Biller bei Biermann

Schlimmer als die Erinnerung an Wolf Biermann ist nur dessen Gegenwart.

29.09.2007 von Maxim Biller

Mein erstes Wolf-Biermann-Erlebnis hatte ich im Herbst 1976. Ich war sechzehn, Biermann war vierzig, und er kam mir schon damals uralt vor. Er sass allein auf der grossen Bühne des CCH in Hamburg auf einem Stuhl und sang sechs Stunden lang Lieder über die Schönheit des Sozialismus und den verdammten Erich Honecker, der den Sozialismus verraten habe. Ein paar Tage vorher hatte Biermann aus dem Fernsehen erfahren, dass er nie wieder in die DDR und in seine Wohnung in der Chausseestrasse zurück dürfe. Warum machte das diesen kleinen, schnurrbärtigen Mann, der wie Stalin aussah, so wütend? Meine Eltern, meine Schwester und ich waren froh, als wir ein paar Jahre vorher aus dem sozialistischen Prag fliehen konnten. Im «Hamburger Abendblatt» erschien zwei Tage nach dem Konzert ein Foto von Wolf Biermann und mir. Er schlug auf seine Gitarre ein, als sei sie Margot Honecker, und ich stand direkt unter seinen Füssen am Bühnenrand, ich hatte einen Bart wie Charles Manson, eine Brille wie John Lennon, und ich guckte sehr böse.

Jetzt guckte ich wieder böse. Es war Herbst 2007, ich sass im Haus der Berliner Festspiele, im schönen, reichen, depressiven Wilmersdorf, und Wolf Biermann sang wieder Lieder über die Schönheit des Sozialismus. Dazwischen redete er viel. Erich Honecker erwähnte er nicht, aber jedes zweite Wort war «Stasi» oder «PDS», er bekam echte Tränen in die Augen und ein falsches Tremolo in die Stimme, wenn er von seinen alten, toten Kommunistenfreunden erzählte, und als er von seiner jungen Frau anfing und sagte, sein Schwanz könne nicht mehr so wie sein Herz, dachte ich, jetzt bist du wirklich alt geworden. In dem Moment fiel mir auf, dass sein Schnurrbart so grau geworden war, dass man ihn von Weitem kaum erkennen konnte.

Danach sang er ein Lied, in dem es darum ging, dass er wie Heine sei und sich um Deutschland grosse Sorgen mache. Aber plötzlich unterbrach er sich und sagte: «Entschuldigung, ich wurde abgelenkt, ich musste an den Prager Frühling denken.» Er sang weiter, und als er fertig war, fauchte er, er wohne zum Glück jetzt in Hamburg, denn dieser Westdreck, der inzwischen Mitte und Prenzlauer Berg verpeste, kotze ihn an. Damit meinte er wahrscheinlich auch mich. Die anderen, die an diesem Abend ins reiche, depressive Charlottenburg gekommen waren, um Wolf Biermann zuzuhören, lachten und applaudierten. Sie waren fast alle über sechzig, sie hatten schlechte Frisuren und dünne Lippen, und sie wohnten auch in Mitte und im Prenzlauer Berg, aber seit Jahrzehnten. Das Konzert endete mit dem Absingen der DDR-Nationalhymne. Nein, das stimmt nicht.

Am nächsten Tag wachte ich zur selben Zeit auf wie immer. Ich war nachts öfters wach geworden, weil ich Durst hatte, und einmal kam es mir so vor, als wolle jemand in die Wohnung rein, und ich dachte, das ist Wolf Biermann, der probiert, ob seine alten DDR-Schlüssel noch passen. Jetzt war es halb neun, und der Morgen war hell und warm, und ich hatte noch Zeit. Ich setzte mich auf den Balkon und schaute auf den Zionskirchplatz herunter, auf die Bäume, auf die renovierten Häuser gegenüber, auf die dunkle, freundliche Zionskirche. Unten sah ich Mütter und Väter, die ihre Kinder in den Kindergarten der Zionsgemeinde zwei Häuser neben meinem brachten. Die Kinder hatten bunte Sachen von American Apparell und H&M an, und ihre Mütter trugen fast alle die merkwürdigen Jeans von Acne. Die Väter kamen meist in ihren Autos. Viele fuhren einen alten Saab, aber ab und zu kam auch ein dunkler Mercedes mit einem Münchner oder Frankfurter Nummernschild. Einmal hörte ich ein Telefonat mit, weil die Frau direkt unter meinem Balkon stand. «Ja», sagte sie, «ich will unbedingt mit der Therapie weitermachen, Rebecca.»

Ich lebe gern in Ostberlin. Zuerst fand ich es nicht so gut, aber inzwischen bin ich sehr gern hier. Am meisten gefällt mir, dass keiner von denen, die zwischen Chausseestrasse und Prenzlauer Allee leben, wirklich weiss, wie es hier vorher war. Darum hoffe ich auch sehr, dass Wolf Biermann nie zurückkommt. Er würde uns bestimmt ständig daran erinnern.

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