Am Stammtisch

Bier, Stumpen, polternde Männer: Der Stammtisch ist Schweizer Folklore. Politikern gilt er als Inbegriff der vox populi. Bloss: Wer sitzt da eigentlich? Und worüber wird wirklich gesprochen? Eine Beizentour durch Rössli (Ruswil), Kreuz (Solothurn) und Restaurant Bahnhof (Stans).

20.03.2007 von Christoph Fellmann

«Im Ernst jetzt, Freunde. Wir reden über die Bibel.»

«Also, sag.»

«In Bethlehem im Stall, das war doch ein Ochse.»

«Genau.»

«Also mit anderen Worten ein kastrierter Stier. Jetzt frage ich dich nochmals: Im Stall in Bethlehem stand ein kastrierter Stier?»

An Tisch 4 im Gasthaus Rössli im luzernischen Ruswil sitzt ein Dutzend Männer vor einer Batterie Herrgöttli. Die trinken sie schon seit Längerem anstatt der Stangen.

«Vermutlich als Symbol des Heidentums. Ein Opfertier.»

«Und vor dem Opfern hat man sie kastriert? Blödsinn.»

Pause.

«Dem muss ich nachgehen. Das interessiert mich.»

Wer Herrgöttli bestellt, gibt der Runde zu verstehen, er werde vernünftigerweise bald aufbrechen, was er dann aber doch nicht tut.

«He, Turnverein, dürfen wir rasch stören? Walter, kommst du mal rüber?»

Walter kommt an Tisch 4.

«Was gibts?»

«Walter, du bist Züchter: Ein Ochse ist ein kastrierter Stier, oder?»

«Richtig.»

«Und warum gopfertelli stand im Stall von Bethlehem ein kastrierter Stier?»

«Die wurden als Zugtiere gebraucht. Ein Ochse ist so kräftig wie ein Stier, aber gutmütig.»

«Genau.»

«Also, nämmer no öppis.»

Pause.

«Wisst ihr übrigens, warum ein Muni so lange Hoden hat?»

«Den kenn ich!»

Anderswo im Mittelland, im Solothurner Kreuz, ist Gjavit, Landschaftsgärtner, heute der Erste am Mittelpunkt der Welt. «Nehmen wir Armin», sagt er. «Der kann fünf Stunden reden. Der kann Dinge erzählen, von denen du noch nie etwas gehört hast.» Gjavit lehnt sich ein wenig vor. Der Stuhl knarrt, die Ovomaltine steht still in der Tasse. «Dinge, von denen du nicht einmal geahnt hast, dass sie existieren.»

Es fährt der Wind in den schweren Vorhang hinter der Tür, dann eine Hand, und dann tritt dieser Armin an den Tisch. Setzt sich, zieht eine Gitanes aus dem Päckchen, legt es vor sich hin, reisst ein Streichholz an und steckt den Abend in Brand. Armin Heusser, Künstler, Ausstellungsmacher und anderes mehr, kommt jeden Tag, wenn er im Land ist. Er habe gezählt, sagt er. In dreizehn oder vierzehn Beizen auf vier Kontinenten habe er Kredit. «Das nenne ich Heimat.» Das zu wissen, habe ihm wohl getan: Er sei nicht abhängig vom Kreuz, wo er sich seit 1973 an den Stammtisch setzt. Seit jenem Jahr, als die damalige Spelunke in der Solothurner Vorstadt zur ersten Genossenschaftsbeiz des Landes wurde, und wo sich gelegent-

lich auch prominente Intellektuelle wie Urs Widmer, Peter Bichsel oder Peter Hamm an den Stammtisch setzen.

«Klar, ein paar kommen wegen dem Feierabendbier», sagt Armin. «Aber für viele von uns ist der Stammtisch mehr. Der Dorfplatz. Der Mittelpunkt der Welt.»

Rolf Imhof, Maschinenbauzeichner und Galerist, hat Wein bestellt und sich die Lesebrille auf die Stirn geschoben. Man erkenne die Bedeutung dieses Tisches an jenen Tagen, wenn in Solothurn die Film- oder die Literaturtage stattfänden und im Kreuz die Bar verlängert werde. Dann verschiebt sich der Mittelpunkt der Welt um zirka drei Meter. An diesen Tagen verliert der Tisch seine Gravität, und gestandene Stammgäste finden den Weg nicht mehr. Kommen nicht.

