12.09.2008 von Martin Beglinger , 2 Kommentare
Die Armee, wir wissen es, steht schwer unter Druck. Am meisten setzt ihr der eigene Chef zu, doch die grosse Zerlegung erfolgt nicht nur von oben her, sondern offenbar auch von unten, genauer: von der linken Mittelzehe des Oberwachtmeisters Lorenz Kolaj. Sie kennen Oberwachtmeister Kolaj nicht? Vor zwei Wochen haben wir den Mann in der Rubrik «Ein Tag im Leben» vorgestellt. Unser Bild zeigte ihn stramm vor der Wohnwand in der elterlichen Stube – im Kampfanzug. Und, tja, mit einem kleinen Loch in der linken Socke. Das war für manche Leser zu viel.
Herr B. schrieb uns umgehend: «Ich verstehe nicht, wie Sie das Bild eines jungen Mannes, der Vorbild sein sollte, mit einem Loch im linken Socken veröffentlichen. So beginnt die Verlotterung der Armee.» Herr W. aus Granges: «Ich bin geschockt.» Ein Leser aus Münchenstein kreiste das Loch mit dem Leuchtstift ein und schrieb hinzu: «Heil dir Helvetia bei solchen Offizieren!!!». Leser H.: «Herr Kolaj, stopfen Sie bitte erst Ihre Socken, bevor Sie für ein Bild posieren», schrieb uns Herr H., «Wachtmeister a. D. der holländischen Armee», wie er am Schluss seines Schreibens ausdrücklich hinzufügte. Die Debatte war endgültig lanciert: Wie vorbildlich kann ein Schweizer Offizier mit einem Loch in der Socke sein?
Anscheinend gar nicht, fand auch Leserin B. aus Basel, die sich darüber empörte, dass die Redaktion das Loch in der Socke nicht wenigstens nachträglich wegretouchiert hat. Doch nun wittert sie «im Loch eine versteckte negative Botschaft». Offensichtlich eignet sich auch ein Loch in der Socke als Projektionsfeld.
Und was meint Lorenz Kolaj zu alledem? Im ersten Moment gar nichts, weil er derart heiser vom Befehlen war, dass ihm die Stimme versagte. Denn als wir ihn am Natel erreichten, hatte er soeben seine Rekruten durch eine Häuser- und Ortskampfübung dirigiert und dabei gegen den Gefechtslärm anschreien müssen. Ach, dieses Loch…, sagte er, als er wieder reden konnte, auch seine Mutter habe ihn darauf hingewiesen, nachdem sie das Foto im Heft gesehen hatte. «Lorenz, hattest du keine anderen Socken?» Doch, hatte er: Er trug weisse Sportsocken, als der «Magazin»-Fotograf bei ihm zu Besuch war. Nur wollte er damit nicht aufs Bild, denn weisse Socken passen vielleicht zum Aargau, aber nicht zur Armee. Also zog er schwarze an. Dass die linke ein Loch hatte, bemerkte er erst auf den Probeabzügen des Fotografen. Und jetzt kommts: Das Bild hat ihm gefallen. «Ich stehe ja ziemlich stramm da, doch dieses kleine Loch entspannt die ernste Situation. Schliesslich ist kein Mensch perfekt, auch nicht ein Schweizer Offizier.» Der Oberfeldweibel sah jedenfalls keinen Grund, die Socke im Nachhinein auszuwechseln oder das Bild gar zu verbieten.
Im Militär waren die Reaktionen gut. Dabei wusste er noch nicht mal von dem E-Mail, die Rekrut A. M. dem «Magazin» geschickt hatte: «Wollte nur sagen, dass Oberwachtmeister Kolaj einer der ‹geilsten› Zugführer der ganzen Kompanie 2 ist. Er motiviert uns, behandelt die Rekruten mit Respekt und bringt uns sogar auf dem 25-Kilometer-Marsch zum Lachen. Dies ist nicht selbstverständlich, sondern eine Seltenheit. Darum vom ganzen Zug 3: Danke!!»
Wie er das schafft? «Ich versuche einfach, die Leute zu verstehen. Wenn ich kein Verständnis für die Leute habe, für die ich ein Vorbild sein soll, wird es nicht funktionieren. Sobald ich merke, dass es meinen Leuten schlecht geht, dann kann ich sie nur motivieren, wenn sie spüren, dass ich in der gleichen Lage bin wie sie. Nur dann halten wir zusammen und beissen uns gemeinsam durch.» Und was unternähme er, sähe er bei einem seiner Rekruten ein Loch in der Socke? «Das ist sein eigenes Problem. Ihm werden die Füsse beim nächsten Marsch wehtun, nicht mir. Und ich bin sicher, der Rekrut wird die richtigen Schlüsse daraus ziehen.»
So viel zum Oberwachtmeister-Kolaj-Prinzip.
Am kommenden Freitag wird Lorenz Kolaj befördert. Gratulation, Herr Leutnant, Offiziere wie Sie braucht das Land!

Bild: Philipp Rohner
Auch in meinem Freundeskreis haben wir uns über die Socke unterhalten. Fazit: Mut zur Lücke und ein bisschen Humor hat der CH noch nie geschadet.
Nur schade, dass manche LeserInnen des Magazins sich tatsächlich derart über ein winziges Löchlein aufregen können – zum Glück haben die nicht ernsthaftere Probleme. Ich beneide sie darum!
Mit Jg. 1942 gehöre ich zu den längst Ausgemusterten. In den 60er bis 80er Jahren war ich Feldweibel in einer Panzerabwehrkompagnie. Ein Loch in der Socke war noch das Harmloseste, das ich bei Offizieren erlebt habe. Von “Mit unvollständiger Ausrüstung eingerückt” bis zu
“Verlorener Taschenmunition” habe ich alle Facetten der Unglaubwürdigkeit erlebt. Ich habe einmal die Durchführung einer Vollständigkeitskontrolle der Ausrüstung der Mannschaft verweigert, solange diese auch “höheren Ortes” nicht vollständig war. Die Herren haben nie daran gedacht, dass ich auch für ihre Ausrüstung zuständig sein könnte! (Gute alte Armee!) Socken, Nastücher und Haarschnitt haben mich nie interessiert, diese Dinge sind kein wirklicher Charakter- und Qualitätsnachweis.