Black America, 1

Es war ein langer Weg von der Sklaverei bis zum schwarzen Präsidentschaftskandidaten. Wo stehen und wie leben die schwarzen Amerikaner heute? Eine Reportage in zwei Teilen

29.08.2008 von Peter Haffner , 5 Kommentare

Es war ein Sonntag wie ein Kalenderbild. Eine tapfer strahlende Hillary Clinton hatte eben ihre Wähler aufgefordert, sich hinter Barack Obama zu stellen. In Harlem wurde gejubelt, in Kenya getrunken, und in den Gesichtern Farbiger in aller Welt stand der Schock der Freude, die empfindet, wem in Erfüllung geht, was er nicht zu wünschen wagte.
Nach Sklaverei, Segregation und Verweigerung des Stimmrechtes für Schwarze ist Obamas Präsidentschaftskandidatur eine Sensation nicht nur für die USA. «In keinem anderen Land der Erde», stellte er selber fest, «wäre meine Geschichte möglich.»
Es war Morgen in Amerika. Das Auto voll getankt, den Kaffeebecher gefüllt, machte ich mich auf zu einer Reise durch den Süden des Landes, von der ich nicht viel mehr wusste als Start und Ziel: Von Montgomery, Alabama, dem Zentrum der Bürgerrechtsbewegung, wollte ich nach Washington, D.C., dem Sitz des mächtigsten Mannes der Welt.
Von Onkel Toms Hütte zum Weissen Haus, wenn man so will. Dass ich die Route über fast fünftausend Kilometer nicht im Detail plante, machte die Sache umso aufregender. Ich wollte auf die Baumwollplantagen, wo einst die Sklaven schufteten, in die Jagdgebiete des Ku-Klux-Klan, wo Schwarze gelyncht wurden im Beisein von Ortspolizisten. Und ich wollte den Mississippi sehen, den Traumfluss meiner Kindheit, mich treiben lassen wie Huckleberry Finn auf seinem Floss und das Glück geniessen, den Alltag los zu sein wie einen aufgegebenen Koffer.
Das alles konnten meine amerikanischen Freunde gut verstehen. Doch in die Südstaaten, abgesehen von New Orleans, hätten sie nicht reisen mögen. Für sie schien «Dixie», der «tiefe Süden», so etwas wie das Herz der Finsternis; ein Ort, wo bigotte Frömmler der guten alten Zeit nachtrauerten, in der sie Herr über Feld, Vieh und Neger waren. Meinen Verdacht, sie fühlten sich unter Schwarzen unwohl, wiesen sie von sich. Sie waren für Obama, waren keine Rassisten, so wenig wie die Deutschen Antisemiten sind. Doch wie bei diesen, dünkte mich, bleibt das Verhältnis verkrampft; die Wunden der Geschichte sind tief, und mitunter tun sich die Nachfahren der Täter damit nicht weniger schwer als die der Opfer.

Der Platz, wo alles begann

Ich stand in der feuchtflimmernden Hitze auf dem Court Square in Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, und wischte mir den brennenden Schweiss aus den Augen. Was für ein Platz! Hier, wo ein Springbrunnen sprudelt, war der einstige Sklavenmarkt, der den «Black Belt», den fruchtbaren Landwirtschaftsgürtel, mit dem Menschenmaterial zu seiner Beackerung vesorgte. Hier, in dem Gebäude, war telegrafisch der Schiessbefehl zum Bürgerkrieg erteilt worden, um die Yankees, die Gegner der Sklaverei, zur Aufgabe von Fort Sumter zu zwingen. Hier, an dieser Haltestelle, war die Schneiderin Rosa Parks in einen Bus gestiegen, hatte sich geweigert, ihren Sitzplatz einem Weissen abzutreten und damit den Bus-Boykott gestartet, der unter Führung des erst 26-jährigen Pfarrers Martin Luther King dreizehn Monate anhielt, die Busgesellschaft in den Konkurs trieb und landesweit Leute mobilisierte, der Rassentrennung ein Ende zu setzen.
Die gusseisernen Laternenpfähle, woran sich manch ein Sklaventreiber gelehnt haben mochte, sind jetzt zu Hotspots aufgerüstet.
«Weisst du, dass Hank hier zum letzten Mal gesungen hat?», fragte mich Tommy, ein Lastwagenfahrer, mit dem ich in einer nahen Bar ins Gespräch kam. Allwöchentlich durchquerte er den Kontinent und träumte von Schweden, wo es Schnee gibt und Sozialleistungen.
«Hank?»
«Hank Williams. War drei Tage vor seinem Tod», sagte Tommy und beugte sich vor. «Sein Geist ist noch hier. Hab ihn selber gesehen, unten im Keller. Sah genau aus wie Hank – bloss, dass er keinen Hut trug.»
Im «Hank Williams Museum» sah ich dann, wie Hank ausgesehen hatte. Er war so spindeldürr, dass selbst eine Kate Moss Mühe hätte, sich in seinen Anzug zu zwängen. Er litt unter Spina bifida, einem offenen Rücken, und als er 29-jährig starb, kamen dreissigtausend zu seinem Begräbnis nach Montgomery. Sein Metier hatte Hank, der grösste Countrysänger aller Zeiten, von einem Schwarzen gelernt, dem Strassenmusiker Rufus «Tee Tot» Payne. Damals, in den Dreissigerjahren, war das eine riskante Sache, und «Tee Tot» sorgte sich, was Weisse wohl denken, als ihm der schmächtige Junge auf Schritt und Tritt folgte. Doch Hank liess nicht locker, und seine Mutter stand dazu.
Nirgendwo gibt es so viele Museen zur Geschichte der Bürgerrechtsbewegung wie in Montgomery; sie beleben den Tourismus, wie das die Nazi-Gedenkstätten in Berlin tun. Dokumentiert wird die Emanzipation der Schwarzen, die einen ersten Sieg verbuchten, als 1954 das Oberste Bundesgericht die Rassentrennung in den Schulen für verfassungswidrig erklärte. Damit war die Doktrin des «separate but equal» erledigt, die das Gremium seit 1890 gestützt hatte. Dass sie eine Propagandalüge war, zeigen nur schon die Bilder von den Schulen, Spitälern, Hotels, Picknickplätzen, Toiletten, Trinkbrunnen und anderen Örtlichkeiten, die entweder für «Weisse» oder «Farbige» reserviert waren: Wie in jenen Vorher-nachher-Fotos billiger Reklamen schlägt einem ins Gesicht, wo die Sonnen- und wo die Schattenseite des Lebens ist. Selbst die Bibel im Gericht, auf die man schwor, gab es in zwei Exemplaren, damit Weisse sich nicht die Hände schmutzig machen mussten.
Wie so oft, war auch hier der Krieg eine Triebkraft des Fortschritts. Schwarze Soldaten, in separate Einheiten eingeteilt, hatten mit gegen Hitler gekämpft; gegen einen Diktator, der den Rassismus zur Staatsdoktrin erklärt hatte. Die schlecht zu rechtfertigende Rassentrennung in der Armee wurde 1948 von Präsident Truman nicht zuletzt aus Rücksicht auf die Weltöffentlichkeit aufgehoben. «Die Vereinigten Staaten sind nicht so stark, der Sieg des demokratischen Ideals ist nicht so gewiss, dass wir ignorieren können, was die Welt von uns denkt», sagte er zum Anbruch des Kalten Krieges.
Bald ging es Schlag auf Schlag. Nach dem Sieg im Bus-Boykott kamen die «Sit-ins» schwarzer Studenten, die sich an die für Weisse reservierten Esstheken von Warenhäusern setzten, dann die «Freedom Rides» weisser Studenten, die mit Greyhound-Bussen in den Süden fuhren und sich solidarisch verprügeln liessen, bis in Montgomery das Kriegsrecht ausgerufen wurde.
Tausende kamen ins Gefängnis. Schlagstöcke, Tränengas, Hunde und Wasserwerfer waren das Geringste, was die Bürgerrechtler erdulden mussten. Manche wurden gefoltert, erschossen, mit dem Bulldozer überfahren; Kirchen wurden in die Luft gejagt, Busse in Brand gesteckt. Polizei und Behörden schauten weg, wenn sie nicht mit dem Mob kollaborierten. Drei Wochen, nachdem Martin Luther King vor zweihunderttausend Kundgebungsteilnehmern in Washington D.C. seine historische Rede «I have a dream» gehalten hatte, starben vier kleine Mädchen bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche in Birmingham, Alabama.

