Ausgebloggt?

Der Blog ist tot. Denn alle Internetuser bloggen inzwischen, auf ihre Weise. Sogar der Kolumnist.

19.11.2008 von Thomas Zaugg , 5 Kommentare

Zuerst habe ich die Blogger belächelt, dann begann ich sie zu fürchten. Da lag diese Radikalität in ihnen. Sie waren ja noch jung und doch früh verbittert, zumindest im deutschsprachigen Raum. Hier hatte sich der düstere Deutschidealismus in die Postings eingeschlichen. Nein, den hiesigen Bloggern genügte nicht, wie die grossen Vorbilder aus den USA witzig, frisch und frei in die Tasten zu hauen, nein, hierzulande musste Bloggen subversiv sein, gehaltvoll, unabhängig, kritisch, jaja superkritisch, zum Beispiel diese superkryptokritischen Medienbeobachtungsblogs, die ich leid bin zu lesen, weil mir Menschen, die vor ihren Laptops sitzen und alles beobachten und lesen und jeden Tag irgendetwas zu kritisieren haben, weil mir solche Menschen nicht auf mein MacBook Air kommen.

Mein Motto lautete immer: Mensch ärgere dich nicht, Mensch blogge nicht. Warum bloggen? Gab es denn nicht die Zeitungen? Und stand denn nicht seit jeher alles im Teletext? (Der Tag, an dem der Teletext ausgeschaltet wird, wird der Tag sein, an dem ich meinen ersten Leserbrief schreibe.) Und überhaupt, warum sollte das denn gut sein, womit die Blogger immer prahlten, nämlich dass bei ihnen alle Postings untereinander verlinkt seien? Bin denn nicht ich selber, mein Gehirn, der Link zwischen den Postings?

Das waren immer so meine Fragen, aber ich behielt sie für mich, weil, nun ja, man musste aufpassen, was man im WWW über die Blogger schrieb, damals jedenfalls. Unlängst aber, als ich bei Facebook wieder einmal reinschrieb, wie ich mich so fühlte und so weiter und sofort, da merkte ich, dass ich einer von ihnen war. Ja, ich war ein Blogger! Ich hatte ja etwas ins Internet geschrieben. Ein Posting sozusagen. Und die anderen Internauten konnten es lesen und kommentieren.

Es gab keine andere Erklärung. Ich musste ein Blogger sein.

Das war vor etwa einer Woche. Ich glaube, es war das Ende des Bloggerzeitalters. Bloggen war auf einmal Mainstream geworden an jenem Sonntagmorgen, den ich im Pyjama verbrachte. Ich lag auf meinem Sofa, das MacBook wärmte meinen Bauch, ich füllte das Netz mit allerlei Spuren meiner belanglosen Existenz, und ich erkannte: Wir alle waren zu Bloggern geworden, wegen Facebook. Tja, so schnell geht das.

Übrigens, bei der Gelegenheit habe ich lange darüber nachgedacht, was das sein könnte: ein Freund. Auf Facebook habe ich 148 Freunde. Ich dachte aber nicht an meine 148 Freunde auf Facebook, nein, zuallererst dachte ich: ein Freund, das muss etwas Nettes sein. Man kann ihm zum Beispiel gestehen, dass man mit dem Betriebssystem Windows fremdgeht oder mit seiner Freundin, und die Freundschaft bleibt trotz allem bestehen. Die Menschen sagen: «Wir sind Freunde, wir können uns alles sagen.» Das also, dachte ich, während ich Facebook wegklickte, das also ist Freundschaft: wenn man sich antut, was sich Freunde nie antäten, und man dennoch Freunde bleibt.

So, fertig. Und? Wie war mein erstes Posting als Blogger? Ich übe noch.

Noch mehr «Zauggomat»-Geblogge gibt es auf Facebook.

Protest eines Bloggers der ersten Stunde. | Bild: Julia Marti
Protest eines Bloggers der ersten Stunde. | Bild: Julia Marti

Die Diskussion

5 Reaktionen

  1. Profile Pic
    Christian Röthlisberger

    man kommt um den eindruck nicht herum, als würden sich die tamedia redaktionen das thema “blogs” als eine art bashingstaffette weiterreichen. ich bin gespannt, welcher titel als nächstes ran darf. dürfte ich wünschen, dann bitte in der schweizer familie, damit auch meine tante endlich weiss, dass alle blogger inkl. dieser leuenberger sonderbare schräglinge sind.

    ich habe ehrlich gesagt nicht so recht verstanden, was sie uns hier eigentlich sagen wollen. dass sie mit den begriffen irgendwie ein puff anrichten, muss was mit ironie zu tun haben oder sonst einem kolumnistentrick.

    aber wenn sie hier “bloggen” und “etwas-in-facebook-reinschreiben” miteinander gleichsetzen, dann ist das auch mit viel ironie noch immer grundfalsch und sie stiften damit mehr verwirrung statt aufklärung. denn ein sozial network wie facebook und ein weblog sind doch grundverschiedene anwendungen, oder?

    wenn schon müsste man für das, was man in facebook auch u.a. reinschreiben kann, den begriff “microblogging” verwenden. aber so eine differenzierung würden ihre leser noch weniger verstehen, jedenfalls die meisten. genausowenig wissen ihre leser, jedenfalls die meisten, etwas über hyperlinks und darum dürfen sie sich auch darüber lustig machen, wenn auch etwas gar angestrengt.

