10.02.2008 von Daniel Binswanger , 2 Kommentare
Ideologische Verblendung lässt sich stets an sprachlichen Marotten ablesen. Der europäische Adel entwickelte ein barockes Titelwesen, um ein Herrschaftssystem zu schmücken, das nur auf Herkunft beruhte. Kommunistische Parteifunktionäre sprachen sich als «Genossen» an, um von der Ungerechtigkeit ihrer Machtapparate abzulenken. Adelsprädikate und Funktionärskauderwelsch haben ihre Macht verloren, aber auch heute ist ein Ehrentitel hilfreich, um sich Gehör zu verschaffen. Wie lautet die Killer-Formel, das Gütesiegel, die alles stechende Karte in der heutigen Schweizer Politik? Sie ist nur drei Worte lang: «Ich als Unternehmer».
Man verstehe mich nicht falsch. Es soll nicht bestritten werden, dass der Unternehmerstand die Risikolasten einer Volkswirtschaft zu tragen und Reichtum zu generieren hat. Es soll nicht behauptet werden, die Schweiz mit ihrem schwachen Beamtentum und ihren starken Wirtschaftslobbys sei bisher schlecht gefahren. Die Erhebung des helvetischen Unternehmertums in den Stand der göttlichen Allwissenheit nimmt aber dermassen groteske Züge an, dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann.
Da gab es zum Beispiel den Auftritt von FDP-Nationalrat Otto Ineichen in der Sendung «Late Service Public». Er schlug vor, dass jeder Politiker und jeder Beamte einmal zwei Jahre in einem KMU arbeiten müsste: «Da ginge es uns allen besser.» Zugegeben, es handelte sich um eine Satire-Sendung. Doch man stelle sich vor, ein Lehrer, ein Staatsanwalt oder ein Arzt behauptete im Fernsehen, wenn nur alle Entscheidungsträger dieselbe Berufserfahrung hätten wie er, dann käme alles besser. Dem Mann würde wohl psychiatrische Hilfe angeboten.
Der Schweizer Unternehmer-Kult beruht auf der ehrenwerten Tradition des Wirtschaftsliberalismus und auf der weniger ehrenwerten Tradition der vorgeheuchelten Elite-Verachtung. Zwar gehören auch erfolgreiche Unternehmer zur gesellschaftlichen Elite, aber sie können halt so erfrischend hemdsärmelig tun. Hingegen werden Professoren, Politiker, Juristen, Intellektuelle und Experten jeder Art als blosse Schwätzer abgetan. Selbst im wirtschaftsfreundlichen Amerika, vom europäischen Umland ganz zu schweigen, würde ein Politiker niemals damit punkten wollen, dass er penetrant als Business Man auftritt. Was immer die Unternehmer-Selbstherrlichkeit sonst noch bewirkt: Sie ist entsetzlich provinziell.
Schwergewichtschampion der Ich-als-Unternehmer-Liga ist Peter Spuhler. Gewohnt breitbeinig stand er in der «Arena» zur Unternehmenssteuerreform II und erklärte seinen Kontrahenten, was richtiges Wirtschaften ist. Er zeigte sich völlig unbeeindruckt davon, dass die meisten ökonomen bis hin zu den Vertretern von Avenir Suisse davon ausgehen, dass die Vorlage nur minimale Wachstumsimpulse auslösen wird. Was gut ist für ihn als Unternehmer, das kann ja für die Welt nicht schlecht sein.
Die «Arena» war auch deshalb interessant, weil kurz zuvor der neue Rekordabschreiber der UBS bekannt gegeben wurde. Wenig Menschen auf dieser Erde tragen eine so erdrückende Verantwortung für das UBS-Desaster wie Vergütungsausschuss- und Verwaltungsratsmitglied Peter Spuhler. Schamröte haben wir nicht erwartet. Aber vielleicht einen zarten Hauch von Selbstkritik? Fehlanzeige. Stur verteidigt Spuhler den Katastrophen-Kapitän Marcel Ospel. Handlungsbedarf bei der Bankenaufsicht sieht er nicht gegeben. 22 Milliarden wurden vernichtet. Doch er – als Unternehmer – gibt uns weiterhin Lektionen.
Es ist höchste Zeit, Herrn Binswanger mal ein grosses Kompliment zu machen für seine wirklich treffenden Reflexionen zur Welt der Wirtschaft! Mit dieser Kolumne hat er einmal mehr ins Schwarze getroffen: seit die Befürworter der Unternehmenssteuerreform mit dem Slogan "I love KMU" (wobei love durch ein Herz ersetzt wird) werben, wird jedem, der der Reform kritisch gegenüber steht, suggeriert, er sei ein KMU-Hasser, was in der Schweiz beinahe einem Landesverrat gleich kommt. Dass man die Reform eventuell nicht darum ablehnt, weil man KMUs nicht mag, sondern weil man Verfassungsgrundsätze höher gewichtet als unersättliche Wachstumsimpulshektik, wird von der KMU-Lobby natürlich ausgeblendet. Stehen denn KMUs in der Schweiz gar über der Verfassung?
Im Moment, als die Gesellschaft bemerkt, dass von der Wirtschaft abhängt, ist sie nicht mehr.