, Erfinder eines Universums von Figuren in den Köpfen von Söhnen, Töchtern. Der Vater von Hauptfiguren der eigenen Kindheit. Doch vielen war er lange suspekt. Verleugnete seine Überzeugungen nie, hielt sich selbst mit Büchern für Kleinste nie aus Politischem heraus. Mutete Kindern die Welt als einer der Ersten zu, wie sie einfach ist. Heute profitiert er mit am meisten vom Boom der Kinderliteratur, und endlich hat er auch ein eigenes Museum von seiner Geburtsstadt Strassburg erhalten. Was hat der 77-Jährige, der sich in dem mit Kunstwerken vollgestopften Villendachzimmer hustend eine Zigarette dreht, zu unserer Zeit zu sagen? Ungerer sieht aus wie elektrisiert.
Lange waren Sie verfemt. War Ihnen das egal?
Ich selbst und mein Werk schienen vielen Erwachsenen nicht integer genug für mein junges Publikum. In meinen Kinderbüchern gab es hässliche Tiere, abscheuliche Menschen. Das war manchen nicht naiv genug. Kinderbücher prägen uns oft mehr als vieles danach. Das kindliche Gehirn ist noch wie warmes Wachs, die Kinder tragen noch keine Vorurteile als Schutzschilde vor sich her. In den «Fabeltieren» gibt es eine Schlange, ich erfand einen abscheulichen Geier. In «Zeraldas Riese», einem meiner berühmtesten Bücher, läuft dieser Riese mit blutverschmiertem Messer durchs Land, und mein Gott, auch die «drei Räuber» aus meinem erfolgreichsten Buch, wie furchtbar waren die. Meine Hauptfiguren waren oft Outsider, Kinder fanden das interessant. Also machte ich es.
Plötzlich sind die hässlichen Tiere in den «Fabeltieren» keine Aussenseiter mehr. Plötzlich wandeln sich die «drei Räuber». «Zeraldas Riese» heiratet das kleine Mädchen. Dieser Wüstling hat übrigens ein interessantes Gesicht. Es sieht aus wie Ihres.
Ja, damals habe ich das intuitiv so gezeichnet. Die Ähnlichkeit fiel mir erst viel später auf.
Aber Sie sehen nicht nur ein wenig so aus wie er. Auch in Ihrem heutigen Leben ist es wie am Ende von «Zeraldas Riese», wie am Ende fast aller Ihrer grossen Kinderbücher.
Es ist erstaunlich. Diese Wendung. Tatsächlich, es ist wahr geworden, ist auch bei mir so gekommen. Diese Veränderung zum Guten wie in den Büchern. Alles ändert sich. Mein ganzes Leben lang hat man mir misstraut. Viele haben mich nicht gemocht. Manche haben mich gehasst. In New York wurde ich vom FBI auf offener Strasse verhaftet. Und später nackt verhört. Man schrieb mir Todesdrohungen, doch jetzt hält man mich plötzlich für einen der grössten lebenden Kinderbuchautoren und bestaunt mich, wann immer möglich. Taxifahrer bringen ständig Besuch in mein Haus, an drei Büchern arbeite ich und dann noch an einer erotischen Edition. Ständig klingelt das Telefon, ich sollte das Telefonkabel aus der Steckdose ziehen. 77 Jahre alt bin ich, mein Verleger hat nachgezählt: Das jüngste Buch sei das 82. – und das beste.
Was ist das Rezept für ein erfolgreiches Leben?
Kämpfen. Nie daran denken aufzugeben, nie, gerade in Momenten wie diesen, in denen es auf Weihnachten zugeht und uns allen 2009 keine besonders grossartige Zeit bevorsteht. In Momenten, in denen wir Angst haben. Wir alle haben Angst, wir Menschen werden schon mit ihr geboren. Und bei mir war es eine besonders grosse Portion. Und dann fing ich auch noch unter allerseltsamsten Voraussetzungen an. Heute muss ich fast sagen: Es war zwar nicht gerade ein Glück, aber ich verdanke den harten Bedingungen in den Dreissigerjahren, als ich zur Welt kam, sehr viel.