Werner Panzer kommt ebenfalls seit 1973. Die Einsamkeit werde die Krankheit der nächsten zehn Jahre sein, sagt der Theaterpädagoge. «Warum soll jeder für sich ein Glas Wein trinken? Zusammen ist es doch schöner.»

Armin: «Ein Stammtisch ist Family. Familienersatz. However.»

Werner: «Wir sind wie Schiffe, die hier im Hafen anlegen.»

Gjavit: «Das hier sind alles Jungs, die etwas aus sich machen wollen. Hier kann ein Künstler aus dir werden. Oder du hängst einfach rum und kommst zu nichts. Wirst zu nichts.»

Stephan Guggisberg, Leiter einer Schreibwerkstatt für Stellenlose: «Ich sehe auch andere Stammtische. Da hocken Leute, die immer da sind und ihren Platz einnehmen, mit denen aber trotzdem kein Schwein spricht. Und dann gibts natürlich die mühsamen Mitgenossen. Die konsumieren schön, darum sind sie geduldet. Aber wenn du sie dann reden hörst…» Stephan, Sozialdemokrat, schüttelt sich wie ein nasskalter Hund.

«Werni, eine Stange, bitte?»

Das sei ja interessant, sagt Armin. Dass es in Italien und Frankreich keine Stammtische gebe. «Da gehst du in die Bar.»

Werner: «Wobei du an der Bar nie so viele Leute erreichst mit dem, was du sagst.»

Armin: «Ja, gell, dieser Tisch ist ein offenes System. – Werni, ich nehme die Conquille.»

Stephan: «Ein runder Tisch halt.»

Armin: «Und mach mir noch das Glas voll.»

Am Stammtisch wird nicht mehr oft über Politik gesprochen. Ein Sinnbild für die politische Kultur in diesem Land ist er geblieben: ein meist runder Tisch, an dem Meinungen ausgetauscht und gewertet werden, ein runder Tisch mit Wortführern, Widerrednern und schweigenden Beisitzern, aber keinen Frauen. Ein Stammtisch ist eine Konsensdemokratie im Kleinen, wo nie so heftig gestritten wird, dass man nicht am nächsten Abend wieder zusammen ein Bier trinken könnte. «Der Stammtisch kann als politisch integrierend und in dem Sinne als konkordanzfördernd aufgefasst werden», schreibt die Historikerin Nicole Schwager in ihrem Aufsatz «Stammtisch und Bundesstaat».

Genauso gut wie zum Konsens eignet sich der Stammtisch aber auch zur Konspiration – ein ganz schön doppelbödiges Sinnbild für Miliz und Demokratie. Der Wirtshaustisch tariert nicht nur die Meinungen aus. Hier, wo man nicht ganz öffentlich zusammensitzt und auch nicht ganz privat, strömen Informationen, und unter der Zufuhr von Alkohol gären Ideen und Parolen.

Politisch relevant waren Wirtshäuser und Stammtische in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, schreibt Nicole Schwager, als Orte des informellen Meinungsaustausches, aber auch als Treffpunkte der Opposition; und nicht selten sicherte sich am Stammtisch auch der Wirt seinen Einfluss. Schon im alten Feudalsystem waren die städtischen Wirtschaften ein Ort gewesen, wo sich so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit zur Obrigkeit bilden konnte. Und nun waren, wie man bei Gottfried Keller lesen kann, auch die strammsten Republikaner, beseelt vom «derben gemüthlichen Hass» auf Vogt und Pfaff, dem «kurzweiligen» Politisieren am Wirtshaustisch nicht abgeneigt. «Keiner zierte sich und keiner nahm ein Blatt vor den Mund», so steht es im «Fähnlein der sieben Aufrechten».

Natürlich kannten auch die Konservativen, nach 1848 in der Opposition, ihre Stammlokale. Das erste konservativdemokratische Parteiprogramm des Landes wurde am 5. November 1840 im Rus-wiler Rössli besiegelt, im Säli dieser stattlichen, selbstbewusst in die Strasse ragenden Wirtschaft, die als Wiege der CVP gilt. 315 Delegierte der konservativen Volksbewegung hatten sich im Rössli versammelt, um sich gegen die gottlosen Zeiten zu wehren, die ihrer Ansicht nach mit dem Aufstieg der Radikalen drohten. Als das Dorf schon kurz nach dem politischen Umsturz von 1848 die freisinnigen Gemeinderäte wieder durch Konservative ersetzte, brachen im Rössli goldene Zeiten an: Kein Konservativer hätte nebenan, im liberalen Bären, je sein Seelenheil aufs Spiel gesetzt.

