Auf der Schatzinsel

Die Cayman Islands sind so ziemlich das Gegenteil der Schweiz – ausser wenn es um die Verwaltung von riesigen Vermögen geht. Besuch in einem bizarren Tropenparadies, wo nun ein schärferer Wind weht – nicht nur in der Hurrikan-Saison.

09.01.2009 von Peter Haffner

Wir waren unterwegs zu einer Stadt, in der nur Ausserirdische leben. Sie liegt mitten im Ozean. Es gibt eine Sandbank da; wir ankerten und glitten ins Wasser, das bis zur Hüfte reichte. Nicht lange, da schwebten sie auf uns zu; Stealth-Bomber mit sanftem Flügelschlag und einem todbringenden, speerlangen Stachel. Sie streiften einen wie fliessende Seide, fixierten einen mit fahlgrünen Augen und zogen weiter – traumverlorene Geister der Tiefe.
Die zahmen Stachelrochen von Stingray City im nördlichen Sund von Grand Cayman sind eine Touristenattraktion. Fischer wie Captain Corsey, die hier ihren Fang säuberten, hatten sie angelockt mit den über Bord geworfenen Abfällen. Damals waren die Cayman Islands noch die «von der Zeit vergessenen Inseln» gewesen. Wie sehr sich das geändert hatte, illustrierten die Passagiere unseres Segelbootes. Chris, ein stämmiger Künstler, war Caymaner; 1972 in ein Haus ohne Strom geboren, ist nun ein Blackberry sein ständiger Begleiter. Seine Frau Trina, eine Kanadierin, war mit dem Touristenstrom gekommen, hatte sich verliebt und war geblieben; heute steht sie dem Tourismus-Verband vor und führt die Kunstgalerie im Ritz-Carlton, einem der mondänen Hotels am Seven Mile Beach, dem zwölf Kilometer langen Strand mit Sand so fein wie Weissmehl. Die Irländerin Ellen, eine Management-Beraterin, war von Corsey mit Songs wie Hank Williams’ «Your Cheating Heart» so bezaubert worden, dass sie einen Grund mehr hatte, sich auf der Insel niederzulassen. Ellen hat in der halben Welt gearbeitet und sucht nun einen Job in George Town, dem fünftgrössten Finanzplatz der Welt. Es ist der Ort, wo das Geld fliesst dick wie Honig und der Ozean warm ist wie eine frisch gefüllte Badewanne.
Chris’ Mutter war mit an Bord mit dreien ihrer Enkelkinder, mit Hautfarben vom milchweissen Andrew bis zur tiefschwarzen Grace. Mit über hundert Nationalitäten verkörpern die rund fünfundsechzigtausend Einwohner zählenden Cayman Islands eine Art Vereinte Nationen im Zwergformat. Ohne Leute wie Chris und Trina wäre vom kulturellen Erbe kaum mehr etwas übrig; in einem alten Häuschen aus Flechtwerk und Lehm bieten sie Kurse im Körbe- und Seilemachen an, zeigen, wie man auf einer Kabuse kocht, ein Muschelhorn bläst oder Drachen bastelt, die singen im Wind. Das alles war gestern noch keine Folklore, so wie vielleicht morgen schon Folklore sein wird, wie man einen Hedge Fund oder eine steuerbefreite Firma gründet; Dienstleistungen, wofür die Cayman Islands berühmt, wenn nicht berüchtigt sind.
Geografisch sind die Karibikinseln ein Epilog von Kuba; die Gipfel eines Unterwassergebirges auf halbem Weg zwischen Fidel Castros Reich und dem einst britischen Jamaica. Als Kolumbus auf seiner letzten Fahrt in die Neue Welt am 10. Mai 1503 an den Inseln vorbeisegelte, hatte er sie der Erkundung nicht für wert befunden, waren sie doch «voller Schildkröten, die man für Steine halten könnte», wie das Logbuch festhält. Er taufte sie «Las Tortugas», bis sie von Sir Francis Drake, den bei seinem Landgang die nicht minder zahlreichen Krokodile mehr beeindruckten, in «Cayman Islands» umgetauft wurden.
