Amok

Ein Mann, ein Buch, ein Mord. Ist der Autor der Täter? Wie ein Kommissar einen Fall zu seiner Obsession macht.

16.05.2008 von David Grann , 4 Kommentare

In der Südwestecke Polens, weitab von jeder Stadt, macht die Oder eine scharfe Biegung. Die Flussufer sind mit Wildgras überwachsen, Pinien und Eichen schirmen die kleine Bucht ab. Nur Fischer kommen hierher; es wimmelt von Barschen und Hechten. Es war an einem kalten Dezembertag im Jahr 2000, als sich dort drei Freunde trafen, und einer bemerkte, wie etwas ans Ufer trieb. Er hielt es für ein Stück Holz, doch als er näher trat, sah er ein Haarbüschel. Sein Kollege stocherte mit der Angelrute nach dem Ding. Es war eine Leiche.
Die Fischer riefen die Polizei, die den Toten aus dem Wasser barg. Er hatte eine Schlinge um den Hals, und seine Hände waren hinter dem Rücken zusammengebunden. Ein Stück des Seiles, mit einem Messer durchschnitten, musste sie einst an den Nacken geknüpft und den Mann in eine qualvoll gekrümmte Position gezwungen haben – die geringste Bewegung, und die Schlinge zog sich zusammen. Kein Zweifel, dass er ermordet worden war. Nur mit Pullover und Unterwäsche bekleidet, trug er Spuren von Folter. Im Darm fand sich kaum Nahrung, was darauf schliessen liess, dass er Hunger litt, bevor er getötet wurde. Eine Untersuchtung der Lungenflüssigkeiten legte nahe, dass er ertrunken war. Vermutlich war er noch am Leben gewesen, als er ins Wasser geworfen wurde.
Das Opfer, gross, mit langem, dunklem Haar, passte auf die Beschreibung eines 35-jährigen Geschäftsmannes namens Dariusz Janiszewski aus Wroclaw, der einen Monat zuvor als vermisst gemeldet worden war. Zuletzt war er am 13. November gesehen worden, als er sein Büro im Stadtzentrum verliess. Als die Polizei Janiszewskis Frau zur Identifizierung lud, konnte sie nicht hinsehen. Janiszewskis Mutter übernahm die Aufgabe, sie erkannte ihren Sohn sofort.
Taucher suchten im Fluss nach Beweismaterial, Kriminalisten durchkämmten den Wald. Dutzende von Janiszewskis Geschäftspartnern wurden befragt, seine Büroakten durchforscht. Nichts wurde gefunden. Obschon Janiszewski und seine Frau, die acht Jahre verheiratet waren, eine Ehekrise durchlebt hatten, waren sie versöhnt und daran, ein Kind zu adoptieren. Janiszewski hatte weder Schulden noch Feinde, noch eine kriminelle Vergangenheit. Zeugen beschrieben ihn als sanftmütig; ein Amateur-Gitarrist, der für seine Rockband komponierte. «Er war nicht der Typ, der einen Streit vom Zaun reisst», sagte seine Frau.
Nach einem halben Jahr wurde die Untersuchung aufgegeben. Janiszewskis Familie hing ein Kreuz an eine Eiche, wo die Leiche gefunden worden war – eine Erinnerung an das, was die polnische Presse «das perfekte Verbrechen» nannte.