Im Haus von Dr. King

Es war wohltuend kühl in diesen Erinnerungsstätten, in denen ich mir all die Bilder und Filme anschaute; Dokumente der Erniedrigung, die einen schockieren, wie sie Bewunderung wecken für die stille, würdevolle Entschlossenheit, den Kampf durchzustehen. Da ist jener junge, gut gekleidete Schwarze, der an einer Theke sitzt, nicht bedient wird und sich umringt sieht von grinsenden Weissen in Anzug und Krawatte, die ihm Salz auf den Kopf streuen, Senf ins Haar schmieren und alles tun, damit er seine Haltung verliert und sie den Vorwand haben, ihn zusammenzuschlagen. Das Fehlen von Scham, die kumpelhafte Perfidie, die sich so locker gibt und den Exzess steigert – mir war, als sei die ganze Schlechtigkeit des Menschen in dieser einen Szene festgehalten. Und dann dieser junge Pfarrer, Dr. King, der predigte, sich «von niemandem so tief erniedrigen zu lassen, dass man ihn hasst».
Auf dem Centennial Hill steht sein früheres Wohnhaus, heute ein kleines Museum. Shirley Cherry, die da arbeitet, war eine der ersten schwarzen Lehrerinnen einer weissen Primarschule gewesen. Als sie den Eltern vorgestellt wurde, erzählte sie, sei ein etwas schmuddeliger Mann aufgestanden, habe sein Töchterchen am Arm gepackt und gesagt: «Ich bin hier raus!»
«Aber natürlich musste er wiederkommen», schmunzelte Shirley. «Er hatte ja keine Wahl.»
Die Kleine sei in der hinteren Zimmerecke gesessen, habe sich nicht in ihre Nähe getraut, und sei dann, wenn sie vorgelesen habe, immer näher gerückt. Shirley demonstrierte, wie das Mädchen schliesslich den Arm um sie gelegt habe. «Und wissen Sie was? Als ich nach ein paar Jahren den Abschied nahm, kam sie zur mir, fasste mich bei der Hand und fragte, ob ich ‹wirklich und wahrhaftig› gehen müsse. Das Lernen bei mir habe so viel Spass gemacht!»
Im Esszimmer hatten King und seine Vertrauten die Strategiediskussionen geführt, auf der Veranda war er gestanden nach dem Bombenanschlag auf sein Haus, hatte die aufgebrachte Menge heimgeschickt und gemahnt, Ruhe zu bewahren. Eine Gruppe schwarzer Knirpse liess sich das alles erklären, ohne merkliches Interesse zu zeigen, bis einer im Badezimmer Rasierpinsel und Seife erspähte und fragte: «Hatte Dr. King keinen Schaum aus der Dose?»
Unweit des Wohnhauses ist die kleine rote Kirche, deren Pfarrer King war. Im Keller war der Bus-Boykott beschlossen worden – erst nur für einen Tag, dann auf dreizehn Monate verlängert. Man organisierte Privatautos, Taxis, Transporter, ging zu Fuss zur Arbeit, kilometerlang, Sommer und Winter – fünfzigtausend machten mit. Mit solcher Hartnäckigkeit hatten die Weissen nicht gerechnet. Sie hatten nicht realisiert, was sich im schwarzen Amerika aufgestaut hatte seit jenem August 1619, als eine holländische Fregatte in Jamestown, Virginia, einundzwanzig Afrikaner als Sklaven gegen Nahrungsmittel tauschte und die lange Leidensgeschichte der «African Americans» begann. Und sie hatten nicht mit einem Mann gerechnet, der sich Gandhi zum Vorbild nahm und sich auf ihre eigenen Ideale, die der weissen Gründerväter, berufen würde.
Keine drei Jahre ist es her, demonstrierte der Ku-Klux-Klan auf der Treppe des nur ein paar Schritte entfernten Capitols. Was die denn wollten, fragte ich Cora Thomas, Mitglied der Kirchgemeinde. «Dass wir nicht da sind», sagte sie ruhig.
Einfluss haben die Extremisten kaum, bedrohlich sind sie noch immer. Wachtmeisterin Wettig, eine zierliche Sicherheitsbeamtin mit einer Haut so weiss wie ihre gestärkte Uniformbluse, patrouilliert Tag für Tag vor dem Civil Rights Memorial, der Gedenkstätte für die vierzig Todesopfer der Bürgerrechtsbewegung. Schwer behängt mit Pistole, Taschenlampe, Funkgerät und Fernglas, hat sie in nur drei Jahren vier Anschläge erlebt. Als ich meinte, der Ku-Klux-Klan habe wohl keine Freude, dass vielleicht bald ein Schwarzer im Weissen Haus sitze, lachte sie hell.
«Oh nein!» rief sie und schüttelte vergnügt die blonden Locken. Ich brauchte sie nicht zu fragen, wem sie im November ihre Stimme geben würde.
Meine Reise in die Vergangenheit weckte Erinnerungen an Schwarzweissbilder in Illustrierten, die ich als Kind fasziniert betrachtet und nicht verstanden hatte; brennende Kreuze, Kapuzenmänner, fremde Gesichter in Angst und Pein. Ich war ein Teenager, als Martin Luther King ermordet wurde, doch daran erinnere ich mich weniger deutlich als an die fünf Jahre zuvor erfolgte Ermordung Kennedys; das einzige Mal, wo ich meinen Vater mit Tränen in den Augen sah.
Montgomery, Sitz der Konföderierten und Wiege der Bürgerrechtsbewegung, ist jetzt eine moderne Stadt. Da, wo früher eine Baumwollplantage war, steht eine Fabrik des koreanischen Autoherstellers Hyundai, einer der grössten Arbeitgeber der Region. Der Betrieb wurde vor drei Jahren eröffnet, rund tausend Autos laufen täglich vom Band.
John, ein aufgeräumter Amerikaner im Pensionsalter, führte die Gruppe asiatischer Besucher, der ich mich anschloss, im Elektromobil durch die Anlage. Es war, als sei man von der Sklavenwirtschaft direkt in die Sciencefiction-Ökonomie katapultiert. Die Sklaven, das waren zweihundertachtzig computergesteuerte Roboter, die den Zusammenbau des Sedan und SUV besorgten, assistiert von dreitausendzweihundert Arbeitern, die «Teammitglieder» genannt wurden. John hatte uns aufgefordert, sie mit Zurufen zu ermuntern wie «Go, Huyndai, go», und wir hatten unseren Enthusiasmus vor der Einfahrt in die erste Halle an einem Kehrichtkübel geübt – «Go, garbage can, go!».
Ich schaute mir die Teammitglieder an. Sie waren in den Zwanzigern und Dreissigern, schlanke Schwarze und Weisse in Freizeitkleidung, Männer und Frauen, die so an jeder Bar hätten stehen können. Manche plauderten, die Gesichter entspannt, die Bewegungen lässig; kein Schmutz, kein Schweiss, kaum Lärm. Es hatte etwas Gespenstisches, dieses Ballett von Maschinen und Menschen. Ob sie so zufrieden waren wie sie aussahen, war nicht nachzuprüfen; wenn nicht, mussten sie jene Glücksdroge geschluckt haben, die Aldous Huxley in seinem Roman «Brave New World» den Menschen der Zukunft verschrieben hatte.