An der West Bay Road dem Strand entlang springen einem die Kobolde der Vergangenheit immer wieder ins Gesicht. Inmitten der Hotels, Restaurants und Luxusappartements, die in einschläferndem Rhythmus vorüberziehen, markieren verwitterte Friedhöfe einen alten Takt, zu dem die überall frei herumstakenden Hühner wissend mit dem Kopf rucken. Hier stehen die «Great House Condos», deren Appartements ein Drehplatz für den mit Tom Cruise und Gene Hackman verfilmten Grisham-Thriller «Die Firma» waren. Viele Villen stehen zum Verkauf; die Finanzkrise macht vor dem Tropentresor nicht Halt. Weisse Pickup-Trucks der Pool Patrol sind unterwegs, die unbenutzten Schwimmbecken zu reinigen, und in den Restaurants sind die importierten Kellnerinnen von einer Aufgekratztheit, als futterten sie Kraftnahrung für positives Denken.
Sollte der Himmel zur Hölle werden, hätte Ivan Farrington vorgesorgt. Der frühere Handelsmatrose mit dem Pass, der ihn als von «Hell» gebürtig ausweist, neckt mit Bocksbart und Teufelskostüm Touristen, die sich die gleichnamige seltsamschaurige Karstlandschaft im Nordzipfel der Insel ansehen; scharfzüngelnde Flammen aus Kalkstein, von Säuren in Jahrtausenden zerfressen und geschwärzt. In seinem «Devil’s Hangout» verkauft Ivan T-Shirts und Souvenirs, mit denen man eine ganze Satanssekte ausrüsten könnte.
Der andere Ivan, den auf der Insel jeder kennt, machte das Leben wirklich zur Hölle; ein Hurrikan, der im Herbst 2004 zwei Drittel aller Gebäude verheerte. Ein grosser Gleichmacher, legte er Fünfsterne-Hotels wie das nicht wieder aufgebaute Hyatt in Schutt wie die Hütten der weniger Begüterten, die man im Norden der Insel findet; abseits der Hauptstrasse, wo einem geraten wird, nicht hinzugehen. Geht man hin, trifft man auf ein paar Schwarze, die ansteckend lachen.

Das Haus mit den 18 856 Firmen
Von ebensolcher, wenn auch farbloser Friedlichkeit ist George Town, die Hauptstadt, wo Simon Cawdery, ein 33-jähriger Portfolio-Manager der Schweizer Privatbank EFG, sein Büro hat. Hundert Milliarden Dollar verwaltet das Finanzinstitut; in den letzten zwölf Monaten hat die Filiale in der Steueroase ein 150-Millionen-Dollar-Business aufgebaut. In seinem offenen rosa Hemd, den Jeans und Loafers ist der Brite fast schon overdressed angesichts seiner betuchten Kunden, die im T-Shirt kommen.
Der Arbeitsstress, meint er etwas überrascht auf die Frage, sei hier wohl nicht geringer als anderswo in der Branche, doch die Möglichkeiten, davon herunterzukommen, ebenso viel grösser. Leider hat der Hurrikan die viersitzige Cessna, die er mit Freunden flog, in die ewigen Jagdgründe befördert, doch nun teilen sie ein Segelboot. Sorgen über die Zukunft scheint sich Simon keine zu machen, auch wenn die Kunden heute nicht mehr als Erstes nach dem zu erwartenden Gewinn fragten, sondern danach, ob es die Bank in ein paar Jahren noch gebe. «Ich bleibe solange hier, bis es mich langweilt», meint er locker, bevor er sich wieder in seine Klause im Stratvale Building an der Church Street verzieht, einem Bau von mitleidloser Nüchternheit.
An derselben Strasse hatte 1953 in einer Zahnarztpraxis die erste Bank der Insel mit zwei Angestellten ihren Schalter geöffnet. Heute sind es über fünfhundert Finanzinstitute mit Tausenden von Angestellten und einem Vermögen von gegen zwei Billionen Dollar. So unsichtbar der Reichtum, so gesichtslos ist die Architektur; die Klötze der Banken, Trusts, Steuerberatungsbüros und Anwaltskanzleien sehen aus, als hätte sie ein Buchhalter entworfen. Nahtlos geht der Container der Honkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) in den angebauten Kentucky Fried Chicken über; eine Illustration der Tatsache, dass hier Finanzprodukte so fix gefertigt werden wie Chicken Nuggets. Nur die UBS hat ihrem hundertfünfzig Angestellte beherbergenden Büroklotz ein opulentes Säulenportal vorgeklebt, als wollte sie zeigen, dass der Schein mehr zählt als das Sein.
