Bohren mit Stil

Beim Zahnarzt konnte man schon immer etwas erleben. Haleh und Golnar Abivardi wollen, dass es etwas Schönes ist.

10.06.2007 von Ursula von Arx

Die Schwestern Abivardi glauben beide an ein durch Arbeit gesteigertes Leben. «Wir haben wenig Zeit für Hobbys», sagen sie oder «Die Arbeit ist unser Hobby». Oft fällt bei ihnen der Satz: «Die Arbeit ist unser drittes Kind.» Haleh und Golnar Abivardi sagen alles lächelnd. Sie bitten eine Dentalassistentin, die selbstdesignten Hosen, die Corporate Identity der neuen, in London geplanten Praxis namens Swiss Smile vorzuführen. Oder sie beklagen gegenüber den Verantwortlichen den mehrfachen Absturz des Computersystems in kurzem Zeitraum. Nie wird ihre Stimme laut, nie verliert sich ihre Freundlichkeit. Immer strahlen einen ihre vier oberen Schneidezähne an, deren augenfällige Perfektion Keramikschalen, sogenannten Veneers, geschuldet ist.

Zum von den Abivardi Schwestern gebotenen Standard gehört auch «der gesunde Menschenverstand». Der ihre ging durch keine Managerkurse, er schulte sich an ihnen selbst, darin sehen sie ihr Erfolgsgeheimnis Nummer 2: «Wir wollen das anbieten, was wir uns für uns selber wünschen», sagen die Schwestern. Und: «Wir denken uns in unsere Kunden hinein.»

Genau so wurde ihre Geschäftsidee geboren. Drei Jahre nach dem Dr.-med.-dent.-Diplom an der Universität Zürich eröffneten sie eine Praxis im Thurgauischen, wo ihnen die Dichte ihres Berufsstandes erträglicher schien als in Zürich. Das bedeutete pendeln. Zürich–Amriswil, Amriswil–Zürich, Zürich–Amriswil, viel Zeit auf Bahnhöfen, Zeit, die mit Warten verstrich und in der sie viele, viele andere Pendler beobachten konnten. Diesen Befund galt es, in einen Nutzen zu verkehren, die leere Zeit als vorteilhaft für – zum Beispiel – einen Zahnarztbesuch zu begreifen. Damit dürfte man doch einem echten Bedürfnis entsprechen, waren Abivardi und Abivardi überzeugt.

Als die UBS dann vom Shopville im Hauptbahnhof wegzog und Räumlichkeiten frei wurden, sahen die Schwestern ihre Chance gekommen, in Zürich Fuss zu fassen und ein Zahnärzte Zentrum zu gründen. Die Abivardis bieten zahnmedizinische Infrastruktur auf neustem Stand, medizinisches Personal, Réception; andere Zahnärzte mieten sich bei ihnen ein, und die Belegärzte zahlen für die genutzte Infrastruktur. Das ist das Geschäftsmodell. Es erlaubt zahnärztliche Dienste an 365 Tagen im Jahr, praktisch rund um die Uhr. So könnten sie sich dem «Rhythmus des modernen Menschen bestmöglich anpassen» und «grösste Kundennähe, buchstäblich, bieten», sagen sie. Und so bringen sie ihr Erfolgsgeheimnis Nummer 3 auf den Punkt: «Wir gehen zu den Leuten, die Leute müssen nicht zu uns kommen.»

Zürich, London, Dubai

«Denn was fehlt heute am meisten? Ist es nicht Zeit?», fragt Haleh Abivardi rhetorisch. Eben liess sie sich eine Apparatur vorführen, mit deren Hilfe Zähne auf schonende Art in einer Stunde aufgehellt werden können.

«Doch sollte man mit der Helligkeit nicht übertreiben, es muss zur Person und ihrem Alter passen», sagen die beiden.

Ein Erfolg so gross wie das ganze Unternehmen, das vor etwas mehr als drei Jahren gegründet wurde. Inzwischen arbeiten 150 Leute im Zahnärzte Zentrum Zürich Hauptbahnhof und Bahnhofstrasse, täglich werden dreihundert Termine gebucht, 2006 ist der Jahresumsatz bereits in deutlich zweistellige Millionenhöhe geklettert. Und Abivardis werden expandieren. Im Juli gehen in St. Moritz die Türen auf, im September in London, im Jahr 2009 in Dubai. Um ihre Auslandgeschäfte finanzieren zu können, haben sie eine Minderheit ihrer Firma an die Beteiligungsgesellschaft BB Biotech Ventures verkauft. In Zürich selber haben sie schon expandiert. Ganz in die Nähe vom Shopville, an die Bahnhofstrasse 110, eine weitere Grosspraxis, zwei Stockwerke an exklusivster Adresse.

