28.03.2008 von Mathias Plüss , 4 Kommentare
Der Dreissigjährige Krieg. Schon vier Monate hatten schwedische Truppen die mährische Hauptstadt Brünn belagert, aber nicht einnehmen können. Am 15. August 1645 beschlossen sie: Wenn wir es bis am Mittag nicht schaffen, geben wir auf. Als es am späten Vormittag langsam eng wurde für Brünn, liess der Glöckner der Peter-und-Paul-Kathedrale einfach die Zeit eine Stunde vorrücken und läutete schon um elf Uhr zu Mittag. Die Schweden zogen ab.
Wenn wir dieses Wochenende unsere Uhren um eine Stunde verstellen, handelt es sich schlicht um eine halbjährlich wiederkehrende Schikane. Gewiss, es gibt Schlimmeres als Backofen-Uhren, die sich partout nicht einstellen lassen, oder (dies im Herbst) Zwillinge, deren Geburtsreihenfolge vertauscht wird, weil zwischen den beiden Geburten die Uhr zurückspringt. Aber die Frage ist doch: Wozu die Übung? Das Energiespar-Argument, das bei der Einführung der Sommerzeit entscheidend war, ist längst widerlegt: Zwar schalten die Leute das Licht am Abend tatsächlich später ein. Doch die Einsparung wird kompensiert durch den Mehrverbrauch an Licht- und Heizenergie an den dunkleren April- und Oktober-Morgen. Ein Nullsummenspiel.
Auch die langen Sommerabende, für die viele schwärmen, sind nicht gratis zu haben. Die helle Stunde, die man am Abend gewinnt, fehlt am Morgen – und dies ist dramatischer, als es sich anhört. Denn der Mensch hat eine innere Uhr, die sich nach dem Sonnenstand richtet. Sie sagt uns, wann für uns die beste Zeit ist zum Ruhen, Arbeiten und Essen. Sie läuft nicht bei allen gleich, deswegen gibt es geborene Früh- und Spätaufsteher.
Verschiebt man nun plötzlich den Lebensrhythmus, so gerät die innere Uhr aus dem Takt. Dies geschieht auch, wenn wir uns in eine andere Zeitzone begeben (Jetlag) – doch daran gewöhnt man sich bald; beim Reisen hat sich ja auch der Sonnenstand entsprechend verschoben.
Ganz anders bei der Sommerzeit: Hier wird der Lebensrhythmus verändert, ohne dass die Sonne mitmacht. Für die innere Uhr bedeutet die Sommerzeit darum nichts anderes als die Vorverlegung des Arbeits- oder Schulbeginns um eine Stunde; dies notabene in einer Gesellschaft, die ohnehin schon auf Frühaufsteher ausgerichtet ist. Eine im Herbst veröffentlichte Studie hat gezeigt, dass sich die Spätaufsteher den ganzen Sommer nicht an diesen Stunden-Schock anpassen können: Unter der Woche folgen sie zwar brav dem Sommerzeit-Diktat, doch jedes Wochenende fallen sie automatisch in den Winterzeit-Rhythmus zurück. Sie leben also sieben Monate im Jahr gegen ihre innere Uhr.
Man wird den Verdacht nicht los, dass es sich bei der Sommerzeit insgeheim um eine Disziplinarmassnahme handelt. Schon der amerikanische Staatsmann Benjamin Franklin (1706–1790), auf den die Sommerzeit-Idee zurückgeht, hatte unter anderem vorgeschlagen, bei Sonnenaufgang «in jeder Strasse mit Kanonen zu feuern, um die Faulpelze zu wecken und ihnen die Augen zu öffnen für ihre wahren Interessen». Der kanadische Schriftsteller Robertson Davies schrieb 1947 treffend, für ihn stecke hinter der Sommerzeit «die knöchrige, blaufingrige Hand des Puritanismus, die begierig darauf ist, die Leute früher ins Bett zu bringen und früher wieder hinaus, um sie gesund, wohlhabend und weise zu machen». Erreicht wird das Gegenteil: Die Sommerzeit begünstigt in Geschäft und Schule die geborenen Frühaufsteher und schadet der Gesundheit der vermeintlich faulen Spätlinge.
Als die Schweden aus Brünn abzogen, rächten sie sich fürchterlich an der Landbevölkerung und brannten unzählige Dörfer nieder. Eine Stunde, die man mit einem billigen Trick ergattert, kann einen teuer zu stehen kommen.

von Benjamin Güdel
Egal, welche Zeit unsere Uhren anzeigen, die Sonne geht so oder so je nach Jahreszeit früher oder später auf und unter. Und besonders die Spätaufsteher würden als erste leiden, wenn ihnen die Sonne schon um vier statt erst um fünf Uhr morgens aufs Füdli brennt.
Vielen Dank Matthias Plüss. Endlich mal jemand, der das Mühsal der Sommerzeit auf den Tisch bringt. In unserer ach-so-liberalen Gesellschaft ist es immer noch akzeptiert, dass die calvinistische Moral mit Hilfe des Staates der Bevölkerung vorschreibt, im Sommer eine Stunde früher aufzustehen.
@ Peter Rossel: Wenn jeder aufstehen könnte, wann er will, dann hätten Sie recht. Aber zumindest an Werktagen müssen beide gleich früh raus, der Langschläfer und der Frühaufsteher. Und es steht sich um sieben Uhr eben leichter auf, wenn es schon seit vier Uhr hell ist. Weil sich die innere Uhr nach der Sonne richtet. Unser Körper folgt Regeln, die sich nicht so einfach manipulieren lassen. Ob man Langschläfer oder Frühaufsteher ist, hat auch nichts mit Faulheit zu tun, sondern ist weitestgehend genetisch bedingt. Es gibt gerade eine interessante neue Studie dazu, siehe hier: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,542770,00.html
Es geht ja nicht nur um die Frühaufsteher und Langschläfer: der ganze Tagesablauf läuft asynchron die erste Woche. Man sollte zu Zeiten essen zu denen man noch gar keine Hunger hat. Resp. im Herbst knurrt der Magen, obwohl man noch arbeiten muss (nicht in jedem Job kann man sich die Zeiten selber auslesen). Sollte aufstehen, wenn man noch schlafen möchte oder liegt am Morgen wach und wartet bis man endlich aufstehen kann (nachdem man am Abend gewartet hat, bis einen endlich der Schlaf überkommt.)
Dies gilt auch für Schüler und Lehrer. Die sind in feste Zeiten eingebunden. An Elternabenden waren das auch schon Themen: Die Kinder hinken am Morgen der ersten Woche nach der Zeitumstellung dem Tag einfach eine Stunde hinterher, werden zur “natürlichen” Mittagspause unruhig und unkonzentriert. Ich denke, die gleichen Beobachtungen machen auch Landwirte, resp. Berufsgattungen die mit Tieren zu tun haben.
Falls diejenigen, die sich die Arbeitszeit selber einteilen können, dann halt einfach eine Stunde später zur Arbeit gehen als während der “analogen” Zeit, sind wir ja wieder gleich weit. Die ganze Uebung bringt, in meinen Augen, gar nichts.
Es ist schön Ende März/anfangs April schon bei Tageslicht Feierabend zu haben, aber das hätte man auf natürlichem Weg 2 bis 3 Wochen später sowieso…
Und für die Freizeitsportler die halt eine Stunde länger trainieren können nachts: Ich gönne denen diese Möglichkeit. Glaube aber nicht, dass es sich lohnt, nur wegen einer Gruppe von Natur- und Sportfreunden die Uhrzeit auf einem ganzen Kontinent zweimal im Jahr umzustellen.