Besucherfreundlich ist keines der Gebäude. Hinter Barrikaden von Empfangstresen sitzen resolute Damen, die barsch fragen, was man hier mache, wenn man den Bildschirm studiert, der die Schilder ersetzt hat: Tausende von Firmennamen mit ein und derselben Adresse huschen flink wie Ameisen über die Scheibe. Das Ugland House, dessen einziger Mieter Maples and Calder ist, die grösste Offshore-Anwaltsfirma der Welt, beherbergt 18 856 Unternehmen – «entweder das grösste Gebäude der Welt oder ein grosser Steuerschwindel», wie ein Mann namens Barack Obama, damals Senator, nach dem Rapport der US-Senatskommission meinte, die das Wunder inspiziert hatte.
Auf den Cayman Islands gibt es mehr registrierte Firmen als Einwohner, und das Geld hat die Gestade so überflutet wie die Touristen, von denen tagtäglich Zehntausende von den Kreuzfahrtschiffen an Land gehen. Schnorchelgruppen in gelben Schwimmwesten folgen dem Schnorchelgruppenführer zum Eden Rock, der zwischen dem vor Anker liegenden Schiff und der Harbour Place Mall liegt; mit seinen befehlsmässig ausgerichteten Schwärmen von Jungfischen ein Spiegelbild des Massentourismus unter Wasser.

Ein Staat, der keine Steuern will
Am selben Ort, nur ein paar Schritte von Simon Cawdreys Büroverschlag, steht ein Fischer im Sand und säubert ein Dutzend Barrakudas. Perry Ebanks, ein junger Schwarzer, hat sie am Morgen gefangen, armlange Tiere mit Zähnen wie Liliputaner-Dolche. Dazu bietet er Conches, grosse Fechterschnecken, feil. Wie man sie zubereitet, würzt, mariniert, dünstet, schmort oder grilliert, darüber gibt sein Kunde Papie Conolly so redselig Auskunft, bis er sich auf das paukige Bäuchlein schlagen und seufzen muss, nun habe er aber Hunger bekommen. In Kolumbien aufgewachsen, möchte der im Baugeschäft tätige Mr. Papie, wie man sich hier anzureden pflegt, solcher Köstlichkeiten wegen nirgendwo anders leben. Es ist das wenige, was nicht eingeführt werden muss. Wie Touristen und Wertpapiere, sind auch Nahrungsmittel und Konsumgüter, Baumaterialien und Treibstoff Importwaren. Es gibt weder Industrie noch Landwirtschaft, doch mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 42 000 Dollar zählt der Lebensstandard auf Grand Cayman zu den höchsten der Welt.
Das ist erst seit Kurzem so. «Trocken, steinig, ohne Frischwasser oder Früchte», wie ein holländischer Seefahrer sie 1630 beschrieb, hatten die Inseln nichts, was Menschen anzog, abgesehen von Schildkrötenjägern und Sklaven, Schiffbrüchigen und Schuldnern. Erst die Kommunikationsrevolution der Fünfzigerjahre schuf die Voraussetzungen für den Anschluss an die Moderne. Innert einer halben Generation verfünffachte sich die Bevölkerung, vertausendfachte sich das Bruttoinlandsprodukt, verzehntausendfachte sich der Besucherstrom.
Müsste man nach dem Äusseren schliessen, würde man die Cayman Islands für eine von den Engländern besetzte amerikanische Exklave halten. Infrastruktur und Bauten scheinen schlüsselfertig aus Florida eingeflogen; nur dass darüber der Union Jack weht, Linksverkehr herrscht und in jedem Regierungsbüro ein Porträt der britischen Queen hängt, verweist auf die Kronkolonie des einstigen Empire. Königin Elizabeth II. ist das Staatsoberhaupt, repräsentiert von Gouverneur Stuart Jack, der gleichzeitig oberster Pfadfinder der Insel ist. Mit der Mall, den Marinas und den Mansions mit eigenem Bootsplatz gleicht die Umgebung seiner Residenz einem Tummelfeld für Ken und Barbie, auch wenn eine Strasse nach Admiral Nelson und ein Platz nach der Schlacht von Trafalgar benannt ist. Was den Briten einst die Seeherrschaft eintrug, ist hier Zeichen der Kapitulation vor Martha Stewart und Ronald McDonald. Eine brauchbare Karte der Insel existiert nicht, doch die Einwohner sind von einer Erklärfreude, dass man gerne darauf verzichtet.
