30.03.2007 von Michèle Roten
Nacht. Freitagabend im Embryo, Bukarests Lieblingsklub, die Menge tanzt hingebungsvoll zu Cristians DJ-Set, sie raucht, nippt an Drinks, sie flirtet und schmust, sie macht das Partyding. Es ist genau so, wie es sein soll, man ist jung und gut gelaunt, die Frauen schön, und sie wissen es. Ioana ist da, und Maria ist auch da, und der Morgen ist weit weg.Tag. Am nächsten Morgen, in der Strasse vor dem Embryo. Kinder in Trainingsanzügen und mit zu grossen Jacken schlendern herum, begleiten ab und zu einen Fussgänger ein paar Schritte und reden auf ihn ein, sie wollen Geld. Ein dreibeiniger Hund wühlt in einem Abfallsack.
Nacht. Bukarest ist eine Stadt im Aufbruch, aber man sieht das paradoxerweise erst, wenn das Licht ausgeht. Der Abend schmeichelt diesem Ort, gnädig kaschiert das weiche Licht die Problemzonen und Defekte, verleiht ihnen sogar so etwas wie Trash-Glamour. Eine neue Stadt entsteht, sie ist schön, verheissungsvoll, erwartungsgeladen, und abends tauscht das Personal sich aus – plötzlich Händchen haltende Paare, plötzlich Menschen, die glücklich aussehen. Mit viel Sorgfalt und Stil gekleidete Frauen, gepflegte Männer. Plötzlich Lachen und Musik. Angst müsse man keine haben, des Nachts in der Stadt, sagt der Mann an der Hotelréception. «Die Diebesbanden sind ja alle bei euch im Westen. Ha! Ha!»
Die Nacht in Bukarest gehört den neuen Superreichen, den etwa zehn Prozent, die sich nach der Revolution rasch angepasst und in der Marktwirtschaft zurechtgefunden haben. Und sie gehört den Jungen und Schönen, den modernen Kreativen, der Szene. Der Mittelstand, schwach entwickelt, wenig selbstbewusst, sehr sicherheitsorientiert, ist zu Hause und schläft. Und auch die Armen sind wegradiert aus dem Stadtbild, nachts, in ihren Löchern verschwunden, abgetaucht, im wahrsten Sinn des Wortes: Viele wohnen in der Kanalisation. Rund ein Viertel der Rumänen lebt unterhalb der nationalen Armutsgrenze.
Die Nacht gehört Leuten wie Ioana Isopescu. Sie steht in einer lauten Bar, an die Wand gelehnt, trinkt Bier aus der Flasche und unterhält sich mit etwa zehn Leuten gleichzeitig. Das macht sie gut – und daher komme auch ihr Erfolg, sagt sie, «socializing» sei das A und O bei ihrer Arbeit, «nett sein, immer nett sein, ganz besonders, wenn man eine Frau ist und Geschäfte machen will in Bukarest».
Die 29-Jährige hat vor zwei Jahren das Magazin «Omagiu» gegründet, ein aufwendiges und verspieltes, ambitiöses Heft für urbanen Lifestyle, für ästhetische Konsumkultur, das vier- bis fünfmal pro Jahr erscheint. In der letzten Ausgabe geht es zum Beispiel um die Biennale in São Paulo, einen rumänischen Stofftierdesigner, den Zusammenhang von Demokratie und Lotterie. Das Heft ist zweisprachig, Rumänisch und Englisch – Englisch kann hier übrigens fast jeder. Und ziemlich jeder, den wir kennenlernen, hat studiert.
Ioana ist eine schöne Frau, für Bukarest unüblich unüberweiblich – sie trägt ein weisses Hemd, Jeans, weisse Adidas Superstar, langer dunkler Mantel. Der Grund, warum sie in Bukarest bleibe: «Man kann noch sehr viel erschaffen hier. Das meiste entsteht erst.»