Rauchverbot = Stammtischtod

Was ein Mann war, katholisch-konservativ und trinken konnte, hatte im Rössli seinen Stammtisch. Und katholisch-konservativ waren in Ruswil fast alle. Die Arbeiter und Knechte trafen sich unten im Stübeli, die Männer gehobeneren Tagwerks im Wirtshaus im ersten Stock. Robert Erni, der im Rössli aufwuchs und seit 1979 in vierter Generation wirtet, hat sie als Kind noch erlebt, die Herrentische der Direktoren, Doktoren und Parteivorsitzenden. «Wenn sie jassten, hatten die anderen Tische still zu sein.» Der beste Tag war der Sonntag. Von

jedem einzelnen Stuhl war klar, wer nach dem Kirchgang darauf sitzen würde, um die Worte des Pfarrers und die Politik der Gemeinderäte auf den Boden eines Glases zu reden. Und wo so schön zusammengerückt wurde, liessen sich auch Geschäfte machen: Der Viehhändler zahlte an seinem Tisch die Bauern aus, ein zweiter Schnaps ging auf die Rechnung des Viehdoktors und ein dritter auf den Milchhändler.

Der letzte Stammtisch im Rössli erinnert noch an die alten Zeiten. Die Männer, die hier jeden Donnerstag nach Feierabend am Tisch 4 zusammenkommen, man kennt sie im Dorf, das heu-

te über 6000 Einwohner zählt: Es sind Gewerbler, Lehrer, Bankangestellte, ein Steuerbeamter, ein Volkskundler und ein langjähriger Gemeinderat. Sie besprechen, was am Morgen in der Zeitung stand: Auf dem Bauernland unterhalb des Dorfes soll eine Pferderennanlage gebaut werden.

Adolf Meyer, Seniorchef der lokalen Druckerei: «Habt ihrs gelesen?»

Urs Häfliger, Bankangestellter und Onkel von Alt-Bundesrätin Ruth Metzler, deren Urgrosseltern im Rössli gewirtet hatten: «Ja, eine ganze Seite. Komm, Werner, sitz zu.»

Armin Stocker, Lehrer: «Es betreffe sechzig Bauern. Das hat mich erstaunt.»

Urs: «Warum?»

Armin: «Haben wir überhaupt noch sechzig Bauern in Ruswil?»

Werner Friedli, Kleintierzüchter: «He, wir haben zweihundert Bauernbetriebe hier!»

Urs: «Was meinst du, Werner, vielleicht könnte man auch ein Chüngelirennen machen.»

Lachen.

Werner: «Oder Meerschweinchen.»

Richard Felber, Bauer, Organist und ehemaliger Posthalter: «So eine Speakeranlage dröhnt ziemlich.»

Urs: «Sie wollen ja nur viermal im Jahr ein Rennen machen. Sonst trainieren sie nur. Mein Problem ist eher: Wo tun wir den Verkehr hin?»

Werner: «Also von unserer landwirtschaftlichen Seite her muss ich sagen: Wenn ich da unten einen Flecken Land hätte, den würde ich sofort abgeben und sagen: Ich will eine Anstellung auf der Rennbahn. Aber wenn ich recht Land habe und eher noch wachsen sollte, geb ich das sicher nicht weg.»

Richard: «Ja, das grosse Fragezeichen ist sicher der Bieri. Der hat am meisten Land.»

Werner: «Und er hat seine Schüür in der Nähe.»

Richard: «Weiss man, wie sich der Bieri dazu stellt?»

Werner: «Noch nicht.»

Beat Zihlmann, Schreiner: «Ist das dem Liseli der Bruder?»