Kundenorientiert ist, was mit Geld zu tun hat. Hochglanzmagazine, die überall aufliegen, informieren nicht nur, wo man isst, trinkt und sich vergnügt, sondern auch, wie man eine Firma, einen Anlagefonds, ein Schiff oder ein Flugzeug auf Cayman registriert. Da muss man weder Einkommens- noch Unternehmens- oder Kapitalgewinnsteuern zahlen. Der Staat finanziert sich aus Einfuhrzöllen sowie den Lizenzgebühren für Banken, Trusts und Unternehmen. Geld ist vorhanden, die Infrastruktur vorzüglich, die Schulen sind gut. Warum, fragt man sich in dieser «tropischen Schweiz», suchen nicht mehr Länder den Weg aus der Armut, indem sie sich zu Steueroasen erklären?
Weil es auch das braucht, was eine Schweiz auszeichnet – politische Stabilität, eine verlässliche Rechtsordnung, kaum Korruption. Viele Steueroasen sind britischer Abstammung; sie erbten eine Jurisdiktion, die Investoren das nötige Sicherheitsgefühl gibt. Was nicht heisst, dass ihr Ruf zweifelsfrei ist. Zwar kann man heute nicht mehr mit Sonnenbrille, Panamahut und Geldköfferchen anlanden und ein Konto eröffnen. Doch zur Kooperation im Kampf gegen die Geldwäsche hat sich George Town erst auf Druck seitens der Europäischen Union, der OECD und den USA bereit erklärt; es ist nur ein paar Jahre her, da hat ein Minister britische Forderungen als «Diktat der Kolonialmacht» gebrandmarkt, die einmal mehr «die Bürger der Inseln als Sklaven» betrachte. Noch 2000 standen die Cayman Islands auf der schwarzen Liste der internationalen Financial Action Task Force; heute sind sie, was die Moral angeht, etwa auf gleicher Stufe wie die bisweilen als «finanzpolitischer Schurkenstaat» titulierte Schweiz. Auch diese taxiert es nicht als Verbrechen, wenn man im Ausland geschuldete Steuern nicht zahlt.
Drei Viertel aller Hedge Funds sind auf Cayman Islands registriert, fast alle Grossbanken, Revisionsgesellschaften und Versicherungen haben einen Sitz auf der Insel. Flugzeuge und Schiffe werden über Cayman Fonds geleast; Trust- und Fondsmanager, Banker und Anwälte liefern das Knowhow, Geschäfte effizient zu erledigen. Keine zwei Tage dauert es, bis eine Exempted Company, eine steuerbefreite Firma, gegründet ist. Die Schweizerische Nationalbank hatte fachliche Gründe für die Sanierung der maroden UBS auf den Cayman Islands; nur politisch liess es sich nicht rechtfertigen, im Steuerparadies eine mit Steuergeldern finanzierte Gesellschaft zu gründen. Doch seit der Finanzkrise stehen auch hier die Zeichen auf Sturm. Der amerikanische Fiskus will seine Gelder, der Kongress droht, Konzernen mit dubiosen Holdingsitzen keine Regierungsaufträge mehr zu erteilen. Deborah Drummond, stellvertretende Finanzministerin, meint im Gespräch, man werde sich neuen internationalen Standards fügen, hat jedoch Bedenken, staatlichem Übereifer falle die finanzielle Innovation zum Opfer. «Man kann Betrug nie hundertprozentig verhindern, und es ist keine gute Politik, das Hauptaugenmerk auf Übeltäter zu legen», sagt sie und kann ihren Ärger nicht verhehlen, dass die Cayman Islands nicht das Ansehen geniessen, das sie verdienten.
Der Globalisierung der Rechtsordnung werden wohl auch die Skandale zum Opfer fallen, die den Wirtschaftsteil der Zeitungen zum Fortsetzungskrimi machten. Wer hat den Schweizer Bankier Frédéric B. ermordet, dessen Leiche vergangenes Frühjahr im Kofferraum eines Mitsubishi Outlander in der West Bay auf Grand Cayman gefunden wurde? Was weiss der einstige Chefbuchhalter der Cayman-Filiale der Bank Julius Bär wirklich, der einem Test mit dem Lügendetektor unterzogen wurde, nachdem Akten verschwanden und Kontodaten von Kunden im Internet auftauchten? Und was ist aus Peter Krüger geworden, dem nach seiner Pleite auf die Insel geflüchteten Berner Immobilienkönig, was aus seinem Ferrari, seiner Jacht Victory und den massgeschneiderten Hundeschuhen aus China, ohne die seine Gattin ihren Liebling in George Town nie hatte Gassi gehen lassen?
