Böses Israel

Gelobtes Land? Getadeltes Land. In vielen Schweizer Medien kommt Israel auffallend schlecht weg. Das ist falsch und gefährlich.

02.05.2008 von Reto E. Wild

Am 6. März 2008 erschiesst Ala Abu Dhaim aus Ostjerusalem an einer Talmudschule in der israelischen Hauptstadt acht Studenten. Danach wird er von einem Offizier der israelischen Armee getötet. Zwei Tage später kommentiert Sybille Oetliker in der «Basler Zeitung», der Terroranschlag sei «Logik einer verfehlten Politik». Der «Tages-Anzeiger» weist am gleichen Tag darauf hin, dass die Schule «auch eine Kaderschmiede von Siedlern» ist, als ob das den Terrorakt erklären würde. Kaum ein Wort haben die Schweizer Medien darüber verloren, dass «al-Hayat al-Jadida», das offizielle Organ der Palästinensischen Behörde, den 26-jährigen Mörder als heiligen islamischen Märtyrer feiert. Und wer weiss von der Familie des Mörders, die vom israelischen Staat eine Hinterbliebenenrente erhält, obwohl sie das Trauerzelt mit Hamas- und Hizbollah-Flaggen bestückte?
In welcher Art das Gros der Schweizer Medien über Israel informiert und bewusst oder unbewusst wesentliche Fakten vorenthält, hat sich in den letzten Monaten besonders bei der Berichterstattung über den Gazastreifen gezeigt. Die Sendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens beispielsweise berichtet am 6. März 2008 darüber, dass vier von fünf der 1,5 Millionen Einwohner Gazas ohne internationale Lebensmittelhilfe verhungern würden. Schuld daran ist selbstverständlich Israel, das weniger Transporte zulasse, als das für den Alltagsbedarf der Menschen nötig wäre.
Die Tendenz der Berichterstattung von SF DRS hat das unabhängige Medienforschungsinstitut Media Tenor von Januar 2007 bis März 2008 untersucht. Dessen Inhaber Roland Schatz kommt zum Schluss: «Die Auslandsberichterstattung des Schweizer Fernsehens ist überwiegend kritisch geprägt – wie auch in anderen Ländern. In den Beiträgen aus Israel werden knapp dreissig Prozent aller Protagonisten negativ dargestellt, positiv nur neun Prozent.»
Niemand möchte mit dem Leben der Einwohner von Gaza tauschen. Doch müsste es zur Aufgabe der Journalisten gehören, den Ursachen der Tragödie auf den Grund zu gehen. Barbara Engel schreibt im «Bund» vom 22. Dezember 2007: «Alle, die in Paris Geld für die Palästinenser versprochen haben, wissen, dass die Bemühungen nutzlos sein werden, wenn sich an der Politik Israels nichts ändert.» Schuld ist also einmal mehr Israel. Es sollte allerdings die Frage erlaubt sein, wo denn die umgerechnet über sieben Milliarden Franken geblieben sind, die allein von der EU sowie einzelnen europäischen Staaten in bilateralen Abkommen zwischen 1994 und Ende 2005 geflossen sind. Weshalb gibt es in Gaza kaum etwas zu essen, wenn gleichzeitig Waffen und Munition im Überfluss vorhanden sind?
Selten genug wird darüber berichtet, dass seit dem 1. Januar 2008 etwa 1500 Raketen von Gaza auf israelisches Staatsterritorium gegen unschuldige Zivilisten gefeuert wurden – alleine 685 davon auf die Stadt Sderot. Weil dabei dieses Jahr bisher nur ein Israeli getötet wurde, ist das für die meisten Medien zu wenig interessant. Kommt dazu, was Richard C. Schneider, ARD-Chefkorrespondent mit Sitz in Tel Aviv, zu bedenken gibt: «Der psychologische Terror, dem die Israeli ausgesetzt sind, lässt sich optisch schwierig einfangen. Kein Mensch in Westeuropa kann sich hingegen vorstellen, was es heisst, tagtäglich damit zu rechnen, von einer Rakete getroffen zu werden.» Die fetten Schlagzeilen entstehen dann, wenn das israelische Militär gegen den Raketenbeschuss vorgeht, während der Tod Dutzender Palästinenser durch die libanesische Armee weit weniger stark gewichtet wird.
2005 sind die Israeli aus Gaza abgezogen. Der Durchschnittsschweizer glaubt an sein Fernurteil, dass es längst an der Zeit war, den Palästinensern ihr Land zurückzugeben. Zurückgeben? Der Gazastreifen ist durch eine ägyptische Eroberung entstanden und wurde von 1948 bis 1967 von den Ägyptern besetzt. Judäa und Samaria – das Westjordanland – gehörten bis 1967 zu Jordanien, genauso wie Ostjerusalem. Der Begriff vom palästinensischen Volk ist erst in den Sechzigerjahren entstanden.

