Camping in Kabul

Hippies, Russen, Taliban – Afghanistan bot schon immer allen etwas. Jetzt entdeckt das Krisenland den Tourismus wieder.

26.10.2007 von Michael Obert , 1 Kommentar

Der einzige Tourist in Kabul würde ich sein. Zumindest glaubte ich das, als ich mit der Maschine aus Dubai zwischen Militärhelikoptern und Kampfjets landete. Keine drei Stunden später dann dies: Ein kleiner Mann spaziert mit einem erhobenen Fähnchen durch Kriegsruinen, gefolgt von Menschen mit weissen Sonnenhüten und himmelblauem Mundschutz, die mit ihren Digitalkameras Einschusslöcher in den Hauswänden knipsen – eine japanische Reisegruppe.
Kabul ist eine lustige Stadt. Klingt das absurd? Gut, sehr gut. Das absurde Theater wurde von den Franzosen erfunden, um die Unsinnigkeit der Welt und der darin verlorenen Menschen vorzuführen. Nicht zuletzt als Reaktion auf den Horror der beiden Weltkriege. Afghanistan hat eine zeitgenössische Spielart hervorgebracht. Sie heisst Kabul.
Im Zentrum springt mich das Gefühl des Absurden an jeder Strassenecke an. Schäfer treiben ihre Herden durch den endlosen Strom aus Autos, Minibussen und Mopeds. Ein Landcruiser mit  Fernsehbildschirmen in den Sitzen überholt eine Eselskarre. In seinem Restaurant «Deutscher Hof» serviert Gunter Völker aus Thüringen Schweinshaxe mit Sauerkraut, dazu frisch gezapftes Schwarzbier. Eine Frau streckt mir ihre Hand entgegen, die Finger fehlen, stattdessen eiternde Krater; Internetcafés mit italienischen Espressomaschinen und Highspeed-Verbindungen, überall klingeln Handys, werden SIM-Karten, Freisprecheinrichtungen und Easycharger verkauft. Ein Schild wirbt: «Fahrradverleih, Autoverleih, Sicherheitsdienste mit bis zu 3000 bewaffneten Männern». Und im Basar, wo Alkohol verboten ist, bieten Händler ihr Speiseöl in Johnny-Walker-Flaschen zu 4,5 Litern an und versenken grossformatige Fotografien von halb nackten Frauen im öl – Sex sells. Auch in Afghanistan.
In den letzten Jahren ist die Einwohnerzahl Kabuls auf geschätzte vier Millionen hochgeschnellt. Mit so vielen Menschen kommt die Stadt nicht klar: Müllberge, Wassermangel, ungenügende Hygiene, es besteht die Gefahr von Cholera- und Durchfallepidemien, die Kindersterblichkeitsrate zählt zu den höchsten der Welt, der Verkehr ist mörderisch, die Luft ebenso. Noch vor zehn Jahren gab es in Kabul so wenige Autos, dass man mitten auf der Strasse spazieren gehen konnte; jetzt schiebt sich selbst durch die kleinste Gasse eine lärmende, qualmende Blechlawine. Zahllose Generatoren verpesten zusätzlich die Luft. Dazu der Staub, den der Wind in den Kriegsruinen aufnimmt und auf Feldern, die mit Exkrementen gedüngt werden. Auch mit menschlichen. Früher oder später erwischt der Kabul-Husten jeden. Gegen diese Stadt sind Lima und Kalkutta Luftkurorte.