Obama macht Mut

Tags darauf fuhr ich nach Tuskegee, einem Kaff in der Nähe von Montgomery. Dicke Insekten klatschten gegen die Windschutzscheibe und verwandelten sie mit ihrer grünlichweissen Schmiere in eine Softlinse, hinter der die Landschaft zum psychedelischen Kunstwerk wurde. Als ich ankam, kaufte ich das Lokalblatt und las, dass Johnny Ford, der schwarze Bürgermeister, für eine weitere Amtsperiode kandidiere, nach achtundzwanzig Jahren im Amt. Doch nicht ihn, sondern die Tuskegee University wollte ich besuchen, eine Hochschule für Schwarze mit zweitausendfünfhundert Studenten. Ralph Ellison war hier gewesen, der Autor von «Invisible Man»; der eindrücklichste Roman darüber, was es heisst, schwarz zu sein in einem Land weisser Herren. Es war ein schöner Sommertag, und ich fand den Campus, wie er ihn beschrieben hatte – ein kleines Harvard mit locker verstreuten Backsteinbauten in einer Parkanlage, in der einem die gemeine Welt ferner erscheint als der Mond.
Ich ging in die Mensa, um mit Studenten zu reden. Es brauchte eine Weile, bis ich das Gefühl los wurde, alle schauten mich an, den einzigen Weissen im Universum. Fünf Erstsemestrige der Computerwissenschaften sassen um einen Tisch, sportlich gekleidet. Als ich sie fragte, ob Obamas Erfolg sie überrascht habe, verneinten sie, und bis auf einen hatten sie keine Zweifel, dass er ins Oval Office einziehen werde. Was das bedeute für sie, für Schwarze in Amerika, wollte ich wissen. 
«Es ist motivierend», sagte Brad, ein gedrungener Typ mit so dunkler Haut, dass das Augenweiss einen fast blendete. «Es zeigt, wie weit man es bringen kann.» Er stammte aus Chicago und hatte den Aufstieg Obamas, des Senators aus Illinois, aus nächster Nähe verfolgt.
«Vor allem auch, weil er nicht reich ist», fügte John bei, der «The Audacity of Hope» gelesen hatte, Obamas politisches Manifest. «Das macht einem Mut.»
Sie diskutierten eine Weile, was es bedeute, jetzt Präsident zu werden, mit dem Krieg im Irak, der schlechten Wirtschaftslage, bis C. J., der eine monströse Uhr aus Trompetengold trug, einwarf: «Die warten nur darauf, dass er einen Fehler macht. Dann machen sie ihn fertig.»
Wie sie zum Vorwurf stünden, manche Schwarze strengten sich nicht an, weil sie fänden, man bringe es in dieser Gesellschaft ohnehin zu nichts? «Das ist Gang-Mentalität», meinten sie wegwerfend und machten sich auf zum Basketball-Training.