Als er 1979 das Rössli übernommen habe, erzählt Robert Erni, habe der Niedergang der Stammtische gerade begonnen. «Der Bäcker musste früher noch kein Feierabendbrot backen, und auch ein Handwerker konnte es sich mal leisten, den Hammer um vier hinzulegen. Das hat sich gewaltig verändert.» Auch die Senioren, die einst ihre Pension in der Wirtschaft über die Runden brachten, sind heute mobil und beschäftigt, reisen um die Welt, helfen bei der Spitex oder fahren Rollstuhltaxi. Dazu wechseln in vielen Restaurants die Wirte so schnell wie die Konzepte, und wo gehoben getafelt wird, sind die lauten und rauchigen Stammtische nur noch ungern gesehen. Ein Rauchverbot, glauben die meisten, werde die Stammtische endgültig zum Verschwinden bringen.

Das Stammtischniveau

Noch 1998 beschrieb die Berner Band Stiller Has in «Rouch» das ganze Land als Stammtisch: Die ewiggleichen Leute an den gleichen Tischen, und auch die Avantgarde schon wieder bei der achten Stange. Aber, hiess es im Refrain: «Houptsach, es rouchnet.» Die Band besang eine ungelüftete, unverrückbare Welt – das Höckeln als Trotz gegen die Globalisierung. Es war ein später Blick auf diese Welt. Seither groundete die Swissair, und Christoph Blocher wurde Bundesrat. Die politische Debatte gleicht heute weniger dem behäbigen Brummen des Stammtischs als dem aufgeregten Zwitschern an der Bar: Man spricht gegen links oder hört nach rechts. Und Kanton für Kanton prüft oder beschliesst ein Rauchverbot.

«Der Stammtisch ist ein kräftiges Symbol für den alltäglichen, rituellen Austausch in der Demokratie», sagt der Politologe Lukas Golder vom Forschungsinstitut für Politik, Kommunikation und Gesellschaft (gfs.bern). «Aber er ist auch ein altes Symbol.» Die Meinungsführer im Alltag hätten in den letzten 20 bis 30 Jahren an politischem Einfluss verloren – und damit auch die Stammtischredner. «Als das Bildungsniveau tiefer und der Zugang zu den Medien exklusiver war, hatten Leute, die im Alltag überzeugen konnten, Einfluss. Heute ist die Bevölkerung kompetenter im Umgang mit Medien und darin, sich eine Meinung zu bilden.» Die einzige Volksabstimmung, bei der die Forscher des gfs.bern einen gewissen Einfluss der Alltagsmeinungsführer nachweisen konnten, war 1992 das Nein zum EWR. Der Bruch sei vermutlich in den Achtzigerjahren eingetreten, sagt Golder. Damals verschwand die Parteipresse, und die Medien begannen sich stärker an den Bedürfnissen der Leser zu orientieren.

Trotzdem bleibt der Stammtisch für die, die an ihm sitzen, wichtig, um die Welt zu verstehen. Die typische Stammtischmelodie aus Politik und Tratsch, News und Nonsens, Klassenkampf und Zote, aus beiläufigen Begrüssungen, Bestellungen und hinausgezögerten Abschieden, sie ist nicht so dumpf, wie es das Klischee will. Die dummen Sprüche sind genau so gemeint: als dumme Sprüche. Sie kitten die Männerrunde wie die reihum spendierten Runden. Zu unverbindlich für einen richtigen Männerbund, basieren die Stammtische auf einem losen Kumpelsystem, in dem Freundschaften nicht ausgeschlossen, aber auch nicht nötig sind. Wichtiger ist, dass am Stammtisch die Neuigkeiten ausgelegt und sortiert werden. Und was sich die grosse Politik tagsüber ausdenkt, wird am Abend an der Alltagserfahrung gemessen und mit dem grimmigen Witz der Strasse kommentiert.

Das geschieht auch am Familientisch, in der Szene-Bar oder an der Migros-Kasse. Nur spricht im Vorfeld von Abstimmungen und Wahlen niemand davon. Von den meist älteren, eher konservativen Männerrunden am Stammtisch aber glauben Politiker und Journalisten noch immer, hier rede der Souverän, und also biedern sie sich ihm immer wieder an. Die CVP müsse die Stammtische für ihre Politik gewinnen, sagte sogar eine moderne Politikerin wie Doris Leuthard, als sie noch Parteipräsidentin und nicht Bundesrätin war; und die SVP glaubt sogar die Freiheit der Rede in Gefahr, seit das Bundesgericht 2004 entschieden hat, die Antirassismus-Strafnorm gelte auch am Stammtisch.