Snowboard am Hindukusch

Ich wohne im «Mustafa», einem Hotel der Mittelklasse. Meine Zelle ist gerade gross genug für eine Pritsche. Es gibt keinen Ventilator. Die Toilette liegt am Ende des Flurs. Als nachts der Strom ausfällt, taste ich mich in der Dunkelheit den langen Gang zurück – und stosse plötzlich mit jemandem zusammen. Ich unterdrücke einen Schrei, erspüre ein langes Gewand, darunter etwas Hartes. Meine Hände berühren einen fülligen Bart, da geht das Licht wieder an. Ich umarme einen hünenhaften Paschtunen im Nachthemd. Er zeigt auf seine Kalaschnikow und sagt: «AK-47, good, very good.» Dann wünschen wir uns eine gute Nacht.
Am nächsten Morgen begegne ich im Basar einer Gruppe amerikanischer Touristen. Sie haben eine «Kabul City Tour» gebucht, eine ganztägige Führung, die Pauschalreisende zu den Sehenswürdigkeiten bringt: Moscheen, Mausoleen, Gärten, der Vogelbasar, die alte Festungsmauer. Organisiert von einem Unternehmen namens Great Game Travel Company. Es gibt zwei weitere solcher Reiseveranstalter in der Stadt. Und mir wird allmählich klar: In Kabul ist der Tourismus erwacht. Trotz Krieg, Krisen und Entführungen werden Ausflüge zu den überresten der steinernen Buddhas von Bamiyan angeboten. Auch Trekkingtouren in der Provinz Badakhshan. Die Pioniere der Reiseszene raften bereits mit Kajaks auf dem Panshir River, fahren Snowboard am Hindukusch und gleiten an Drachen über die saphirblauen Band-e-Amir-Seen. Ich begegne einem tschechischen Rucksacktouristen, der in einem Reiseführer blättert: «Afghanistan» – druckfrisch von Lonely Planet.
Auch einen neuen Tourismusminister gibt es in Afghanistan, ein gefährlicher Beruf am Hindukusch. Der erste Amtsinhaber nach dem Sturz der Taliban, Abdul Rahman, wurde kurz nach seinem Dienstantritt von einem Mob am Kabuler Flughafen gelyncht. Der zweite Tourismusminister Afghanistans, Mirwais Sadeq, wurde auf einer Dienstfahrt in Herat im Auto erschossen. Nasrullah Stanekzai, der dritte Tourismusminister, lebt zwar noch, wurde jedoch über Nacht abgesetzt, weil er nach Machtverschiebungen im Regierungsapparat plötzlich der falschen Partei angehörte.
Vielleicht liegt es am Schicksal seiner Vorgänger, dass Professor Ghulam Nabi Farahi, der aktuelle Amtsinhaber, dem ich jetzt gegenübersitze, nicht sonderlich euphorisch wirkt, wenn er über die touristische Zukunft seines Landes spricht. «1000 Touristen im letzten Jahr», sagt er, lässt die hellblauen Perlen einer Gebetskette durch die Finger gleiten und fixiert den Fernseher, wo ein afghanischer Elvis «It’s now or never» singt. «Dieses Jahr 1500, nächstes Jahr doppelt so viele.» Professor Farahi trägt ein hellblaues Hemd mit weissem Kragen und weissen Manschetten, dazu eine silbern gestreifte Krawatte. Die Klimaanlage zeigt 18 Grad, ein Poster an der Wand die Ruinen von Delphi in Griechenland. Auf dem Tisch steht eine Schale mit Bonbons. Alles wirkt recht aufgeräumt.
Tourismusförderung sei ein wichtiges Ziel der Regierung, sagt der Tourismusminister. Präsident Karzai habe das mehrfach betont. Doch die Medien betrieben «schlechte Propaganda», was die Sicherheitslage in Afghanistan betreffe. Dabei seien viele Städte durchaus sicher: Kabul, Herat, Bamiyan, Mazar-i Sharif, sagt er, immer noch fernsehend. Welche Gegenden sollte ich als Tourist besser meiden? «Jeder kann reisen, wohin er will», antwortet der Tourismusminister, gebannt vom Clown, der mit einer unsichtbaren Pumpgun auf sein Publikum feuert. «Jeder ist für sich selbst verantwortlich.» Damit ist das Interview beendet.

Bizarre Souvenirs

Beckett hätte die Chicken Street im Zentrum von Kabul geliebt. Camus auch. Das Einzige, was man in der Chicken Street nicht kaufen kann, sind Hühner. (Die gibt es ein Stück weiter in der Flower Street.) Stattdessen reihen sich Souvenirläden aneinander. In den Schaufenstern: Glasbläsereien aus Herat, usbekische Stickereien und Jacken aus dem Fell der letzten Schneeleoparden, Lapislazuli-Schmuck, zentralasiatische Antiquitäten, Kelims und Teppiche. Einige zeigen das Gesicht von George W. Bush; er weint bitterlich. Auf anderen steht das World Trade Center in Flammen, während ein F16-Geschwader über die Umrisse von Afghanistan fliegt; darunter steht in krakeliger Schrift:

WAR ON TERIRISM 9/11
AFGHANSTAN AND AMRICA
TOGITHER VICTIRY!!!

In der Flower Street treffe ich Gul Agha Karimi, der mich in sein Haus einlädt, um mir von den 90000 Hippies zu erzählen, die in den Sechzigern auf ihrem Weg nach Indien und Nepal jährlich durch Afghanistan zogen. Sie genossen unberührte Landschaften, ausgeprägte Gastfreundschaft und das beste Dope der Welt – die gelebte Vision des Summer of Love. Es gab nur eine Reiseroute. Und die führte über Kabul. Man traf sich in der Chicken Street in «Sigis Restaurant» und feierte im «Green Hotel» bis in den Morgen. Das Reisemotto der Hippies lautete: Camping in Kabul.