La’Trenda, Lavysia und Star

Ich hatte sie noch gefragt, was sie unter Rassismus verstünden, und sie waren so fix gewesen mit der Antwort wie alle anderen Studenten, die ich das fragte. Stereotype gebrauchen, jemanden heruntermachen, den man nicht kennt, verachten bloss seiner Hautfarbe wegen – es klang auswendig gelernt. Alle verneinten sie, Rassismus erfahren zu haben. Bis auf Terrence, einen gross gewachsenen Jungen mit pockennarbigem Gesicht.
«Aber sicher», meinte er. «Ich werde auf der Strasse angehalten, und der Polizist ist überrascht, dass ich einen Fahrausweis habe und das Auto mir gehört.» Terrence grinste. «Und dass ich studiere – ich kanns ihm ansehen, wie perplex er ist, einen smarten Schwarzen anzutreffen!»
Ich wechselte zum Nebentisch, wo drei Studentinnen sassen, La’Trenda, Lavysia und deren Kollegin, die mich hiess, sie einfach «Star» zu nennen.
Star trug ein rosa Top mit Spaghettiträgern, ein Zungenpiercing in der Grösse einer Kichererbse und aufgeklebte Fingernägel von einer Länge, dass sie die Sterne hätte vom Himmel kratzen können. Eine Beauty Queen, kalkulierte sie ihre Ausstrahlung mit jener Blasiertheit, die man einer Zwanzigjährigen nachsieht. Was sie werden wolle, fragte ich sie.
«Veterinärin», sagte sie und schüttelte die Ponyfransen. Sie liebte Tiere, hatte einen Hund, eine Katze und drei Fische. In Birmingham aufgewachsen, in einem weissen Quartier, habe sie ihrer Hautfarbe wegen nie irgendwelche Probleme gehabt, meinte sie. Tuskegee habe sie gewählt, «um die schwarze Erfahrung zu machen».
Lavysia, wie sie im zweiten Semester, studierte Geschichte, was der Grund war, dass sie sich von Obamas Erfolg überrascht zeigte. Sie wusste aus Büchern, wie es noch vor Kurzem in Amerika zu- und hergegangen war. Sie wollte sich auf Alte Geschichte spezialisieren, worauf mir herausschlüpfte, die Griechen und Römer, ja, das sei interessant.
«Das alte Ägypten, Nubien», korrigierte sie mich. Sie kam aus Ohio, hatte in einem schwarzen Viertel gewohnt und sagte, sie sei hier, «weil Lehrer und Studenten mehr so wie ich aussehen».
La’Trenda, eine Erstsemestrige, war so aufgeregt, nach ihrer Meinung gefragt zu werden, dass sie ständig rot wurde. Ich wunderte mich, woran ich das erkannte, doch seltsamerweise wirken die Körpersignale auch ohne wahrnehmbare Farberscheinung. Ihre Mutter war in der Armee, in Südkorea, und La’Trenda wollte nach dem Studium zur Luftwaffe, weil man da in der Welt herumkam. Obama habe es so weit gebracht, meinte sie, weil er als Mischling weniger rassistische Vorurteile provoziere. Star bestritt dies entschieden, indem sie sich demonstrativ in den Arm klaubte: «Wenn du nur einen Tropfen schwarzen Blutes, nur ein bisschen farbige Haut hast», sagte sie, «bist du schwarz.»
Die Geschichte der Tuskegee University klingt wie eine Heldensage, mit Gestalten zu gross, als dass sie dem wirklichen Leben entstammen können. Den Funken zur 1881 gegründeten Universität zündete ein früherer Sklave, Lewis Adams, der nie zur Schule hatte gehen können, selber lesen und schreiben lernte, mehrere Sprachen sprach und diverse Handwerke beherrschte. Es war die Zeit nach dem Bürgerkrieg; die Schwarzen waren frei, doch meist ohne Ausbildung, die ihnen eine Arbeit ermöglicht hätte. Als ein weisser Kandidat für den Senat von Alabama Adams fragte, was er als Gegenleistung fordere, wenn er, Adams, ihm die Unterstützung der Schwarzen verschaffe, kam Adams mit dem Plan für ein College.
Indem die Schwarzen die Demokraten an der Macht hielten, die Partei der ehemaligen Sklavenhalter, kamen sie zu ihrer Universität. Booker T. Washington, auch er ein früherer Sklave, wurde mit fünfundzwanzig erster Rektor des College, das die Studenten auf dem Areal einer ehemaligen Plantage mit eigenen Händen und der finanziellen Unterstützung weisser Philantropen bauten. Unter ihnen war Henry Huttleston Rogers, der als Räuberbaron verschriene Boss von Standard Oil, der Tuskegee und Dutzende anderer schwarzer Colleges als anonymer Spender am Leben hielt.
In Ralph Ellisons «Invisible Man» gibt es eine Szene, wo der Erzähler einen jener weissen Förderer in der Gegend herumkutschiert, ihm die Hütten der ehemaligen Sklaven zeigt und ihn dann auf eine Reise in die Abgründe der Seele führt, als sie dem schwarzen Bauern Trueblood begegnen, der berichtet, wie es dazu gekommen war, dass er mit seiner Tochter zwei Kinder zeugte.
Aus dem Idyll einer Welt lerneifriger, gesitteter Schwarzer wird der Albtraum einer Wirklichkeit, wie sie wohlmeinende Weisse nicht hatten wahrhaben wollen. Sie ist ein Spiegel der Gewalt, die sie den Schwarzen angetan hatten, und die mit der Sklaverei nicht zu Ende war. So wählte noch 1932 der US Public Health Service für eine Studie über die Folgen unbehandelter Syphilis nicht Ratten, sondern Schwarze. Während der vierzig Jahre, die das «Tuskegee Experiment» dauerte, liess man die vierhundert ahnungslosen Opfer an ihrer Krankheit leiden und sterben. Solcher Erfahrungen wegen misstrauen Schwarze bis heute medizinischen und pharmazeutischen Studien, denen sie sich zur Verfügung stellen sollten. Abstruse Verschwörungstheorien, wie etwa Aids sei eine Waffe der Weissen, ihre Rasse auszurotten, wurzeln in dieser Realität.
Ich suchte Professor Frank Toland auf, einen 88-jährigen Historiker, der immer noch an der Universität lehrt und mit seinem Elan manchen Studenten beschämt. Wir setzten uns in ein freies Büro im Keller, und als ich sagte, mich hätte erstaunt, wie entschieden die Studenten verneint hätten, jemals Rassismus erfahren zu haben, nickte er.
«Sie nehmen es nicht wahr, weil sie noch nicht das Sensorium dafür haben», meinte er. «Sie kennen die Codes nicht, wissen nicht, wie subtil das sein kann.»
Was es denn Schwarzen bringe, an einem Institut zu studieren, wo sie keinem Weissen begegneten, fragte ich.
«Früher hatten sie keine andere Möglichkeit», erwiderte Toland. «Heute kommen sie, weil man unter seinesgleichen Führungsqualitäten entwickelt, wie man das als Alibi-Schwarzer an einer weissen Universität nicht könnte. Manche wechseln von hier an eine der Elite-Universitäten und bewähren sich bestens.»