Ihr Vater – eben noch der weithin bekannte Uhrmacher des Strassburger Münsters – verstarb plötzlich. Ihre angesehene Familie verarmte völlig. Die Nazis marschierten ein. Die französische Sprache wurde verboten. Sie konnten sich plötzlich nicht mehr verständigen. Jedes französische «Bonjour» im Elsass wurde strengstens bestraft. Sie waren acht Jahre alt, aber Sie haben das überwunden.
Obwohl ich kaum Freunde hatte. Meine Mutter war vor der Besatzung zu allem Unglück extrem pro-französisch gewesen. Sie hatte mir vor dem Einmarsch den Kontakt zu den vielen Elsässisch sprechenden Kindern verboten. Dennoch habe ich diese Krise gemeistert. Es war wie so oft. Es war dank der Familie. Besonders dank Bernard. Ihm verdanke ich fast alles.
Wie half Ihnen Ihr acht Jahre älterer Bruder?
Er spürte, dass er jetzt wie eine Art Vater die Verantwortung für mich hatte. Die Angst, die ich seit meiner Geburt hatte, verstärkte sich immer mehr, sie kam in dieser Krisenzeit zunehmend zum Ausdruck. Und er bekämpfte sie mit mir.
Wie?
Es klingt grausam. Ich hatte Angst vor allem. Der Zukunft. Dem Unbekannten. Der Nacht. Der Dunkelheit. Den Nazis. Vor Strafe. Davor, etwas nicht zu schaffen, bestraft zu werden, weil ich zum Beispiel nicht schnell genug Deutsch lernen konnte. Es war Angst vor Dingen, die grösser waren, scheinbar. Auf die ich scheinbar keinen Einfluss hatte.
Wie half er Ihnen?
Er nahm mich mitten in der Nacht mit auf den Strassburger Friedhof. Natürlich, das war am Anfang schlimm. Ich fürchtete mich so. Ich musste meiner Angst ins Auge sehen. Irgendwann wirkte das. Irgendwann verkehrte es sich sogar ins Gegenteil. Eben noch war die Angst vor der Dunkelheit in den Kriegsnächten einer meiner Hauptfeinde gewesen, doch nun war sie nicht mehr schlimm. Nun zerschnitt ich sogar ein Bettlaken und lief nachts damit als Geist verkleidet herum.
Wie half Bernard Ihnen noch?
In nur drei Monaten brachte er mir Deutsch bei. Das war ein harter Crash-kurs. Grosse Tafeln hängte er mir abends übers Bett: Reste tenace – bleib hartnäckig! So oft hätte ich fast aufgegeben. Aber ich konnte nicht. Es ging nicht. Karl stand hinter mir.
Damals haben Sie die Voraussetzungen erworben, Widerstände zu überwinden. Hohe Mauern. Phasen, in denen mal nicht alles super läuft. Können wir das heute auch?
Klar. Wir können viel mehr, als wir denken. Leider setzen wir uns schon im Kindesalter ungern Herausforderungen aus. Aber das müssen wir. Das sollten wir verstärkt tun, unsere Kinder schon früh viel mehr herausfordern. Viele Eltern meinen, ihre Kinder würden ohnehin zu früh erwachsen. Immer schneller erwachsen. Deshalb steuern sie gegen, umgeben ihre Kinder, wann immer möglich, mit einem rosaroten Kokon. Aber das ist nicht gut. Tun wir das, schwächen wir sie.
Wie erzogen Sie Ihre eigenen Kinder?