Bald wieder, sehr bald

«Jeder Hippie kannte mich, jeder Hippie liebte meinen Super Payan Camping», sagt der alte Karimi voller Stolz. Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, umgeben von Grossbildfernseher, Video- und DVD-Rekorder, Satellitenempfänger und mehreren Stereoanlagen. Leider gibt es keinen Strom. «Die Hippies gingen barfuss», erinnert sich Karimi und reibt mit seiner rauen Fusssohle an der Glaskante des Wohnzimmertischs, während wir zuckersüsse Orangenlimonade trinken. «Wir dachten: Wie arm diese Leute sind, bei Allah! Schaut sie euch an, sie können sich nicht einmal Schuhe kaufen.» Bis zu 300 Hippies brachte er auf seinem Campingplatz unter, dort, wo nun sein kleiner Supermarkt steht und die Grossfamilie in elf einstöckigen Kastenhäusern wohnt. «Ich machte 1000 Dollar am Tag», schwärmt Karimi. Der Tourismus sei eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes gewesen. Afghanistan war, wie es damals hiess, mellow. Und es könnte wieder so sein. Bald, sehr bald. Ja, Afghanistan.
 Ende 1978 war der Hippie-Traum über Nacht vorbei. Im Schutz der Dunkelheit flogen Kampfjets über Kabul, keine hundert Meter von Karimis Campingplatz schlugen Bomben ein. Am nächsten Tag waren die Hippies weg. Die Kommunisten putschten sich an die Macht, und als sich islamische Kräfte gegen sie erhoben, marschierten die Sowjets ein. Es folgten drei Jahrzehnte Krieg und Bürgerkrieg, die das Land in Schutt und Asche legten. Und jetzt – Karimi nimmt sein Käppchen vom Kopf und stülpt es über das Knie –, jetzt endlich schliesse sich der Kreis. Seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 sei wieder Camping in Kabul angesagt. Dieses Mal hinter Stahlbeton, Sandsäcken und Stacheldraht. Weisse Toyota Landcruiser, sichtbarste Zeichen der Präsenz internationaler Hilfsorganisationen in den Krisengebieten dieser Welt, verstopfen die Strassen des Stadtzentrums zur Mittagszeit. Die Vereinten Nationen und ihr Gefolge von Wohltätern sind in Kabul eingefallen – und mit ihnen die Herolde der Globalisierung: Spekulanten und Touristen. Die Freaks sind zurück in der Chicken Street.
Tanya und Richard zum Beispiel. Sie Ernährungsberaterin aus Südafrika, er Politikwissenschaftler aus Australien. Ich treffe die beiden beim Mittagessen im «Herat», einem afghanischen Restaurant. Richard trägt Vollbart, lokales Langhemd und Pumphosen, Tanya weite Klamotten und Kopftuch. Sie sind Anfang dreissig und auf ihrer einjährigen Asienreise von Pakistan aus im überfüllten Minibus über den Khyberpass und durch die Stammesgebiete nach Kabul gekommen. «Afghanistan fasziniert uns seit unserem Studium», sagen sie strahlend. «Mit dem Trip nach Kabul haben wir uns einen lang ersehnten Traum erfüllt.» Sind die beiden verrückt? Todessehnsüchtige Adrenalin-Junkies? Bei einer langen Unterhaltung wird mir klar, dass sie ein ernsthaftes Interesse an Afghanistan haben und mit eigenen Augen sehen wollen, wie es um das Land bestellt ist.
Später stösst Alan zu uns, Ire, Mitte fünfzig. Er ist mit dem Rucksack in Zentralasien unterwegs und über Tadschikistan nach Kabul gereist. «Die Medien zeigen dir immer dieselben Bilder», sagt Alan, während er mit der Gabel gegrillte Lammstücke vom Spiess auf seinen Teller zieht. «Attentate, Entführungen, Videobotschaften. Und dann stehst du im Basar vor dem Gemüsehändler, du willst ein paar Tomaten, und der Mann lächelt dich an. Und plötzlich fallen alle Medienbilder weg, es bleibt nur die Begegnung zweier Menschen als Menschen.» Allein dafür, sagt Alan, lohnten sich die Risiken einer Reise nach Afghanistan.