Doch wo Erfolg ist, ist auch Kritik. Gerade in Zürich, wo manch ein Zahnarzt überkapazitäten hat. Hört man sich in der Branche um, werden zum Beispiel die Preise kritisiert. Wer an solch zentraler Lage seine Dienste anbiete, könne unmöglich zu gleichen Preisen arbeiten wie jemand an günstigerer Lage, heisst es.

Abivardis sagen: «Unsere Preise sind im Mittelfeld.» Und sie erklären das tiefere Preisniveau mit der effizienteren Nutzung der Infrastruktur durch alle Beteiligten.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die häufigen Personalwechsel.

Abivardis sagen: «Am Anfang hatten wir Personalwechsel, der durch das neuartige Konzept der Schichtarbeit bedingt war. Aber das ist seit über zwei Jahren nicht mehr der Fall.»

Das Kasino ist ein Kino ist eine Praxis

Auf die Frage, was ihr zum Thema «Zähne» so in den Sinn komme, antwortet Golnar Abivardi mit «Ausstrahlung, Gesundheit» und – ja, klar – während sie das sagt, trägt sie ein sanftes Lächeln auf dem Gesicht. Hätte sie etwa mit «Zahnweh, Zahnarzt, die feine Tortur des Bohrgeräusches» geantwortet, wäre man tatsächlich sehr erstaunt gewesen. Denn im Zahnärzte Zentrum Zürich werden zwar auch Notfälle behandelt und normale medizinische Probleme wie kariöse Zähne, fehlende Zähne, undichte Füllungen.

Doch es geht immer auch um Lifestyle. Das ist Haleh Abivardis Erfolgsgeheimnis Nummer 4. Golnar Abivardi führt einen durch «das entspannende Flair der virtuellen Unterwasserwelt» des Zentrums im Zürcher Shopville. Der Weg geht von der Réception die Treppe hinunter, dorthin, wo die Behandlungszimmer sind. Von den Wänden blinken exotisch bunte Fische und Wasserpflanzen. Wie in einem Aquarium. Und auch ein bisschen wie in einem Kasino. Bliebe man länger, verlöre man sein Zeitgefühl. Kein Tag, keine Nacht, keine Zukunft, keine Vergangenheit. Auch eine Art Kino ist das hier. Abivardi zeigt auf die Grossleinwand im Wartezimmer: «Da kann man Filme schauen.» Sogar vom Zahnarztstuhl aus ist dies möglich. Kein Zweifel, diese Räume wollen ein «Erlebnis» bieten, zusätzlich zur zahnmedizinischen Zweckmässigkeit.

Das gilt auch für die auf ästhetik spezialisierte Praxis in der Bahnhofstrasse 110. Nicht nur Power Bleaching, Home Bleaching. Auch Implantate. Veneers. Pink-Esthetic, also Zahnfleischkorrekturen. Und Amalgam raus, zahnfarbene Cerec-Füllung rein. Sodass bedenkenlos lange mit offenem Mund gelacht werden kann und dabei nur intakte Backenzähne sichtbar sind. Dann die unsichtbare Spange: Brackets, auf der Zahninnenseite aufgeklebt. Damit die Zähne irgendwann gerade in einer Reihe stehen. Und man sich nicht länger unterscheidet von all den anderen, deren Zähne auch gerade in einer Reihe stehen.

Hier, in der Bahnhofstrasse 110 wurden nicht nur die Teppiche angepasst. Auch die Freundlichkeit der Réceptionistin ist massgeschneidert. («Für die Réceptionistinnen verfass-ten wir ein Handbuch, zusammengestellt aus Handbüchern für das Hotelpersonal, Telefonis-tinnen und Dentalfachfrauen, denn genau diese Kompetenzmischung ist bei uns gefragt».)

Bei Männern sind sie sich nie einig

Selbstverständlich wurde auch bei der Innenausstattung nichts dem Zufall oder Innenarchitekten überlassen. Es scheint, als sei ihr fünf-tes Erfolgsgeheimnis, die Kontrolle nicht aus der Hand zu geben. Hier haben die Abivardis ihre Vorstellungen von zeitloser Eleganz umgesetzt. Jedes Farbmuster wurde persönlich von ihnen ausgewählt. Das Resultat wirkt beruhigend in dem Sinne, als es im Betrachter keine kreativen Schübe entzündet und nicht notwendig ein Geschmacksurteil einfordert. Weisse Blumen, mit dunklem Holz verkleidete Räume, grosszügig. Die Zeitschriften im Wartezimmer sind nicht pelzig zerlesen wie anderswo, dafür hat es einfach zu viele, auch internationale. Denn selbst bei Leuten, die zum Beispiel extra aus Russland hierherfliegen, um sich ein netteres Lächeln anzuschaffen, kann es passieren, dass sie warten müssen. Haleh Abivardi bestätigt: «Wir wollen keine Ausnahmen machen und behandeln alle Kunden gleich.»

