Buch unter Druck

Das grosse Zittern um die Zukunft des Lesens im Zeitalter des iPad

16.07.2010 von Thomas Zaugg , 3 Kommentare

Die Aare floss wie eh und je vorbei am Landhaus, es war ein Maisonntag an den 32. Solothurner Literaturtagen, da man vom Buch einen weiteren Schritt hinab in die Gruft erwartete. Doch die Zuschauerzahlen stiegen, immerhin, von 10 000 auf 11 000, und die Fahnen der Literaturtage wehten nun doch nicht so bedrohlich vor grauem Hintergrund, wie es manche Schwarzmaler haben wollten.

Nein, in Solothurn sah man im Jahr 2010 tatsächlich keinen einzigen Amazon Kindle, kein iPad oder sonst ein E-Book. Und die Hörbücher, die man an einem der Verkaufstische fand, lagen dort wie erlegte Eichhörnchen, Jagdtrophäen der Buchlobby, denn, nicht wahr, diese Hörbücher waren doch ohnehin ein Medienhype gewesen (was bei einem Marktanteil von etwa vier Prozent zumindest eine Halbwahrheit ist).

Und doch, während der Schriftsteller Peter Bichsel im Restaurant Kreuz einen Kaffee schlürfte und keine Zigarette rauchte, stellten sich drei Verleger der Zukunft des Buches, die rau sein soll. «Verlegen in die Zukunft» hiess die Diskussionsrunde im Landhaus, und die Zweideutigkeit war gewollt: Wie verlegen sehen die drei Verleger in die Zukunft?

Vera Michalski, geboren 1954, eine Art Grande Dame französischer und polnischer Literatur in der Schweiz, sagt, auch sie hätten Blogs auf der Webseite, planten Weiteres, jedoch: «Viel wichtiger scheint mir immer noch der Kontakt zu den Buchhändlern.»

Peter Schulz, geboren 1929, einst Pfarrer, nun Verleger, finanziert seinen auf «Kultur in der Zentralschweiz» spezialisierten Pro Libro Kleinverlag durch den Staat und eine Stiftung. Irgendwann, als die Moderatorin nach Finanzierungsmodellen fragt, hat Schulz genug, ja will er «dann doch einmal eine Lanze brechen für das Buch. Vielleicht werden Sie jetzt den Kopf schütteln, aber wir machen unsere Bücher zu billig! Das Buch ist keine Ware, es ist ein Kulturgut, wofür wir auch einen Preis bezahlen sollten.» Und der soll nicht unter fünfzig Franken liegen, meint Schulz.

Neben dem Ex-Pfarrer sitzt der Start-up-Unternehmer André Gstettenhofer, die Haare zerzaust, geboren 1971. Es ist Gstettenhofer vom jungen Zürcher Salis Verlag, der plötzlich «E-Books» sagt, und dann «E-Mail», «Twitter» und «Facebook». Gstettenhofer will die Leser über solche digitalen Kanäle erreichen, will insbesondere ins E-Book-Geschäft einsteigen, denn E-Books herzustellen, das sei im Grunde sehr einfach und günstig.

Hin und hergerissen zwischen günstig und teuer, fragt man Altmeister Peter Bichsel um Rat, der inzwischen vor dem Kreuz steht und raucht. Herr Bichsel, Sie haben manche Ihrer Geschichten auf einem kleinen Palm-Taschencomputer geschrieben was halten Sie von den E-Books?

«Nein, also da habe ich noch nichts dagegen», sagt Bichsel, von dem es heisst, er habe auch schon geweint bei Lesungen seiner Texte. «Gross ändern wird sich dadurch wahrscheinlich wenig, die, die lesen, wirklich lesen, sind ja schon heute eine Minderheit.»

Bichsels Haltung wäre eine, die man ausprobieren könnte nicht der Zorn von Schulz, weniger Bichsels Weinen, jedoch seine skeptische Offenheit. Nicht gleich schamrot werden («Ausserdem kommt man sich ehrlich gesagt fast lächerlich vor, wenn man irgendwo mit diesem Gerät sitzt», meinte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, zum Thema E-Book im Jahr 2000) oder dem Protz der privaten Bibliothek nachtrauern (Frank Schirrmacher forderte «Scheinbibliotheken» oder eine «neue Sorte von Containern, mit Hüllen darin», damit auch E-Book-Benutzer etwas zum Herzeigen haben). Stattdessen einfach mal realistisch bleiben und erkennen, dass E-Books zwar «den Buchmarkt wie ein Erdbeben erschüttern» werden («Tages-Anzeiger»), aber bei aller Apokalyptik dennoch interessante Mischwesen sind, etwas zwischen «Wundertüte» und «Plastikschachtel» (Hans Magnus Enzensberger, Dichter).