Erste Hinweise
Eines Nachmittags im Herbst 2003 fischte Jacek Wroblewski, ein 38-jähriger Detektiv im Wroclawer Polizeidepartement, die Akte «Janiszewski» aus dem Safe seines Büros. Es war schon spät; die meisten Kollegen würden bald nach Hause gehen, ihre dicken Holztüren eine nach der anderen zuschlagen in dem langen steinernen Korridor des festungsartigen Gebäudes, das die Deutschen gebaut hatten, als Wroclaw noch Breslau hiess und zu Deutschland gehörte. Wroblewski, der gerne nachts arbeitete, hatte einen Kaffeekrug und einen kleinen Kühlschrank neben dem Pult; mehr vermochte er nicht in den zellenähnlichen Raum zu quetschen, der geschmückt war mit wandgrossen Karten von Polen und Kalendern spärlich bekleideter Frauen, die er herunternahm, wenn er offiziellen Besuch hatte.
Wroblewski war ein grosser, schwerer Mann mit einem rosig-fleischigen Gesicht und einem stattlichen Bauch. Er trug Freizeitkleider zur Arbeit statt der Uniform und wusste die Schlichtheit seiner Erscheinung zu seinem Vorteil zu nutzen. Die Leute vertrauten ihm, weil sie dachten, sie hätten keinen Grund, ihn zu fürchten.
Ein Mann mit einer katholischen Sicht von Gut und Böse, genoss es Wroblewski, Verbrecher zu jagen; nachdem er seinen ersten Mörder hinter Gitter gebracht hatte, hing er als Trophäe ein Paar Ziegenhörner an die Wand. In seiner Freizeit studierte er Psychologie an der Wroclawer Universität; er wollte verstehen, wie Verbrecher denken.
Der Fall Janiszewski war als ungelöst ad acta gelegt worden. Wroblewski hatte davon gehört, doch mit den Details war er nicht vertraut. Er wusste, dass in solchen Fällen der Schlüssel zur Lösung oft etwas ist, was in den Originalakten übersehen wurde. Er studierte den Bericht des Pathologen und die Fotos des Tatortes; das Ausmass an Brutalität liess vermuten, dass der oder die Täter Janiszewski gehasst hatten. Nach Auskunft seiner Gattin trug ihr Mann stets Kreditkarten mit sich. Sie waren nach dem Verbrechen nicht benutzt worden – ein weiterer Hinweis, dass es sich nicht um Raubmord handelte.
Wroblewski las die Aussagen, die vor der Lokalpolizei gemacht worden waren. Die aufschlussreichste war die von Janiszewskis Mutter, die die Buchhaltung in seinem Werbebüro besorgte. Am Tag, als ihr Sohn verschwand, gab sie zu Protokoll, habe morgens etwa um halb zehn ein Mann angerufen und ihn sprechen wollen. «Können Sie drei Werbeschilder machen, ziemlich grosse, das dritte so gross wie eine Plakattafel?», habe er gefragt. Als sie Näheres wissen wollte, habe er gesagt, er werde mit ihr nicht darüber reden, und erneut nach ihrem Sohn gefragt. Sie erklärte, er sei nicht im Büro, und gab ihm seine Handy-Nummer. Der Mann legte auf, ohne seinen Namen zu nennen. Während des Gesprächs hatte Janiszewskis Mutter Lärm im Hintergrund vernommen, ein dumpfes Tosen. Als ihr Sohn später im Büro auftauchte, fragte sie ihn, ob der Kunde angerufen habe; Janiszewski antwortete, er hätte mit ihm ein Treffen auf Nachmittag vereinbart. Gemäss einer Vorzimmerdame im Gebäude hatte er das Büro um etwa vier Uhr verlassen; sie war die letzte bekannte Person, die Janiszewski lebend gesehen hatte.
Die Ermittlungsbeamten fanden heraus, dass der Anruf in Janiszewskis Büro aus einer nahen Telefonzelle gemacht worden war – das erklärte den Hintergrundlärm. Keine Minute später hatte jemand aus derselben Telefonzelle Janiszewskis Handy angewählt.
Wroblewski grübelte über der Akte und versuchte, mehr herauszufinden, aber er kam nicht weiter. Er schloss sie zurück in den Safe, doch in den nächsten Tagen nahm er sie wieder und wieder heraus. Dann fiel ihm plötzlich auf, dass Janiszewskis Handy nie gefunden worden war. Vielleicht konnte es mithilfe der Seriennummer des Herstellers aufgestöbert werden. Wroblewskis Leute kontaktierten Janiszewskis Frau. Zu Wroblewskis eigenem Erstaunen wurden sie bald fündig: Ein Handy mit dieser Seriennummer war vier Tage nach Janiszewskis Verschwinden auf Allegro verkauft worden, einer Website für Versteigerungen. Der Verkäufer hatte als «ChrisB[7]» eingeloggt; ein, wie die Ermittler herausfanden, 30-jähriger polnischer Intellektueller namens Krystian Bala.
Es schien undenkbar, dass ein Mörder, der ein so gut geplantes Verbrechen begangen hatte, das Handy seines Opfers via Internet verkaufen würde. Bala, dachte Wroblewski, konnte es von jemand anderem bekommen, in einem Pfandhaus gekauft oder einfach gefunden haben. Bala war ins Ausland gezogen und schwer zu erreichen, doch als Wroblewski nachforschte, entdeckte er, dass er kürzlich einen Roman publiziert hatte mit dem Titel «Amok». Wroblewski beschaffte sich das Buch, das auf dem Umschlag ein surreales Bild eines Ziegenbocks trug – ein altes Symbol des Teufels. Wie die Werke des französischen Romanciers Michel Houellebecq, ist auch «Amok» sadistisch, pornografisch und grauslich. Der Erzähler der Geschichte ist ein gelangweilter polnischer Intellektueller, der, wenn er nicht über Philosophie sinniert, trinkt oder Sex hat.