Das findet auch Maria, und sie freut sich, dass so viele ihrer Freunde jetzt zurückkommen. Maria hat Englisch und Französisch studiert, ist dann in der Welt herumgereist, und als sie merkte, dass es das Paradies nicht gibt, hat sie sich in Bukarest niedergelassen. «Ich führe ein bisschen eine kleine Boutique, mache ein bisschen Innendesign und ein bisschen gemeinnützige Arbeit mit Kindern.» Ihre Eltern, sagt sie, seien enttäuscht, dass die Tochter nicht irgendwo im Ausland Unmengen Geld verdient – dabei zeigt sich an Maria doch nur, dass Rumänien wirklich auf dem Weg in die Gegenwart ist, jetzt, wo sich auch hier eine «Generation Projekt» entwickelt. Vom Outfit her ist Maria bereits in der Zukunft angekommen: Sie trägt ein schwarzes Jäckchen des rumänischen Designers Olah Gyarfas, es hat riesige Puffärmel und eine riesige Pufffinne auf dem Rücken, es erinnert an ein Reptil, und man würde damit auch in New York oder in Berlin auffallen, aber in Bukarest wird man, zumindest tagsüber, einfach nur fassungslos angestarrt. Dazu trägt Maria Adidas-Trainerhosen und knallrote Lippen und ein aufwendiges Augen-Make-up. Die Blicke amüsieren die 29-Jährige. Und sie will mit ihrem Stil auch etwas aussagen: «Getraut euch was, habt Spass, Qualität zählt, auch rumänisches Design ist cool. Ungefähr so.»
Eklektische Stadt
Tag. Am nächsten Morgen ist Bukarest wieder und immer noch kaputt, ziemlich trist und von einer seltsamen, einheitlichen Unfarbe. Ist es grau? Beigebraun? Kaputt ist alles, zerbrochene, fehlende Fensterscheiben, kein Schild nicht verrostet, kein Vordach nicht schräg oder zerrissen, keine Regenrinne gerade, halb zerfallene Häuser, die Grünflächen beigebraun und abfallübersät, die Strassen voll metertiefer Schlaglöcher, wellend und wogend, Wurzeln brechen durch den Asphalt, Stromkabel hängen bis auf Kopfhöhe herunter. Bukarest
ist sehr hässlich, und Bukarest war wohl mal wunderschön: pompöse Neo-Barock-Paläste, aufwendigst verzierte Brunnen, krumme Gassen mit atemberaubenden Fluchten – nicht nur, weil auch Bukarest einen Arc de Triomphe hat, der hier Arcul de Triumfe heisst, wird diese Stadt das Paris des Ostens genannt. Aber Bukarest wirkt wie ein sehr erschöpftes Paris. Das eklektische Stadtbild Bukarests, altrumänischer Stil mit Rundbögen und Säulen neben mediterran anmutenden Villen, Bauhaus neben Gründerzeit, erklärt sich einerseits aus den verschiedenen kulturellen Einflüssen – andererseits wurde die Stadt immer wieder zum Teil dem Erdboden gleichgemacht und wieder aufgebaut. Die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs machten Platz für stalinistische Düsterbauten, die Schäden nach dem grossen Erdbeben 1977 nutzte Ceausescu, Rumäniens wahnwitziger Zuchtmeister, als Gelegenheit, seinen Traum von einer Stadt um seine Person herum Wirklichkeit werden zu lassen. Ganz vollendet hatte er seine Vision noch nicht, als er 1989 erschossen wurde. Und ganz gereicht hat auch das Erdbeben nicht, da musste das Regime noch ein bisschen nachzerstören: Rund ein Fünftel der Stadt – Kirchen, Schulen, historische Bauten – wurde plattgemacht, 50 000 Menschen umgesiedelt.
Wo früher gewachsene Urbanität war, liegt seither der Boulevard der Einheit, eine schnurgerade Schneise, dreieinhalb Kilometer lang, breit, sehr breit, «breiter als die Champs-Élysées», das war der Befehl, gesäumt von riesigen Wohnbunkern. Und sie führt direkt auf den Kern des Wahnsinns zu: den Riesenpalast. Ein Monstrum, eine Abartigkeit. Nach dem Pentagon das zweitgrösste Gebäude der Welt. Ceausescu nannte ihn den «Palast des Volkes», das Volk nannte ihn «Palast des Sieges über das Volk». Es gab die Idee, den unfertigen Bau zu sprengen nach der Revolution, aber nicht genug Dynamit im Land. Donald Trump wollte ein Kasino daraus machen – Kasinos gibt es Hunderte in Bukarest, an Wochenenden werden sie geflutet von Israeli, die eigens deswegen anreisen. Vom Manifest des Totalitarismus zum Platzhalter der Demokratie, heute ist das Parlament im Palast untergebracht. Und heute ist das Volk ein bisschen ratlos angesichts dieses Dings. Man nennt es auch «das Ding».