Woher die Abneigung gegenüber dem elektronischen Buch? Weshalb bloss die Furcht vor der Einsicht, das Wichtigste am Buch könnte nicht das Buch, sondern sein Inhalt sein? Seit dem letzten Jahrzehnt Internet mit wenigen guten und vielen sehr schlechten Blogs wissen wir doch endgültig, dass nicht das Medium zählt, sondern ebendieser Inhalt.

1999 kam mit dem Rocket eBook von NuvoMedia der erste E-Reader auf den Markt, doch er fiel vom Himmel wie ein unreifer Stern. Nicht nur, dass sich das Gerät in der Hand wie eine Klosterbibel ausnahm und auch noch schlecht aussah. Erschwerend kam hinzu, dass die Bücher dazu fehlten. Die Verleger stellten sich quer, ja sie mussten das nicht einmal, weil damals die globalen Medienhäuser noch nicht an ihre Pforten pochten Apple, Amazon, Google. Der Online-Buchhandelsriese Amazon versuchte es trotz Warnungen, trotz Kritik ein zweites Mal, im November 2007, mit dem kleinen Kindle.

Signale aus Übersee

Seither vernimmt man aus den USA die Vorboten der nächsten «Buchdruck»-Re-volution, und zwar in Zahlen. Laut einer Studie will sich jeder vierte in den USA «wahrscheinlich» oder «sehr wahrscheinlich» einen E-Reader anschaffen. Im Jahr 2013 sollen E-Books sechs Prozent der Buchbranche ausmachen, Tendenz weiter steigend. 48 Prozent der E-Book-Benutzer geben an, gegenüber dem Vorjahr mehr Bücher konsumiert zu haben (bei Zeitungen sagen das sogar 59 Prozent). 199 befragte E-Reader-Besitzer hätten rund ein Drittel ihrer E-Books nicht als Buch gekauft. Also ein Zusatzgeschäft, nicht der Untergang, sondern die Zu- kunft des Lesens?

Kaufen heisst nicht unbedingt lesen. Zu den Erstkäufern innovativer Produkte gehören vor allem Männer mit viel Geld, die, wie ein Buchhändler weiss, grundsätzlich drei Bücher kaufen, wenn Frauen sich mit einem begnügen. Und warum hält Amazon die Verkaufszahlen des Kindle und ihrer E-Books immer noch geheim? Wird da wieder gehypt, was nüchtern betrachtet ein Nischengeschäft ist? Ein weiteres Statusgerät für den kaufkräftigen Literaturdandy, dem Worte bloss Parfüm sind?

Für Steve Jobs, Apple-CEO mit feinem Gespür für die Zukunft, war der Kindle zuerst das Relikt untergehender Kultur, dann immerhin Steigbügel. «Es ist nicht wichtig, wie gut oder schlecht das Produkt ist», meinte Jobs noch, als der Kindle in den USA herauskam, «Fakt ist, dass die Leute nicht mehr lesen.»

Mit seinem iPad geht Jobs, was E-Books betrifft, allerdings weit weniger Risiken ein als die Verlegerseite oder Amazon. Im Gegensatz zum Kindle ist der iPad nicht nur E-Reader, sondern Zeitung, Fernseher, Internet, MP3-Player, Fotoalbum, Videospiel. Von nun an verhandeln die Verleger nicht mehr nur mit einem wie Amazon-CEO Jeff Bezos, der einmal sagte, das E-Book werde das Buch ersetzen, sondern auch mit einem wie Steve Jobs, der nicht mehr recht an das Buch glauben und doch davon profitieren möchte.

Solange noch gelesen wird, solange wird auch Apple von nun an mitverdienen. Doch ausserhalb der USA sind längst nicht mit allen Verlagen die Verhandlungen abgeschlossen, der Schweizer iBookstore hat erst die lizenzfreien Goethe, Schiller und andere Grössen zum Gratis-Download anzubieten, und auch in Deutschland, Land Gutenbergs, braucht es noch einiges an Hebammenkunst.