Wahlen als Rassismus-Test

Toland bekam 1949 einen Lehrstuhl in Tuskegee; ein Jahr, bevor er sein Stimm- und Wahlrecht ausüben durfte. Als die Armee ihn einzog, hätte er die Verfassung vorlesen müssen, um zu beweisen, dass er nicht Analphabet und somit stimmtauglich war. Stattdessen habe er, Spezialist für Verfassungsgeschichte, sie auswendig rezitiert, sagte er und lachte in sich hinein, als sei die Erinnerung ein schönes Sprudelbad. «Man rief die Polizei, und ich wurde verhaftet, weil ich die Verfassung auswendig konnte!»
Er galt als Störenfried nicht nur bei den Behörden. Beim Marsch von Selma nach Montgomery, der von Martin Luther King organisierten Kundgebung für die Gleichberechtigung als Stimmbürger, hatte Toland zu einem Mitmarschierer gesagt, sie wollten es denen schon zeigen, sollte es zum Kampf kommen. «Du bleibst hier, Bruder», habe King ihm beschieden, der das mitbekommen habe. «Du bist noch nicht reif für die Sache.»
Es war nicht das einzige Mal, dass er sich Schwierigkeiten mit anderen Schwarzen einhandelte. Als er durchsetzte, den radikalen Schwarzenführer Malcolm X zu einem Vortrag auf den Campus zu laden, sperrte der Staat Finanzmittel für das College, und die Löhne fürs Lehrpersonal mussten gesenkt werden. Toland wurde mit Telefonanrufen bombardiert. «Es war das erste Mal, dass mir Schwarze drohten, mich aus der Stadt zu jagen!», sagte er vergnügt.
Er erzählte das alles, als würde das Leben, aus der Distanz betrachtet, zur Komödie. Doch es war das Fundament seiner Erfahrung und der Grund, warum er, im Unterschied zu den Jungen, über Obamas Erfolg erstaunt blieb. «Diese Wahl ist nun der Test, wie es um den Rassismus in diesem Land bestellt ist», meinte er.
Wir redeten eine ganze Weile über Rasse und was der Begriff eigentlich bedeute in einer Welt, die mehr und mehr gemischtrassig werde. Gerade ihn, sagte ich, hätte ich vom Aussehen her eher für einen dunklen Asiaten gehalten, mit seiner gelblichbraunen Haut und dem nur leicht gewellten grauen Haar. «Das sehen Sie richtig», lachte er. «Ich bin ein Rassenmix – ich habe schwarzes, weisses und indianisches Blut in meinen Adern.» Er habe sich entschieden, «schwarz» zu sein, weil er unter Schwarzen aufgewachsen sei, sagte er.
Er erzählte von einem Cousin, den er in Philadelphia im Bus getroffen habe, und der ihn nicht hatte kennen wollen. Als er ausstieg, bemerkte Toland, dass er seine Zeitung mit einer auf den Rand gekritzelten Telefonnummer hatte liegen lassen. Toland rief an, verabredete sich und erfuhr vom Cousin, dass er ein Leben als Weisser führte. Er hatte eine militärische Karriere gemacht, die ihm als Schwarzer verwehrt gewesen wäre, und hatte eine weisse Frau geheiratet, vor der er seine wahre Herkunft verborgen hielt.
Es ist eine komplexe Welt, diese Welt der Identität, voller Fragen, die sich einem Weissen nie stellen. Barack Obama berichtet in seiner Autobiografie «Dreams from My Father», wie schwer er sich damit getan hat. Es war wohl Absicht, dass mir Toland vor dem Abschied vom Experiment eines Mannes berichtete, der sich die Haut gefärbt und ein halbes Jahr als Schwarzer gelebt habe, um am eigenen Leib zu erfahren, was Rassismus ist. So gehe das nicht, meinte er, und blickte mich mit grossen, wässrigen Augen an: «Er wusste, dass er jederzeit zurück konnte.»
Es war eine feine Art, mir verstehen zu geben, dass ich nie würde nachfühlen können, wie das ist, schwarz zu sein. Was es heisst, «unsichtbar» zu sein, wie das Ralph Ellison in seinem verstörenden Roman beschrieben hatte.

Gottesdienst vor Rap-Konzert

Ich brach auf nach Selma, fuhr durch eine sanft hügelige Landschaft, in der riesige Strohrollen herumlagen, als habe die Natur eben das Rad erfunden. Da und dort standen Friedhöfe mitten im Grün, die Namen wie «New Hope» trugen, oder Kirchen mit Tafeln wie «Where will you sit in eternity – smoking or non-smoking?». Ich war auf den Highway eingespurt hinter einem von einer weissen Frau gesteuerten dicken SUV mit einem Stossstangenkleber, «Another Mama for Obama», und erprobte hinter dem Steuerrad mein Talent als Rapper: «Here in Alabama, I see another Mama, voting for Obama, which is a kind of drama, ’cause she’s white as a banana!»
Dass ich in Selma einen Rapper antreffen würde, war Zufall. Ich fand die Anzeige im Lokalblatt; Kelvin Spicer alias «Code Black» würde mit schwarzen Teenagern in einem Wohnviertel auftreten. Frühmorgens auf zehn, der angekündigten Zeit, fuhr ich hin, parkte das Auto, stieg aus – und hatte das Gefühl, ausserhalb meines Körpers zu sein. Ich sah die Szene, deren Mittelpunkt ich war, wie aus der Ferne – ein grüner Rasen mit einem feuerroten Truck, etwa zwei Dutzend in strahlend weisse Leibchen gekleidete rabenschwarze Frauen, die auf Stühlen sassen und stumm zusahen, wie ich auf sie zuschritt.
Ich war drei Stunden zu früh. Sie boten mir einen Stuhl an, wechselten die Plätze neben mir in einem lockeren Reigen und plauderten über alles Mögliche. «Ich Baptistin? Oh nein – die lassen keine Frauen auf die Kanzel!» – «Obama? Ja, ich glaube fest, dass er gewinnen wird!» – «Mich erinnert er an Martin Luther King.» – «Der Herr ist auf seiner Seite, ja, das ist er!»
Die Sonne brannte, dass man ein Ei in der Hand hätte kochen können. Sie drückten mir einen Fächer in die Hand, schenkten mir eine Schirmmütze und das gleiche weisse Poloshirt, das sie anhatten, und ich sass da und sah zu, dass ich mich nicht überass an den Hotdogs und Kartoffelchips, welche sie mir zuschoben.
Ihre Organisation hatte sich dem Kampf gegen den jugendlichen Alkoholismus verschrieben, der in Sozialsiedlungen wie dieser grassierte. Der Vater abgehauen oder im Gefängnis, die Mutter Alkoholikerin; Teenager, die schwanger waren, Kinder, die niemanden hatten, zu dem sie aufschauen konnten. Kelvin «Code Black» Spicer hatte ein paar unter seine Fittiche genommen, und nun rappten und hiphoppten sie gegen Gangs, Gewalt und Sexismus. Jeffery «J Money» Gardner und Shaquille «Lil» Perry, beide fünfzehn, genossen als Duo «Double Trouble» bereits Lokalruhm. Shaquille, ein Mädchen mit rundem Gesicht und frohem Wesen, erzählte von ihren kleinen Cousins, die versuchten, ihr nachzueifern und so zu sein wie sie. «Ich will sie nicht hängen lassen, indem ich das Falsche tue», sagte sie.
Vor dem Konzert wurde eine kleiner Gottesdienst abgehalten.
«Wir sind hier, weil der Herr es gewollt hat!», sagte der Redner.
«Ja, so ist es – gepriesen sei der Herr!», tönte es aus dem Publikum.
«Der Teufel gibt keine Ruhe!» – «Nein, das tut er nicht!» – «Er verführt die Jungen mit Drogen und Alkohol!» – «Genau, das tut er!»
Es war ein Geben und Nehmen; ein vielstimmiger Chor, untermalt vom Gedudel von Handys, die selbst während des Gebetes ans Ohr genommen wurden. Mir war plötzlich klar, woher Obamas «Yes, we can!» kommt, dieses Pingpong zwischen Publikum und Prediger – aus der schwarzen Kirche.
Mittlerweile hatten sich ein paar Quartierbewohner dazugesellt, darunter Gang-Mitglieder der «Dogs», die sich wortlos einen Teller schnappten und wieder verschwanden.
Kelvin Spicer war dreissig, ein schlanker, gross gewachsener Mann mit einer sanften Stimme, der seine Worte sorgfältig wählte. Er hatte ein Aufnahmestudio in Selma und eine Produktionsfirma, «Colour Boyz». Mit den Jungen hatte er zu arbeiten angefangen, weil sie ihm leid taten. «Sie hängen herum, haben kein Ziel im Leben», sagte er, während wir uns in den Schatten einer Hausmauer setzten. Ob man Erfolg habe oder nicht, habe nichts mit der Hautfarbe zu tun. «Es gibt andere nichtweisse Minoritäten in diesem Land, Hispanics, Asiaten, und manche unter ihnen sind sehr reich geworden», meinte er.
Ich wandte ein, dass die Schwarzen, wie auch die Indianer, die einzigen Minoritäten seien, die sich mit dem «amerikanischen Traum», der nicht der ihre war, schwertun mussten. Die Indianer waren besiegt und ausgerottet, die Schwarzen gewaltsam hierher verschleppt worden. Kelvin hörte ruhig zu.
«Wissen Sie – wären unsere Vorfahren in Afrika geblieben, ginge es uns bestimmt schlechter», meinte er schliesslich. «Hier haben wir Möglichkeiten, die wir dort nicht gehabt hätten.»
Zurück im Stadtzentrum, spazierte ich über die «Pettus Bridge», über die Martin Luther King 1965 den neunzig Kilometer langen Fussmarsch von Selma nach Montgomery geführt hatte. Hillary Clinton und Barack Obama waren vor einem Jahr hier gewesen und hatten die symbolträchtige «Überquerung der Brücke» zelebriert; John McCain hatte seine «Action Tour» ebenda gestartet in Erinnerung an den «Bloody Sunday». Sheriff Jim Clark, ein stiernackiger Bulle wie aus dem Bilderbuch, hatte damals die Teilnehmer verprügeln lassen; zwei Wochen darauf hatte er nachgeben und sie marschieren lassen müssen. Bald darauf unterzeichnete Präsident Johnson den Voting Rights Act, der die Schikanen aus dem Weg räumte, die es vielen Schwarzen verunmöglichten, das ihnen bereits 1870 garantierte Stimmrecht auch auszuüben.