Die Farbkleckse im unfarbenen Brei Bukarests bilden einerseits die Werbeplakate: Sie sind überall. Ganze Gebäude sind zutapeziert. Riesige Tafeln verdecken die Fenster von Wohnhäusern, die Mieter verdienen sich so ein kleines Zubrot. Aussicht versus Cash, die Entscheidung fällt nicht schwer bei rund 270 Euro Durchschnittseinkommen. Die Regelungen sind undurchsichtig und leicht umgehbar, wären die Reklamen alle ordentlich bezahlt, könnte sich die Stadt schnell sanieren.
Andererseits sind da die Autos: Sie überwuchern die Stadt wie ein Ekzem. Sie stehen überall, sie schieben sich durch die Strassen, sie rasen heulend auf den kurzen freien Strecken, sie machen, dass man lieber nicht atmen würde. Alle paar Ecken gibt es einen Auffahrunfall. Neongelbe Polizisten stehen auf den riesigen Kreuzungen und trillern sie verzweifelt zur Ordnung. «2,2 Millionen Menschen leben in Bukarest», sagen Rumänen gerne, «und es gibt 2,2 Millionen Autos.» Viele, viele alte Dacias, rostig, klapperig, rauchend, stinkend, in abenteuerlichen Farben, aber auch erstaunlich viele Luxusmarken, BMWs, Mercedes, Porsche Cayennes, ab und zu sogar ein Hummer. An roten Ampeln klopfen bettelnde Kinder an die Scheiben. Und man würde auch noch Pferdewagen sehen in der Stadt, wären sie im Zuge der Kosmetikmassnahmen für die EU nicht verboten worden.
Hauptsache dazugehören
Otavian «Ota» Rusu fährt mit seinem Kombi, voll geladen mit Getränken für die Party abends, vor sein Haus in einer ruhigen Wohngegend. Er steigt aus, öffnet das Tor, steigt wieder ein, fährt in die Einfahrt. In der Strasse, wo eben noch das Auto stand, klafft jetzt ein grosses Loch im Asphalt, etwa einen Meter tief, darin plätschert Wasser. «Oh», sagt Ota. «Das ist ja lustig.» Und kichert. Er finde das meiste in Rumänien sehr lustig. Vor ein paar Monaten sei das übrigens schon mal passiert in seiner Strasse, aber extremer, ein Jeep sei sprichwörtlich vom Erdboden verschluckt worden. Einfach eingebrochen. Ota steckt einen Besen ins Loch, damit niemand reinfällt.
Nacht. Jetzt, um zehn, ist Otas Keller noch ziemlich leer, der Geruch thailändischer Suppe schleicht durch die Räume, Kerzchen brennen, ein bisschen Musik. Vor fünf Jahren hat Ota angefangen, an Donnerstagen Suppe zu kochen und seine Freunde einzuladen. Die Abende wurden immer länger, der Keller voller, inzwischen ist das halblegale Ota’s eine Institution der Kreativszene.
Ota ist ein grosser Mann mit kurzem Bart, Brille, Schirmmütze, Schlabberjeans, bayerischer Lodenjacke, gepflegt verlottert, 40 Jahre alt. Typ Kunstkenner, Typ Denker, Typ Untergrund-Hedonist. Er hat den Keller seines Elternhauses selber ausgebaut, da kam ihm sein Beruf gelegen, Bauingenieur. Ota wusste nicht, was ihn wirklich interessierte, «irgendwas mit Menschen sollte es sein… ihnen helfen… ihr Leben besser machen…», aber Anwalt oder Arzt oder Priester, dazu fühlte er sich nicht berufen. Das Studium hat er in Deutschland gemacht, und er wollte eigentlich nie mehr zurück nach Rumänien.