Wie Wall Street, werden auch die Cayman Islands nicht mehr sein, was sie waren. Eben hat die Transocean Inc., die weltgrösste Offshore-Ölbohrfirma, ihren Hauptsitz von da in die Schweiz verlegt, und die UBS ist daran, ihre Offshore-Geschäftsbeziehungen mit Kunden in den USA zu beenden. Der frenetischen Modernisierung wird das keinen Abbruch tun. Wer den manikürten Rasen, gepflegten Golfplätzen und Tenniscourts den Rücken kehrt und der Küste entlang in den Osten fährt, tut einen Blick in eine Vergangenheit, die mehr und mehr vergeht.
In Bodden Town etwa stehen namenlose Gräber, die angeblich die Überreste von Piraten bergen. Zur Freibeuterei haben die Caymaner ein zwiespältiges Verhältnis; nur sie und keine Ausländer dürfen die Finanzindustrie «die neue Piraterie» nennen. Obschon deren Schätze realer sind als jene, die gemäss Legenden in den vielen Grotten versteckt sein sollen. Tatsache ist, dass die auf ihrer kargen Insel darbenden Caymaner ihren Schnitt im Geschäft machten, indem sie mit Leuchtfeuern Schiffe auf die Riffe lockten, deren Waren das Importmanko ausglichen. «Wrecking» war ein einträglicher Sport – bis heute, locken doch die rund dreihundert korrallenüberwachsenen Wracks Taucher aus aller Welt, die Devisen bringen.
Lieber als daran wird an die Ruhmestat erinnert, für die das Denkmal «Wreck of the Ten Sails» in East End steht, wo 1794 die britische Cordelia Schiffbruch erlitt. Mit einem Kanonenschuss hatte sie die neun nachfolgenden Handelsschiffe vor dem Riff gewarnt; diese interpretierten ihn dummerweise als Signal, einer Piratenattacke wegen zusammenzurücken, und liefen ebenso auf. Die Seeleute wurden von den Einheimischen gerettet, und König George III. gewährte der Insel zum Dank Steuerfreiheit; so geht die Mär. Die Stätte bietet eine schöne Aussicht auf das knapp aus dem Wasser ragende Riff und ein paar Schiffswracks jüngeren Datums.

Die Ästhetik des Kapitalismus
Es ist die Gegend, wo George Novak wohnt, der «Barefoot Man», wie ihn alle nennen, weil er 1971, als er auf die Insel kam, kaum mehr als ein Paar Sandalen sein eigen nannte. Ein gebürtiger Deutscher, emigrierte er mit achtzehn in die USA und hüpfte von Insel zu Insel, bis er auf Grand Cayman fand, was er suchte, nämlich nichts: kein Radio, kein Fernsehen, kein Telefon, das diesen Namen verdient – ein Ort hinter dem Mond in einer Zeit, als der bereits von Menschen betreten war. George geht noch immer barfuss, holt sich seinen Hummer zum Dinner mit dem Kajak und meint freimütig, er sei ein Heuchler – einer jener Caymaner, die das Ende der guten alten Zeit so beklagen, wie sie davon profitieren. Barde der Insel, huldigt er mit Calypso-Songs wie «Thong Gone Wrong», «Save the Lap Dance For Me» oder «I Wish I Were Your Bicycle Seat» für amerikanische Touristen der niederen Minne. «Ich bin wie ein Rastafari, der in München für Deutsche Polka spielt», mokiert er sich über die Widersprüche der Globalkultur, die er personifiziert. Und bringt dann im Reef Resort, einem pastellbunten Saal mit dem Charme eines aufgefrischten Altersheim-Cafés, das Publikum in Stimmung, bis selbst gesittete Damen rhythmisch mit den Lenden zucken und zum Smokie-Hit «Who the fuck is Alice?» skandieren.