Ein Weisser spricht

Es war Abend; das letzte Licht blinkte auf dem dunkelgrünen Band des Alabama River, der träge dalag wie eine Schlange nach dem Mahl. Ich schlenderte durch die architektonisch reizvolle Altstadt, die mit ihren verrammelten Läden und ramponierten Fassaden etwas von der Grandiosität eines Alkoholikers hatte, der bessere Tage gesehen hat. Selbst der Pfandleiher – «Premium Jewelry» – war pleite gegangen. In einer Bar schloss ich Bekanntschaft mit John, einem Weissen, der dabei gewesen war damals und Sheriff Clark gekannt hatte. Die Brücke sei das einzige Geschäft der Stadt, das laufe, meinte er höhnisch.
«War im Übrigen nicht alles so, wie es heute dargestellt wird», sagte er mit schwerer Zunge. «Man hört immer nur die eine Seite. Und das ist nicht gut – kann nicht gut sein, nur die eine Seite, richtig?»
Er erwartete keine Antwort, erzählte von seiner Zeit als Arbeiter in der Papierfabrik, von der gespannten Situation in Selma, vom Sheriff, der sich um Ordnung mühte. Und dass das mit der Sklaverei auch so eine Sache sei, was sei er denn anderes als ein Sklave der Regierung? Er hatte mich als Zuhörer erkoren, weil er sonst keinen hatte – weder die junge weisse Frau an der Theke noch der ältere Schwarze, der gleichmütig Billard spielte, nahmen Notiz von ihm.
Er war verloren, so wie seine Sache, die Behauptung von der gottgewollten Überlegenheit der Weissen, verloren war. Und doch – so ganz unrecht hatte er nicht. In all den Museen der Bürgerrechtsbewegung erfuhr man kaum etwas von der Gegenseite, ihrer Motivation, ihren Argumenten. Was präsentiert wurde, waren auf Schlagworte zurechtgestutzte rassistische Äusserungen. Vielleicht gab es nicht viel mehr – doch etwas Einblick in die Denkweise der Herrschenden hätte der Sache sicher nicht geschadet.

