15.05.2009 von Sacha Batthyany , 11 Kommentare
In Norris Green, einem gottverlassenen Stadtteil im Norden Liverpools, war bereits Krise, bevor die ganze Welt darüber sprach, und von hier wird sie auch nie mehr verschwinden.
Die Menschen leben in kümmerlich renovierten Sozialsiedlungen aus den Zwanzigerjahren, die Hunde sind zu fett und zu aggressiv, die Mädchen auf den Strassen tragen zu kurze Röcke und sind zu früh schwanger, und im Fernsehen läuft «Britain’s Got Talent», eine Casting-Show, mit der man über Nacht zum Star wird und der Gosse mit einem einzigen Auftritt entkommt.
David, Matt und Lee sitzen im Park, alle drei schwarz gekleidet, sie tragen Sturmmasken. Sie schubsen und frotzeln und kichern stimmbrüchig und sind noch etwas schüchtern; drei Tage später werden sie eine Beretta 9 mm Halbautomatik auf uns richten und unser Geld verlangen.
David ist ihr Anführer. Er übernimmt das Reden.
Was macht ihr den ganzen Tag?
Nichts. Wir spielen Videogames, «Grand Theft Auto» oder «Call on Duty», und rauchen Gras. Manchmal gehen wir in die Stadt und machen Business. Wir verkaufen Drogen. Cannabis, Kokain, Speed, Ecstasy-Pulver, was du willst.
Norris Green ist das Reich der Nogga Dogs, einer Jugend-Gang, zu der auch David, Matt und Lee gehören. Sie stehlen, dealen und verteidigen ihr schäbiges Quartier gegen die Crockys, einer verfeindeten Gang aus dem benachbarten, nicht minder schäbigen Stadtteil Croxteth. Nogga Dogs gegen Crockys. Kinder gegen Kinder. Gemäss der Polizei kam es in den letzten fünf Jahren zu über hundert Schlägereien, siebzehn Schusswechseln und drei Toten. Danny McDonald wurde 2004 vor dem Royal Oak Pub erschossen. Liam «Smigger» Smith wurde 2006 mit einer Pump-Gun hingerichtet, als er einen Freund im Gefängnis besuchte. Und ein Jahr später erwischte es Rhys Jones auf dem Heimweg vom Fussballtraining — eine verirrte Kugel durchbohrte seinen Nacken. Rhys Jones war erst elf.
Wie läuft das Geschäft im Moment?
Schlecht.
Wie viel Geld verdient ihr?
Vor einem Jahr noch 2000 Pfund pro Woche. Heute nicht mal die Hälfte.
Warum?
Die Leute wollen kein Koks mehr.
Wo habt ihr euer Geld, auf Banken?
Bist du blöd?
Der Niedergang des Stadtteils begann mit dem Verschwinden der grossen Elektronikfabriken in den Achtzigerjahren. Heute lebt hier jeder Zweite von Sozialhilfe, es ist ein Slum des postindustriellen Zeitalters, hier stirbt man nicht vor Hunger, sondern aus Trostlosigkeit. Die weisse Arbeiterschicht, einst das Rückgrat einer stolzen Industrienation, sitzt schon ab Mittag im Old Broadway Pub unten an den Bahngeleisen, wo die Luft nach Rauch riecht, auch wenn das Rauchen längst verboten ist und die Teppiche am Boden so weich und feucht sind wie englischer Rasen frühmorgens bei Tau.
Krieg der knöpfe
Englands Vororte zerfallen. In Moss Side, einem abgewrackten Stadtteil von Manchester, bekämpfen sich bewaffnete Minderjährige der Gootch- und Longsight-Gang, in Londons Aussenquartieren, fern von verspiegelten Wolkenkratzern und keimfreien Einkaufsmeilen, wurden letztes Jahr dreissig Jugendliche von Gleichaltrigen erstochen. Leeds, Bolton, Birmingham, das Alter der Opfer und Täter sinkt, jede grössere britische Stadt hat ihren Krieg der Knöpfe.
Mit ihren gestohlenen Autos, den Waffen und Schusswunden, die aussehen wie Impfnarben, posieren bereits zwölfjährige Gangmitglieder im Internet auf Youtube, immer mit schwarzer Kapuze, immer mit schwarzer Skimaske, ihrer Uniform, mit der sie sich vor den 4,2 Millionen Überwachungskameras schützen, die im ganzen Land für mehr Sicherheit sorgen sollten.
