Besserwissen: De Gouf vo Neapu

Viele Deutschschweizer­ lassen sich ein L für ein U vormachen. Ohne es zu merken, verändern sie ihre Sprache.

08.08.2008 von Mathias Plüss , 3 Kommentare

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich im Gespräch mit Ostschweizern meinen Dialekt anpasse. Ich sage dann zum Beispiel nicht vöu (viel), wie es meiner südwestaargauischen Mundart entspräche, sondern vil. Das hat, so hoffe ich, nichts mit Unterwerfung zu tun – vielmehr spüre ich, dass ich so besser verstanden werde. Als ich einmal von einem Stauforscher (in meinem Dialekt: Schtouforscher) sprach, meinte mein Gegenüber, ich spräche von einem Stallforscher. Dieser wäre bei mir aber ein Schtauforscher.
Die Verwandlung von L zu U kommt heute i fasch aune westschweizerdeutschen Mundarten vor – die Linguisten sprechen von Vokalisierung. Eigentlich habe ich diese Verformung gern, aber sie hat auch Nachteile: Sie führt, wie gesehen, zu Missverständnissen, sie erzeugt unschöne Vokalhäufungen (Schueu – Schule; Touwuet – Tollwut), und viele geografische Namen klingen einfach doof: Heusinki, Aubanie, de Gouf vo Neapu.
Spontan würde man meinen, es handle sich um ein sprachliches Relikt aus alter Zeit, das bald ganz verschwinden wird. Doch das Gegenteil ist wahr: Die L-Vokalisierung ist eine verhältnismässig junge Erfindung, und sie ist auf dem Vormarsch. Vermutlich tauchte sie erst vor zweihundert Jahren im Emmental zum ersten Mal auf. Im 19. und 20. Jahrhundert breitete sie sich über Teile der Kantone Bern, Solothurn, Luzern und Aargau aus. Noch 1940 vokalisierte in Erlach am Bielersee nur die junge Generation, die alte nicht.
Diese Ausbreitungswelle muss man sich als eigentlichen Klassenkampf vorstellen. Während Dörfler und Unterschichten die Neuerung verhältnismässig rasch übernahmen, wehrten sich die städtischen Oberschichten verbissen dagegen. Sie empfanden das ländliche U als bäurisch und grob, während die Landbewohner das städtische L bald einmal für gespreizt und geziert hielten. Wer vom Land kam und in der Stadt aufsteigen wollte, versuchte sich anzupassen – was manchmal überkorrekte Formen zur Folge hatte: Olge statt Ouge (Augen) oder Holpme statt Houpme (Hauptmann).
So ist das noch heute in den meisten Ländern, etwa in Deutschland: Die Oberschicht spricht standardnäher. Wer von unten nach oben will, empfindet seinen Dialekt als Hindernis und wird ihn spätestens während des Studiums ablegen. Das Interessante ist, dass die Entwicklung in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten ganz anders verlaufen ist: Hier hat gewissermassen die Unterschicht gesiegt. In der Stadt Bern verweigern sich nur noch wenige, meist ältere Menschen der L-Vokalisierung, und auch in der Stadt Luzern ist sie auf dem Vormarsch. Der Freiburger Sensebezirk und der Kanton Nidwalden wurden in den letzten fünfzig Jahren fast vollständig vokalisiert. Und sogar im Kanton Uri ist das Phänomen aufgetaucht.
Erstaunlicherweise merken die meisten Betroffenen gar nicht, dass es sich um etwas Neues handelt. Gerade sprachliche «Exotika», die «nicht dem standardsprachlichen Stand entsprechen», würden oft fälschlicherweise «für alt und bodenständig gehalten», schreibt dazu die Dialektforscherin Helen Christen. Der doch ziemlich massive Eingriff in die lokale Mundart, den man in anderem Zusammenhang wohl als Dialektverfall empfände, wird im Fall der L-Vokalisierung widerstandslos akzeptiert, weil er einen willkommenen zusätzlichen Unterschied zum Hochdeutschen schafft.
Offenbar hat die Schweiz im Zug der Mundartwelle eine Umwertung erfahren: Die L-Vokalisierung wird ­heute darum so breit akzeptiert, weil sie ein wenig nach Kuhstall riecht. Was unsere Vorfahren, jedenfalls die gebildeteren, als rückständig empfanden, empfinden wir heute als urchig und echt.

Illustration: Benjamin Güdel
Illustration: Benjamin Güdel

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. Verena Anklin

    Wenn das Schweizerdeutsche doch so urchig und echt ist, weshalb um alles in der Welt müssen dann unsere Vierjährigen im Kindergarten bereits Hochdeutsch sprechen? Das ist wirklich das allerletzte. Die Kinder kommen noch früh genug in die Mühle und werden unter Druck gesetzt. Das sollte nicht schon im Kindergarten beginnen. Bin ich froh, sind meine Kinder erwachsen! Eines Tages werden wir soweit sein, dass wir uns nur noch innerhalb der Familie in Schweizerdeutsch unterhalten dürfen. Dann gute Nacht Schweiz.

  2. Willy Canziani

    Zur Verluderung des L durch das Bequemlichkeits-U tragen leider auch Ansagerinnen von DRS 1 bei. So kürzlich “Jetz ghörreder de Donouwäuewauzer vom Johann Strauss”.

  3. Michael Straessle

    Das L -> U ist die Schweizer version des Deppenapostroph.

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