Bei den Baptisten

Es war drückend schwül, als ich mich nach Mississippi aufmachte, gelockt vom Fluss wie ein kleiner Junge von der Wasserpfütze auf dem Schulweg. Bald bauten sich Wolken auf, und der Himmel verdüsterte sich zum Grau einer Staumauer, die unversehens barst. Hektisch pflügten die Scheibenwischer durch die Wassermassen. Ich war fast allein; hie und da das Schemen eines Autos, das mit blinkendem Pannenlicht durch die Fluten schlingerte. Nach zwei Stunden erreichte ich eine Ortschaft, nahm das erste beste Motel, vollkommen durchnässt nach den paar Schritten vom Auto zum Eingang.
Der Morgen, ein Sonntag, strahlte wie ein Kind, das nichts von gestern weiss. Ich war in Demopolis, gegründet von französischen Aristokraten, die aus Treue zu Napoleon ins Exil gegangen waren. Ahnungslos in Sachen Landwirtschaft, setzten sie Rebstöcke und Olivenbäume in die Wildnis, bis sie einsahen, dass Alabama nicht die Champagne ist. Amerikaner übernahmen ihr Land, pflanzten Baumwolle und bauten eine griechische Villa im ionisch-dorisch-korinthischen Tuttifrutti-Stil mit einem Spiegelsaal, der die Franzosen an Versailles erinnert hätte, wären sie noch da gewesen.
Ich ging zu einer jener Baptistenkirchen, die in der Gegend so häufig sind wie Tankstellen; herausgeputzte Backsteinbauten in leuchtendem Rot mit kleinen weissen Holztürmchen und einem weissen Portal, vor dem die festlich gekleideten Kirchgänger sich ausnehmen wie ein bunter Blumenstrauss.
Zu früh zum Gottesdienst, wollte ich schon wieder gehen, als mich ein Herr beim Arm nahm und in die Bibelgruppe drängte, wo mich ein Dutzend betagter Männer freudig empfingen. Eine Fragerei ging los, wer, woher, wohin, warum, wie mir der Süden gefalle, das Essen, ob ich schon dies und das gekostet habe? Hierauf erkundigte sich der Leiter, ein distinguierter Herr mit silbergrauem Haar und einer Haut wie Alabaster, nach dem Wohlergehen eines jeden, worauf Auskunft gegeben wurde über den Zustand von Prostata, Nieren und anderen altersschwachen Organen.
Dann gab er mir eine kleine Geschichtslektion. «Der Norden ist bei uns einmarschiert, weil einige von uns Sklaven hielten», sagte er. Er erzählte von den «Capetbaggers» und den «Scalawags», den republikanischen Profiteuren, die sich nach dem Sieg im Bürgerkrieg die Taschen füllten, und den Weissen, die zu ihnen überliefen, nachdem die Demokraten, ihre Partei, geschlagen waren.
Man nahm sich die Stelle aus der Apostelgeschichte vor über den Märtyrer Stephanus, der die Juden anklagte, Jesus verraten und getötet zu haben, und dafür von ihnen zu Tode gesteinigt wurde. Hernach kam der Leiter auf mich zu.
«Wie denkt man jetzt in Europa über Amerika?», fragte er. Als ich sagte, die Bush-Regierung sei nicht gerade beliebt, nickte er bekümmert. «Viele hoffen auf Obama», ergänzte ich. Seine Miene verdüsterte sich. Ich fragte ihn, ob er mit John McCain glücklich sei. «Nein!», sagte er. «Ich bin Demokrat, ich bin für Obama. Aber wissen Sie – ich bin die Ausnahme hier unter den Weissen.»
Bill Coplin war Anwalt, Parteivorsitzender der Demokraten des County und erleichtert, dass Obama und nicht Hillary Clinton das Rennen gemacht hatte. Wenn er auch einen weissen Kandidaten bevorzugt hätte, mit dem hier leichter Staat zu machen wäre.

Reste von antebellum

Der Bürgerkrieg war verheerend gewesen für den Süden. Eine halbe Million Tote, die Häuser zerstört, der Handel ruiniert, das Geld wertlos. Weisse Südstaatler haben ein Wort für die Welt davor, «antebellum». Es hat einen magischen Klang, evoziert die Herrschaftssitze, die grandiosen Feste, die Extravaganzen einer Gesellschaft, die für ihre Gastfreundlichkeit gerühmt war und einen Lebensstil pflegte, der in der heutigen Geschäftigkeit keinen Platz mehr hat. Dass der Reichtum auf der Sklavenwirtschaft basierte, den die Baumwolle, das «weisse Gold», den Grossgrundbesitzern brachte – nun ja, das ist «Geschichte».
Melanie Snow machte sich deswegen kein schlechtes Gewissen. Ich lernte sie kennen, als ich die Waverly Plantation in Mississippi besuchte; eine ehemalige Baumwollplantage am Tombigbee River in West Point unweit von Tupelo, dem Geburtsort von Elvis Presley.
Mit ihrem 82-jährigen Vater Robert bewohnt Melanie das Herrenhaus, das der Plantagenbesitzer Colonel George Hampton Young 1852 gebaut hatte. Eine Villa im neugriechischen Stil, mit einem von Palladio inspirierten Grundriss, ionischen Säulen und einer zentralen, achteckigen Öffnung, die in einem zwanzig Meter hohen Dom endet. Die frei stehende Treppe ist von atemraubender Schönheit, der Marmor von einer Kühle, die einem Luft zuzufächeln scheint.
Melanie bat mich auf die Veranda, um mir ihre Geschichte zu erzählen. Schlank, mit rötlichem Haar, war sie eine Frau, die innerlich glühte; eine Intensität, die sie von ihren Eltern geerbt haben musste. Diese hatten 1962 ihren Milchwirtschaftsbetrieb in Philadelphia, Mississippi, verkauft, um die Villa zu erwerben, deren Restaurierung sie zu ihrem Lebensprojekt machten; dreissig Jahre, während derer sie und die vier Kinder nichts anderes taten. Ein halbes Jahrhundert war das Haus leer gestanden; Grauhörnchen hatten im Dachstock Nester gebaut, Weinreben und Geissblatt waren durch die Fenster gewachsen und hatten es in Schlaf gesponnen wie Dornröschen.
«Als wir es sahen, war es um uns geschehen», sagte Melanie, die damals sieben war. Zweieinhalb Jahre lang puhlte sie mit Zahnstochern den Dreck aus dem Stuckwerk, in das Wespen Nester geklebt hatten, und das als eines der schönsten im ganzen Süden gilt. «Wir Kinder fanden das nicht immer toll, wären lieber schwimmen gegangen oder ins Kino», lächelte Melanie verzeihend.
Je älter sie wurde, desto mehr habe sie es zu schätzen gewusst. Manchmal vermieten sie das Anwesen für Hochzeiten, und Melanie erzählte von einer, da sass die Braut auf einem Schimmel, bewacht von vier Soldaten in Uniform, und der Bräutigam preschte auf einem schwarzen Hengst heran und holte sie sich. Einmal wollte der «Playboy» Nacktfotos in den Betten schiessen, was ihre Mutter empörte und ihren Vater interessant dünkte; sie durften schliesslich in den Garten, und Melanie weiss noch genau, wie man alles gesehen hat.
Abends, wenn die Besucher gegangen sind, nimmt sie die Seilabschrankungen weg, dreht die Musik auf, tanzt durch die Säle und begutachtet sich im Spiegel der Eingangshalle, der einen Sprung hat vom Neujahrsball 1864. Eine Kerze war zu nahe gestanden, es hatte einen Knall gegeben, die Offiziere hatten die Pistolen gezückt, die Frauen sich versteckt: ein Angriff der Yankees, wie alles glaubte. Er kam dann einen Monat später; eine der letzten Schlachten, die man noch gewann in einem Krieg, der verloren war.
Und dann gibt es da die Geschichte mit dem kleinen blonden Mädchen in dem hochgeschlossenen Kleidchen. «Meine Mutter hat es zuerst gesehen», sagte Melanie. «Sie war auf dem Treppenbalkon am Wischen, als sie eine Stimme ‹Mama, Mama› rufen hörte.» Ein Jahr später sah Melanie es selber. «Es schaute mich an, lächelte und verschwand.»
Manchmal sind Dinge im Haus nicht da, wo sie sein sollten, und jeden Morgen glättet Melanie die Decke des Bettes in einem der leeren Schlafzimmer, in der sich ein Abdruck findet, als habe ein kleines Kind darin gelegen.
Der Abend senkte sich, die Bäume verloren ihre Konturen. Wir blieben eine Weile in der Stille sitzen. Dann verabschiedete ich mich.
Ich fuhr ins nächste Dorf, fand ein Motel, in dem mexikanische Waldarbeiter übernachteten, und wurde am Morgen geweckt vom Besitzer, einem breitgesichtigen Inder. Ein weisser Pick-up-Truck mit der Aufschrift «Orkin» stand vor der Tür. «Sorry Sir, wir brauchen das Zimmer für zehn Minuten», sagte er. «Müssen sprayen.» Ich fragte, wozu. «Ach nichts, nur Ungeziefer.»
Ich wunderte mich nicht mehr über die roten Flecken auf meiner Brust, packte meine Sachen und machte mich auf den Weg nach Money, Mississippi.
Vielleicht würde ich Zeitzeugen der entsetzlichen Untat finden, die dort stattgefunden hatte; ein Verbrechen in einer Brutalität, das die Schwarzen mobilisierte und die Nation bewegte wie nichts zuvor.