Die Welt ist nicht perfekt, Kinder kommen klar mit dieser Botschaft. Ich behandelte meine Kinder mehr wie Erwachsene denn wie kleine beschränkte Kinder. Ich nahm sie ernst. Das fing beim Thema Zeitvertreib an. Bei uns gab es kaum diese altersgerechte Kinderunterhaltung, keine Barbiepuppen. Wenige Bilderbücher, die der herausforderungslosen und für die Eltern komfortablen selbstständigen Beschäftigung dienen. Stattdessen: Dinge, die eigentlich eher für Ältere oder Erwachsene geeignet waren.
Was sollten wir Kindern zu Weihnachten schenken?
Warum nicht mal ein Lexikon? Warum nicht mal ein Geschichtsbuch? Warum nicht mal etwas über Mineralogie, über Tiere, Pflanzen statt rosaroter anspruchsloser Mischi-Muschi-Bücher? Das muss man dann natürlich erklären. Das muss man dann gemeinsam anschauen.
Das beste Spielzeug?
Ist manchmal eines, das Kinder verwirrt. Nur nicht diesen simplen altersgerechten Spielzeugdreck. Überall wird er jetzt im Dezember in Massen gekauft. Meine Kinder fertigten schon kleine Kunstwerke an, bevor sie zehn Jahre alt waren. Sie hatten Werkzeuge, meine sechsjährige Tochter stellte mit einem Lötkolben aus zerschnittenen Konservendosen Skulpturen her. Wenn eine Klingel defekt war oder das Schloss einer Tür, nahm ich es vor ihren Augen auseinander, und wir reparierten es zusammen. Ich habe einem Mädchen, der siebenjährigen Tochter eines befreundeten Paars, an Weihnachten ein Beil geschenkt.
Ein Beil. Wozu?
Kinder haben unglaublich viel Spass an interessanten mechanischen Tätigkeiten. Leider sind diese oft unsicher, bergen Risiken. Im Ergebnis verbieten viele Eltern dies, manche Kinder können sich kaum noch die Schuhsenkel binden oder allein eine Scheibe Brot abschneiden. Ihre mechanischen Fähigkeiten verkümmern.
Also sollen wir Ihnen Bohrmaschinen schenken?
Ein Schweizer Messer wäre mehr als ausreichend. Es ist das beste Spielzeug, das ich mir vorstellen kann. Aber natürlich geht man mit so einem Geschenk ein Risiko, ein grosses Versprechen ein. So wie ich damals mit dem Beil. Natürlich muss man der Verantwortung gerecht werden, die man mit so einem Geschenk übernimmt. Und so hackte ich an diesen Weihnachten stundenlang Holz mit dieser Siebenjährigen. Es gab ein riesiges Cheminée, bis dahin hatte der Vater jeweils die daneben lagernden Scheite zerkleinert. Die Eltern hielten mich zunächst für einen Terroristen. Aber als die Tochter es nach langem Üben endlich beherrschte, da sagten sie: Noch nie haben wir sie so stolz gesehen.
Sie sorgten sich immer extrem um die Interessen von Kindern. Wie viele Ihrer Erziehungsprinzipien haben Sie bei Ihren eigenen Kindern umgesetzt?
Alle. Wir zeigten ihnen vieles aus der Welt der Erwachsenen. Wie in meinen Büchern legte ich darauf Wert, dass sie nicht nur einen begrenzten Kinderwortschatz zur Verfügung haben. Für uns gab es nur Sperlinge, Rotkehlchen, Adler. Für uns gab es nur Platanen, Birken, Eichen. Was wir auf unseren gemeinsamen Ausflügen und Reisen sahen, war nicht nur ein «Vogel» oder ein «Baum». Wir waren überhaupt viel unterwegs. Wir zeigten ihnen, dass sich hinter Fassaden eine Geschichte verbirgt, in einem alten Schloss oder auch einem Konzentrationslager irgendwann etwas Wichtiges passierte. Wir sahen Galgen und Öfen. Mein Sohn hat noch heute ein Stück Stacheldraht. Manchmal haben wir an der Strasse angehalten. Haben mit dem Hinweis, dass man vorsichtig sein muss, auf eine überfahrene Katze gezeigt.