Risiken, die beträchtlich sind. Die Warnungen weltweiter Regierungsorgane klingen, als sei jeder Ausländer, der den Fuss auf afghanischen Boden setzt, so gut wie tot: «Gefährdung durch terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte» … «landesweite Attentate» … «überfälle in Kabul auch tagsüber» … «Entführungen» … «überlandfahrten nur im bewachten Konvoi».
Als ich an diesem Nachmittag in einem Strom von Afghanen zu Fuss die Strasse zum Basar hinuntertreibe, tauchen vor mir plötzlich Panzerwagen auf. Oben kauert ein Soldat hinter dem Maschinengewehr. Erst dann sehe ich die Flaggen an den Seiten und verstehe: Das sind Deutsche, du musst dich zu erkennen geben, irgendetwas sagen. «Na, wie läuft’s?», höre ich mich dem Soldaten zurufen. «Alles klar da oben?» Der Mann lässt die Hände von der Waffe sinken, schiebt die Sonnenbrille auf die Stirn und ruft entsetzt: «Wat … wat machen Sie denn da unten, Mensch? Sie können doch hier nicht … nicht einfach so rumloofen!» Der Tross setzt sich in Bewegung, und der Soldat schreit noch: «Passen Sie bloss uff sich uff, Mensch!» Und ich ahne, dass der Soldat Afghanistan aus der Perspektive eines Gefangenen erlebt. Vielleicht kann er sich in seiner gepanzerten Welt gar nicht vorstellen, dass es hier draussen auch ganz normale, friedliche Afghanen gibt.
Gleich darauf im Zarnegar-Park: Auf einer Bank sitzt ein bärtiger Mann in einem einfachen, cremefarbenen Gewand mit seinen zwei kleinen Söhnen. Vor der Bank, im Staub, steht ein Bein aus Kunststoff. Der Fuss steckt in einer braunen Wollsocke und einer Ledersandale, der Rest ist von einem nackten, glänzenden Weiss. Ein Bein ohne Körper. Der Mann ertappt mich bei einem irritierten Blick, schenkt mir ein Lächeln und lädt mich mit einer Geste ein, Platz zu nehmen. Die Jungen rutschen zusammen. Ich setze mich. Niemand scheint so richtig zu wissen, wie es weitergehen soll. Wir schweigen. Schliesslich sagt der Mann auf Englisch und ohne jede Einleitung: «Es geschah in meinem Haus.»
Während des Bürgerkriegs war Qasem, der Elektrohändler, wie viele Kabuler nach Peshawar im benachbarten Pakistan geflohen. Unter den Taliban besserte sich die Sicherheitslage schnell. Er sei zurückgekehrt und habe vor Glück geweint, erzählt er, doch als er zu seinem Haus kam, habe dieses in Trümmern gelegen. Er ging hinein, um nachzusehen, ob noch etwas zu retten sei – da explodierte die Mine und riss sein Bein weg.
Afghanistan ist übersät mit Millionen von Landminen und Blindgängern. Niemand weiss genau, wo sie liegen. Sie kosten jedes Jahr Hunderte von Afghanen das Leben, darunter viele Kinder. Qasem lehnt sich zurück. Unter seinem Gewand rutscht der Beinstumpf hervor. Qasem nimmt sein Käppchen vom Kopf und hängt es an die Prothese wie an einen Hutständer. Auf einmal sagt er: «Siehst du die Bäume? Den Himmel, die Vögel? Die Blüten der Rosen um den Brunnen?» Und nach einer Weile: «Ich hätte tot sein können, stattdessen hat mir das Leben zwei Söhne geschenkt.»

