23.11.2007 von Thomas Zaugg
Lange vor seiner Erfindung hat es das Internet schon einmal gegeben. Und auch die Frage nach seinen Gefahren ist nicht gerade neu. Das Internet des 19. Jahrhunderts hiess Kapitalismus. Damals schrieb der Kapitalismuskritiker Karl Marx: «Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.» Ganz Materialist, glaubte Marx, dass der Mensch durch seine Umgebung, die vorherrschenden Produktionsverhältnisse bestimmt wird. Nicht der Mensch macht sich seine Welt, sondern die Welt macht den Menschen. Diese philosophische Grundstellung spielt in der marxistischen Kapitalismuskritik eine zentrale Rolle. In einem ungerechten, auf blosse Profitmaximierung angelegten kapitalistischen System entfremdet sich der Mensch von sich selbst. Denn wenn die Welt schlecht ist, wird es auch der Mensch.
Eine sehr ähnliche Argumentation bemühte unlängst Frank Schirrmacher, Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Ausgerechnet der Anti-68er und bekennende Konservative meinte in seiner Rede «Wie das Internet den Menschen verändert» anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jacob-Grimm-Preis: «Erst 1994, das ist dreizehn Jahre her, tauchte zum ersten Mal das Wort ‹World Wide Web› auf. Was wird in dreizehn Jahren sein? Manche glauben, der Prozess sei faktisch abgeschlossen und differenziere sich nur noch im Detail. Das halte ich für unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass die technologische Revolution sich überhaupt jetzt in der Gesellschaft selbst bemerkbar macht. Nachdem die Werkzeuge verändert wurden, verändern sich die Menschen.»
Dieser letzte Satz löste unter der Kommentatorenschar keine Kritik aus. Es muss einen wundern. Obwohl hier dieselbe totale Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem Systemganzen mitschwingt, die Marx und seine Epigonen behaupteten, empörten sich die Kommentatoren lieber an anderem. So etwa an folgender Schwarzmalerei Schirrmachers: Die Seelen unserer Kinder seien in Gefahr, weil sie als Nichtleser aufwachsen und im Internet mit pornografischem, gewalttätigem Extremismus programmiert würden. Aber gerade da kann man Schirrmacher ja ansatzweise zustimmen: Im Internet gibt es zu viele dunkle Löcher, um es den eigenen Kindern vorbehaltlos als Spielplatz empfehlen zu können. Dass aber die Menschen sich allein wegen des Werkzeugs Internet verändern sollen – das ist die eigentliche Fehlsicht Schirrmachers.
Steht es denn wirklich so schlecht um die Selbstbestimmung des Menschen, dass er sich wegen eines Computerschirms, vor dem er zeitweise sitzt, von sich selbst entfremdet?
Man könnte das manchmal durchaus meinen. Vor wenigen Jahren hat die Volksrepublik China per Verordnung alle Internetcafés schliessen lassen, die sich im Umkreis von zweihundert Metern zu Schulen oder Universitäten befinden. Eltern und Lehrer bezeichneten das Internet als «elektronisches Heroin», eine Art «Opium für die Jugendlichen», von dem man sie ohne Zwangsmassnahmen nicht mehr loskriege. Nach einem fünfundzwanzigstündigen Aufenthalt in einem Internetcafé erlitt ein dreizehnjähriger Junge aus Chengdu eine Netzhautablösung. In der Schule hatte er um Krankheitsurlaub gebeten. Den Eltern gab er vor, an einem Schulausflug teilzunehmen. Ein anderer Junge, ein Jahr älter, harrte noch länger in einem Internetcafé aus; für Kost und Logis ist in vielen chinesischen «Wangba» gesorgt. Nach vierzig Stunden fiel der Junge in Ohnmacht. Und ein anderer Junge verbrachte drei Nächte online, sprang dann aus dem Fenster in den Tod, weil ihm sein Vater weiteres Surfen verbot.
Ein Medium der Aufklärung Das alles sind aber Extremfälle, und sie würden wohl auch ohne das Internet auftreten, mit anderen Substanzen, die durch falschen Gebrauch zum Suchtmittel werden können. Das Internet ist nicht böse. Böse wird es erst durch schlechten Gebrauch. Dasselbe gilt natürlich fürs Fernsehen, das im letzten Jahrhundert eine ähnliche Debatte auslöste: Man fürchtete die manipulative Macht der Bilder und deshalb eine Gesellschaft von Analphabeten. Zu dieser konservativen Kurzschlussreaktion setzte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger einen Kontrapunkt. In seinem Aufsatz «Baukasten zu einer Theorie der Medien» schrieb er 1970: «In der heutigen Gestalt dienen Apparate wie das Fernsehen oder der Film nämlich nicht der Kommunikation, sondern ihrer Verhinderung. Sie lassen keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zu: technisch gesprochen, reduzieren sie den Feedback auf das systemtheoretisch mögliche Minimum.» Aber Enzensberger sah einen Ausweg: «Hinweise zur überwindung dieses Zustandes könnten netzartige Kommunikationsmodelle liefern, die auf dem Prinzip der Wechselwirkung aufgebaut sind: eine Massenzeitung, die von ihren Lesern geschrieben und verteilt wird, ein Videonetz politisch arbeitender Gruppen und so weiter.» Netzartige Kommunikationsmodelle? Das nennt man heute Internet. Und die Blogger aus Burma haben unlängst gezeigt, wie stark ein Videonetz politisch arbeitender Gruppen sein kann. Das Internet trägt Züge jenes emanzipatorischen Mediengebrauchs, den Enzensberger forderte.
Und so konnte derselbe Enzensberger 2000 im «Spiegel» schreiben: «Medienpropheten, die sich und uns entweder die Apokalypse oder die Erlösung von allen übeln weissagen, sollten wir der Lächerlichkeit preisgeben, die sie verdienen.»
Warum fürchten wir das Internet, dieses zutiefst aufklärerische Medium? Warum glauben wir, dass es uns schlechtmacht? Und graben tief in einer verstaubten, etwas einseitigen Argumentationskiste, um das auch ja beweisen zu können? In Wahrheit kennt der Mensch längst Strategien, wie er für sich und seinen Nachwuchs einen gesunden Umgang mit dem Internet findet. Und auch die Internetdebatte ist längst geführt worden. Inzwischen weiss jeder, was Internetsucht bedeutet. Zum Thema Internet heisst es im Journalistenjargon seit Jahren: ausgelutscht. Ausgelutscht, weil schon alles geschrieben wurde, was man darüber wissen sollte. Zum Beispiel, wie schon der Internetpionier John Gilmore bemerkte, dass das Internet immer Mittel und Wege findet, um Zensurmassnahmen – etwa gegen pornografische Inhalte – zu umgehen; dass also neben einigen notwendigen Verboten vielmehr der gesunde Umgang mit dem Medium wichtig ist. Und die bedrohten Seelen der Kinder werden nicht beschützt, indem man sie vom Internet wie von einer Droge, einem Teufelsort fernhält, sondern indem man sie auf diesen von Fallgruben umgebenen Spielplatz begleitet, ihnen die besten Rutschen und Schaukeln zeigt und sie beim Spielen immer ein bisschen im Auge behält.