Manchmal übertrieben Sie es.
Das hat man mir auch wegen meiner Bücher immer wieder vorgeworfen. Aber ich glaube, nein. Kinder sind ständig der Realität ausgesetzt, Computer, Fernsehen, Schulweg, andere Kinder. Fragen bilden sich in ihren Köpfen. Viele Eltern sind da nicht offensiv. Selbst wenn die Kinder diese Fragen nicht einmal formulieren – der Weg, den die meisten Eltern gehen, ist zu einfach. Ihre Kinder werden anfänglich zwar froh und zufrieden sein, aber irgendwann werden sie zurückweichen. Werden sie nicht schon in jungen Jahren ein wenig durch die Wirklichkeit traumatisiert, geben sie irgendwann auf. Vertrauen nicht mehr auf ihre Fähigkeiten. Passen sich an, ihre unglaublichen Fähigkeiten verkümmern, sie werden statt zu blühenden Gärten zu Wüsten.
Was können wir von Kindern lernen?
Ein alter Freund sass mit seinem Sohn auf den Arland-Inseln. «Was starrst du aufs Meer?», fragte er. «Was siehst du da draussen?» Der Fünfjährige antwortete: «Alles.» Das ist manchmal wahr. Und dann sind sie so unglaublich lustig, konzentrieren sich nicht lange auf Deprimierendes. Leider verlernen wir das. Lehrer in Frankreich lassen Aufsätze über meine Bücher schreiben, stellen furchtbar komplizierte Fragen: Was hat dieses Werk «Otto» von Herrn Ungerer über den Zweiten Weltkrieg und über die Verfolgung der Juden für Eindrücke bei euch hinterlassen? Wovon in diesem literarischen Werk habt ihr am meisten gelernt? Die Kleinen antworten mit vollem Ernst: «Ich fand am interessantesten die Panzer.» Oder: «Ich fand am interessantesten die Wiedersehensszene zwischen dem jüdischen und dem deutschen Jungen am Ende: die Szene in dem Salon, wo an der Wand das Bild mit nackten Frauen und Brüsten hängt. Das beeindruckte mich am meisten.»
Auch Sie beschäftigten sich gern mit diesen schönen Seiten des Lebens. Neben dem «Kamasutra der Frösche», Ihrer Satire auf die Flut von Sexratgebern, stammen einige der interessantesten erotischen Kunstwerke von Ihnen. Ein paar äusserst explizite erotische Klassiker.Warum interessierte Sie das?
Auch da habe ich den Widerstand gegen meine Instinkte nicht akzeptiert. So habe ich gegen meine extrem protestantische, prüde Kindheit, gegen Doppelmoral und sogenannten Anstand gekämpft. Im amerikanischen Kongress wurde ich attackiert, weil ich sogar kleinere Anstössigkeiten in Kinderbücher brachte. Aber selbst als man mich wegen verschiedener Frivolitäten in den USA aus dem Druck nahm, beeindruckte mich das nicht nachhaltig. Im Gegenteil. Eines Tages kam in New York die Tochter eines Freundes zu mir, sie suchte Arbeit und erzählte mir von einem Buch: «The Man and His Maid». Es schien sie irgendwie beeindruckt zu haben. Sie sagte mir: «I’d like to be your maid.»
«Ich möchte deine Sklavin sein»?
Und das war ganz ernst gemeint. Und sie sah wundervoll aus. Und hatte einfach Freude, wenn ich sie fesselte. Warum nicht? Sie wollte es ja. Und ich erfüllte diesen Wunsch gern. Die Achterbahnfahrt von uns beiden können Sie in meinem Bildband «Totempole» ansehen.
Ein noch grösserer Skandal war «Fornicon».