Nicht, nachdem Freunde der Familie für nichts und wieder nichts ins Gefängnis gesperrt wurden. Nicht, nachdem das Regime das Haus, das schon seit Generationen seiner Familie gehörte, stahl und seine Familie Miete zahlen liess. Ota war enttäuscht, angewidert, fühlte sich verraten. In Deutschland verliebte er sich in eine Rumänin, besuchte mit ihr ab und an wieder seine Heimat und begann allmählich das Land, die Leute mit anderen Augen zu sehen. Den Charme hinter all dem Chaos. «Eigentlich lieben wir doch das Durcheinander hier.» Er möge ganz besonders den rumänischen Humor, «ein Galgenhumor», sagt Ota. «Anders konnte man diese Vergangenheit nur schlecht überstehen.» Ota beschloss, dass das seine Heimat sei, trotz allem.
Im verwinkelten Keller ist gegen Mitternacht eine gemütliche Party im Gange. Die Luft ist schlecht, die Stimmung gut. Gäste, die nicht anders aussehen als die Gäste an Kellerpartys im restlichen Europa. Ein paar Leute essen Suppe in der Küche oder im Raum mit dem grossen Tisch, einige lungern im Lounge-Raum herum, andere stehen und plaudern an der Bar, wo Ota Drinks mixt, je später, desto mehr Leute tanzen im Klubraum. Ota, jetzt im weissen Hemd, ganz begeisterter Gastgeber, grüsst, umarmt, zapft, schüttelt, rührt, strahlt: «Irgendwann merkte ich plötzlich, dass ich genau das tue, was ich immer wollte: Menschen glücklich machen.»
Tag. Seit drei Monaten ist Rumänien Mitglied der Europäischen Union. Bei jeder Gelegenheit beschwört Staatspräsident Traian Basescu die Euphorie im Land, die Ziele, Pläne, Hoffnungen, die sich für das Volk mit dem Beitritt verbänden, die Freude, die herrsche. Doch es gibt wenig äusserliche Zeichen dieser Euphorie. Das Europa-Gefühl muss man in Bukarest mit der Lupe suchen, dann entdeckt man vielleicht in einem kleinen, mit irgendwelchen Sachen voll gestopften Geschäft für irgendwelche Sachen zwölf goldene auf dem Schaufenster klebende Sterne, dahinter hängt ein blaues Stück Karton.
Alexander Ciubotariu, ein 26-jähriger Künstler und Illustrator, bleibt vor dieser unbeholfenen EU-Flagge stehen und lacht. «Wir haben einfach mal Ja gesagt zur EU», sagt er. «Wir haben Ja gesagt zu allem, ja, super, her damit. Aber wenns dann mal zur Umsetzung kommt, gehen die Diskussionen los: ‹Ach was, dieses Gesetz müssen wir übernehmen?› – ‹Oh, auch diese Regelung?› – ‹Können wir das nicht so machen?› Ich bin sehr gespannt.»
Alexander spaziert gern. Wandert durch die Gassen Bukarests, immer auf der Suche nach den hässlichsten Ecken. Die schaut er sich an, bis er eine Idee hat. Dann geht er, kommt wieder und kleistert eine seiner Figuren an die Wand, mal ganz klein, mal so gross wie er selber, dann schaut er sich die Ecke wieder an und denkt: besser. Ob Rumänien bereit sei für Europa? Alexander grinst. «Die Frage ist eher, ob Europa bereit ist für Rumänien.»
Wir treffen Ioana ein zweites Mal, diesmal im Café Amsterdam. Bei der Frage nach der EU zuckt sie mit den Schultern. «Ich habe manchmal das Gefühl, den Leuten geht es mehr um das Statussymbol der Mitgliedschaft – was sie genau bedeutet, interessiert da weniger.»
Eine aufgetakelte Blondine mit Dutzenden prominent platzierten Luxus-Logos betritt die Bar, Ioana verdreht die Augen: «Die ist prototypisch. Von denen werdet ihr noch sehr, sehr viele sehen.» Oft sind die Statussymbole Fälschungen, natürlich, überraschend oft aber auch echt, sagt Ioana.
Also von der kommunistischen Uniform zur kapitalistischen?
