Augusto Gansser, Vermesser der Welt

Er erforschte als Erster den heiligsten Berg der Tibeter, suchte für den Schah von Persien nach Öl und kartografierte Bhutan.Leben und Abenteuer des Schweizer Geologen Augusto Gansser

05.09.2008 von Ursula Eichenberger , 1 Kommentar

Er kneift das rechte Auge zusammen, zieht die Braue über dem linken hoch, versprüht diese stahlblau hinterlegte Lebhaftigkeit, die nur noch aus einer Pupille stammt, und sagt: «Auf dem linken Auge bin ich komplett blind, mit dem rechten sehe ich nur Schönes.» Ein Satz, der so typisch ist für den 98-jährigen Augusto Gansser, über dessen Lippen kein Wort der Klage kommt, der in allem das Gute sieht und dessen Gesichtszüge und Mimik neben würdevollem Alter unverbrauchte Vitalität ausstrahlen.
Dabei ist der Lebensradius des grossen Welt-Erforschers klein geworden. Seine kurzen Schritte hinter dem Gehbock beschränken sich auf die Distanzen zwischen Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer und Veranda. An guten Tagen tastet er sich die Steintreppe hinab in den Garten, der wie ein grosses, geschütztes Vogelnest auf dem Hügel ob Lugano thront. Unter dem weissen Haarschopf verbirgt sich ein Kopf, in dem grosse Klarheit herrscht, ein verblüffendes Gedächtnis, ein starker Wille. Ein Leben lang hat er geschrieben, skizziert, kartografiert, gezeichnet. Heute beschränken sich seine Notizen auf die Mondphasen und die Zusammensetzung des Menüs, das ihm seine Nachbarin täglich bringt.
In Augusto Ganssers Haus erzählt jeder Gegenstand eine Geschichte aus seinem reichen Leben. Büchertürme balancieren neben vollen Regalen, auf beschrifteten Kisten stapeln sich geologische Karten. Der Esstisch, an dem ehemals vierzehn Personen Platz fanden, ist zur meterlangen Ablage von Papier, Skizzen, Karten, Büchern und Mappen mit Aufschriften wie «Eigene Helgen ab 1928» geworden. Auf einem schmalen Regal unter dem Fenster reiht sich Tagebuch an Tagebuch, die meisten in dünnes Leder gebunden, lange Passagen in Spiegelschrift verfasst, um die geologischen Erkenntnisse in Sicherheit zu wissen. Die ersten Aufzeichnungen datieren von Ende der Zwanzigerjahre, sie reichen bis ins Jahr 2004. Viele Seiten sind zeichnerische Kunstwerke: Miniaturen seltener Pflanzen; Hunderte Bergpanoramen; Quer- und Längsschnitte durch Gebirgszüge; sorgfältig gezogene Linien, beschriftet mit unzähligen Zahlen, Höhenan-gaben, Winkeln – Gedankenhilfen fürs Erstellen von Karten aus Ländern, die vor Gansser kein Geologe betreten hat.

Die wichtigsten Stationen seines Forscherlebens:
1934: Expedition an die Ostküste Grönlands
1936: Expedition in den Himalaja: Gansser entdeckt die geologische Nahtstelle zwischen dem Subkontinent Indien und dem übrigen Asien.
1938-1946: Kolumbien: Im Auftrag des Ölkonzerns Shell nimmt Gansser geologische Untersuchungen vor.
1947-1949: Trinidad: Gansser folgt erneut dem Ruf von Shell.
1950-1957: Persien: Als Chefgeologe der staatlichen iranischen Ölgesellschaft sucht er im Auftrag des Schahs nach Öl.
1963-1977: Fünf geologische Expeditionen in Bhutan

Umgeben von seinen Erinnerungen lebt Augusto Gansser seit acht Jahren allein. 2000 ereignete sich die «einzige wirkliche Katastrophe in meinem Leben»: Seine Frau Linda, genannt Toti, stirbt, nach einer über zehn Jahre dauernden Alzheimer-Erkrankung. Während dreiundsechzig Jahren war Toti sein Lebensmittelpunkt, seine nie kleiner werdende grosse Liebe. Er wird wortkarg, wenn es um sie geht. Beim Durchblättern von Familienalben bleibt er bei ihren Bildern lange hängen, fährt mit dem Finger über das Profil oder umrundet ihren Kopf. Als es vor Jahrzehnten darum ging, wer eine in der Familie Gansser begehrte, wertvolle Zuckerdose bekommen sollte, entschieden sich Augustos Eltern spontan für Toti mit der Begründung, sie mache ihren Augusto rundum glücklich. Er legt die Handflächen aufeinander: «Ecco, so wars.»
Toti begleitete ihn auf allen Stationen, zog mit ihm nach Kolumbien, Trinidad, Persien, gebar fern der Heimat ihre Kinder. Achtköpfig war die Familie, als sie Ende der Fünfzigerjahre in die Schweiz zurückkehrte. Augusto Gansser war zum Professor an der ETH berufen worden. Doch auch während der zwanzig Jahre, in denen er das Geologische Institut der ETH leitete, zog es ihn immer wieder in die Ferne – und nach seiner Emeritierung ohnehin.
Mit grosser Bescheidenheit erzählt er aus diesem abenteuerreichen Leben. Kein Berg schien ihm zu hoch, keine Expedition zu mühsam, keine Bewilligung unmöglich zu bekommen, keine Gefahr zu gross. Wie oft muss er gefroren, wie häufig auf Papiere, Transportmöglichkeiten, Tiere, Proviant gewartet haben! Doch diese Momente kommen in seinen Aufzeichnungen höchst selten und in seinen Erzählungen gar nicht vor. Es ist die ihm eigene, überaus positive Einstellung, die zu dieser Sichtweise führte – und sich heute auch darin zeigt, mit der verbliebenen Sehkraft nur das Schöne aufzunehmen.