«Mir ist jede Prophetie fremd», sagt Michael Krüger, Schriftsteller, gelernter Buchhändler, Verleger beim Münchner Traditionshaus Hanser, «und da unsere Voraussagen in den letzten zwanzig Jahren nie eingetroffen sind, werden wir auch für die nächsten zwanzig Jahre immer schiefliegen. Mich interessieren natürlich weniger die quantitativen Probleme unserer Branche, wohl aber die qualitativen.»

Grosses Schweigen derweil bei Diogenes. Zu E-Books ist dort kein offizieller Kommentar zu haben. Man vernimmt jedoch aus Branchenkreisen, der Zürcher Verleger von Paulo Coelho, Martin Suter, John Irving sei weit davon entfernt, sei- ne Erfolgsgeschichte auch mit E-Books weiterzuschreiben.

Die CD-Falle vermeiden

Köln, im Büro eines Verlegers, der eine Strategie hat. Die Strategie heisst: vorne mit dabei sein, weil es hinten ungemütlich werden könnte. Zehn Meter von seiner Fensterfront entfernt, ragt der Dom empor, Helge Malchow, geboren 1950 in der ehemaligen DDR, sieht nicht einmal die Spitze.

Seit 2002 führt Malchow Kiepenheuer & Witsch, kurz KiWi. Der Verlag steht für die am wenigsten verstaubten Bücher Deutschlands, hier sind die literarischen Journalisten Maxim Biller, Christian Kracht, aber auch der grosse Sozialreporter Günter Wallraff, hier findet man die Gesamtausgabe des Kölners Heinrich Böll oder das Mammutwerk «Unendlicher Spass» des Amerikaners David Foster Wallace.

Ein kurzer Blick in die Welt, wie sie sich heute Morgen dem Verleger präsentiert, der die Zeitung aufschlägt. In der «Süddeutschen Zeitung» liest der Verleger Zahlen vom Untergang einer anderen Industrie, die sich mit Apple einst einliess: «In der Schweizer Single-Hitparade sind den Angaben zufolge mit 99 Prozent fast nur noch digitale Trackverkäufe vertreten.» Die CD, aufgekommen Anfang der Achtziger, fristet seit Apples iTunes ein Nischendasein.

«Daraus haben wir gelernt. Wir haben uns das ganz genau angeschaut. Das wird kein zweites Mal passieren», sagt Malchow. Die Musikindustrie ging vor iTunes in die Knie, weil sie den Abermillionen Downloadern keine eigenen zahlbaren Online-Angebote machte.

Malchow gehört zu jenen wie Bichsel, die früh mit einem Palm-Taschencompu- ter die Vorurteile wegtippten. Seine Lektoren lesen wie längst alle in der Branche ihre Manuskripte auf E-Readern. Doch das sei rein geschäftliches Lesen, «beim Genuss, da sieht es wieder anders aus». «Die E-Books», glaubt Malchow, «sind vor allem für Sachbücher interessant, die Belletristik wird sicherlich weniger gefragt sein.»

Auch das ein frommer Glaube, den man verstehen kann. Das E-Book als «Gadget» der jungen Generation, das E-Book als «Ding» für den technikaffinen Mann. E-Books ganz allgemein als Ausdruck der Gefühlskälte, Abwesenheit von literarischem Bewusstsein. Doch die Zahlen widersprechen der Intuition. Ers-te Studien aus den USA ergaben, dass auf dem iPad seit der Markteinführung «Non-Fiction» und «Fiction» zu je fünfzig Prozent runtergeladen werden. In Übersee, da boomt die schöne E-Literatur ebenso wie das Sachbuch.

Währenddessen geht es in Europa noch immer nur um das eine, die Freundschaft, die alte Liebe zum gedruckten Buch. Letzthin trafen sich in den USA ein Schriftsteller und sein deutscher Verleger, beide bekennende Freunde des Buches. Alexander Fest, Rowohlt-Verleger, erinnert sich noch genau an die apokalyptischen Worte seines Bestseller-Autors Kehlmann. Daniel Kehlmann, der mit dem Buch «Die Vermessung der Welt» auch in Übersee «deutsches Sein erträglich» machte («Philadelphia Inquirer») und in Deutschland sogar «Harry Potter» schlug. Kehlmann eröffnete Alexander Fest, die E-Books würden «al-les verändern».