Wart ihr schon mal ausserhalb Liverpools?
Wozu?
Wissen eure Eltern, was ihr tut?
Sie wissen, dass wir Probleme mit den Bullen haben, aber sie fragen nicht nach und lassen uns in Ruhe.
Fünfzehn Jahre dauerte Englands Wirtschaftsboom, von dem vor allem die Mittel- und Oberschicht profitierte, doch die Rezession trifft die Briten so stark wie kaum ein anderes Land in Europa. Das Pfund schwächelt, der Konsum bricht ein, bereits sind über zwei Millionen Menschen ohne Arbeit, vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss und Ausbildung sind gefährdet.
Was ist mit der Schule?
Abgebrochen. Weil man nichts fürs Leben lernt, die Lehrer haben doch keine Ahnung, was hier läuft.
Was läuft?
Es ist eben eine harte Gegend, es ist ein System: Du musst wissen, welche Busse du benutzen darfst, welche Strassenseite und Kleidermarken. Du musst wissen, mit welchen Frauen du sprichst und welche Fussballmannschaft du unterstützt, und du darfst dir keine Fehler erlauben, sonst bist du tot.
Habt ihr Angst vor den Jungs der anderen Gang?
Wenn du erschossen wirst, wirst du eben erschossen. Wir kennen nichts anderes.
Habt ihr schon geschossen?
Wir waren dabei, als einem Crocky mit dem Messer die Mundwinkel eingeritzt wurden. Boxt man ihm dann zwischen die Beine, fängt er an zu schreien, öffnet den Mund, und die Wunde reisst bis zu den Ohren.
Woher kommt euer Hass?
Wir hassen nichts mehr auf dieser Welt als Crockys.
Wart ihr schon mal verliebt?
Was ist das für eine schwule Frage?
Schon seit Jahrzehnten ist die Hafenstadt Liverpool das Zentrum des britischen Drogenhandels. Es fing an mit Cannabis in den Fünfzigerjahren, jamaicanische Seeleute brachten es in die Stadt, schwarze Dealer verkauften es auf der Strasse an Studenten mit Pilzfrisuren und Gitarre. Viel Geld war damit nicht zu machen, doch um Geld ging es nicht in den verträumten Sechzigerjahren, noch gab es Arbeit in den Docks und den Fabriken, noch galten Aussenquartiere wie Norris Green als chic. Die Beatles gaben im Fernsehen zu, regelmässig LSD zu konsumieren, sangen «All you need is Love», und England wurde Fussballweltmeister dank Arbeitersöhnen wie Bobby Charlton.
Der Teufel löst Probleme
«Das Kokain hat alles kaputt gemacht», sagt Stephen French, er sitzt in der Hotellobby des Radisson an der Old Hall Street in der Nähe der Liverpooler Docks, er ist gross und muskulös und trinkt Wasser ohne Kohlensäure. Einst nannte man ihn «The Devil», den Teufel, French war ein gefürchteter Schläger, ein Dealer, mit dreizehn stahl er sein erstes Auto, mit zwanzig war er in Haft, letztes Jahr erschien «The Devil — Grossbritanniens gefürchtetster Mann der Unterwelt», es ist seine Autobiografie und wurde auf der Insel zum Bestseller. «Ich bin ein Entrepreneur», sagt er heute über sich und verteilt Visitenkarten, auf denen steht: «Ich löse Probleme.»
Anfang der Achtzigerjahre ging es der Arbeiterschicht an den Kragen. Margaret Thatcher orientierte sich an der neoliberalen Wirtschaftspolitik der USA Ronald Reagans und privatisierte britische Traditionsindustrien wie Schiffs- oder Bergbau. Dem Zeitgeist der Yuppies entsprechend, merkten Leute wie French, dass mit Kokain, Heroin und Crack sehr viel mehr Geld zu verdienen war als mit Cannabis. «Aus unbedeutenden Gaunern wie mir wurden mächtige Koksdealer.» Auf einmal hatten sie Geld, kauften Autos und Nachtklubs und zeigten allen auf der Strasse, wie schnell es gehen kann: von ganz unten nach ganz oben. «Die Geschäftswelt und die Unterwelt», sagt French, «trafen sich auf den gleichen Partys, wir hörten dieselbe Musik und hatten dieselben Frauen», doch das Kokain machte gierig und abhängig, und mit den Geldsummen stiegen die Gefahren. Erste Dealer begannen sich mit Waffen zu schützen, andere zogen nach, ein Wettrüsten begann.
