07.04.2007 von Daniel Binswanger
Sie waren ein flammender Befürworter des amerikanischen Irak-Feldzuges.
Ich war kein flammender Befürworter – ich war in Frankreich nur einer der ganz wenigen, die sich klar für den Krieg aussprachen. Da steht man schnell in der Ecke der Kriegstreiber.
Die Lage im Irak ist desaströs. Haben Sie Ihre Meinung geändert?
Nein, ganz und gar nicht. Ich bin immer noch der Ansicht, dass Saddam Hussein ein Diktator war, der sein Volk und die Region terrorisierte, und dass es richtig war, seiner Herrschaft ein Ende zu setzen. Die Massenvernichtungswaffen waren für mich nie der Kriegsgrund.
Der Irak versinkt im Bürgerkrieg. Was hat man falsch gemacht?
Über die strategischen Fehler ist man sich ja schon lange einig, spätestens seit dem überparteilichen Bericht des US-Senats. Der fundamentale Irrtum gründete im Glauben, die Probleme liessen sich mit einem militärischen Handstreich lösen, einer Art Panama-Exkursion. Doch die vierzigjährige Diktatur hat den Irak völlig zerstört – der Aufbau einer funktionierenden Zivilgesellschaft wird ein bis zwei Generationen in Anspruch nehmen.
Viele Kriegsbefürworter sind jetzt der Ansicht, dass die USA mehr Schaden anrichten, als Sicherheit bringen im Irak, und dass unbedingt ein Abzugsdatum festgesetzt werden muss.
Das glaube ich nicht. Die Amerikaner haben schon einmal ein Land aufgegeben, weil es schwieriger wurde, als erwartet: Somalia. Nachdem dreissig, vierzig GI gefallen waren, hiess es: Schluss, wir gehen. Das Land versank im Chaos. Im darauffolgenden Jahr ereignete sich der Genozid in Ruanda. Der Befehlshaber der Uno-Mission forderte fünftausend Soldaten an, um dem Morden ein Ende zu setzen. Clinton hat die Truppen aufgrund der Erfahrungen in Somalia verweigert. Weil die USA zuvor vierzig Soldaten verloren, liess man zu, dass in Ruanda eine Million Zivilisten getötet wurden. Wenn Amerika jetzt im Irak das Feld räumt, wird das Blutvergiessen nicht ab-, sondern zunehmen. Man wird sich aus dem Land einfach heraushalten.
Die irakische Zivilbevölkerung entrichtet einen hohen Blutzoll.
Das stimmt. Im Irak gibt es ja keinen eigentlichen Widerstand gegen die Amerikaner, sondern einen Bürgerkrieg, den rivalisierende Terrorgruppen gegen die Zivilbevölkerung führen. Die Lage ist eine Riesentragödie. Aber man kann auch anders fragen: Warum hat der Westen geglaubt, es würde einfacher werden?
Warum?
Es ist ein generelles Problem. Westeuropa hat den Kalten Krieg als Friedenszeit erlebt und glaubte, mit seinem Ende beginne die Pazifizierung der ganzen Welt. In Wahrheit war der Kalte Krieg auf anderen Kontinenten eine Periode schwerer Waffengänge. Ich zitiere häufig Ernst von Solomon, ein deutscher Rechtsradikaler, der an der Ermordung von Walther Rathenau beteiligt war. Er sagte 1920: «Der Krieg ist vorbei, aber die Krieger sind noch da.» Das trifft auch auf das Ende des Kalten Krieges zu.
In der Golfregion könnte es zu einem Krieg mit dem Iran kommen. Muss um jeden Preis verhindert werden, dass die Mullahs die Bombe bauen?
Das 20. Jahrhundert hat zwei Tabus gekannt: Auschwitz und Hiroshima. Nach 1945 hat selbst Stalin anerkannt, dass die Gefahr der Vernichtung durch Atombombeneinsatz vermieden werden muss. Heute kommen diese Tabus ins Wan-ken. Der als liberal geltende Ex-Präsident Hashemi Rafsanjani spekuliert öffentlich über den atomaren Schlagabtausch mit Israel, und in Teheran werden Kongresse von Auschwitz-Leugnern veranstaltet.
Könnte zwischen Israel und dem Iran nicht ein Gleichgewicht des Schreckens entstehen?
Wenn der Bombeneinsatz nicht mehr Tabu ist, gibt es kein Gleichgewicht. Der Iran wird die Bombe nicht über Nacht einsetzen, aber die Stellvertreterkriege, etwa zwischen Israel und der Hizbollah, würden sofort eskalieren. Das wäre extrem gefährlich.