«Ja, die Masse will nicht individuell sein, man will dazugehören. Und ‹dazugehören› meint nicht eine rumänische elitäre Szene, sondern richtet sich nach Westen, man will zu denen draussen dazugehören.» Für das rumänische Verständnis ist die Emblemschau der Dresscode der westlichen Welt, der Welt draussen. 18 Jahre nach der Revolution sprechen Rumänen, und auch solche, die wie Ioana nur Kindheitsjahre unter dem Kommunismus gelebt haben, vom Ausland noch immer als «outside». Drinnen – draussen.
Nacht. Abendessen im Burebista, einem traditionellen rumänischen Lokal. Die Kellnerinnen tragen etwas Trachtiges, ein sehr kurzes, sehr weit ausgeschnittenes Dirndl. Eine Kapelle spielt Volkslieder, die Gäste singen mit. Überall tote Tiere an der Wand, zum Teil abenteuerlich schlecht ausgestopft. Der Hase schaut drein wie ein Psychopath, der Fuchs sieht zugedröhnt aus. An einem Nebentisch, voller verdächtig wirkender Männer in Anzügen, wird etwas Grosses serviert, eine Alufolienskulptur, die stellenweise brennt, in der Mitte etwas Braunes, Kokeliges, bei näherem Hinschauen erkennt man Knochen und Krallen, es ist eine Bärentatze.
Handbuch der Korruption
Wir ziehen weiter. Das Fratellis, eine In-Lounge-Bar mit einem Interieur, das nonchalanten westlichen Wohlstand und Stil darstellen will, ist voll von attraktiven Menschen, die Frauenquote liegt bei etwa siebzig Prozent. Eine Hübsche im Zebra-Mini sitzt mit einem graugesichtigen, viel älteren Mann. Wir wollen sie fotografieren, stellen uns vor, erklären uns, sie hört lächelnd zu und sagt dann: «This is my husband.» Und der sagt: «No photo.» Seine Miene duldet keine Verhandlungen.
Wäre Ioana hier, sie würde wieder die Augen verdrehen. Diese Konstellation reicher alter Mann, schöne junge Frau – es sei das Standardmodell rumänischen Paarungsverhaltens der Gegenwart, hat sie gesagt. Allerdings zeichne sich in jüngster Zeit auch eine Tendenz ab, dass sich Frauen jüngere Männer suchen. Jüngere Männer mit einer neuen, offeneren, einer «europäischeren» Mentalität.
Im Fratellis sind die meisten Frauen in Girls-only-Formationen unterwegs. Ausnahmslos sind sie bis ins Detail durchgehübscht, die Haare, das Make-up, die Fingernägel, nichts wird dem Zufall überlassen. Und dabei sind sie stilsicher, die Vorzüge werden betont, ohne dass die Aufmachung nuttig wirkt – und Vorzüge haben rumänische Frauen viele. Die strengen und doch lieblichen Gesichter, die kerzengerade Haltung, der stolze Gang, der lange, schlanke Wuchs – man sieht hier kaum Dicke, obwohl die einheimische Küche fett ist. Gleich drei Frauen im Fratellis feiern unabhängig voneinander ihren Geburtstag. Und empfehlen unabhängig voneinander einen Besuch im Embryo. Und unabhängig voneinander lachen alle, als wir sagen, wir wollten zuerst noch ins Bamboo.Tag. Obwohl der Kampf gegen die Korruption seit Jahren hart geführt wird und ganz oben auf dem Fitnessplan für die EU steht: Mit Geld läuft nach wie vor alles wie geschmiert in Rumänien. Auch nach mehreren spektakulären Prozessen gegen Staatsmänner und Wirtschaftslenker sind Bestechungen gang und gäbe – das Volk weiss das und glaubt nicht an eine unkorrupte Politik. «Spaga», Schmiergeld, ist das Zauberwort, es gibt viele Synonyme, vielleicht so viele wie in Norwegen für Schnee. Auch im alltäglichen Leben begegnet man der Korruption auf allen Ebenen. Jeder, mit dem man hier spricht, hat eine Geschichte auf Lager. Einer erzählt von Polizisten, die ihm unterstellten, betrunken Auto gefahren zu sein, sich aber weigerten, das mit einem Test zu verifizieren und dafür wortlos das Licht im Untersuchungsraum löschten – zwecks diskreterer Geldübergabe. Oder – darüber kichern alle – die Kontrolleure im Zug, die sich schon mit rund einem Viertel des Ticketpreises milde stimmen liessen, was dazu führte, dass kaum einer mehr Tickets kaufte, was dazu führte, dass Kontrolleure für die Kontrolleure eingeführt wurden, die jedoch natürlich auch bestechlich waren. Was dazu führte… und so weiter. In den Spitälern wird man ohne finanzielle Zuwendungen oft gar nicht erst behandelt. Es herrscht aber auch Verständnis dafür, dass sich ein Arzt die 300 Euro Monatslohn ein bisschen aufbessert. Der Usus der «mica atentia», der kleinen Aufmerksamkeiten im Alltag, wird irgendwie resigniert-amüsiert akzeptiert. Es liegt vielleicht auch da der Grund für die Schwierigkeiten, das Problem in den Griff zu kriegen: Bestechung wurde vom Verbrechen zur Tradition. Sie hat sich lange Zeit und über verschiedene Staatsformen hinweg gehalten und ist inzwischen mehr das Image einer skurrilen kleinen Eigenart. Vor einem Jahr erschien sogar das «Manual de Spaga», eine Korruptionswegleitung. Aufgebaut wie ein richtiges Schulbuch, mit Tests und Übungen am Ende jedes Kapitels.
Die Stadt wird blühen
Nacht. Das Bamboo liegt am Stadtrand. Man schlängelt sich erst durch eine Siedlung halb zerfallener gartenhäuschenartiger Hütten, eine Art Slum, und dann erscheint, mittendrin, dieser riesige Entertainment-Komplex. Direkt vor dem Eingang steht der neuste Ferrari Scaglietti. Das Bamboo ist ein grössenwahnsinniger Klub, eine 16 000 Quadratmeter grosse Steigerungsform einer Disco. Wir verstehen jetzt, warum die Leute im Fratellis uns ausgelacht haben, als wir sagten, wir wollten ins Bamboo. Mit bemerkenswert schlechtem Geschmack von oben bis unten durchgestylt, goldene Kunstlederlounges, Plastikpomp, mehrere Ebenen und Räume scheusslichster Party-Megalomanie, alles glänzt, im Sommer gibts draussen auch noch
einen Pool, der befeiert werden kann. Wenn Ceausescu Klubs gebaut hätte – so würden sie aussehen. Es war jedoch ein Italiener, der das verbrochen hat, Joshua Castellano. Ein untersetzter Mann in schwarzer Lederjacke, finster, alles mit Blicken und knappen Handbewegungen kontrollierend. Das Bamboo wurde vor nicht allzu langer Zeit wiedereröffnet, es ist eine Woche nach der ersten Party niedergebrannt. Warum, weiss man nicht so recht, aber wenn man sich Joshua anschaut, kann man es sich vorstellen und fragt nicht weiter. Als wir reinkamen, war Fotografieren strengstens verboten, die Kamera wurde beschlagnahmt. Jetzt macht Joshua eine Handbewegung, und alles ist erlaubt. Was er an Bukarest am meisten mag? «Das Bamboo und meinen Fitnessklub.» Joshua ist kein Mann der vielen Worte.
Die Klientel des Bamboo sind vor allem die Neureichen Bukarests und die, dies gern werden wollen. Auf den verschiedenen Bühnen tanzen sich Mädchen mit Topmodel-Figuren zu schlechtem House halb nackt einen Wolf.
Tag. Wieder die Unfarbe. Auch die Menschen, die zur Arbeit gehen oder von der Arbeit kommen oder Arbeit suchen. Sie lachen kaum je, und wenn doch, so entblössen sich oft zwei unvollständige Reihen windschiefer, brauner Zähne. Bettelnde Roma, viele Kinder, viele Alte, mit offenen Beinen, Geschwüren, Verletzungen, Gesichtern wie zusammengeknüllt und weggeworfen, dreckig und traurig. Alle sprechen von «Gypsies», Zigeunern, und auf die Frage, ob das nicht politisch unkorrekt, despektierlich sei, sagen sie: «Ach was. So heissen sie einfach.» Das Tram ruckelt und quietscht und scheppert durch die Strassen, bleibt minutenlang stecken, die Tramführerin trägt Hausfrauenkleidung, fehlen nur die Lockenwickler, sie hält mit der einen Hand ein Buch, lenkt mit der anderen, schaut nur manchmal auf.