Ein Horror-Roman
Wroblewski, der meist Geschichtsbücher liest, war vom Inhalt schockiert. Er notierte, dass der Erzähler eine Frau grundlos umbrachte («Was ist über mich gekommen?»), und die Tat so gut verbarg, dass er nie gefasst wurde. Wroblewski fiel die Methode auf: «Ich zog die Schlinge um ihren Hals.» Ferner notierte er, dass der Name des Mörders Chris ist, die englische Version des Vornamens des Autors. Denselben Namen hatte Krystian Bala auch in der Internet-Auktionsseite verwendet. Wroblewski begann, das Buch genauer zu lesen – ein bodenständiger Polizist, der zum literarischen Detektiv wurde.
Vier Jahre zuvor, im Frühling 1999, sass Krystian Bala in einem Café in Wroclaw. Er wurde interviewt für eine Dokumentation über «Junges Geld»; ein Porträt der neuen Generation von Geschäftsleuten im nun kapitalistischen Polen. Bala, damals 26, hatte eine Reinigungsfirma gegründet, die mit moderner Maschinerie aus den USA operierte. Obschon er sich für den Anlass in einen dreiteiligen Anzug geworfen hatte, sah er mehr wie ein brütender Dichter aus als wie ein Geschäftsmann. Er hatte dunkle nachdenkliche Augen und braune Locken. Er war so gut aussehend, dass Freunde ihm den Übernamen «Amour» gegeben hatten. Er rauchte Kette und redete wie ein Professor der Philosophie, was er immer noch zu werden hoffte. «Ich fühle mich nicht wie ein Geschäftsmann», sagte er dem Interviewer später, und fügte bei, er habe von einer akademischen Karriere geträumt.
Bala war der Klassenprimus am Gymnasium gewesen und hatte an der Universität von Wroclaw als einer der klügsten Philosophiestudenten gegolten. Während die Kommilitonen in der Nacht vor Prüfungen büffelten, trank er und schäkerte herum, nur um am nächsten Morgen verkatert das beste Resultat hinzulegen. Beata Sierocka, Balas Professorin, rühmte seinen «unstillbaren Lerneifer und rebellischen Geist».
Polens philosophische Fakultäten waren vom Marxismus dominiert gewesen, der wie der Liberalismus seine Wurzeln in der Aufklärung hat mit ihren Begriffen von Vernunft und universeller Wahrheit. Doch Bala fühlte sich stärker angezogen von den radikalen Argumenten eines Ludwig Wittgenstein, der darauf beharrte, dass Sprache im Wesentlichen eine soziale Aktivität sei. Er machte sich auch Friedrich Nietzsches Sicht zu eigen, wonach es «keine Fakten, nur Interpretationen» gebe, und «Wahrheiten Illusionen» seien, «von denen man vergessen hat, dass sie welche sind».
Bala war fasziniert von den französischen Postmodernisten Jacques Derrida und Michel Foucault. Derridas These, die Sprache sei zu instabil, irgendeine absolute Wahrheit festzuhalten, und die menschliche Identität sei nichts als das verformbare Produkt ebendieser Sprache, wurde zu seinem Credo.
Er begann Mythen über sich zu konstruieren – ein Abenteuer in Paris, eine Romanze mit einer Schulkollegin – und versuchte seine Freunde zu überzeugen, sie seien wahr. «Mythenkreativität» nannte er das. Nicht lange, und manche hatten Schwierigkeiten, seine wirkliche Person von der zu trennen, die er erfand.

Es gibt keine Wahrheit
Bala sah sich als Enfant terrible, das danach strebte, was Foucault «Grenzerfahrung» genannt hatte; ein Versuch, sich der heuchlerisch-repressiven «Wahrheiten» der westlichen Gesellschaft und ihren Tabus über Sex und Drogen zu entledigen. Foucault war von homosexuellem Sadomasochismus angezogen gewesen. Bala las Georges Bataille, der allen Systemen den Kampf ansagte und in Erwägung zog, dafür Menschenopfer zu bringen.
Im Widerspruch zu dieser Pose des Libertins heiratete Bala seinen Schulschatz Stasia, die aus der Schule geflogen war, als Sekretärin arbeitete und weder Interesse an Linguistik noch Philosophie zeigte. Balas Mutter war gegen die Verbindung gewesen, weil sie fand, Stasia sei nicht gut genug für ihn. Doch Bala blieb beharrlich, und 1997 kam Kacper, der Sohn der beiden, zur Welt. Im selben Jahr schloss er die Universität mit Bestnoten ab und machte sich an seine Doktorarbeit. Doch das Stipendium reichte kaum, die Familie zu ernähren, weshalb er die Universität verliess und Unternehmer wurde. Im Dokumentarfilm «Junges Geld» sagt Bala: «Die Wirklichkeit kam und trat mich in den Hintern.»
Er war kein guter Geschäftsmann. Wann immer er zu Geld kam, gab er es aus, statt es zu investieren. Bald musste er Konkurs erklären. Im selben Jahr, 2000, ging auch seine Ehe in die Brüche. «Das Hauptproblem waren Frauen», sagte Stasia. Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, schien er mutlos. Er verliess Polen, reiste in die USA und dann nach Asien, wo er Englisch unterrichtete und als Tauchlehrer tätig war.
Er begann intensiv an «Amok» zu arbeiten, dem Roman, der alle seine philosophischen Obsessionen enthalten sollte. Die Geschichte ist ein Spiegel von Dostojewskis «Verbrechen und Strafe», wo Raskolnikow, überzeugt, als «aussergewöhnlicher Mensch» über andere richten zu können, einen armen Pfandleiher ermordet. Wenn Raskolnikow das Monster der Moderne ist, so ist Chris, der Protagonist von «Amok», das Monster der Postmoderne. In seiner Sicht gibt es nicht nur kein heiliges Wesen, sondern auch keine Wahrheit. Als ein Mann im Buch zugibt, nicht zu wissen, welche seiner konstruierten Persönlichkeiten wirklich sei, brüstet sich Chris: «Ich bin ein guter Lügner, weil ich meinen Lügen selber glaube.»
Hemmungslos macht sich Chris auf zu einem Amoklauf. Nachdem seine Frau ihn beim Sex mit ihrer besten Freundin erwischt und verlässt (Chris sagt, er habe sie zumindest «von ihren Illusionen befreit»), schläft er mit einer nach der anderen. In Umkehr der Konventionen bevorzugt er hässliche Frauen, weil sie «wirklicher, berührbarer, lebendiger» seien. Er speit Vulgaritäten und ist entschlossen, die Sprache zu «verdrehen, wie sie noch nie jemand verdreht hat». Er verspottet traditionelle Philosophen und schmäht die Kirche. In einer Szene betrinkt er sich mit einem Freund und entwendet aus einem Gotteshaus eine Statue des St. Antonius – des ägyptischen Heiligen, der abgeschieden in der Wüste lebte und mit den Versuchungen des Teufels kämpfte.