Mit solchen Äusserungen möchte die Politik am Stammtisch punkten. Was sie zwischen den Zeilen damit aber auch sagt: Am Stammtisch sitzen Fremdenfeinde, mit denen man in ganz ein-fachen Worten reden muss, damit sie überhaupt etwas verstehen. Auch die Linke spricht gerne von «Stammtischniveau», wenn ihnen ein Vorschlag oder eine Parole des politischen Gegners als gar einfach erscheint, als «provinziell», «kleinmütig», «himmeltraurig», «diffamierend und dumm».

Das ist alles politische Mythologie fürs Mikrofon. Der Stammtisch ist ein kleiner, nicht repräsentativer Ausschnitt der Stimmbevölkerung, und er ist kein politischer, sondern ein sozialer Ort. Hier wird gelabert, nicht agitiert. Manchmal dumm, manchmal belesen und witzig.

Dass das Stammtischniveau höher ist als sein Ruf, hat auch Lukas Golder beobachtet. «Leute, die am Stammtisch sitzen, sind häufig gut informiert», sagt der Politologe, «das sind fast alles Zeitungsleser. Natürlich drücken sie sich drastisch aus, aber wenn man genau zuhört, merkt man, dass die Diskussion erstaunlich differenziert ist.» Leute, die auf die Argumente der anderen eingehen, höre er am Stammtisch jedenfalls häufiger als im Nationalrat.

Dôle und ein Faustbrot

«Hast die neuesten Zahlen von Novartis gelesen?»

«Ja, verrückt. Aber pass auf. Ich war eine Woche in der Weiterbildung und kriege jetzt bestimmt auch zwei Franken mehr Lohn.»

Lachen.

«Im Monat oder im Jahr?»

Lachen. Pause.

«Nehmen wir noch eins, oder.»

Von 8.45 bis 9.15 Uhr sind sie schon einmal hier gesessen. Haben Kaffee getrunken und die Zeitung gelesen. Kaum geredet, bevor sie zurück in die Bude gefahren sind. Zum Feierabend sitzen sie wieder im Bahnhofbuffet in Stans, und Richi, der nicht zur Arbeit musste und schon länger hier sitzt, erzählt nicht zum ersten Mal sein Leben. Der Töffunfall, die IV, die Scheidung, der Infarkt.

«Hast du gehört?» Ueli Infanger sitzt in Anzug und Krawatte vor einem Zweier Chardonnay und einer Schachtel Mary Long und sollte noch arbeiten. Früher war er Wirt, heute verkauft er Versicherungen. Eigentlich, sagt er, sollte er noch Leute anrufen.

«Nee, was?» Wolfgang Klette, vor 38 Jahren aus Berlin gekommen, seit fünf Jahren pensioniert. Er trinkt Dôle.

Ueli: «Die Frau vom Bundesrat Leuenberger baut jetzt in Hergiswil.»

Wolfgang: «So, jaja, habe ich gehört.» ‘

Baggerführer Willi Lustenberger sitzt schräg am Tisch mit Blick zur Tür. Er nimmt das Faustbrot vom Teller, drückt das Mutschli mit der Schinkeneinlage flach und schiebt es in den Mund. Kaut. Willi sagt nichts.

Ueli: «Löwengruber?»

Wolfgang: «Loewensberg. Die baut da jetzt.»

Ueli: «Und hast du gelesen, was eine Wohnung kostet?»

Wolfgang: «1,5 Millionen.»

Ueli: «Ja, die billigste.»

Richi sagt, sein Herzspezialist am Kantonsspital wisse auch nicht recht weiter, und stemmt sich auf die Beine. Aber es gehe ihm gut. Er zahlt und geht.

Wolfgang: «Es sind ja auch nur sieben oder acht Wohnungen.»

Ueli: «Bei einem Investitionsvolumen von 35 Millionen. Tschau, Alois. Kannst ausrechnen.»

Willi wischt sich mit der Serviette über den Mund. «Da, wo sie die Beiz abgerissen haben vorher?»

Ueli: «Das Belvédère.»

Wolfgang: «Ja. Aber sie machen ein neues Restaurant. Nur für die Gutbetuchten, haben sie geschrieben.»

Willi: «Da gibts vermutlich keinen Stammtisch.»

Wolfgang: «Ja, das ist nix für uns.»

