Besserwissen: Zerstreutheit

Vergessen Sie öfter mal etwas? Dann sind Sie womöglich ein Genie.

11.04.2008 von Mathias Plüss

Den Sonntagvormittag widmete der österreichische Physiker Ludwig Boltzmann (1844–1906) gern seinen Kindern. Er nahm sich eines, legte es in den Kinderwagen und ging im Wiener Rathauspark spazieren. Irgendwo setzte er sich dann auf eine Bank, begann nachzudenken und vergass alles um ihn herum. Die Sache endete meist so: Boltzmann kam gegen Mittag gedankenverloren nach Hause – der Kinderwagen samt Inhalt wurde von der Polizei nachgeliefert, bei der ihn Spaziergänger abgegeben hatten.
Unter den grossen Physikern ist der Typus «zerstreuter Professor» eher die Regel als die Ausnahme. Fritz Houtermans (1903–1966), in seinen letzten Lebensjahren Physikprofessor in Bern, soll einmal schwer schnaufend mit einem vollen Abfallkübel in seinem Institut eingetroffen sein – er hatte vergessen, ihn in den Container vor seinem Haus zu leeren. Albert Einstein (1879–1955) war berüchtigt für seine Vergesslichkeit: Er konnte sich seine Telefonnummer kaum merken und rief manchmal bei seinem Institut in Princeton an, um nach seiner eigenen Adresse zu fragen. Auch Passanten fragte er gelegentlich nach dem Nachhauseweg. Nachdem er in seiner Strasse mehrmals sein Haus nicht wiedergefunden hatte, liess man die Haustür leuchtend rot streichen. Selbst mit seinem Namen hatte Einstein Mühe. Nach einem Lapsus schrieb er 1916 an seinen Sohn: «Die kuriose Unterschrift in meinem letzten Schreiben ist dadurch zu erklären, dass ich öfter in meiner Zerstreutheit statt mich selber die Person unterschreibe, an die der Brief gerichtet ist.»
Wörter gehen manchmal seltsame Wege. «Zerstreut» bedeutete ursprünglich nichts anderes als «verstreut», bis es im 18. Jahrhundert, offenbar unter Einfluss des französischen «distrait» («abgelenkt»), zu einem Synonym für «geistesabwesend» wurde. Ein schwer nachvollziehbarer Wandel, denn nun läuft die Bedeutung gleichsam dem Wort zuwider: Ein gedankenverlorener Professor zerstreut seinen Blick eben gerade nicht über das ganze Spektrum, sondern konzentriert sich voll auf seine Arbeit. Nicht zerstreut ist er, sondern fokussiert.
Darum empfindet der angefressene Wissenschaftler jede alltägliche Verrichtung als störend. Besonders das Essen gilt ihm bloss als lästige Unterbrechung der Arbeit. Albert Einstein hatte über viele Jahre Magenschmerzen, bis seine Ärzte herausfanden, dass er immer wieder zu essen vergass. Der ungarische Mathematiker Paul Erdös (1913–1996) hat in seinem Leben kein einziges Mal gekocht. Auf eine entsprechende Frage sagte er: «Ich könnte wahrscheinlich ein Ei kochen, aber ich habe es nie probiert.» Mit 21 Jahren schmierte er sich zum ersten Mal ein Brot («es war gar nicht so schwer»).
Vom amerikanischen Mathematiker Norbert Wiener (1894–1964) erzählt man sich, er sei einmal auf dem Weg zur Mensa von einem Studenten aufgehalten worden. Nachdem sie ein mathematisches Problem erörtert hatten, fragte Wiener: «Können Sie mir sagen, aus welcher Richtung ich gekommen bin, als Sie mich ansprachen?» Der Student zeigte es ihm. «Gut, dann habe ich noch nicht gegessen», sagte Wiener und entfernte sich in Richtung Mensa. Nebenbei: Dieser Norbert Wiener, der nicht einmal die Übersicht über seine Nahrungsaufnahme hatte, war der Erfinder der Kybernetik, der Wissenschaft von der Struktur und Steuerung komplexer Systeme.
Wenn Sie also öfter etwas vergessen oder verstreuen, dürfen Sie sich der Verwandtschaft mit all diesen Geistesfürsten rühmen. Aber nur, wenn auch Sie bei Ihrer Arbeit Grossartiges leisten.

Literaturhinweis:
Anita Ehlers: «Liebes Hertz! Physiker und Mathematiker in Anekdoten», Birkhäuser-Verlag, 1994

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