Lesen Sie Teil II im Heft von nächster Woche.

Peter Haffner schreibt für «Das Magazin» aus den USA. Er lebt in Kalifornien.
Die Schweizer Fotografin Salome Oggenfuss lebt in New York.

Bilder: Salome Oggenfuss
Bilder: Salome Oggenfuss
Strassenszenen in Selma, Alabama, wo 1965 Martin Luther Kings Protestmärsche starteten | Salome Oggenfuss
Strassenszenen in Selma, Alabama, wo 1965 Martin Luther Kings Protestmärsche starteten | Salome Oggenfuss
Irgendwo in Tupelo (wo Elvis geboren wurde) | Salome Oggenfuss
Irgendwo in Tupelo (wo Elvis geboren wurde) | Salome Oggenfuss
Kann die Verfassung auswendig: Prof. Frank Toland | Salome Oggenfuss
Kann die Verfassung auswendig: Prof. Frank Toland | Salome Oggenfuss
Kelvin Spicer, lokale Rap-Berühmtheit in Selma | Salome Oggenfuss
Kelvin Spicer, lokale Rap-Berühmtheit in Selma | Salome Oggenfuss
Boyz n the Hood: Studenten der Tuskegee University | Salome Oggenfuss
Boyz n the Hood: Studenten der Tuskegee University | Salome Oggenfuss
Ehemaliges Herrenhaus, heutige Hausherrinnen: | Salome Oggenfuss
Ehemaliges Herrenhaus, heutige Hausherrinnen: | Salome Oggenfuss
Melanie Snow (links, mit Schwester und Tochter) | Salome Oggenfuss
Melanie Snow (links, mit Schwester und Tochter) | Salome Oggenfuss
«Wenn du nur einen Tropfen schwarzen Blutes hast, bist du schwarz.» In Clarksdale, Mississippi | Salome Oggenfuss
«Wenn du nur einen Tropfen schwarzen Blutes hast, bist du schwarz.» In Clarksdale, Mississippi | Salome Oggenfuss

Die Diskussion

5 Reaktionen

  1. Chrigel McLada

    das mit den nazi-gedenkstätten ist aber nicht euer ernst, oder?
    wenn schon kann man bürgerrechtsmuseen mit gedenkstätten für den holocaust vergleichen, aber doch nicht mit nazi-gedenkstätten….

    und: ob man in den museen der afroamerikanischen bürgerrechtsbewegung tatsächlich etwas über die beweggründe des kukluxklans erfahren muss, halte ich für eine ziemlich abwegige vorstellung. muss man neuerdings den bewegggründen der eigenen mörder im museum raum geben?

  2. fra wo

    Würde mich interessieren warum die Geschichte der Tuskegeen Piloten und deren Leistungen im II Weltkrieg…, nicht erwähnt wurden…??? Das war doch gleichfals ein Meilenstein….!!!

  3. Peter Haffner

    Sehr geehrter Herr McLada,

    haben Sie Dank für Ihre Zeilen.

    Die Bezeichnung “Nazi-Gedenkstätten” ist, obwohl sprachlich unscharf, durchaus gebräuchlich als Sammelbezeichnung für Orte, die an die Täter wie an deren Opfer erinnern. Siehe dazu die offizielle Website der “NS-Gedenkstätten”: http://www.ns-gedenkstaetten.net/portal/index.php

    Auch der israelische Jugendherbergeverein organisiert “Schülerreisen zu den Nazi Gedenkstätten in Polen”, womit die Konzentrations- und Vernichtungslager gemeint sind:
    http://www.iyha.org.il/Ger/Index.asp?CategoryID=60&ArticleID=68

    Viele der angegliederten Museen geben auch einen Einblick in die Denkweise der Täter. So habe ich etwa im Museums-Shop in Auschwitz ein Buch gekauft mit dem Titel “Auschwitz in den Augen der SS”, herausgegeben vom Staatlichen Auschwitz-Museum, das die Erinnerungen des Lagerkommandanten Rudolf Höss und des SS-Unterscharführers Pery Broad sowie das Tagebuch des SS-Arztes Johann Paul Kremer enthält: http://www.auschwitz.org.pl/publikacje/index.php?language=EN&ksiazka=171&mode=ksiazka&submode=info

    Mit freundlichen Grüssen,

    Peter Haffner

  4. Chrigel McLada

    hallo peter haffner, vielen dank für die erläuterungen.
    natürlich kann oder muss es historisch lehrreich sein, wie z.b. die SS oder die NSDAP ihre monströse menschenvernichtungsmaschine selber begründet hat. ein historiker muss ja eigentlich auch “mein kampf” gelesen haben, um das grundwissen zu hitlers grössenwahn zu besitzen. das kann ich schon nachvollziehen (ich selber bin kein historiker).
    nur spielt sich das auch auf einer – wenn auch kranken – staatspolitischen ebene ab. die NSDAP war nun mal regierende partei in einem regulären staat bzw. reich.
    der KuKluxKlan hingegen ist ein an sich terroristischer und rassistischer geheimbund oder eine ansammlung krimineller kreaturen, der/die keine staatspolitische “berechtigung” hat. würden die USA endlich den völkermord an den native americans und afro americans in den letzen 300 jahren anerkennen, müsste ein internationales gericht über diese verbrechen gegen die menschlichkeit entscheiden, wie es im falle von ruanda oder bosnien auch geschehen ist. schliesslich waren lnychmord und sklavenmorde eine ethnische säuberung (ein grässliches wort).
    mich hat einfach die irreführende bezeichnung im artikel gestört, ansonsten freue ich mich über die fortsetzung ihrer mason-dixieline-reportage,
    mit den besten grüssen
    ch. Mclada

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