Lachen. Willi sieht zuerst, wie Leo, der Labrador, und hinter ihm Urs Büchel durch die Tür kommen. Willi grüsst, dann die anderen. Urs setzt sich an den Tisch, legt zwei Bierdeckel vor sich hin und den Beutel mit Tabak.

«Eine Flasche Bier, sei so gut.»

Wolfgang: «Für alle!»

Das Bier wird gebracht.

«Prost.» – «Prost.» – «Santé.»

«Es sind nicht mehr viele, die nach dem Feierabend auf ein Bier kommen.» Der Wirt hat sich an den Tisch gesetzt. «Es ist halt immer die Gefahr des Hockenbleibens. Das konnte man sich früher leisten, machte halt mal blau», sagt Walter Amstutz. «Das liegt heute für keinen Handwerker mehr drin.»

Ueli: «Früher hast du als Wirt schon vor dem Mittag die kleinen Betriebli gehabt, den Chef mit seinen Angestellten. Da haben die Handwerker untereinander auch ihre Geschäfte gemacht, da musstest du nicht einmal mehr telefonieren nachher.»

Walter: «Die haben heute ja auch alle traumhafte Wohnungen. So komfortabel, dass man keine Beiz mehr braucht, und so teuer, dass es nicht mehr drinliegt, jeden Abend in die Beiz zu sitzen.»

Ueli: «Genau. Auch beim Unternehmer steht ja heute die Familie vermehrt im Vordergrund. Früher musste die Frau ja froh sein, wenn er zwischen Arbeit und Verein zum Znacht kam.»

Walter: «Ja, früher musstest du aufpassen, dass du die Leute aus der Beiz kriegtest, bevor die Polizei kam.» Heute schliesst er schon um 23 Uhr, weil dann nichts mehr los ist.

Willi hebt den Kafi Chrüter. «Schlussament kann man sagen, sind wir hier am Aussterben.»

Während der klassische Stammtisch stirbt, füllt das nie versiegende Gelaber der Menschheit die ständig neuen Bars und die Chatrooms und Blogs des Internets. Das, was vom Stammtisch üb-rig bleibt, gleicht dafür immer mehr seinem Klischee. In der gastronomischen Randzone der Kebabstände, Tankstellen und Selbstbedienungsrestaurants trifft man sie gelegentlich an; frustrierte und humorlose Männer, die sich zu fremdenfeindlichen Sprüchen, Sozialneid und schlüpfrigen Witzen rotten. Hier ist nie weiss aufgedeckt, und niemand fragt, ob man essen möchte. Dafür lässt sich der Alkohol in wohliger Anonymität und zu reellen Preisen einverleiben.

An diesen Tischen trifft zu, was der Kunsthistoriker Beat Wyss über die «Beiz» sagt: «Unter Beiz verstehe ich heute die Zerfallsform meist männlicher Kommunikationsfähigkeit mit dem notorischen Versacken jeden Abend, mit Schnaps, beschleunigtem Bierkonsum, laufendem Fernseher und einarmigen Banditen.» Diese «sozialen Auffangbecken des Alkoholismus» finde man heute am Stadtrand, während in den Zentren die Lifestyle-Gastronomie regiere, «die sich wie ihre Benützer ausdifferenziert hat».

Die Sesshaften

Im Solothurner Kreuz brummt der Stammtisch seit über vier Stunden unter dem Zentralgestirn der hässlichen Lampe. Rauch verflüchtigt sich in die dick gestrickten Winterpullover der zum Licht gebeugten Körper. Dahinter hängen die Jacken über den Stühlen wie lange, graue Bärte.

«Du solltest Mitglied werden in unserem Verein.»

«Ich dachte, den hättet ihr aufgelöst?»

«Nein, wir haben ihn wieder gegründet. Werner ist im Vorstand, und Peter ist im Vorstand.»

«Ihr habt ihn gar nicht aufgelöst?»

«Nein, es gab zwar den Beschluss. Aber wir machten einen Rückkommensantrag. Die gleichen Leute, die ihn aufgelöst haben, haben…»

«…ihn wieder zum Leben erweckt.»

«So wars.»

«Warum wolltet ihr dann auflösen?»

«Weil es keinen Vorstand gab.»

«Du willst sagen, der Vorstand nahm Abstand.»

«Oder er war im Rückstand.»

«Nein, im Ausstand.»

Lachen.