Ein paar wenige Leute tun alles, damit von den Naturschönheiten noch etwas bleibt. Wie Frédéric Burton, der sein Leben dem Blauen Leguan verschrieben hat; jener Prachtsechse, die nur auf den Cayman Islands vorkommt und von der es 2001 weniger als fünfundzwanzig frei lebende Exemplare gab. Burtons Zuchtprogramm mit dem Ziel, eintausend Tiere in der Wildnis anzusiedeln, hat nur eine Erfolgschance, wenn das Landesinnere nicht zugebaut wird, wie das im grossen Geldrausch zu kurz gekommene Grundeigentümer gerne hätten. Ob Gun Club, Rennstrecke oder die zwei eben eingerichteten Delfinarien – der Freizeitzirkus giert nach neuen Attraktionen und findet Gehör bei einer Regierung, in deren Naturschutzprogramm die goldenen Kälber obenan stehen.
Eine Ausnahme ist die Schildkrötenfarm in der Boatswain’s Bay, ein Staatsbetrieb, der Ökologie und Ökonomie musterhaft verbindet. In grossen Tanks werden hier die Suppenschildkröten gezüchtet, die einst die Nahrungsgrundlage der Caymaner waren, heute aber geschützt sind. Rund tausend werden jährlich freigelassen, ebenso viele geschlachtet. Die Panzer werden in Länder exportiert, wo sie nicht auf der schwarzen Liste stehen, das Fleisch wird auf dem lokalen Markt verkauft, sodass man in Restaurants wie dem Cracked Conch Schildkrötensteaks verzehren kann, ohne von Greenpeace vor Gericht geschleppt zu werden. Die Tiere bringen bis zu sechzig Kilo auf die Waage, und ausser Panzer und Kopf kann man alles essen. «Schmeckt wunderbar, jeder Körperteil anders, es braucht nur Salz, Pfeffer und Zwiebeln dazu», schwärmt der Farmarbeiter Tony Curtis Ebanks und zeigt auf die weisse, dem Panzer entlanglaufende Linie, die praktischerweise markiert, wo das Schlachtmesser anzusetzen ist.
Gegen Raubtiere wie Baulöwen und Finanzhaie, die auf den Cayman Islands Kasse machen und wieder verschwinden, können nur Zugezogene mit einem Interesse an einem lebenswerten Zuhause ankommen. Wie etwa der Kanadier Ian Washbrook, der mit Frau und kleiner Tochter hier ist. Als Bauingenieur lebt er vom Boom, will ihm aber nicht alles geopfert sehen. Ian strahlt jene Weltoffenheit aus, die gewinnt, wer die Welt kennt; in Europa, in Russland, Ägypten und Indien stationiert, gehört er zur kosmopolitischen Gesellschaft, die man beispielsweise im Sunset House antrifft, einer grossen Strandbar. Sie ist nicht weniger vielfältig als die einer Metropole, doch weit zugänglicher.
Was vielleicht auch der Karriere dienlich sein mag. In Rum Point, im Nordosten der Insel, stehen die grossen Mansions, die Wintersitze der «Snowbirds», der Hollywood-Bosse, Hotel-Magnaten, Kasino-Kings und anderer Big Shots, die sich zu den Armen rechnen, wenn ihr Vermögen unter die Milliardengrenze fällt. An Wochentagen ist es eine Geisterstadt, verwaist wie der Strand mit den weissen Liegestühlen vor dem azurblauen Wasser, in dem dunkel die Riffe wabern und eine sanftwarme Brise den Wellen Schaumkrönchen aufsetzt, akkurat wie ein Kisag-Bläser.
Da im Sand kann man neben anderem Strandgut auch halb gerauchte Havannas finden. Echte, deretwillen Amerikaner, denen Kuba verbotenes Land und der Zigarrenimport untersagt ist, hierher fliegen, wo sie zu den legalen Drogen gehören: ein Kitzel der Sünde in dem sonst so protestantischen Eiland, das aus dem Geist des Kapitalismus seine Ästhetik gezimmert hat.

Barbecue aus der Blechtonne in Bodden Town | Serge Hoeltschi
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Fast könnte man es gemütlich nennen: Sitz der UBS in der Hauptstadt George Town | Serge Hoeltschi
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Alle Mann von Bord: Die Spiessertrendsportart Schnorcheln gehört zu den Hauptattraktionen. | Serge Hoeltschi
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Simon Cawdery, Portfolio-Manager bei einer Schweizer Bank: «Ich bleibe so lange hier, bis es mich langweilt.» | Serge Hoeltschi
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Britisch die Insel, amerikanisch die Architektur: Eine der vielen Malls beim Seven Mile Beach | Serge Hoeltschi
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Kunst kommt hier noch ausschliesslich von Können: Skulptur, wie man sie überall auf den Inseln sieht. | Serge Hoeltschi
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