Golnar Abivardi ist jetzt auch wieder da. Sie wurde aufgehalten, «etwas Administratives». «Aber eigentlich machen wir alles gemeinsam», sagt Haleh. Ihre Arbeitstage würden sie zu einem grossen Teil Seite an Seite verbringen. Jetzt zum Beispiel formulieren sie gemeinsam Dankesschreiben für die erhaltenen Glückwünsche zum Prix Veuve Clicquot, der sie als Unternehmerinnen des Jahres auszeichnete.

Untereinander, gibt es da keine Arbeitsteilung? Die Antworten kommen in ergänzender Eintracht. «Haleh hat Ideen und hat ein Flair für Zahlen», sagt Golnar.

«Golnar ist für die Klinik und Personal zuständig, gemeinsam werden die kreativen und strategischen Entscheidungen getroffen», sagt Haleh. «Der Vorteil ist, wir denken gleich.» Das sagen beide. Wie kommts? «Das ist einfach so.» Das sagen auch beide.

Eifersucht? Männer?

«Männer?» Zum ersten Mal ein richtiges, ein hörbares Lachen. Von beiden. «Bei Männern waren wir uns nie einig», sagt Haleh. Ihre Schwester nickt. Inwiefern?

«Meiner ist dunkelhaarig, deiner blond.» Und sonst?

Der eine ist Unternehmer (Haleh), der andere Augenchirurg (Golnar).

Swiss Smile an der New Bond Street

Mittag ist längst vorbei, und keine der Schwestern war mit Zeit für mehr als einen Granny Smith gesegnet. Schon warten die Architekten für London, wo die Abivardis ein zahnmedizinisches Zentrum unter dem Namen Swiss Smile in Kürze eröffnen werden. Auch die von ihnen neu lancierte Zahnpflegelinie heisst so. Ein animierender Name, eine Verheissung. «Wir möchten die schweizer Qualität auch in der Zahnmedizin im Ausland bekannt machen», das sagen die in der Schweiz aufgewachsenen Töchter persischer Eltern.

Damit dieser Ruf sich im Zentrum Londons, an der exquisiten New Bond Street, entfalten kann, muss Swissness auch augenfällig werden. Etwas Chaletstyle, aber zeitgemäss. Vielleicht ein Cheminée? Sicher ein Bergpanorama. Und was kommt ins Schaufenster? Darum geht es. Haleh stellt Fragen, liest die Pläne und greift korrigierend ein, wenn zum Beispiel die Stellung der Behandlungsstühle zur Diskussion steht. Gerade bitte, nicht schräg. Sieht ruhiger aus, spart Platz. Auch ihre Schwester stellt Fragen, kritisch, und schliesst sie mit einem Lächeln ab. Der Ton ist angenehm, beherrscht, sachlich.

Mag sein, dass manche in den Abivardi Schwestern eine Art Traumfiguren sehen. Zu perfekt, um wahr zu sein. Sie sind intelligent. Sie haben Manieren. Alles an ihnen wirkt gepflegt, die Haare, die Stimme, die Kleider sitzen wie angegossen, der Teint ist porenfrei mattiert. Irgendetwas muss ihnen doch fehlen.

«Besonders am Anfang traute man uns nicht zu, dass wir genügend Hartnäckigkeit besitzen würden», sagt Golnar Abivardi. Das war offenbar die offensichtlichste Form von Sexismus, die ihnen begegnete.

Ihr Erfolgsgeheimnis Nummer 6 lautet denn auch: «Hartnäckigkeit». Die Schwestern haben sie von ihren Eltern in die Wiege gelegt bekommen. «Geht nicht, gibts nicht», sagte ihre Mutter, die ein Englischinstitut besass, oft.

Golnar und Haleh Abivardi haben selber je zwei Kinder. Was erhoffen sie sich für sie? «Dass sie etwas finden, was ihnen wirklich Freude macht.» Und das ist ja auch das Erfolgsgeheimnis Nummer 1 der Abivardi Schwestern: «Die Arbeit ist unser Hobby.»

"Mit unserer Hartnäckigkeit rechnete niemand", sagt Golnar Abivardi. | Bild: Anoush Abrar & Aimée Hoving
"Mit unserer Hartnäckigkeit rechnete niemand", sagt Golnar Abivardi. | Bild: Anoush Abrar & Aimée Hoving
"Denn was fehlt uns heute am meisten", fragt Haleh Abivardi, "ist es nicht Zeit?" | Bild: Anoush Abrar & Aimée Hoving
"Denn was fehlt uns heute am meisten", fragt Haleh Abivardi, "ist es nicht Zeit?" | Bild: Anoush Abrar & Aimée Hoving

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