Besserwissen: Russland tickt anders

Erdöl ist nicht fossil, behaupten die Russen. Vielleicht haben sie sogar recht.

19.09.2008 von Mathias Plüss

Der Georgien-Konflikt hat es wieder einmal deutlich gemacht: Das russische Weltbild ist anders als das unsere. Während der Westen eine Möchtegern-Grossmacht am Werk sieht, die unter einem dünnen Vorwand seine Einflusssphäre gewaltsam ausweitet, betrachtet sich Russland selber als Friedenskraft, die unschuldige Menschen vor dem georgischen Aggressor schützt. Natürlich gibt es auf beiden Seiten auch Ausnahmen, aber insgesamt ist es schon verblüffend, wie unterschiedlich auch hochintelligente Leute ein und dieselbe Sache wahrnehmen können.
Gewiss, wenn es um Macht geht, spielt der Verstand nicht unbedingt eine zentrale Rolle. Erstaunlicherweise gibt es aber auch im Bereich der vermeintlich objektiven Naturwissenschaften unterschiedliche Auffassungen. Ein Beispiel ist die Austrocknung des Aralsees an der kasachisch-usbekischen Grenze: Einst der viertgrösste Binnensee der Erde, hat der Aralsee seit 1960 etwa neunzig Prozent seines Wassers verloren und ist total versalzen – eine gewaltige ökologische Katastrophe. Während westliche Wissenschaftler dafür ausschliesslich der Wasserentnahme für die Bewässerung der Baumwollplantagen die Schuld geben, halten viele russische Forscher die Austrocknung zumindest teilweise für natürlich. Das Gebiet des Aralsees werde in einem geologischen Prozess langsam angehoben, sagen sie, und deshalb fliesse das Wasser vermehrt in Richtung Kaspisches Meer ab.
Beim Klimawandel ist es ähnlich: Die Neigung, ihn für menschengemacht zu halten, ist in Russland kleiner als im Westen. Man ahnt dahinter den Fatalismus der russischen Seele, die sich über die Jahrhunderte zaristischer und kommunistischer Gewaltherrschaft daran gewöhnt hat, dass der Mensch den Lauf der Dinge sowieso nicht beeinflussen kann. Im individualistischen Westen hingegen sucht man die Schuld mit Vorliebe bei sich selbst. Entsprechend akzeptieren wir nur Sühneleistungen als Gegenmittel und empfinden technische Massnahmen (etwa Gletscherabdeckungen) als Pschiss. In Russland hingegen gibt es eine stattliche Minderheit, die den Klimawandel explizit begrüsst – das wäre bei uns unvorstellbar.
Die wohl grösste Kluft zwischen westlicher und östlicher Naturwissenschaft gibt es aber in der Frage des Erdöls. Für uns sind Öl und Gas fossilen Ursprungs: die Überbleibsel von Algen und Plankton, die an den Meeresboden gesunken sind, von Sedimenten überdeckt und im Laufe der Jahrmillionen zu Brennstoffen verformt wurden. Die Russen hingegen verfechten eine nichtbiologische Theorie: Für sie hat die Existenz von Erdöl nichts mit dem irdischen Leben zu tun. Vielmehr seien die entscheidenden Grundstoffe schon bei der Entstehung der Erde vorhanden gewesen. Tief im Erdinnern seien über Jahrmilliarden riesige Mengen von Erdöl und Erdgas entstanden. Was wir bei Bohrungen finden, sei nur das, was durch seismische Prozesse in die Nähe der Erdoberfläche gelange. Das mag ein bisschen fantastisch tönen, aber vor vier Jahren ist es tatsächlich gelungen, im Labor ohne organische Zutaten Methan herzustellen, den wichtigsten Bestandteil von Erdgas. Mittlerweile ist bewiesen, dass dieser Prozess auch tief drin im Erdmantel stattfindet.
Lustigerweise haben beide Seiten auf ihre Art Erfolg: Der Westen bohrt mit seiner fossilen Theorie und findet Öl. Die Russen bohren nach ihrer nichtfossilen Theorie und finden ebenfalls Öl. Da liegt die Vermutung nahe, dass beide Seiten recht haben und schlicht beide Entstehungsprozesse möglich sind. Aber diese Vermutung ist vielleicht auch wieder nur Ausdruck einer typisch eidgenössischen Kompromissmentalität.

Illustration: Benjamin Güdel
Illustration: Benjamin Güdel

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