E-Books wür- den «alles wegnehmen», sagte Daniel Kehlmann, man wolle es nicht wahrhaben, «aber es ist so». Die E-Books wür- den das Buch verdrängen, es würde genauso wie in der Musikbranche sein, es würde die Piraterie nach oben treiben und diese sich gar nicht aufhalten lassen.

Alexander Fest, Sohn des Publizisten und Hitler-Biografen Joachim Fest, hat kein iPhone. Es ist ihm «zu perfekt». Fest wird sich kein iPad kaufen. E-Books hingegen liest auch er, auf Reisen, im Zug, im Flugzeug, jedoch nur für die Arbeit, zu Ende gelesen hat er noch keins. Was meint Fest?

«Lesen bleibt sich immer gleich, als Vorgang, glaube ich», sagt er und schweigt. Das sind revolutionäre Worte für Alexander Fest, der sich seit der Schulzeit «von Buchstaben in den Tag hineinhelfen» lässt. Schweigen am Ende der Telefonleitung, Fest überlegt nun seine nächsten Sätze, der Mann redet wie ein Buch, langsam, druckreif. «Lesen ist unabhängig von den Hilfsmitteln, die man dazu braucht, Lesen ist ein Vorgang, der einem allein gehört. Es macht keinen Unterschied, ob ich in einem Buch oder mit einem E-Reader lese.»

Herr Fest, was spricht dann noch gegen das E-Book? Diese Antwort kommt schnell.

«Wenn Sie älter werden, werden Sie sehen, dass ein noch grösseres Vergnügen als das Lesen das Wiederlesen ist. Man ist dann froh, die alten Bücher, die man einmal gelesen hat, zum zweiten Mal lesen zu können und sich dabei daran zu erinnern, in welcher Situation man damals war, was um einen herum war. Sich zu fragen, wie diese Postkarte oder dieses Bahnticket oder was es immer war, was man als Lesezeichen benutzt hat, in dieses Buch gekommen ist. Man hat die doppelte Summe der Wahrnehmung, einerseits des Buches, andererseits der Empfindung, die man beim ersten Lesen gehabt hat.»

Kannibalisierung

Auch Alexander Fest aber sieht nach Über-see, wo die E-Book-Gewinnsummen «nicht unbeträchtlich» sind. E-Books seien «kein Zusatzgeschäft», wie die Agenten gerne behaupteten. E-Books, sagt Fest, kannibalisierten das physische Buch, die Frage sei nur noch, in welchem Ausmass. «Wenn zwanzig Prozent der Bücher, die verkauft werden, künftig E-Books sind, dann werden annähernd zwanzig Prozent der Buchhandlungen schliessen oder sich verkleinern müssen. Eine erhebliche Zahl.»

Fests Arbeitskol- lege Lutz Kettmann, Marketing Geschäfts- führer bei Rowohlt, wartet auf seinen be- stellten iPad und sieht die Realitäten noch drastischer: «Unserer Meinung nach werden die E-Books langfris- tig eher den Taschenbüchern, weniger den Hardcovern Konkur- renz machen. Inwie- weit die E-Books an Marktanteil gewin-nen, hängt in der Tat davon ab, wo sich das Ladenpreisniveau ein- pendelt: deutlich nied- rigere Ladenpreise zum parallel erscheinenden Hardcover bringen die gebundenen Bücher in Bedrängnis.»

Hellsichtig trotz Liebe baut also Fest, bauen Malchow und die anderen deutschen Verleger ihren Betrieb auf die Zukunft um, «und ich glaube», sagt Malchow in seinem Büro, «man muss den Leuten erst mal erklären, was das bedeutet». Es bedeutet Mehrkosten. Investitionen, die sich erst in zehn Jahren rechnen. «Es stimmt einfach nicht, dass wir mit E-Books sehr viel einsparen, nur weil die Druckkosten wegfallen», sagt Malchow. «Der Druck eines Buches war nie der grösste Kostenpunkt. Die Gewinnmarge bei den E-Books ist kleiner als bei gedruckten Büchern.»

Bei den Kosten sind jedoch selbst Ökonomen noch nicht hellsichtig. Am Buch hing bislang eine Verwertungskette biblischen Ausmasses, der Leser zahlte mit dem Kauf eines zehnfränkigen Stephen King vier Franken dem Buchhändler, sechs Franken dem Verlag. Der Verlag bezahlte die Druckerei und seinen Autor, der Autor wiederum seinen Agenten. Der Buchhändler Ladenmiete, Angestellte, Lagerkosten. Schliesslich verdiente Stephen King ein paar Rappen, der Verlag ein, zwei Franken.