Betrachtet man dieses Werk heute, waren das gar keine so abwegigen Ideen. In diesem Hauptwerk meiner schwarzen Reihe erotischer Zeichnungen ging es um die zunehmende Technisierung der Sexualität. Es ging um Ersatz, Ersatzmaschinen und um die Frau als Sexualobjekt. Als Vorlage dienten mir meine berühmten Assemblagen, in denen ich Teile von Barbiepuppen mit mechanischen Elementen kombinierte, ich nannte sie «Sexmaschinen». Auch da habe ich mich durchgekämpft. Angesichts von Internetseiten, die erfolgreich Sex von Frauen und Maschinen vermarkten, ist dieser 40 Jahre alte «Fornicon» geradezu visionär.
Damals wollte man Sie am liebsten zum Verrückten stempeln. In einer Talkshow mussten Sie sich auch einmal mit einer Frau aus der Schweiz auseinandersetzen, die kein Fan von Ihnen war.
Und dabei brachte ich sogar einmal eine sehr anerkannte Version der «Heidi» von Johanna Spyri heraus. Aber das interessierte diese Präsidentin eines Schweizer Kindergartenverbandes gar nicht. Ich habe eine der genauesten «Heidi»-Versionen der Welt gezeichnet. Fast wahnsinnig habe ich mich an dieser selbst gestellten Aufgabe gearbeitet. Zentralschweizer Milchkannen, Gämsen, Melktechniken. Ich wollte die Geschichte perfekt machen. Doch diese Schweizer Verbandspräsidentin interessierte sich nur dafür, dass ich neben meinen Kinderbüchern auch noch erotische Bücher machte. Sie sagte nur, nie werde man auch nur ein einziges Ungerer-Werk in einem Schweizer Kindergarten gestatten. Nun ja, sie hat sich geirrt. Und dann zeichnete ich auch noch eine zweite «Heidi»-Variante.
Wirklich? Von der habe ich nie gehört. Darf ich sie sehen?
Da habe ich mich vielleicht das einzige Mal zu etwas überreden lassen. Aber die Umstände mildern das. Ich war in Zürich angefahren worden, lag im Krankenhaus und erzählte der Pflegerin von dieser zweiten Variante. Was? Der Grossvater als Sex-Maniac? Bitte nicht, bitte tun Sie das nicht, Herr Ungerer! Ich stand noch unter dem Einfluss des Unfalls. Und vernichtete es.
Etwas haben Sie noch aufgegeben.
Bei manchem hat man irgendwann keine Wahl. Wenn Dinge langweilig werden, muss man Schluss mit ihnen machen. Man darf sich ja nicht langweilen! Kürzlich hatte ich das Gefühl, in Sachen Erotik habe ich einen Maximalfall erreicht. Kennen Sie das? Man spielt jahrelang etwa Glücksspiele, jahrzehntelang, aber irgendwann gibt es eine Grenze. Genauso ist es beim Sex auch. Wenn Sie zum Beispiel jemand bittet: Erwürge mich, dann ist der Maximalfall erreicht. Spätestens dann sollte man einen Schlusspunkt setzen. Diesen sollte man aber auch zelebrieren.
Wie war das bei Ihnen?
Ich verbrannte meine Bibliothek aus selbst gedrehten Sexfilmen auf dem Küchenherd. In der Bratpfanne. Es war gefährlich, das hätte mir um die Ohren fliegen, explodieren können! Am Ende gab ich es meiner Kuratorin Thérèse Willer, die alle meine Werke und nun auch diese Bratpfanne voll geschmolzener Zelluloidstreifen verwaltet. Jetzt erkennt man nichts mehr auf ihnen. Alle können aufatmen, ich wollte unbedingt vermeiden, dass irgendein Neugieriger irgendwann eine inzwischen arrivierte, anständige Ehefrau und Mutter mit diesem Material kompromittiert.
Sind Sie zufrieden mit dem Tomi-Ungerer-Museum?