1934: Grönland
1936: Himalaja

Nachdem ihn die erste seiner Exkursionen im Alter von 24 Jahren für vier Monate nach Ostgrönland führte, wo unter der Leitung des dänischen Geologen und Polarforschers Lauge Koch die Arktis weiter erkundet wurde, begibt sich Augusto Gansser zwei Jahre später im Gefolge des bekannten Schweizer Geologen Arnold Heim auf die erste schweizerische Himalaja-Expedition. Die Forscher haben zum Ziel, den zentralen Teil des grössten Gebirgszuges der Welt zu erforschen – eine Region, die grösstenteils noch völlig unbekannt ist. Gleich zu Beginn stösst der junge Geologe in Indien auf exotische Blöcke, die aus dem tibetischen Norden zu stammen scheinen und gegen die indische Grenze geschoben worden sein müssen. «Diese Steine liessen mir keine Ruhe», so Gansser, «ich musste wissen, woher sie stammten.»
Um zum Kailas gelangen zu können, dem heiligsten Berg der Welt im damals für Ausländer unzugänglichen Tibet, verkleidet sich Gansser als Pilger und zieht mit zwei Einheimischen und seinem Sherpa los. Die Verkleidung ist perfekt. Bis weit übers Knie reicht der zinnoberrote Mantel aus Schafwolle, die Fellmütze zieht er tief in die Stirn, der Bart ist struppig, das Gesicht sonnengebräunt. Wären da nicht die blauen Augen, die er in heiklen Momenten abwendet, würde nichts darauf hindeuten, dass unter der typischen Aufmachung eines Lamas nicht ein tibetischer Pilger, sondern ein Schweizer Geologe steckt. Und dass in den tiefen Mantelfalten nicht wie üblicherweise Proviant und Gebetsmühlen versorgt sind, sondern Höhenmesser und Hammer.
«Wäre ich in Tibet entdeckt worden, würde ich heute kaum hier sitzen», sagt Gansser über siebzig Jahre später in seinem Tessiner Zuhause. Dem Forscher hätte die Todesstrafe gedroht. Damals ahnt niemand, dass ihm während des langen Fussmarsches eine Sensation gelingen sollte: Am Fuss des Kailas entdeckt er Steine, die im Lauf der Geschichte offenbar aus der Tiefe um mehrere tausend Meter angehoben worden sind. Wie sich später herausstellt, hat Gansser die Nahtstelle zwischen dem Subkontinent Indien und dem übrigen Asien entdeckt.