Nun drängen die neuen Medienunternehmer ins Geschäft, Apple, Amazon und Google wollen alle weniger vom Kuchen als die Buchhändler, Kostenpunkt um Kostenpunkt hat sich in Pixel aufgelöst. Trotzdem wiederholen die Verlage gebetsmühlenartig, am Ende der Rechnung werde die E-Book-Gewinnmarge tiefer sein als beim gedruckten Buch. «Das lässt sich derzeit noch nicht abschliessend bewerten, weil viele wichtige Parameter noch im Fluss sind, insbesondere das E-Book-Preisniveau, die Autorenhonorare und die Kosten für die digitale Infrastruktur», sagt Frank Sambeth, Geschäftsleitungsmitglied Random House Deutschland.

Tatsächlich kann die «zweite Revolution nach fünfhundert Jahren Buchdruck» (Malchow) im Moment noch nichts anderes sein als ein Verlustgeschäft. Die Verlagswelt muss mit US-Giganten feilschen, die Rechtsabteilungen aufstocken und umschulen, muss Programmierern und allerlei Technik-Nerds die Tore öffnen, neue Formate erlernen, ePub, Mobipocket, Amazons AZW, wie nur die gängigsten heissen, muss Massnahmen zum Kopierschutz ergreifen, ihre E-Books für Kindle, iPad, Sony Reader und viele andere Geräte kompatibel machen, von denen sich einige sogar noch in einem Formatstreit befinden.

Skeptische Autoren

Die Herstellungskosten für einen E-Book-Titel belaufen sich zwischen 150 und 200 Euro. Wer aber diese Summe mit der Anzahl Titel von Malchows KiWi-Verlag multipliziert, vergisst den Autor, der nicht Multiplikator, sondern Individuum sein will. Autor für Autor muss zurzeit von den E-Books überzeugt werden, Vertrag für Vertrag muss neu ausgehandelt werden. Bei Christian Kracht, Malchows Schweizer Autor, ist das schon einmal nicht gelungen. Und Gabriel García Márquez, den magischen Realisten aus Lateinamerika, wird es genauso wenig als deutsches E-Book geben wie als Hörbuch die Rechtslage ist zuweilen verzwickt. Die Schriftstellerzunft fürchtet sich vor den düsteren Hackern der Programmierhöhlen Russlands und Chinas, die den Kopierschutz der E-Books im Handumdrehen knacken und das Internet mit Raubkopien überschwemmen können.

Aber warum lächelt Helge Malchow jetzt? «Weil ich nicht weiss», sagt er, «ob Kracht sich das bei zwanzig oder dreis- sig Prozent Anteil am Gewinn nicht noch einmal überlegen wird.» John Gri-sham, der amerikanische Bestseller-Autor, hat es sich überlegt. Wenige Wochen vor der Markteinführung des iPad gab Grishams Verleger die Kehrtwende bekannt. «The Firm», «The Innocent Man», «The Brethren» und wie sie alle heissen: 14.99 Dollar im iBookstore. Vor einem Jahr hatte der Thriller-Autor von einem «Desaster auf längere Sicht» für die Verleger gesprochen.

Auch in Deutschland werden die Konditionen der Nachbuchhandlungs-Ära nach und nach ausgehandelt. Google verhandelt im Schatten von Apple und Amazon, bald soll ein Tablet herauskommen, mit einem E-Book-Shop. Amazon derweil verzögert seit Monaten den Start seines deutschen Kindle-Stores. Wer den Kindle für Europa bestellt, erhält einen amerikanischen Aufladestecker. Unter dem Druck der Apple-Konkurrenz musste Amazon in den USA seine Kampf-Preise (9.99 Dollar) fallenlassen. Wenn sie überhöhte Preise einführen wollten, müssten die Verleger das selbst verantworten, kommentierte Amazon.

Das «Agentur»-Geschäftsmodell, das Apple den Verlagen anbietet, sieht rund siebzig Prozent des Buchpreises für den Verlag vor, die restlichen dreissig gehen an Apple. Den Buchpreis bestimmt der Verlag, zu weiten Teilen. Das steht fest, ist in Kalifornien geplant worden, soll weltweit durchgesetzt werden.