Die Kuratorin ist grossartig. Vier wunderbare Ausstellungen. In so einer kurzen Zeit. Und überhaupt, ein eigenes Museum. Zu Lebzeiten!
Sie wollten doch erst gar nicht zur Eröffnung gehen.
Ich hatte bis vor Kurzem noch dieses Problem. Ich fand meine Arbeiten nie wirklich gut. Die Texte waren okay, aber die Illustrationen … Nur vielleicht gerade «Warteraum» und unter den Kinderbüchern «Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten». Aber alles andere … Ich schämte mich dafür.
Aber auch das haben Sie vor einiger Zeit endlich überwunden.
Ich lebte fast schon nicht mehr. Sah mich schon atmen von aussen, meine Lippen waren schon blau. Auch wenn ich immer viel krank gewesen bin, mich einmal sogar ein Blitz traf – bei diesem Schlaganfall war es wirklich beinah das Ende. Ich sah bereits Licht, dieses unglaubliche Licht, von dem immer alle sprechen. Ich fühlte schon diese Ruhe, diese typische Ruhe, diesen Frieden wie in so vielen Berichten über Nahtoderlebnisse. Ehrlich gesagt, das waren ein paar der schönsten Momente überhaupt in meinem Leben. Aber dann machte ein Arzt seinen Job gut.
Und etwas war geschehen.
Ja! Ich mochte meine Arbeiten! Diese ewige Unzufriedenheit mit mir selbst, diese Unsicherheit seit meiner Kindheit, dieser übersteigerte Anspruch – alles weg! Endlich konnte ich, was ich nie konnte: mich freuen. Über mich selbst, meine Werke. Über die Anerkennung, die mir alle entgegenbringen. Sogar über Auszeichnungen. Darüber, dass ich 2000 «Botschafter für Kindheit und Erziehung» des Europarats geworden bin. Dass vieles Wirklichkeit wurde, für das ich kämpfte. Dass man in Baden-Württemberg Französisch als erste Fremdsprache und wieder Deutsch in Strassburg spricht. Und ich nach so viel Hass als Botschafter der deutsch-französischen Freundschaft im Élysée zu Mittag ass. Dass nepalesische Bauernmädchen meine Bücher lesen. Genau wie westeuropäische Kinder. Schulen tragen meinen Namen. Ich fasse es nicht!
Haben Sie eigentlich selbst Kinderbücher gelesen?
Am meisten prägten mich «Max und Moritz» und der «Struwwelpeter». Daher rühren wohl zum Teil auch meine langjährigen Schuld- und Schamgefühle. Das waren so am Ende grausame Bücher, wo man das böse Kind bestraft. Gute Kinderbücher haben jedoch eine realitätsnahere Botschaft: Dies oder jenes machst du im Moment schlecht – aber du kannst es besser. Das ist kein Märchen, nein, es wird nicht einfach so alles gut. Du musst dich bemühen. Die Angst überwinden, den Mut behalten, weitermachen. Dich gegen die Angst immun machen. Dann ist die Chance gross. Diese Wahrheit haben meine Bücher, diese Botschaft transportieren sie.
Aber das können andere Medien auch.
Richtig, doch ein Buch kann es besser. Es stimmt, dass es irgendwie eine Seele hat. Es kann anders als andere Medien zum Freund werden. Das Fernsehen etwa geht so schnell vorbei. Viele Kinder können sich gar nicht erinnern, worum es eben ging. Ein Buch hat mehr Geduld mit dem Kind, es kann immer wieder leicht eine Seite zurückgehen.
Leider wollen manche Kinder nicht lesen.
Das hat viele Gründe. Manchmal fehlt nur der richtige Köder, mit dem man bei der Erziehung ja überhaupt oft arbeiten muss. Manchmal fehlt nur das Beispiel, das man geben muss. Die Ermunterung. Ist das nicht eine schöne Geschichte? Wäre es nicht fantastisch, wenn ich sie dir nicht nur vorlesen, du sie stattdessen sogar selbst entdecken könntest? Aber leider sind gute Kinderbücher vor allem bei ohnehin gebildeten Schichten gefragt.