1938 bis 1946: Kolumbien
1947 bis 1949: Trinidad

Während in Europa die Kriegswirren ihre schrecklichsten Ausmasse annehmen, sind der Geologe und seine Frau in Kolumbien stationiert, die ersten beiden der drei «südamerikanischen» Kinder kommen zur Welt. Eigentlich hatte Gansser 1938 mit der Ölfirma Shell einen Dreijahresvertrag abgeschlossen; er sollte die Pazifikküste und die Flussebenen hinunter zum Orinoko erforschen. Doch der Krieg liess aus den drei Jahren acht werden.
Während Ganssers Expeditionen ins Landesinnere ist seine Gattin Toti manchmal während Monaten ohne jede Nachricht von ihrem Mann. «Doch ich wusste, er würde immer wiederkommen», hält sie in ihren Aufzeichnungen «La Moglie d’un Geologo» (Die Frau eines Geologen) fest. Entgegen den üblichen Regeln bei Shell, die Partnerinnen der Mitarbeiter erst nach einem Jahr nachzuholen, darf Toti ihren Mann von Beginn an nach Bogotá begleiten. Ihre Auszeichnungen als Schweizer Meisterin im Rückenschwimmen waren für den Ölgiganten Beweis genug, dass sie zäh war. Und so kommt es, dass einer der höchsten Berge Kolumbiens heute offiziell ihren Namen trägt: Pico Toti. An der Seite ihres Mannes gelingt ihr die Erstbesteigung des 5100 Meter hohen Gipfels.
Die meisten Exkursionen unternimmt Gansser aber allein. Shell hat zum Ziel, den Fuss der Anden genauer zu untersuchen, und erteilt ihm den Auftrag, die weitgehend noch unbekannten Gebiete am Berg Macarena zu erforschen. 1942 stösst Augusto Gansser hier auf Felsen, aus denen flüssiger Asphalt tropft – «unvergesslich für einen Petroleum-Geologen», wie er noch heute mit Begeisterung festhält.
Der Aufenthalt in der Heimat nach der Rückkehr im Jahr 1946 ist kurz; 1947 folgt Gansser erneut dem Ruf von Shell, dieses Mal nach Trinidad. Die ersten Monate sind friedlich, doch dann kommt es zu einer Revolte unter den Einheimischen, schliesslich zünden die Mao Mao eine Ölbohrung an. Bis zur Entschärfung der politischen Situation zählt Gansser zum Expertenteam, das die von dichtem Dschungel umgebenen brennenden Ölfelder Tag und Nacht bewachen muss.

1950 bis 1957: Persien
1963 bis 1977: Bhutan

1950 wird Augusto Gansser zum Chefgeologen der staatlichen iranischen Ölgesellschaft berufen, im Auftrag des Schahs soll nach neuen Ölvorkommen gesucht werden. Mit Hilfe der Luftwaffe macht er Reliefaufnahmen, und in Kombination mit genauer Feldarbeit gelingt es ihm, einige vielversprechende Orte zu bestimmen. 1956 bricht nach einer Bohrung eine gewaltige Quelle aus. Die Bohrung liegt 70 Meter von der meistbefahrenen Hauptstrasse des Iran entfernt und weniger als fünf Kilometer von der mit Dampf betriebenen transiranischen Eisenbahn. Die Regierung ruft den Notstand aus. Während drei Wochen werden Tag für Tag 80 000 Tonnen Öl in die Luft katapultiert – einer der gigantischsten Ausbrüche in der Geschichte der Ölförderung. Dann beschliessen die Experten, dem Schauspiel ein Ende zu setzen, indem sie das austretende Gas aus der Ferne anzünden. «Es war das grösste je von Menschen gemachte Feuer», mutmasst Gansser heute – und der Beginn einer der erfolgreichsten Ölgewinnungen des Irans ausserhalb des Gürtels am Persischen Golf. Aus Dankbarkeit will ihm der Schah eine Medaille überreichen. Das aber unterbindet der Schweizer Botschafter mit der Begründung, Gansser sei schliesslich noch militärpflichtig.
Zwischen 1963 und 1977 zieht es Gansser fünfmal für mehrere Monate ins für Ausländer damals hermetisch abgeriegelte Bhutan. Erneut legt er Hunderte von Kilometern zu Fuss zurück, beobachtet, vermisst, rechnet, zeichnet, fotografiert. Ohne Unterstützung des bhutanischen Königs Jigme Dorje Wangchuk wären die Abstecher in die einsamen Hochtäler undenkbar. Seine Tagebucheinträge berichten von manchem Besuch im Palast in Thimphu: vom grossen Empfangszimmer mit den Tigerfellteppichen, vom Werweissen mit dem König, ob in seinem Land Yetis vorkommen. Eine besondere Verbindung entwickelt sich zur Mutter des Königs, einer «hochgebildeten, sehr emanzipierten Frau, die ein grosses Flair für meine Arbeit hatte». Gansser macht ihr mit regelmässigen Bündnerfleisch-Lieferungen eine grosse Freude. Zudem überreicht er ihr und ihrem Sohn seine gesamten geologischen Karten und Skizzen des Landes – die ersten ihrer Art.

Texte aus: «Augusto Gansser – aus dem Leben eines Welterkunders», herausgegeben von Ursula Markus, Texte von Ursula Eichenberger, (AS-Verlag, Zürich), erhältlich ab 17. September
www.as-verlag.ch

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Manfred Kleinert

    Vor Ganssers Expedition zum Kailas gab es schon umfangreiche Forschungsreisen zum heiligsten Berg der Tibeter. So z. B. hat der Schwede Sven Hedin auf seiner Tibet-Expedition 1906-8 besonders im Kailas-Gebiet geforscht und die Ergebnisse in dem wissenschaftlichen Werk “Southern Tibet”, 9 Bände, 2 Kartenbände, 1 Panoramaband, 1916-22, dokumentiert. Heim und Gansser bedanken sich in ihrem Buch “Thron der Götter” für Ratschläge bei Hedin.

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