Verhandelt wird von allen Seiten her hart, aber als fairster Player aus Sicht der Verleger gilt Apple. Die Verhandlungen mit Amazon dagegen stocken, Amazon will die deutsche Buchpreisbindung nicht im Vertrag verankert sehen oder nur unter Zusicherung einer niedrigen Preispolitik seitens der Verlage. «Wir werden den Vertrag irgendwann auch ohne Buchpreisbindung unterschreiben, schliesslich ist diese schon im Gesetz ver- ankert», sagt ein Verleger. Bloss wolle keiner der Erste sein, der unterschreibt.

Googles Preiskonditionen, sagt der Mitarbeiter eines mittelgrossen Verlags, seien «schlechter als die von Apple». Man erhalte mehr und mehr den Eindruck, sagt der Geschäftsleiter eines grösseren Verlags, Google gehe es «noch um etwas ganz anderes», «die scannen alles ein, sagen sich, vielleicht können wir es in einigen Jahren brauchen. Google geht es ganz klar um Macht, so sehe ich das.»

Es sind die Managertrupps der grossen deutschen Verlagskonzerne wie Random House und Holtzbrinck (dem Malchow und Fest angehören), die zurzeit in die USA fliegen und verhandeln, sie können das Buch unter Wert verkaufen oder retten. Der Preis? Bei zwanzig Prozent unter dem Ladenpreis für die gebundene Ausgabe sehen Branchenkenner die generelle E-Book-Preistaktik der Verlage. Bei Random House wird das E-Book, sobald die Taschenbuchausgabe erscheint, zehn Prozent günstiger als das Taschenbuch. Zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Prozent unter dem Preis für das gedruckte Werk werde sich der Preis für E-Books einpendeln, glaubt András Németh, Geschäftsleitungsmitglied der Buchhandlungsgruppe Orell Füssli.

Buchhändler am Ende?

Auf seinem Laptop sieht er die Erfolgskurve der E-Book-Zukunft, ums Jahr 2013 schnellt die Grafik nach oben, ein Verlauf mit scheinbar mathematischer Sicherheit. Németh erklärt das Problem vom Huhn und dem Ei. Wenn er davon spricht, dass «die Branche jetzt einmal kräftig durchgeschüttelt wird, und danach sehen wir weiter», dann meint Németh, dass die Buchhandlung Orell Füssli «danach» immer noch dabei ist.

Dabei bleibt nur die Frage, wer jetzt ein Huhn aus dem Nichts aufzüchtet. Man muss also jetzt in die E-Books investieren, um «in fünf, vielleicht zehn Jahren», wie Németh sagt, die ersten Eier zu bekommen. Noch ist das Huhn ein Ei. Noch wartet man auf den «Peak», den plötzlichen Aufschwung, «wie beim Handy, wie beim MP3-Player, dort war es genauso».

Auf dem Spiel steht nichts weniger als der Berufsstand des Buchhändlers. In der Branche kursiert ein Rettungsplan, dessen Ziel heisst: Apple, Amazon, Google direkt konkurrenzieren. Man will ein eigenes E-Book-App für das iPhone, das iPad und andere Geräte anbieten. Und man verkauft einen eigenen E-Reader nach dem Vorbild des US-Buchhändlers Barnes & Noble. Die Strategie von Orell Füssli ist noch offen, der Schweizer Buchhändler eröffnet zunächst einen Discount-Online-Shop. Zugleich hat er sein Logo geändert, es ist golden und soll das Buch adeln.

Orell Füsslis Problem ist, dass die anderen Ähnliches vorhaben. Thalia, Ex Libris, Weltbild oder textunes.de wollen auch an den E-Books mitverdienen und helfen am Ende mit, das Kerngeschäft zu zerstören. Eine Wahl bleibt den grossen Ketten keine: Die Gewinnmargen des Buchhandels sind schon heute so tief, dass bereits ein kleiner Verlust an Marktanteil durch die E-Books verheerend sein wird.

Doch, sagt ein junger Verleger aus Stuttgart: «Die Buchhändler verstehen etwa so viel von E-Books wie ein Buchdrucker von der Herstellung eines iPad.» Bereits jetzt wehren sich die Verlage, den Buchhandel mit vierzig Prozent an den E-Books zu beteiligen, wie das beim Buch seit jeher üblich ist. Weshalb soll der Buchhändler mehr bekommen als Apple, nämlich dreissig Prozent für jedes E-Book, wenn der E-Book-Käufer ohnehin von zu Hause aus kauft, zunehmend beratungsresistent, ohne Buchhändler, mit einem Klick?