Anderenorts leistet man sich vor allem digitale, billigere Unterhaltung.
Natürlich sind gute Kinderbücher recht teuer, aber ich halte das nicht für ein Argument. Die sie am meisten bräuchten, schauen sie immer seltener an. In manchen Schichten sind vor allem Videos, Videogames und der Fernseher populär. Aber mit dem Preis hat das, meine ich, nichts zu tun. Gute Kinderbücher bleiben immer aktuell.
Man sollte sie von Generation zu Generation weitergeben.
Ich habe auch einen Teil meiner Sammlung mechanischen Spielzeugs an meine Kinder weitergegeben. 6000 weitere alte Spielzeuge sind jetzt im Besitz des Tomi-Ungerer-Museums. Das sind Kunstwerke, so etwas wie der automatische Affe von 1890, der die Queen Victoria zeichnen kann. Das ist ein einmaliges Kunstwerk. Diese Spielzeuge sind so wertvoll, würde ich sie verkaufen, reich würde mich das machen. Die Gesichter der Figuren sind von Hand bemalt, keine gleicht der anderen. Ich würde möglichst viel aus der Kindheit aufheben, für die Kinder und für einen selbst. Allein schon die alten Schulbücher. Was da mit sechzig Jahren Abstand plötzlich für ein Unsinn drinsteht.
Aber wer selbst keine Kinderbücher hatte, kauft oft auch seinen Kindern keine.
Dabei braucht man als Kind ja keine Masse von Büchern. Man muss nicht unbedingt zweihundert teure Kinderbücher besitzen. Eine Mutter wollte ihrem verunfallten Sohn während eines Jahres immer wieder neue Bücher ins Krankenhaus bringen. Doch der, erzählte sie mir, habe nie ein anderes als sein Lieblingsbuch gewollt, meinen «Papa Schnapp».
Wir freuen uns auf Ihr nächstes Buch. Wovon wird es handeln?
Es wird leider wieder kein einfaches Thema sein. Diesmal geht es zum ersten Mal fast ausschliesslich um den Tod. Denn wir halten das Thema Sterben von Kindern weitgehend fern. Dabei kann der Tod einem nicht nur etwas nehmen. Man muss auch hier Angst überwinden.
Wie geht es Ihnen damit?
Der Tod ist mir egal. Was danach kommt, weiss ich nicht. Und auch das ist mir egal. Der Tod ist da, mit dieser Tatsache müssen wir alle leben, müssen es lernen. Auch Kinder. Jemanden zu verlieren – davor haben Kinder vielleicht am meisten Angst. Aber in Irland, wo meine Frau und ich einen Teil des Jahres leben, wird nach jeder Beerdigung gefeiert, getanzt. Jede Minute kann es passieren, und es ist hart für Angehörige – aber über den Verlust hinwegzukommen macht Menschen auch stärker.
Über was würden Sie nie zeichnen? Es gibt leider Millionen Dinge, für die ich nicht genug Zeit hatte. Ich würde nichts auslassen. Was störte so viele Erwachsene an Ihnen?
Was Kindern an mir gefiel. Sie haben offene Augen und Ohren. Sie sind nicht von Vorurteilen entstellt. Wenn man noch genug Unschuld in sich hat, wird man von mir und meinem Werk nicht empört. Unschuld ist aber eine schöne Pflanze, und man muss sie pflegen. Jeden Tag. Ich habe mich nie beirren lassen in dem, woran ich wirklich glaube. Wenn man sich Mühe gibt, wird eben am Ende alles gut. Und sonst … sonst ist es noch nicht das Ende.
«Die Hölle ist das Paradies des Teufels.