Immer wieder geht eine Art Bekreuzigungs-La-Ola durchs Tram, dann wurde eine Kirche passiert. Die, auch wenn sie nicht sichtbar ist, einen Häuserblock hinter der Tramlinie liegt. Ceausescu mochte keine Kirchen sehen und liess sie von den Hauptstrassen wegversetzen. Auf dem Trottoir liegt ein Hund, vielleicht schlafend, vielleicht tot. Die Hunde, sie bilden ihre eigene Gesellschaft in dieser Stadt, Schätzungen gemäss soll es 200 000 Streuner geben hier. Man schlägt sie, sie beissen zurück: jährlich etwa 10 000 Menschen.
Nacht. Cristian Stefanescu, als Musiker «Electric Brother», schaut zufrieden in die feiernde Menge im Embryo. Der Kellerklub besticht durch ein organisch-futuristisches Design. Viel Weiss, ein wenig Rot. Gewebeartige Strukturen überziehen die Wände, Sitzecken aus zu-sammengepferchten Kunstleder-Molekülen. Es ist ein einziger Catwalk: Die Frauen holen das Letzte aus sich und ihrem Kleiderschrank heraus. Mode macht hier Spass, das sieht gut aus. Der Gedanke, Bukarest zu verlassen, funktioniere nicht in seinem Kopf, sagt Cristian, es gehe einfach nicht. Obwohl die Stadt, mal ehrlich, «ein riesiges Getto ist, bloss ohne das Zusammengehörigkeitsgefühl.»
Es sei schon etwas anderes, eine rumänische Masse zu beschallen als eine «draussen», im Ausland, sagt er. Erstens merke man halt einfach, dass diese Kultur hier noch nicht so alt sei wie anderswo. Was es für ihn reizvoll mache. «Wir waren von Anfang an dabei, konnten uns nicht ins gemachte Nest setzen wie die DJs und Musiker anderer Länder. Das ist grossartig.» Und zweitens seien Rumänen anstrengende Kunden. «Wir haben zu allem eine starke Meinung. Während Leute anderer Nationalitäten mit der Einstellung ‹Ich will jetzt Spass haben und tanzen› weggehen und sich dementsprechend verhalten, stehen Rumänen erst mal da und überlegen sich, was sie jetzt vom DJ-Set halten.» Umso zufriedener ist Cristian jetzt, dass die Nacht so gut läuft, die Stimmung so ausgelassen ist.
Irgendwann bricht der Morgen herein. Und während es in anderen Metropolen meist die Menschen sind, die von der aufgehenden Sonne blossgestellt werden, ist es hier die Stadt. Und doch, glaubt man jetzt, während der Taumel aussurrt: Rumänien wird blühen. Zumindest schon einmal als Nachtschattengewächs.

Die Rumänen sind lustige Menschen, sie mögen auch Tiere sehr gerne, zum Beispiel Bärentatzen, wie dieser Gast im Burebista. | Bild: Maurice Haas

Alexander, der Künstler, posiert vor seinen Werken. | Bild: Maurice Haas

Immer gestylt und nichts dem Zufall überlassen: Cristina, Cristina und Ana-Maria im Fratellis | Bild: Maurice Haas

Maria bereiste die Welt – und fand ihr Paradies nicht. Dafür hat sie jetzt allerhand zu tun in Bukarest. | Bild: Maurice Haas

Ein Erbe des Zuchtmeisters Ceausescu: das Palastmonster mitten in der Stadt | Bild: Maurice Haas

Die neunzehnjährige Luiza war Ballerina, jetzt tanzt sie im Bamboo-Klub. Sie träumt von Paris. | Bild: Maurice Haas

In Bukarest empfindet man ein McDonald's-Schild oder ein Auto als willkommenen Farbklecks. | Bild: Maurice Haas