«Hat Abstand genommen und ist in den Ausstand gegangen.»

Lachen.

«Das ist ein ziemlich gutes demokratisches Mittel, so ein Rückkommensantrag.»

«Ihr hattet ein richtiges Grounding.»

Lachen.

«Ja, aber bei uns gab es dann einen neuen Vorstand.»

«Und ihr fusioniert auch gar nicht mit einem anderen Verein.»

Lachen.

«Aber bevor du nicht Mitglied bist, rede ich gar nicht mehr mit dir.»

Es ist still. Die Hände halten sich am gläsernen Busen des Cabernet. Dann lehnt sich Werner herüber: «Schau, so ein Stammtisch hat gar kein grosses Interesse an Veränderung. Es würde unheimlich auffallen, wenn jetzt hier zum Beispiel andere Aschenbecher wären.»

Armin: «Ja, der Stammtisch, das sind die Sesshaften.»

Werner: «Ja, vielleicht.»

Armin: «Und die Bar, das ist der Stammtisch der Nomaden.»

Werner: «Das hat was.»

Armin: «Jean-Luc Wilmuth hat vor Jahren eine ziemlich gute Skulptur gemacht: eine erloschene Feuerstelle, und in einem Kreis rundum eine Wand aus Knochen. Der Titel war: ‹Das erste Haus›. Verstehst du? Sobald die Nomaden an einem Ort hocken bleiben, Feuer machen und fressen, passiert das. Die Mauer wächst, und irgendwann fragst du dich: Scheisse, wo hab ich mich hier eingemauert?» Und dann hocke man manchmal da und je nach Konstellation werde man nostalgisch und rede von denen, die auch mal hier hockten. Die auf der Strecke geblieben sind, die sich zu Tode getrunken haben, die in Südamerika verschwunden sind.

Hene ist von der Baustelle gekommen, den Arm auf den Tisch und den Kopf ins schwielige Kissen seiner Hand gestützt. Er ist müde, und seine Augen sind dunkel wie die Brandlöcher im Tisch.

Ohne hinzuschauen zieht Armin die nächste Gitanes aus dem Päckchen.

«Siehst du», sagt er. «Seit 1973 ist dieser Tisch das Zentrum des sozialen Lebensmodells, das in dieser Beiz ausprobiert wird. Natürlich sind ein paar Leute verschwunden. Aber ihre Geschichten sind noch da.»

«Die Wand aus Knochen.»

«Richtig. Ein Stammtisch ist ein Speicher. Und rundum entwickelt sich das Leben. Das heisst auch, dass mich dieser Tisch überleben wird, und das ist ein tröstlicher Gedanke.»

Pause.

«Ja, ja.»

Pause.

«So.»

«Sehr schön.»

Pause.

«Hene, habe gehört, du fliegst weg. Wohäre geisch?»

«Indien.»

«Und warum?»

«Weiss doch nicht.»

«Was. Weiss doch nicht.»

«Ja, halt um herauszufinden, was ich noch will im Leben.»

«Warst doch schon mal in Indien.»

«Da hab ichs halt noch nicht herausgefunden.»

Lachen.

Stammtisch im Rössli in Ruswil LU, der Legende nach die Wiege der CVP | Bild: Christian Aeberhard
Stammtisch im Rössli in Ruswil LU, der Legende nach die Wiege der CVP | Bild: Christian Aeberhard
Weiche Drogen, klare Gesten: Stammtisch im Kreuz, Solothurn | Bild: Christian Aeberhard
Weiche Drogen, klare Gesten: Stammtisch im Kreuz, Solothurn | Bild: Christian Aeberhard
Sitzen geblieben: Ueli, Versicherungskaufmann, Wolfgang, Rentner, und Willi, Baggerführer (von links), im Bahnhofbuffet Stans | Bild: Christian Aeberhard
Sitzen geblieben: Ueli, Versicherungskaufmann, Wolfgang, Rentner, und Willi, Baggerführer (von links), im Bahnhofbuffet Stans | Bild: Christian Aeberhard
«Der Mittelpunkt der Welt.» Kreuz, Solothurn, die erste Genossenschaftsbeiz der Schweiz | Bild: Christian Aeberhard
«Der Mittelpunkt der Welt.» Kreuz, Solothurn, die erste Genossenschaftsbeiz der Schweiz | Bild: Christian Aeberhard

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