Gedanken und Notizen». Neu von Tomi Ungerer im Diogenes-Verlag, Zürich 2008
Das Musée Tomi Ungerer – Centre International de l’Illustration zeigt einen Teil von Tomi Ungerers riesigem, aus 11 000 Originalzeichnungen, 2000 Plakaten, Grafiken etc. bestehendem Lebenswerk sowie Teile seiner Spielzeugsammlung und des Familienarchivs.
Villa Greiner, 2, avenue de la Marseillaise, Strasbourg. Tel. 0033-369 06 37 27.

«Die Welt ist nicht perfekt. Kinder kommen klar mit dieser Botschaft»: Tomi Ungerer | Quirin LEppert

Es war einmal ein einsamer Menschenfresser, ein Riese von Gestalt. Am allerliebsten auf der Welt ass er kleine Kinder zum Frühstück. (Aus: «Zeraldas Riese», 1970)

Als mich ein Trödler in seinem Schaufenster ausstellte, wusste ich: «Otto, jetzt bist du alt!» (Aus: «Otto – Autobiographie eines Teddybären», 1999)

«Hilfe!», schrie Humboldt, «hilf mir, Meister! Ich ertrinke! Ich gehe unter!» (Aus: «Der Zauberlehrling», 1969)

«Illusion d’optique» aus «Série des poupées mécaniques érotiques» (Sechzigerjahre)

Chromo Klopp kaufte sich einen neuen Wagen. Wenn Chromo mit ihm fuhr, war ihm wohl. Aber am Tag, als er ihn gegen einen Baum fuhr, war ihm schlecht. (Aus: «Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten», 1971)




«La petite jupe verte» (1972) aus «Totempole»; Monster aus dem «Zauber-lehrling (1969); «Clemaclitis Labiosa – Mösenblume» aus «Botanik (érotique)» (1988)
genial, dieser text und interview mit tomi ungerer. so lustig und humorvoll, aber auch intelligent. herrliche idee, einem siebenjährigen mädchen eine axt zu schenken…
den satz:..der automatische affe, der queen victoria zeichnen kann.. habe ich vergrössert kopiert. grossartig. ihr beitrag hat meine gute wochenendlaune noch vergrössert. von den zeichnungen gar nicht zu reden..
Das darf doch nicht wahr sein! Ein solch schlüpfriges, dekadentes, primitives Magazin wird der Leserschaft als Weihnachts-Doppelnummer zugestellt. Ich hoffe, dass sich mit der Neugestaltung im nächsten Jahr auch das Niveau auf ein akzeptables Mass steigern wird.
meines erachtens ein wirklich gelungener artikel. bin völlig hrn. ungerers meinung. auch wenn ich erst nächstes jahr vater werde habe ich das sackmesser und die axt schon besorgt…
Zum Glueck ist dieser Artikel wahr! Ich habe das Interview mit Tomi Ungerer mit Freude gelesen – es ist wirklich eine Bereicherung,Anregung und ganz einfach ein schoenes Weihnachtsgeschenk. Eine meiner naechsten Reisen wird mich bestimmt nach Strassbourg fuehren. Danke Tomi, danke Tagi-Magi!
PS: Herr Meier haben Sie sich nicht gerade selbst verraten? Erfahrungsgemaess sind naemlich gerade jene Menschen insgeheim fasziniert vom ‘Schluepfrigen’ und ‘Dekadenten’, die so lauthals die Zucht und Ordnung propagieren – ueberlegen Sie sich das doch mal.
Das macht Mut, danke!
Tomi Ungerer steht für mich für das Extravagante, Frivole & nicht ganz Alltägliche – immer eine große Portion an Provokation…
Interessanter, redaktioneller Beitrag, der mich wieder ein paar Neuigkeiten meines Lieblingsautors entdecken läßt! bT!NA
Ein großartiger Künstler und ein großartiger Mensch.
Ich selbst besitze auch ein Bild von ihm. Es heiß “Zwei Katzen”: http://picassotausch.de/?p=67
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