Die Verwertungskette wird sich eine Zeit lang aufplustern, dann zusammenschrumpfen. Der Buchhandel wird ein anderer werden oder wegdigitalisiert, die Verlage finden neue Geschäftspartner und Bestseller-Autoren wie Stephen King vielleicht auch, sobald die Autorenverträge mit Amazon und Apple genügend lukrativ sind. Dann könnten auch die Verlage bald wegdigitalisiert sein.

Doch wie wird sich die Leserschaft, dieses eigenwillige Völkchen, verhalten? Fragen wir zur Sicherheit Hans Magnus Enzensberger, der nie den Fehler beging, Internet oder TV für generell schlecht zu halten. Nur weiss der «im Moment nichts Handfestes zu sagen. Ja? Tut mir leid. Leben Sie wooohl!», woraus wir die Leh-re ziehen, nicht vorschnell zu urteilen.

Visionen gibts zu jeder Zeit zum Spottpreis, dennoch fragen wir schonungslos weiter. Buchhändler Németh etwa kann sich «gut vorstellen», dass der Leser in Zukunft in einer Buchhandlung E-Books auf seinen E-Reader laden kann, eine Art Zapfstation. Falls der Leser ein Buch besonders liebt oder es verschenken will, so verlangt er an der Kasse einen Ausdruck.

Dann wird die kleine interne Druckmaschine in Gang gesetzt, und der Leser erhält sein Exemplar druckfrisch.

Der edle Druck

Ist das ein Geschenk, zum Einpacken? So fragt man heute. Ist das ein besonderes Buch, zum Ausdrucken? So könnte man morgen fragen. Kommt dazu, was Lutz Kettmann beobachtet, der Rowohlt-Marketing-Geschäftsleiter, dass «die ge- bundenen Bücher seit einigen Jahren durchaus aufwendiger, wertiger und auch herstellerisch anspruchsvoller ausgestattet werden. Das zeigt, dass es in Verbindung mit einem höheren Ladenpreis für derartige Bücher einen Markt gibt.»

Golden ist Orell Füsslis Logo, edel und selten das Buch der Zukunft, genauso wie die Faksimile-Ausgabe der Luther-Bibel von 1534, die bei Peter Bichsel zu Hause im Regal steht wie eine Monstranz. Wenn man ihn in fünfzig Jahren sehen wird, den Leser gebundener Bücher, dann wird man aufhorchen. Erkennt ihr ihn, er hält ein Hardcover in der Hand, ein Igel, der beim Lesen offline bleibt, ein Hungerkünstler, der nichts als Buchstaben braucht und keine Links dazu.

Einen Letzten aber, den muss man noch befragen. Vorgewarnt sei der Leser hier, denn dieser weise Mann zum Abschluss ist nicht nur ein Freund des Buches, sondern geradezu sein Manager, seine «Marketingmaschine», wie man ihn nennt, den Vertriebs- und Marketingchef des dtv-Verlags in München. Der Mann heisst Rudolf Frankl, steht vor der Pensionierung und ist eine Legende. Er trägt lange graue, vulkanausbruchartig zur Seite abstehende Haare. Bei Frankl volontierte einst der junge Buchfreund Alexander Fest, Frankl hat im Gegensatz zu Fest einen Facebook-Account.

«Fünf Prozent meiner Arbeitszeit gehen im Moment für die E-Books drauf, und sie ma-chen 0,5 Prozent unseres Um-satzes aus.» Das sagt Frankl ungefragt, als wüsste er genau, was Journalisten dieser Tage von ihm wissen wollen. Die Investitionen der Verlage, die würden sich erst amortisieren, wenn er längst im Ruhestand sei.