Abschlachten
Schliesslich tötet er seine Freundin Maria. «Ich straffte die Schlinge um ihren Hals, drückte sie mit der einen Hand nach unten und stiess ihr mit der anderen das Messer in die Brust.» Dann ejakuliert er auf sie. In einem perversen Echo auf Wittgensteins Bemerkung, gewisse Handlungen widersetzten sich der Sprache, sagt er über den Tötungsakt: «Da war kein Geräusch, keine Worte, keine Bewegung. Vollkommene Stille.»
In «Verbrechen und Strafe» bekennt Raskolnikow seine Sünden, wird dafür bestraft und schliesslich erlöst durch die Liebe einer Frau namens Sonya, die ihm hilft, zurück zur christlichen Ordnung zu finden. Doch Chris entledigt sich nie dessen, was er seine «weissen Handschuhe der Stille» nennt, und geht straflos aus. Seine Frau – die auch Sonya heisst – kehrt nicht zu ihm zurück.
In Stil und Struktur propagiert «Amok» wie andere postmoderne Romane die Idee, Wahrheit sei illusorisch – was ist ein Roman denn anderes als eine Lüge, das Produkt der «Mythenkreativität»? Balas Erzähler wendet sich oft an den Leser und erinnert ihn daran, dass er von einer Fiktion verführt wird. «Ich beginne meine Geschichte», sagt Chris. «Ich muss es vermeiden, Sie zu langweilen.» Selbst als Chris Maria abschlachtet, kommt das daher wie ein Sprachspiel. «Ich zog das Messer und das Seil unter dem Bett hervor, wie wenn ich ein Kindermärchen beginnen würde», sagt er. «Dann begann ich diese Fabel vom Seil aufzurollen, und um die Sache interessanter zu machen, knüpfte ich eine Schlinge.»
Bala hatte Chris eine Biografie gegeben, die der seinen glich, und so die Grenze zwischen Autor und Erzähler verwischt. Er stellte Roman-Passagen in seinen Blog «Amok», und in Diskussionen mit Lesern schrieb er Kommentare unter dem Namen Chris, als ob er die Romanfigur wäre. Als das Buch 2003 herauskam, fragte ihn ein Interviewer: «Manche Autoren schreiben nur, um ihren inneren Mr. Hyde loszulassen, die dunkle Seite ihrer Psyche. Finden Sie das auch?» Bala antwortete mit einem Scherz. «Ich weiss, worauf Sie hinauswollen, aber ich werde nichts dazu sagen. Es könnte sich herausstellen, dass Krystian Bala die Schöpfung von Chris ist, und nicht umgekehrt.»
Als Beata Sierocka, Balas frühere Professorin, das Buch las, war sie fassungslos. Die rohe Sprache war die Antithesis zum intelligenten Schreibstil des Studenten, den sie kannte. Einer seiner Ex-Freundinnen ging es ebenso. «Ich war schockiert, weil er niemals solche Wörter brauchte», sagte sie. «Er benahm sich mir gegenüber niemals vulgär. Unser Sexleben war normal.» Viele von Balas Freunden glaubten, dass er im Buch machen wollte, was er im Leben nicht gemacht hatte: jedes Tabu zertrümmern.
Vom Roman wurden nur ein paar Tausend Stück verkauft. Doch Bala war sicher, dass er seinen Platz unter den grossen Werken der Literatur einnehmen würde. «Die Geschichte lehrt, das manche Kunstwerke Ewigkeiten warten müssen», sagte er. In einer Hinsicht tat das Buch seine Wirkung. Chris war so authentisch schrecklich, dass man schwer daran zweifeln konnte, dass er das Produkt eines echt verstörten Geistes war.
Detektiv Wroblewski unterstrich einzelne Passagen, als er «Amok» studierte. Auf den ersten Blick gab es wenig Übereinstimmung zwischen der Ermordung Marias und der von Janiszewski. Das Opfer im Roman war eine Frau, die langjährige Freundin des Mörders, und es wurde, obwohl mit einer Schlinge um den Hals, mit einem Messer erstochen. Nichts von dem traf auf Janiszewski zu. Doch ein Detail elektrisierte Wroblewski. Nach dem Mord sagt Chris: «Ich verkaufe das Messer an einer Internet-Auktion.» Auch Bala hatte Janiszewskis Handy im Internet verkauft.
An einer Stelle in «Amok» gibt Chris zu verstehen, dass er auch einen Mann getötet hat. Als eine seiner Freundinnen seine ewigen Mythenschöpfungen infrage stellt, sagt er: «Welcher Geschichte hast du nicht geglaubt – dass mein Geschäft bankrott ging oder dass ich einen Mann tötete, der sich mir gegenüber ungebührlich benahm?» Zum Mord fügt er bei: «Jedermann meint, es sei eine Fabel. Vielleicht ist es besser so.»
Wroblewski hatte nie etwas über Postmodernismus oder Sprachspiele gelesen. Für ihn waren Tatsachen so hart wie Kugeln. Entweder hat man jemanden getötet oder man hat es nicht. Seine Aufgabe war, eine logische Beweiskette zu erstellen, die die unwiderlegbare Wahrheit offenbarte. Doch Wroblewski glaubte auch, dass man, um einen Mörder zu überführen, die sozialen und psychologischen Kräfte verstehen musste, die ihn dazu gemacht hatten. Wenn Bala Janiszewski umgebracht hatte oder bei dem Verbrechen dabei gewesen war, wie Wroblewski überzeugt war, dann musste er, der Empiriker Wroblewski, wissen, was Postmodernismus ist.
Wroblewski kopierte den Roman und verteilte ihn an die Kollegen. Jedem wurde ein Kapitel zugeteilt, das er «interpretieren» musste – versuchen, irgendwelche Hinweise herauszuknobeln, kodierte Botschaften, Parallelen zur Realität. Weil Bala ausser Landes lebte, warnte der Detektiv, müssten sie alles unterlassen, was ihn alarmieren könnte. Kam Bala nicht von selbst nach Hause, um seine Familie zu besuchen, wie er das zu tun pflegte, würde es für die polnische Polizei praktisch unmöglich sein, seiner habhaft zu werden. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt mussten sie davon absehen, seine Familie und engeren Freunde zu vernehmen. So befragten sie Balas entferntere Kollegen, um ein Profil des Verdächtigen zu erstellen, das sie dann mit dem Profil der Romanfigur Chris verglichen. Wroblewski machte eine Liste der Gemeinsamkeiten: Beide, Bala und seine literarische Schöpfung, waren der Philosophie erlegen, waren von ihren Frauen verlassen worden, hatten eine Firma, die pleite ging, reisten in der Welt herum und tranken zu viel. Wroblewski entdeckte überdies, dass Bala einmal inhaftiert worden war. Im Rausch hatte er mit einem Kumpel aus einer Kirche eine Statue des St. Antonius gestohlen, als stummen Gefährten für ihre Sauferei – genau wie Chris im Roman.
Wroblewski begann «Amok» als Plan zu einem Verbrechen zu begreifen, was, wie manche fanden, zu weit ging. Eine Kriminalpsychologin wurde beauftragt, den Charakter von Chris zu analysieren, um Einsicht in Bala zu gewinnen. Sie bestätigte Gemeinsamkeiten von Bala und Chris wie Scheidung und philosophische Interessen, wies aber darauf hin, solche Überschneidungen seien bei Schriftstellern üblich. Es wäre ein grober Verstoss, «die Analyse des Autors auf seinen fiktionalen Charakter zu gründen», warnte sie. Wroblewski wusste, dass Romanaussagen nicht als Beweise taugten – sie mussten mit Fakten untermauert werden. Bis jetzt hatte er nur ein einziges Beweisstück, das Bala mit dem Opfer verband, das Handy.