    ich habe übrigens von ihrer zauggomat kolumne ganz generell den eindruck, dass sie sich über die errungenschaften und die entwicklung im internet viel lieber lustig machen als ihre weitgehend nichtsahnenden leser darüber aufzuklären, was da gerade abgeht, was das potential ist und was das alles für konsequenzen haben wird – gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell, sozial, etcpp.

    zugegeben, information und aufklärung ist nicht unbedingt die erste kernfunktion einer kolumne. aber ihr ständiges belächeln und veräppeln der digitalen entwicklung wird derselben hinten und vorne nicht gerecht. übrig bleibt zu oft der eindruck, dass sie das alles viel weniger ernst nehmen, als es wirklich ist. und viel weniger davon verstehen, als sie vorgeben.

    ein untrüglicher hinweis auf diese diagnose ist auch ihre katgorische weigerung, in medienblogs zu lesen. damit entziehen sie sich der auseinandersetzung mit den existentiellen veränderungen, die in ihrem berufsstand gerade bevorstehen. leider ist das sehr typisch für ihre gilde, was u.a. den mangel an journalisten erklärt, die die medienkonvergenz gut erklären könn(t)en. das tun bisher fast ausschliesslich blogger.

    insofern ist ihr erstes posting als blogger voll in die hosen gegangen. insbesondere auch deshalb, weil weder die print- noch die online ausgabe des magi ein blog sind. zumindest vorläufig noch nicht.

  2. Profile Pic
    Kurt Steuble

    Wenn sich ein Kolumnist eines Medien-Elaborats über Verlinkungen lustig macht, kommt mir die Galle hoch, und zwar nicht deshalb, weil ich mich dann als Blogger veräppelt fühle. Damit kann ich leben… Nein, ich habe als ganz einfacher Leser genau hier das Gefühl, dass Zeitungen und damit auch Sie etwas von Bloggern lernen könnten: Die Souveränität nämlich, fremde Quellen zu verlinken, Zitate in Online-Texten zu verlinken etc. Das macht “man” nämlich unter Internauten, wie Sie uns und andere, die ins Netz schreiben so schön nennen.

    Ihre Schmerzgrenze scheint zudem einigermassen hoch zu liegen. Über 140 Freunde bei Facebook anzuhäufen, bevor man (unter anderem) darüber eine Kolumne schreibt, beweist vor allem eines: Sie würden tatsächlich gescheiter ein Blog betreiben. Wenn Sie das vier Jahre durchhalten, so garantiere ich Ihnen eines: Sie werden tatsächlich Freunde finden und sehr interessante Bekanntschaften machen. Weil die Interaktion in einem Blog die Diskussion über fast jedes tiefer gehende Thema erlaubt.
    Ob dem so ist, haben dann nämlich Sie massgebend in der Hand – genau so, wie Sie hier – sicher auch wieder erfolgreicher – die Qualität des Magazin-Inhalts mit bestimmen.

  3. Ralph Hutter

    Thomas Zaugg beschreibt sehr treffend DAS typische Phänomen im Web 2.0: User-generated Content. Oder abschätzig das “Mitmach-Web” genannt. Es ist tatsächlich unübersehbar. Flickr, Facebook und Youtube sind bei Herr und Frau Schweizer angekommen. Und sie häufen Freunde an wie nie zu vor. Zumindest in Facebook. Und sie belegen Speicherplatz wie nie zuvor. Zumindest mit Digital Fotos und Handy Videos, die dann den Weg auf Flickr, Youtube, Tumbl-Blogs und nochmals Facebook finden.

    Dies als pauschal als Bloggen zu bezeichnen ist falsch. “Veröffentlichen von User-generated Content” tönt etwas ungelenk, wäre aber präzis.

    An dieser Stelle würde ich von einem “Bezahl-Journalisten” eine subtilere Unterscheidung und Analyse wünschen. Microblogs, Tumblblogs, Foto Communities, Social Networks, Musik Microblogs unterscheiden sich in einem Punkt ganz wesentlich. In einem Blog SCHREIBE ich einen Inhalt ganz bewusst zur Publikation, veröffentliche diesen und suche den Dialog. Alle anderen Formen sind Zufalls- oder Schnappschussformen. Ein Bild, ein Link, ein Gedanke, ein Zitat, ein Foto, eine Statusbemerkung ein Link auf ein Youtube Video sind spontan im Bruchteil einer Sekunde erstellt und verlinkt. Sie wollen nur noch etwas Speicherplatz und eine Sekunde Aufmerksamkeit, bevor sie in der Masse der Tweets, Friendfeeds untergehen. Sie haben Gültigkeit und Relevanz zu der Zeit, zu der sie veröffentlicht wurden. Der Blogbeitrag hat den Anspruch ein Thema über Tage, Wochen oder auch Monate zu führen, in Google gefunden zu werden, die Diskussion fort zu führen.

    Die Illustration ist daher sehr treffend gewählt. Thomas Zaugg ist kein Blogger. Oder hat gerade einen neuen Bloggertyp erfunden. Den “Facebook-Blogger”.

  4. Benjamin Birkenhake

    Macht sich gut, das erste Posting. Stehen reichlich “Ichs” drin, ist kruzweilig und auch sonst nicht zu lang. Außerdem hatte es eine schöne Idee, die meinen Tag bereichert. Danke.

  5. Sarina Tschachtli

    Facebook-Bloggen ist doch genau genommen Twittern fuer Nicht-Blogger. Ich wuerde das Blog jedenfalls lesen.

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