Binswanger: Im Herz der Christenheit

Italiens Linke ist am Regieren gescheitert. Der Bürgermeister von Rom muss sie jetzt neu erfinden.

15.02.2008 von Daniel Binswanger

Italien ist ein Territorium der Gegensätze: Der schwerreiche Norden steht dem wirtschaftlich unterentwickelten Süden gegenüber. Weiterhin gehen Familie und «Bambini» über alles, aber Italien hat eine der niedrigsten europäischen Geburtenraten. Land und Leute kann man in der Regel nur lieben – und über die politischen Sitten und Gebräuche kann man sich des öftern nur sehr wundern.
Der hoch verschuldete Staat mit seiner politischen Instabilität gehört zu den zurückgebliebenen Sorgenkindern Europas. Dennoch ist und bleibt Italien ein Laboratorium der Politik der Zukunft. Ob es den Linksliberalen unter Führung von Walter Veltroni gelingen wird, sich mit der jetzigen Gründung des Partito democratico neu zu erfinden, ist eine Schicksalsfrage, die auch für andere Demokratien richtungweisend sein könnte.
Die fragilen Institutionen der Stiefelrepublik reagieren heftiger auf historische Verschiebungen, als dies anderswo der Fall ist. In ganz Europa hat das Ende der Sowjetunion die traditionellen Rechts-links-Blöcke desorganisiert, doch hier brach das ganze Parteiensystem zusammen. In allen Demokratien hat sich über die letzten Jahre die Mediendemokratie in rasantem Tempo entwickelt, doch in Italien wurde mit der Wahl von Silvio Berlusconi schon 1994 das Privatfernsehen beziehungsweise seine Beherrschung durch einen vermögenden Privatmann zum autonomen Souveränitätsquell. Viele europäische Staaten sind mit sezessionistischen Bewegungen und erstarkendem Regionalbewusstsein konfrontiert, aber in Italien wurde die Lega Nord schon in den Neunzigerjahren eine tragende Kraft des rechten Parteienspektrums.
Jetzt wird die italienische Linke zum Testfall. Mit der Gründung seiner neuen Partei verfolgt Walter Veltroni drei grosse Ziele: erstens die Erschaffung einer breiten Mitte-links-Partei, die Zersplitterungen überwindet und regierungsfähig wird. Zweitens der Bruch mit der altkommunistischen Linken, die viel zum Scheitern der Regierung Prodi beigetragen hat. Drittens eine Fusion zwischen den reformistischen Sozialdemokraten und den Christdemokraten der politischen Mitte. Die sozialethisch orientierten Katholiken sind ein starker, aber nicht sehr verlässlicher Verbündeter des Linksliberalismus. Veltroni strebt eine definitive Allianz von «New Labour» und altem christlichen Zentrum an. Hier sieht der Reformpolitiker eine neue Machtbasis.
Zum Hoffnungsträger wurde Veltroni durch seine Erfolge als Bürgermeister von Rom. Unter seiner ägide erlebte die Stadt ein wesentlich schnelleres Wirtschaftswachstum als das übrige Italien. Durch seine intelligente Kulturpolitik hat er finanzstarke Bewohner in die Kapitale gelockt und den Tourismus beflügelt. Veltroni ist ein postmoderner Politiker, der begriffen hat, dass in der Mediengesellschaft Stimmungsfaktoren entscheiden. Im Gegensatz zu Berlusconi besitzt er jedoch keine Fernsehsender, sondern begann seine Karriere als Filmkritiker.
Von allen Seiten werden im kommenden Wahlkampf die italienischen Katholiken umworben. Berlusconi hat zwar seinen christdemokratischen Mitstreiter Pierferdinando Casini verloren, doch er scheint eine Allianz mit der Anti-Abtreibungs-Liste des Rechtsintellektuellen Giuliano Ferrara einzugehen. Es findet ein neuer Konfessionalisierungsschub statt, ohne dass abzusehen ist, welches Lager daraus Kapital schlagen wird. Was ist eine christliche Wertehaltung fürs 21. Jahrhundert? Diese Frage erhält neue Brisanz. In Italien und anderswo.

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