Ein Katz-und-Maus-Spiel
Im Februar 2002, noch bevor Wroblewski sich mit dem Mord beschäftigt hatte, hatte das polnische Fernsehprogramm «997» das Publikum um Mithilfe bei der Aufklärung des Mordfalls Janiszewski gebeten. Anschliessend hatte der Sender auf seiner Website die letzten Nachrichten über die Ermittlung publiziert. Hunderte hatten sie aufgerufen, merkwürdigerweise auch von so entlegenen Orten wie Japan, Südkorea und den USA. Doch die Polizei kam auf keine einzige fruchtbare Spur.
Als Experten nachprüften, ob Bala als «ChrisB[7]» sonst etwas im Internet gekauft oder verkauft hatte, machten sie eine Entdeckung. Am 17. Oktober 2000, einen Monat vor Janiszewskis Kidnapping, hatte Bala auf der Allegro-Auktionsseite ein Polizei-Handbuch angeklickt mit dem Titel «Zufälliges, suizidales oder kriminelles Erhängen». Das Buch beschreibt Varianten, eine Schlinge zu knöpfen. Bala kaufte es nicht bei Allegro, und es war unklar, ob er es woanders bezog. Dass er solche Informationen suchte, sprach für einen Vorsatz.
Bala blieb im Ausland, verdiente seinen Unterhalt mit Artikeln für Reisezeitschriften und als Englisch- und Tauchlehrer. Im Januar 2005, als er Mikronesien besuchte, schickte er ein E-Mail an einen Freund. «Ich schreibe diesen Brief aus dem Paradies», stand darin.
Im Herbst, erfuhr Wroblewski, würde Bala nach Hause kommen.
«Ungefähr um halb drei, nachdem ich eine Apotheke an der Legnicka-Strasse in Chojnow verlassen hatte, wurde ich von drei Männern angegriffen», schrieb Bala später in einer Erklärung zu dem, was ihm am 5. September 2005 widerfuhr, kurz nachdem er in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. «Einer bog mir die Arme hinter den Rücken, ein anderer würgte meinen Hals, und der dritte legte mir Handschellen an.» Ohne ihm zu sagen, wer sie seien oder was sie wollten, hätten sie ihn in ein dunkelgrünes Fahrzeug gedrängt, ihm einen Plastiksack über den Kopf gestülpt und befohlen, sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen.
Nach geraumer Zeit habe der Wagen gehalten, und die Männer hätten ihn in ein Gebäude gebracht. Sie hätten gedroht, ihn zu töten, wenn er sich nicht fügte, dann ausgezogen, geschlagen und befragt. Erst da, sagte Bala, habe er realisiert, dass er in Polizeigewahrsam war. Und von einem Mann namens Jacek Wroblewski einvernommen wurde.
«Nichts von all dem ist wahr», sagte Wroblewski später. «Wir hielten uns an die gesetzlichen Vorschriften.» Sie hätten Bala bei der Apotheke gewaltlos festgenommen und ins Polizei-Hauptquartier gefahren, sagte er.
Wroblewski und Bala sassen sich im engen Büro unter einer fahlen Glühbirne gegenüber, und Bala bemerkte die Ziegenhörner an der Wand, die auf unheimliche Weise dem Bild auf dem Schutzumschlag seines Buches glichen.
Wroblewski fragte Bala über seine Geschäfte und seine Beziehungen aus. Was er über das Verbrechen wusste, behielt er erst für sich. Als er ihn schliesslich mit dem Mord konfrontierte, war Bala verdutzt. «Ich kannte Dariusz Janiszewski nicht», sagte er. «Ich weiss nichts von dem Mord.»
Wroblewski löcherte ihn mit merkwürdigen Details in «Amok». «Es war verrückt», sagte Bala später. «Er behandelte das Buch, als sei es meine Autobiografie. Er musste es Hunderte Male gelesen haben, er konnte es auswendig.» Als Wroblewski ihn mit dem Diebstahl der Statue des St. Antonius konfrontierte, sagte Bala, er habe bestimmte Elemente seinem Leben entnommen. «Sicher, dessen bin ich schuldig», meinte er. «Zeigen Sie mir einen Autor, der das nicht tut.»
Dann spielte Wroblewski seine Trumpfkarte aus, das Handy. Wie kam er in dessen Besitz? Bala sagte, er könne sich nicht erinnern. Dann meinte er, er müsse es wohl in einem Pfandhaus gekauft haben, wie er das schon mehrere Male getan habe.