David, Matt und Lee waren kaum auf der Welt, als die Gehälter in England Mitte der Neunzigerjahre stiegen. Die Briten entdeckten Ecstasy und flogen mit Ryanairan den Strand von Ibiza. Ziel jeder Friseuse war es, sich einen Fussballer zu angeln, und während die Wolkenkratzer in den Innenstädten höher wurden und ein jungenhaft wirkender Tony Blair das Land als «Cool Britannia» neu erfand, verfielen Aussenbezirke wie Norris Green in sogenannte No-Go-Areas und verwandelten sich in Gang-Territorien, wohin sich junge Strassendealer mit ihren neuen Waffen zurückzogen.
Stephen French verlor seinen Sohn, seinen Neffen und seinen besten Freund Andrew, alles gezielte Kopfschüsse.
«Früher kämpften wir noch mit Fäusten, doch heute kämpfen sie mit Waffen. Sie sind süchtig nach dem Lifestyle der Fussballer, nach Geld, Sex und Autos.» French, der nach seiner kriminellen Karriere an der Universität in Liverpool Soziologie studierte und sein neues Image mit cremefarbenen Anzügen und einer Intellektuellenbrille unterstreicht, nennt Jugendliche wie die drei Teenager aus Norris Green die «Instant Gratification»-Generation. Eine Generation, in den Achtzigern und Neunzigern sozialisiert, die sich nichts erarbeiten will, sondern ihre Bedürfnisse nach Macht, Ruhm und Geld sofort befriedigt. «Sie sind wie diese jungen Banker in London. Sie haben dieselbe Gier in den Augen, nur kämpfen sie mit anderen Mitteln. Alles Kinder unserer Zeit, alle total ausser Kontrolle.»
«Leben lieber gefährlich»
«Die schwerste Rezession seit hundert Jahren», wie der britische Familienminister Ed Balls am Rande der G-20-Konferenz Anfang April in London behauptete, drückt nicht nur in den Chefetagen mächtiger Wolkenkratzer auf die Stimmung, sondern auch in der Unterwelt. Der Drogenmarkt ist umkämpfter denn je, sagt French, «es wird ein heisser Sommer in den Vorstädten Englands», sagt Joey Owens, ein stadtbekannter Schläger, ein Gangster, von den Jugendlichen in Norris Green wird er verehrt wie ein Held, von den Medien als «Nazi-Mörder» bezeichnet, weil er lange Zeit Mitglied rechtsextremer Parteien war. Die Nachfrage an Koks und Partydrogen sinkt, sagt Owens, weil keiner mehr Geld hat und Lust zum Feiern. Und während alle um ihre Arbeitsplätze bangen, sitzen fünfzehnjährige Drogendealer wie David, Matt und Lee zu Hause auf ihrer Ware und werden sie nicht los. Sie sind wütend auf die Welt und gelangweilt, sie rauchen selbst gezogenes Marihuana, das so stark ist, dass ihre Hirne schmelzen, spielen Videogames und sind bis an die Zähne bewaffnet.
«Ich bin kein ängstlicher Mensch», sagt Owens, «aber seit diese Kinder das Sagen auf unseren Strassen haben, bleibe ich lieber zu Hause.»
Was wollt ihr im Leben erreichen?
Reputation in der Gang, man muss sich einen Namen schaffen. Es gibt Jüngere, die nur drauf warten, uns kalt zu machen, um damit anzugeben. Einmal hat mir ein Zwölfähriger eine Flinte an den Kopf gehalten, doch er hatte Angst abzudrücken.
Wieso steigt ihr nicht aus und arbeitet wie andere auch? Als Maurer, als Verkäufer?
Sollen wir etwa für 5 Pfund in der Stunde Hamburger braten und nach Öl stinken?
Ja.