Auch dtv liest die Zeichen der Zeit, macht E-Books wie alle andern, demnächst einen Wallander und fünf weitere E-Book-Apps für das iPhone. Der Rowohlt-Verlag will seiner Monografien-Reihe mit Multimedia-Monografien zu neuem Glanz verhelfen, «enriched E-Books» nennt sich das Konzept. Thomas Mann und Albert Einstein werden bei Rowohlt bald als App erscheinen, der Leser wird Video- und andere Clips anwählen können, einen etwa, der die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Einstein und Mann in den Vierzigerjahren zeigt. Auch der Verlagskonzern Random House bringt zunächst einen «enriched Discount-Planer» heraus, der kurz vor der Sommersaison weiss, wo die billigsten Rasenmäher zu haben sind. Man wird bald auch in Europa «Bridge»-Romane lesen, kurze Geschichten, ausschliesslich als E-Book, die viele Autoren in den USA bereits zur Überbrückung zwischen zwei grossen Romanen schreiben. Zudem billigt Random House nur noch Autoren, die mit der Vertragsunterzeichnung auch die Rechte für E-Books abgeben.

Groschenromanserien wie «Perry Rhodan» oder «Jerry Cotton» wittern Morgenluft, der KiWi-Verlag hat seinen Sciencefiction-Autor Frank Schätzing als App aufbereitet, mit Videos und Skizzen des Autors, Suhrkamp bringt seine edi-tion suhrkamp als E-Book und Klett-Cotta bald sein Flaggschiff «Herr der Ringe», ebenfalls enriched, mit Karten, mit Bildern und Videos.

Frankl findet das alles interessant. Was die «enriched E-Books» betrifft, bleibt die «Marketingmaschine» aber skeptisch: «Wenn man für jeden Video-Clip, für jedes Bild, für jeden Song die Rechte einkaufen muss, dann wird sich das rein ökonomisch nicht lohnen. Das physische Buch hat sich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen durchgesetzt.»

Auf Frankls Schreibtisch liegt der sechste oder siebte Vertragsentwurf eines grossen Digitalisierers. «Nehmen wir an, die grossen drei, also Apple, Amazon und Google, kommen mit ihren E-Books auf fünfzig Prozent Marktanteil. Dann wird der Buchhandel am Ende sein. Als Nächstes kommen dann aber die Verlage.» Er, Frankl, freut sich auf den nächsten Vertragsentwurf.

Es sind viele, die über das elektronische Buch fachsimpeln, doch die allerwenigsten haben je eines in die Hand genommen und durchgelesen, von vorn bis ganz hinten. Wer es versucht, den erfasst mitten in der Lektüre ein seltsames Gefühl: Das E-Book fühlt sich zwar nicht wie ein Buch an, doch es liest sich wie eines. Das Lesen bleibt sich gleich. So muss es sich für die Schüler Sokrates angefühlt haben, als sie merkten, dass der Meister im Unrecht gewesen war mit seiner Behauptung, Verschriftlichung führe zur Verdummung.

«Es wird mehr gelesen werden, es geht gar nicht mehr anders in der heutigen Zeit, die Frage ist aber, ob das noch Bücher sein werden.» Das kommt von Alexander Fest, dem Bücherfreund.

Bleibt nur noch die Frage, was Verleger Fest antwortete, als Daniel Kehlmann ihm den Untergang des Buches prophezeite. Da waren die beiden Buchfreunde in den USA, dem Land mit den wohl grössten Distanzen zwischen Buchhandlung und Buchhandlung, dem Land des E-Book, wo die Schriftsteller bereits Verträge unterzeichnen mit Amazon, um die Verlage zu umgehen.

Fest antwortete, er glaube weiter an die «Nichtverdrängbarkeit» des Buches, perfektes Kulturwerkzeug sei es wie der Löffel, der Stuhl, denn zum Lesen eines Buches brauche man «nichts, bloss Licht. Ich weiss aber auch, Daniel, dass ich ein Freund von Büchern bin. Sogar ein Liebhaber von Büchern. Und Freundschaft und Liebe machen bekanntlich blind.»

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. Tweets that mention Das Magazin » Buch unter Druck -- Topsy.com

    [...] This post was mentioned on Twitter by jensbest, Verlagsreport , Dorothea Martin, Stabi Hamburg, Chris Veltman and others. Chris Veltman said: RT @verlagsreport: Das grosse Zittern um die Zukunft des Lesens im Zeitalter des iPad http://bit.ly/bmOnys [...]

  2. Seitenhiebe » Blog Archive » Ein Rundumschlag

    [...] dasmagazin lesen wir eine hübsche Zusammenstellungen von Meinungen zum Streit von Inhalt und Form. In [...]

  3. links for 2010-07-19 | Lotrees Journal

    [...] Das Magazin » Buch unter Druck Das grosse Zittern um die Zukunft des Lesens im Zeitalter des iPad [...]

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.