Wroblewski lässt nicht locker
Es lief nicht gut für Wroblewski. Alles, was er gegen Bala in der Hand hatte, war das Handy, das Bala von irgendwoher hatte bekommen können, ein Buch über das Erhängen, das Bala möglicherweise gar nicht erworben hatte, unklare Resultate eines Lügendetektor-Tests sowie Indizien in einem Roman. Bala konnte der Hehlerei, dem Verkauf von Janiszewskis Handy sowie der Bestechung angeklagt werden in einer Geschäftsangelegenheit, die Wroblewski im Lauf der Untersuchung aufgedeckt hatte. Beides, wusste der Polizist, würde nicht mit Gefängnis bestraft werden. Obschon Bala im Land verbleiben und seinen Pass abgeben musste, war er ein freier Mann.
Als Wroblewski später Balas Pass durchblätterte, fand er Stempel von Japan, Südkorea und den USA darin. Er erinnerte sich, dass die Website der Fernsehshow «997» Seitenabrufe aus all diesen Ländern registriert hatte – ein Umstand, der die Ermittler verblüffte. Warum würde jemand von so weit her sich für ein Ereignis in Polen interessieren? Wroblewski verglich die Daten, in denen Bala in diesen Ländern gewesen war, mit denen, als die Website von dort aufgerufen wurde. Sie stimmten überein.
Inzwischen war der Fall Bala zu einer Cause célèbre geworden. Denise Rinehart, eine Freundin Balas, hatte ein Komitee für ihn gegründet. Bala hatte die amerikanische Theaterregisseurin kennengelernt, als sie in Polen studierte, und sie waren danach mehrmals zusammen gereist. Das Komitee kontaktierte Menschenrechtsorganisationen und den Internationalen PEN. Nicht lange, da wurde der polnische Justizminister mit Solidaritäsbriefen für Bala bombardiert.
Eine interne Untersuchung von Balas Misshandlungs-Vorwürfen wurde angeordnet. Sie konnten nicht bestätigt werden.
«Ich habe dich infiziert», warnt Chris den Leser zu Beginn von «Amok». «Du wirst dich von mir nicht freimachen können.» Wroblewski liess die Sache nicht los. Eine Hypothese war, dass Bala Janiszewski nach einer homosexuellen Affäre mit ihm ermordet hatte. Doch Wroblewski hatte in Janiszewskis Bekanntenkreisen gründlich recherchiert, und es gab keinen Hinweis, dass er schwul war. Eine andere war, dass der Mord die Kulmination seiner verqueren Philosophie war – dass Bala eine postmoderne Version von Nathan Leopold und Richard Loeb war, den beiden brillanten Studenten aus Chicago, die in den Zwanzigerjahren von Nietzsches Ideen so gefesselt waren, dass sie einen 14-jährigen Jungen töteten, um zu sehen, ob sie das perfekte Verbrechen verüben und zu Übermenschen werden könnten. In «Amok» ist Chris klar darauf aus, ein Übermensch zu werden, wenn er etwa von seinem «Willen zur Macht» spricht und höhnt, dass jeder, der «unfähig ist zu töten, nicht leben sollte». Doch das erklärt nicht den Mord an einem Unbekannten im Roman.
Während Bala in Polen bleiben musste, begann Wroblewskis Team seine engsten Freunde und die Familie zu befragen. Viele sahen Bala positiv – «ein kluger, interessanter Mann», sagte eine seiner früheren Freundinnen. Doch bald kam ein dunkleres Bild zum Vorschein. Die Babysitterin der Familie sagte, Bala sei immer häufiger betrunken gewesen und habe ständig seine Frau beschimpft, sie «schlafe herum und betrüge ihn». Nach der Aussage mehrerer Zeugen hatte Bala Stasia auch nach der Scheidung nicht in Ruhe gelassen.
Wroblewskis Kollegen intensivierten ihre Anstrengungen, die zwei verdächtigen Telefonate zu verfolgen, die zu Janiszewskis Büro und seinem Handy gemacht worden waren an dem Tag, an dem er verschwand. Das öffentliche Telefon, von dem beide Anrufe getätigt wurden, wurde mit einer Karte bedient. Solche Karten tragen eine Nummer, die von der Telefongesellschaft bei jedem Gebrauch registriert wird. Als es gelang, die betreffende Nummer herauszufinden, konnten alle Telefonnummern eruiert werden, die mit der Karte angewählt worden waren. Während dreier Monate waren 32 Telefonate getätigt worden. Darunter waren Anrufe zu Balas Eltern, seiner Freundin, seinen Freunden sowie einem Geschäftspartner.