David, der Palästinenser Diese Tatsachen sind so gut wie nie Thema in der Berichterstattung, die Meinungen im Zeitalter des Anti-Amerikanismus gemacht. Lieber gehts um die Mär vom bösen Goliath, der dem armen David das Leben zur Hölle macht. Diese Wahrnehmung über Israel war nicht immer so und hat sich erst mit dem militärischen Sieg im Sechstagekrieg 1967 geändert. Seither wird die einzige Demokratie im Nahen Osten als Okkupationsmacht und die arabische Bevölkerung als deren Opfer dargestellt. «In der Folge des Holocaust und der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs hat sich die Linke in Europa grundsätzlich und unhinterfragt auf die Seite des Opfers gestellt – und damit vermeintlich immer auf die Seite der ‹Guten› und ‹Unschuldigen›», urteilt ARD-Journalist Schneider.
Interessant ist der einseitige Sprachgebrauch. Dazu zwei Beispiele: Um Terroranschläge möglichst zu verhindern (die Zahl ist seither wesentlich zurückgegangen), hat der damalige Premier Ariel Sharon 2003 den Bau einer Sperranlage durchgesetzt, die letztlich 759 Kilometer lang sein wird. Inzwischen sind 430 Kilometer erstellt, 37 Kilometer davon als Mauer, der Rest als Zaun. Oft ist aber von «Mauer» die Rede, weil das viel spektakulärer tönt und an die Berliner Mauer erinnert. Und: Am 29. März 2008 titelt der «Tages-Anzeiger»: «Israelische Armee tötete Palästinenser gezielt». Darunter befand sich Muhammad Shahade, der als Kopf des islamischen Jihad in mehrere Terroranschläge involviert war. Die Schlagzeile hätte deshalb auch lauten können: «Israelische Grenzpolizei tötet Terroristen». Mit dem Wort «Terrorist» geht auch Victor Kocher, Nahost-Korrespondent der NZZ mit Sitz in Nikosia, sparsam um; der fliessend arabisch Sprechende schreibt lieber von «Widerstandskämpfern».

Eine unbequeme Wahrheit Dass es trotz breiter Israel-Kritik Unterschiede zwischen den Schweizer Medien gibt, zeigt eine achtzigseitige Studie der Universität Zürich. Diese hat vor eineinhalb Jahren vierzehn deutschsprachige Schweizer Medien und damit mehr als 750 Beiträge nach dem Libanon-Krieg untersucht. Dabei betrug das Verhältnis von Berichten, die Israels Handlungen als gerechtfertigt betrachteten, und jenen, die eine Unverhältnismässigkeit herausstellten, 1:7. Auffallend dabei, dass der «Tages-Anzeiger» während des Libanon-Kriegs im Sommer 2006 überproportional viele wertende Beiträge veröffentlichte (104 von 163), während die NZZ mit 42 von 154 wertenden Berichten ausgeglichener informierte. Der «Tages-Anzeiger» gehört denn auch zu den israelkritischsten Stimmen in unserem Land, der als «Ausgleich» gern Israeli wie den jüdischen Anti-Zionisten Uri Avnery befragt. Am anderen Ende stehen die «Weltwoche» mit einem eher israelfreundlichen Kurs sowie Frank A. Meyer, der im «SonntagsBlick» vom 9. März 2008 zu Gaza kommentierte: «Im Kampf um eine israelfeindliche Weltmeinung sind die traurigen Bilder von getöteten Zivilisten die stärkste Waffe der Terroristen.»
Ähnlich wie bei der Politik unserer Aussenministerin Calmy-Rey geht es bei vielen Nahost-Beiträgen angeblich um die Menschrechte. Nur: Wenn in Darfur im Sudan Menschen niedergemetzelt werden, in Tschetschenien russische Staatsgewalt betrieben, in arabischen Diktaturen Menschen ermordet und gefoltert werden, fragt man sich, weshalb vor allem Israel Schlagzeilen macht.
«Einseitige Kritik an Israel wird als unglaubwürdig und ideologisch motiviert entlarvt und schadet der palästinensischen Sache», analysierte Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Wochenzeitung «Tachles», schon vor geraumer Zeit. Israel-Korrespondenten sind sich zu wenig bewusst, dass viele israelische Medien, die immer wieder als willkommene Quelle dienen, selbst sehr kritisch über ihren in diesem Mai sechzigjährigen Staat schreiben, «der sich seit der Geburtsstunde gegen Vernichtung wehren muss», wie Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk in einem Fernseh-Kommentar sagte.
Freilich darf Kritik an Israel nicht automatisch mit Antisemitismus gleichgesetzt werden. Trotzdem ist die Wahrheit für die linken Moralapostel unbequem: Eine permanent einseitige Berichterstattung über den Nahen Osten, bei der die Israeli stets die Bösen sind, fördert den latenten Antisemitismus in der Schweiz.

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Anmerkung der Redaktion
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Nachdem in der Diskussion zu diesem Artikel widerrechtliche und rassistische Aussagen getroffen wurden, musste sie geschlossen werden. “Das Magazin” bittet jene Mehrzahl der Diskussionsteilnehmer um Verständnis, deren Beiträge zu keinerlei Beanstandung Anlass gaben aber trotzdem gleichzeitig gesperrt werden mussten.

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