Keine Lust. Wir machen lieber 2000 die Woche und leben gefährlich. Wir wollen nicht wie unsere Eltern enden. Die sind nur fett und saufen.
Wer sind eure Vorbilder, eure Helden? Der Fussballer David Beckham?
Beckham ist schwul. Tupac ist gut. Wir wollen jetzt keine Fragen mehr.
Es ist später Nachmittag, Zeit für ihre Kurierfahrten. Bevor sie auf ihren BMX-Rädern davonfahren, sagen sie: «Morgen selbe Zeit, selber Ort?», und es klingt, als würden sie sich freuen.
Der Überfall
Paula Ogungboro öffnet die Tür und sagt: «Ich bin soeben von der Beerdigung meines Mannes zurückgekommen. Herzinfarkt, der Arme!» Doch nun sei sie froh um etwas Ablenkung: «Wollen wir in den Garten?» Es weht ein kalter Wind in Norris Green, und die Gartenbank ist noch feucht vom Regen, doch Menschen wie Paula stört das nicht.
Paula Ogungboros Sohn Eugene wurde am 16. November 2004 auf der Strasse erschossen, weil er seinem Mörder, ein sechzehnjähriger Junge aus der Nachbarschaft, in der Disco angeblich auf den Fuss stand. «Eugene war ein guter Mensch», sagt sie, «er war laut und lustig, und er hat viel für seinen Körper getan. Er mochte Bodybuilding und Markenkleider.» Sie geht ins Haus, holt Zigaretten, viel zu süssen Tee und seine Trainingsjacke, die er an jenem kalten Abend trug vor fünf Jahren, grau, verwaschen, mit einem Einschussloch auf Brusthöhe.
Nach Eugenes Tod gründete Paula die Organisation «Moms against Guns», Mütter gegen Waffen. Sie hält Vorträge über Jugendgewalt in Schulen und beantwortet Briefe besorgter Eltern, die ihr schreiben: «Ich habe eine Schrotflinte unter dem Bett meines Sohnes entdeckt. Was soll ich tun?» Paula sagt: «Es ist eine harte Gegend», und eines wisse sie bestimmt, obwohl sie nie studiert habe: «Harte Gegenden formen harte Menschen.» Während sie spricht, zupft sie Unkraut aus dem Blumenbeet und schmeisst es hinter eine Tonne. Sie hat sich Eugenes rechtes Auge nach seinem Tod verglasen lassen, sie trägt es an einer goldenen Kette an ihrem Busen.
Als Kind ging Paula hier zur Schule, ihre Eltern schickten sie früh zum Kickboxen, weil sie lernen sollte, sich zu verteidigen. «Früher wurde auch gekämpft, aber immer nur mit Fäusten, oft waren es Schwarze, die sich unterdrückt fühlten.» Heute würde sinnlos geschossen und gemordet, «den Kindern fehlt jede Basis. Sie sind abgestumpft, haben keinen Respekt, kein Gewissen, kein Mitleid. Sie sind zwölf oder dreizehn Jahre alt und so kalt wie ein Stück Eisen.» Am Ende ihrer Vorträge gebe sie den Schülern immer denselben Rat mit auf dem Weg: «Geht heim und umarmt eure Mütter.» Doch Paula schüttelt den Kopf, dass ihre Halsketten rasseln, Eugenes Glasauge wippt, und mit ihrer rauchigen Stimme sagt sie: «Wir müssen ganz von vorne beginnen.»
David, Matt und Lee sind gut gelaunt und rollen beim Rauchen ihre Skimasken bis über die Oberlippe, man sieht Flaum und Pickel und gelbe Zähne.
Habt ihr Freundinnen?
Klar.
Worauf achtet ihr bei Frauen?
Sie müssen ehrlich sein und hammermässig aussehen.
Ehrlich?
Oft lassen sie dich stehen, wenn sie einen Typen sehen, der mehr Kohle macht und bekannter ist. Mädchen stehen auf das Bad-Boy-Image, die Waffen und die Kleidung, das finden sie gut.