Immer mehr Indizien
Wroblewskis Team deckte noch eine andere Verbindung zwischen Opfer und Verdächtigen auf. Malgorzata Drozdzal, eine Freundin von Balas Ex-Frau, sagte aus, sie sei im Sommer 2000 mit Stasia im Wroclawer Nachtklub Crazy Horse gewesen und habe Stasia mit einem Mann sprechen sehen. Sie kannte ihn, sein Name war Dariusz Janiszewski.
Wroblewski versuchte erneut, Stasia zu befragen. Bisher hatte sie sich geweigert zu kooperieren, doch dann zeigte er ihr Abschnitte aus «Amok». Die Passagen über Chris’ Frau Sonya stimmten so verwirrend mit ihrem eigenen Leben überein, dass sie sich bereit erklärte zu reden.
Sie bestätigte, Janiszewski im Crazy Horse getroffen zu haben. Sie hatten die ganze Nacht geplaudert, und Janiszewksi hatte ihr zum Abschied seine Nummer gegeben. Später gingen sie zusammen aus und anschliessend in ein Hotel. Doch bevor irgendetwas geschah, sagte Stasia, habe Janiszewski gestanden, verheiratet zu sein, und sie sei gegangen.
Mehrere Wochen nach diesem Rendezvous, berichtete Stasia, sei Bala wütend bei ihr aufgekreuzt und habe sie aufgefordert zuzugeben, dass sie eine Affäre mit Janiszewski habe. Er hatte die Eingangstür eingetreten, sie geschlagen und geschrien, er habe einen Privatdetektiv engagiert und wisse alles. «Er sagte auch, er sei in Dariusz’ Büro gewesen und beschrieb es mir», erinnerte sich Stasia.
Als sie erfuhr, dass Janiszewski verschwunden war, habe sie Bala gefragt, ob er etwas damit zu tun habe. Er hatte verneint. Sie liess es dabei bewenden; Bala war aller Rüpelei zum Trotz nicht fähig, einen Mord zu begehen, dachte Stasia.
Zum ersten Mal verstand Wroblewski den Schlusssatz von «Amok»: «Das war der, der von blinder Eifersucht getötet worden war.»
Zahllose Zuschauer strömten am 22. Februar 2007, dem ersten Prozesstag, ins Wroclawer Gericht. Philosophen, die über die Konsequenzen des Postmodernismus diskutierten, junge Anwälte, die etwas über die neuen Ermittlungstechniken der Polizei erfahren wollten, Reporter, die jedes Detail notierten. Aller Aufmerksamkeit war auf den Käfig im Saal gerichtet, der fast drei Meter hoch und sechs Meter lang war. Mittendrin stand Krystian Bala im Anzug. Er schaute gelassen durch seine Brillengläser.
Die Schilderung der Ereignisse durch die Anklage glich dem Inhalt von «Amok»: Bala, wie sein Alter Ego Chris, war ein verkommener Hedonist, der, frei von jeder moralischen Hemmung, einen Mord aus Eifersucht begangen hatte. Dateien aus Balas Computer wurden präsentiert, welche die Polizei während einer Durchsuchung seines Elternhauses beschlagnahmt hatten. In einer, mit dem Passwort «amok» zu öffnen, katalogisierte Bala detailliert seine sexuellen Abenteuer mit über siebzig Frauen. Aufgelistet waren unter anderen seine Frau Stasia, eine geschiedene Cousine, die «älter» und «plump» war, die Mutter eines Freundes, die als «alter Arsch, hard-core action» beschrieben wurde, und eine «russische Hure in einem alten Auto».
Ein Psychologe sagte aus, dass «jeder Autor einen Teil seiner Persönlichkeit in seine künstlerischen Schöpfungen stecke», und dass Chris und der Angeklagte «sadistische» Charakterzüge teilten.
Während alldem sass Bala im Käfig, machte Notizen oder schaute nach dem Publikum. Als eine Ex-Freundin aussagte, Bala sei mal betrunken auf ihren Balkon gegangen und habe so getan, als sei er kurz davor, Selbstmord zu begehen, fragte er sie, ob ihre Worte möglicherweise verschiedene Interpretationen zuliessen. «Könnten wir nicht sagen, dass dies eine Frage der Semantik ist, ein Missbrauch des Wortes ‹Selbstmord›»?, sagte er.
Doch als der Prozess sich hinzog und das Beweismaterial sich häufte, klang der Postmodernist immer mehr nach einem Empiriker, einem Mann, der verzweifelt nach Lücken sucht in der Indizienkette der Anklage. Bala hielt fest, dass niemand gesehen habe, wie er Janiszewski kidnappte oder tötete oder sich seiner Leiche entledigte. Er kritisierte, die Anklage nehme Zufallsereignisse aus seinem Leben und verwebe diese zu einer Story, die mit der

Realität nichts zu tun habe.
Bala war ein Anhänger der postmodernen These vom «Tod des Autors» gewesen – der Idee, dass ein Autor keinen besseren Zugang zur Bedeutung seines literarischen Werkes habe als irgendjemand sonst. Doch als die Anklage belastende Details aus «Amok» präsentierte, erklärte Bala, sein Roman würde falsch interpretiert. Er insistierte darauf, dass der Mord an Maria lediglich ein Symbol sei für die «Zerstörung der Philosophie». Später sagte er: «Ich bin der gottverdammte Autor! Ich weiss, was ich meinte!»
Anfang September war es soweit. Im Gerichtssaal wartete ängstlich Balas Mutter. Sie hatte «Amok» nie gelesen; ein Buch, in dem Chris fantasiert, seine Mutter zu vergewaltigen. Balas Vater Stanislaw, ein Bauarbeiter, hatte es gelesen, und obschon er Mühe hatte, es zu verstehen, fand er, es sei ein wichtiges Werk. In sein Exemplar hatte Bala eine Widmung für seine Eltern geschrieben: «Danke … dass ihr mir alle meine Sünden vergebt.»
Als die Richterin Lydia Hojeska das Urteil verlas, stand Bala ruhig und vollkommen aufrecht. Dann kam das unzweideutige Wort: «Schuldig.»
«Das Ganze ist eine Farce, wie etwas von Kafka», sagte mir Bala, als ich ihn im Gefängnis besuchte. «Ich bin zu fünfundzwanzig Jahren verurteilt, weil ich ein Buch geschrieben habe – ein Buch!» Jemand versuche ihm etwas anzuhängen, meinte er zu Beweisstücken wie Janiszewkis Handy und die Telefonkarte. «Sehen Sie nicht, was sie tun? Sie konstruieren diese Wirklichkeit und zwingen mich, darin zu leben.»
Bala legte Berufung ein, und das Appellationsgericht hat das Urteil für ungültig erklärt. Zwar bestehe eine «zweifellose Verbindung» zwischen Bala und dem Mord, doch gebe es noch Lücken in der Beweiskette, wie etwa die unterschiedlichen Expertenaussagen zur genauen Todesursache von Janiszewski. Ein neues Gerichtsverfahren wurde angeordnet, doch vorerst muss Bala im Gefängnis bleiben.

David Grann ist Journalist und lebt in New York.
© «The New Yorker»

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4 Reaktionen

  1. Daniel Schuppisser

    Super Artikel, klasse Story, schon fast “too good to be true”. Bezeichnenderweise -und das könnt Ihr schon mal als kritik auffassen – nicht von Euch selber geschrieben, sondern aus dem Amerikanischen importiert. Dazu eine kleine Randbemerkung: in Dostojewskis “Schuld und Sühne” ermordet der Typ eine PfandleiherIN, also eine Frau. Da ich selber Übersetzer bin, kann ich mir vorstellen, dass das Geschlecht im englischen Original von David Grann nicht ersichtlich war…aber ok, ich schreib diesen Kommentar nicht aus diesem Grund. Aber die Story ist wirklich packend! Man müsste einen Roman drüber schreiben: ist der Autor ein armes Würstchen, veruteilt wegen einem Buch, oder aber ist der hochtrabende, vielbegabte, nietzschsche ÜbermenschMacho über eine dumme, geradezu spiesserische Eifersuchtsgeschichte gestolpert?Beide “wahrheiten”, ich erwähnte es bereits, “to good to be true”

    Jetzt aber hey: Warum müsst Ihr solche Stories einkaufen? Wieviel kostet Euch eigentlich so eine Story vom New Yorker? Und übrigens: sogar in der “weltwoche” gibt sich ein Übersetzer zu erkennen, wenn er am Werk war….¨nicht so bei Euch, how come?

  2. Fux Uli

    Die Geschichte ist interessant, aber das “Deutsch” miserabel und voller Fehler (Stil, Grammatik, Orthografie etc.) – das wird wahrscheinlich der Grund sein, warum der Name der Übersetzerin fehlt.

    Und: Auch Magazin-AutorInnen haben hervorragende Geschichten verfasst – packend sind aber, leider, meist diejenigen, die sich um Verbrechen drehen.

    Ich leider eher unter den vielen miserablen Beiträgen von Roshani, Zucker, Haffner und vielen anderen – und natürlich dem Schwachsinn, Ende Jahr eine Ausgabe des Economist nachzudrucken (oder so ähnlich). Gibt es etwas, das weniger Einfallsreichtum offenbart?

  3. Dominique Nagpal

    Peinliche Übersetzung (-sversuche?)! Dass der Roman im Deutschen mit “Schuld und Sühne” betitelt ist, kann man als Allgemeinwissen erwarten und voraussetzen, oder? Als Anglistin fand ich die Übersetzung holprig, was infoern zu Betrauern war, als die Geschichte erzählerisch gut gemeistert wurde. Ein “Chapeau” demnach an den New Yorker Journi David Grann und ein “erschreckendes Ensetzen der Missstände Ihres Wissens” an der/ die ÜbersetzerIn. Sorry.

  4. Samuel Lüscher

    Der Buchtitel versetzte mich auch erst in Erstaunen. Wikipedia aber meint: Die viel beachtete Neuübersetzung von Swetlana Geier aus dem Jahr 1994 trägt den Titel Verbrechen und Strafe. Scheint mir auch treffender. Ist Allgemeinwissen vor allem dann etwas wert, wenn es nicht statisch bleibt?

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