Auf dem leeren Parkplatz eines ehemaligen Fabrikgeländes steht ein ausrangierter Campingbus ohne Räder, weiss und verrostet, jemand muss ihn vor Jahren hier stehen gelassen haben. Er ist einer ihrer Treffpunkte. Während David noch telefonierend auf dem Parkplatz umherwandert, setzt sich Matt ans Steuer, Lee zeigt uns stolz einen Karton voller Sim-Karten, als handle es sich um Goldmünzen, unter seinem weiten Trainingsanzug zeichnen sich knochige Ellbogen ab. Wir essen Chips und trinken Bier, die Stimmung ist freundschaftlich, bis David mit seiner Beretta 9 mm Halbautomatik in den Bus stürmt und unser Geld will. Er schreit, seine Stimme klingt mal tief, dann wieder hoch, der Stimmbruch macht ihm zu schaffen, die Waffe richtet er auf den Fotografen, er hält sie ganz ruhig. «Nichts ist umsonst im Leben», schreit er, und dieser Satz klingt so hässlich aus dem Mund eines Fünfzehnjährigen, und Matt und Lee, eben noch mit der Kiste Sim-Karten beschäftigt, sie schreien jetzt auch, und wir geben ihnen ohne zu zögern alles, was wir haben.
Wir sehen noch, wie sie über den Parkplatz rennen. Sie werden sich die Beute aufteilen. Sie werden feiern wie nach einem Sieg und erst in ein paar Jahren merken, wie verloren sie sind.

Vorstadtkinder in Norris Green: «Wenn du erschossen wirst, wirst du eben erschossen.» | Stuart Griffiths

David mit seiner Beretta, Matt und Lee im Hintergrund | Stuart Griffiths

Stephen French aka «The Devil»: «Das Kokain hat alles kaputt gemacht.» | Stuart Griffiths

Englands Wirtschaftsboom dauerte fünfzehn Jahre. Die Krise trifft die Insel stärker als andere Länder Europas. | Stuart Griffiths

Hundert Schlägereien, siebzehn Schusswechsel und drei Tote in den letzten fünf Jahren | Stuart Griffiths

Paula Ogungboro mit der Jacke ihres toten Sohnes Eugene; er wurde 2004 erschossen, weil er in der Disco jemandem auf den Fuss trat. | Stuart Griffiths

Liverpool ist die drittgrösste Stadt Englands. Harte Gegenden formen harte Menschen. | Stuart Griffiths
Selbst wenn bloss 10% Wahrheit an den Räubergeschichten dieser bösen Wannabes dran wäre, dann sässen die längst in einem feucht-miefigen Jugendknast. Ausserdem kommen Touristen und Geschäftsreisende eh nicht in Kontakt mit denen, weil sie die Vororte nicht besuchen und andersrum diese Halbstarken ihr Quartier nicht verlassen dürfen, sonst könnte es ja von den noch viel böseren Buben der Nachbar-Gang eingenommen werden… Schade, gerade aus Liverpool und Manchester gäbe es viel Erfreuliches zu berichten. Nicht nur in Sachen Fussball.
ziemlich erschuetternd zu lesen, wie das resultat resp. die konsequenz einer jahrzehntelang verfehlten, (nicht) fuer das ‘gemeine volk’ umgesetzten englischen poliktik, verantwortet von gegenueber der realitaet voellig abgehobenen und abgeschirmten lords sowie sirs, aussieht.
ziemlich naiv von sacha batthyany und stuart griffiths der meinung zu sein, sich in einer no-go-area ohne ‘begleitschutz’ der die szene kennt und/oder respekt geniesst – z.bsp. stephen french aka «the devil» oder joey owens – ungestraft bewegen zu koennen … gelegenheit macht diebe/raeuber!
Die Wannabes hätte man schon lang in den Knast gesperrt, aber die haben doch eben den tollen Trick mit der schwarzen Kapuze und der Skimaske. Das schützt sie vor den 4,2 Millionen Überwachungskameras und dann weiss die Polizei nicht wie die aussehen und wer sie sind. Und auch sonst niemand, ausser natürlich der Journalist vom Tagi und der Photograph und die Assistenten, aber die haben eben Berufsgeheimnis und das sind auch sonst echte Profis. Denen macht das niemand so schnell nach und schon gar nicht irgend so ein verdeckter Ermittler von den Behörden oder sonst so ein Amateur.
Jetzt bin ich aber gespannt wie es weitergeht. Wie die Drogenlieferanten und die Gang auf den Raub reagieren. Der Tagi wird ja sicher dranbleiben. Für ein bisschen Fun und ein paar Rappen eigenmächtig eine Beretta auf Reporter aus dem Ausland richten, ist schon das Saublödeste, was die tun konnten, wenn sie es wirklich im Ernst getan haben was schwer zu glauben ist. Aber es ist ja alles möglich bei so kleinen Psychos wie David, Matt und Lee, die nicht einmal die ersten Regeln kennen.
Der Artikel liefert uns eine wahre Fülle von Diskussionsthemen. Auf die Leichtgläubigkeit der Presse ist bereits wiederholt hingewiesen worden, zu behandeln wäre in erster Linie noch der Bezug auf die Jugendgewalt in der Schweiz und die Parallelen zur Literatur. Die Ähnlchkeit zwischen David, Matt und Lee und dem Trio Pete, Georgie und Dim aus “A Clockwork Orange” ist nicht zu übersehen.
Getrennt davon wäre auf die Lage in Liverpools Vorstädten einzugehen. Dass es dort “verträumte Sechzigerjahre” gegeben haben soll, ist zwar ebenso leicht zu widerlegen wie die Mär, dass kleine Kinder heute dort oder anderswo “das Sagen” haben. Was sich aber wirklich tut in Liverpool, wissen wir leider nicht.
Liebe Frau Keller, man hat schon von Leuten gehört, die ein Leben lang geträumt hatten und eines schönen Tages plötzlich aus ihrem Traum erwachten. Die Zeiten, in denen – im Gegensatz zu heute – rivalisierende Mobs tatsächlich weite Teile von Liverpool beherrschten, sind sehr gut dokumentiert. Ein kurzes Blättern in einer der ausgezeichneten Studien von Michael Macilwee hätte den Autor des Artikels zweifellos davor bewahrt, irgendwelchen primitiven Angebern wie Owens und French aufzusitzen.
Um Missverständnissen zuvorzukommen, möchte ich noch einmal betonen: Das Studium der relevanten Quellen erlaubt es uns zwar, alle im Artikel aufgestellten Hypothesen zu verwerfen, es hilft uns jedoch nicht, das in Norris Green und Croxteth im Moment herrschende Durcheinander zu durchschauen.
Liebe Frau Keller, wir sollten uns davor hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Beraubung des Reporterteams ist von grossem Interesse, die Aussagen der kleinen Strolche und die Kommentare ihrer Vorbilder haben es durchaus verdient, zitiert und analysiert zu werden, so etwa in einem allgemein gehaltenen Artikel des Magazins über das Lügen oder vielleicht über Factchecking oder die Grenzen der Naivität oder den Umgang mit Zeugenaussagen oder den Stellenwert der Glaubwürdigkeit im aussergesetzlichen Rahmen. Nur in einem Versuch, die momentane Situation in Liverpool zu beschreiben, ist solche Information fehl am Platz.
Liebe Frau Keller, am Platz wäre, was immer und überall am Platz ist, eine Bestandsaufnahme:
Wie hoch ist die Crime Rate in Norris Green? Wie hoch ist sie an vergleichbaren Orten?
Wer sind die Nogga Dogs? Handelt es sich wirklich um eine Street Gang, d.h. um eine hierarchisch strukturierte Organisation, deren oberstes Ziel es sein muss, Freund und Feind davon abzuhalten, an ihrer Verlässlichkeit auch nur einen Moment zu zweifeln? Glaubt man in Liverpool wirklich, es mit einer Gang zu tun zu haben? Glaubt das auch die Polizei? Hat der Reporter diese Fragen gestellt? Wem?
Liebe Frau Keller, Sie haben selbstverständlich recht. Leuten, die nicht sehen wollen, ist mit Argumenten nicht beizukommen. Ginge es darum, hier irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen, so wäre auch eine Bestandsaufnahme völlig sinnlos. Es geht aber einzig und allein darum, das, was wir sehen, so gut wie möglich zu beschreiben und die Unterschiede nicht zu verwischen. Die beste Gesellschaftsform, die sich im Moment verwirklichen lässt, ist die Street Gang. Die einzige Alternative in Sicht wären lose vernetzte Grüppchen ohne erkennbare Gesetze und Regeln, ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen mehr geben würde.