Gänsehaut vor dem Fernseher

Vielleicht ist es die Stille, die mich am folgenden Morgen aufweckt. Freitag, islamischer Sonntag. Der Verkehr, der sonst vor dem Fenster im «Mustafa» rumort, erzeugt heute nur ein leises Surren. Am blauen Morgenhimmel ziehen Tauben friedlich über die Stadt. Doch dann passiert etwas Eigenartiges: Wie auf ein geheimes Signal schlägt der Schwarm aus vierzig, vielleicht fünfzig Vögeln jäh einen Haken nach Süden. Einen Sekundenbruchteil später lässt ein Donner die Glaskristalle meiner Zimmerlampe klimpern. Als ich in den Frühstücksraum komme, drängen sich Hotelgäste vor dem Fernseher. Breaking news. CNN zeigt herumliegende Trümmer, Rauchwolken steigen auf. Ein Selbstmordattentäter ist in einen Konvoi gerast. In Kabul, Afghanistan. Die Tauben, der Donner – und doch scheint es, als käme die Nachricht aus irgendeiner fernen Region. Erst dann überläuft mich eine Gänsehaut.
Noch am selben Tag treffe ich Osama Bin Laden. Auf dem Vogelbasar von Kabul. In einer engen, ausgewaschenen Gasse hinter der Pul-e-Kishti-Moschee drängen sich die Verschläge der Händler: Hunderte von Käfigen, Gezwitscher in allen Tonlagen, der scharfe Geruch von Kot. Drosseln, Kanarienvögel und Papageien, wegen ihres Gesanges beliebt, plustern sich auf, Rebhühner und Tauben schütteln sich, ein ofenheisser Lufthauch trägt Flaum, Fliegen und Staub durch die Gitterstäbe in die Gasse.
Ein Vogelhändler bietet mir einen Wellensittich an, importiert aus Deutschland, tausend Afghani, zwanzig Dollar. Als er merkt, dass ich nicht interessiert bin, lädt er mich zum Tee in sein Gewölbe ein. «Gestatten, Osama Bin Laden», stellt er sich vor und zeigt auf einen zweiten Mann, der zwischen seinen Fingern Finken hält: «Und der da ist Mullah Omar, Chef der Taliban.» Sie biegen sich vor Lachen. Der meistgesuchte Mann der Welt, der in Kabul nur «OBL» genannt wird, giesst mir Tee ein und schreit zu den Vogelhändlern in die Gasse hinaus: «Und die dort – al-Qaida! Gehören alle zur al-Qaida!« Grosses Gelächter, die Vögel stimmen ein. Ist das Galgenhumor? Sarkasmus? Spott? Schwer zu sagen. Denn in Kabul sind Witze über die Protagonisten der afghanischen Krise weit verbreitet. Zum Abschied verraten mir die Vogelhändler, dass es im Dari und im Paschtu, den beiden wichtigsten Sprachen Afghanistans, neuerdings auch ein spanisches Wort gebe: Alles, was man als furchtbar oder unerträglich empfinde, werde «Guantánamo» genannt.
Unter einer riesigen Zigarettenschachtel mit dem Slogan «Enjoy the taste of America!» halte ich ein Taxi an und fahre aus dem Zentrum hinaus nach Westkabul, in eine völlig andere Welt. Sie ist totenstill. Ganze Stadtviertel, im Bürgerkrieg von sich bekämpfenden Mudschaheddin zerstört, liegen seit einem Jahrzehnt in Trümmern. Häuser, die schon fast wieder zu Fels und Wüste geworden sind, lassen an eine gewaltige Ausgrabungsstätte denken. Auf einem Hügel über dem Ruinenfeld erhebt sich der Darulaman-Palast, ein neoklassizisscher Prunkbau aus den Zwanzigerjahren – zerschossen, bombardiert, in Brand gesetzt. In Lumpen gekleidete Afghanen stöbern trotz Minengefahr nach Verwertbarem, in einem russgeschwärzten Gewölbe drücken sich abgemagerte Jugendliche mit rostigen Nadeln Heroin in den Arm, eine junge Frau fristet ihre Tage im Fieberwahn einer schaurigen Hautkrankheit, die ihr Gesicht zerfrisst.

Willkommen im «Latmo»

Keine zehn Minuten später muss ich mir die Frage stellen, warum ich beim Packen für Kabul nicht an eine Badehose gedacht habe. In der vierten Strasse des Stadtteils Qala-e Fatullah finde ich mich im «L’Atmosphère» wieder, in einer weiteren Parallelwelt Kabuls. Das «Latmo» sei, so stehts im brandneuen Lonely Planet, der beliebteste internationale Treffpunkt der Stadt, ein Ort für die Jungen und Schönen, den man als Besucher erlebt haben muss. Tatsächlich entspannen am Swimmingpool in einem lauschigen Garten ausländische Badegäste, ihre schusssicheren Westen abgelegt neben tropischen Cocktails, Sonnencremes und der neuesten «Vogue». Zwei Amerikanerinnen gleiten durch türkisgrünes Wasser. Franzosen schlürfen Pastis. Journalisten sitzen im Schatten von Granatapfelbäumen und tippen Geschichten über den Anschlag von heute Morgen in ihre Laptops, in Badehose, dann und wann an einem Gin Tonic nippend … schwere Explosion … nipp … ein Toter, zahlreiche Verletzte … nipp … Terror, al-Qaida, Taliban. Von Westen fliegt ein Armeehelikopter an und kreist über dem Pool, dem einzigen Ort in Afghanistan mit einer Menge halb nackter Frauen. Am liebsten steuern die Piloten das «Latmo» am Freitag an, dem muslimischen Sonntag, wenn die meisten Badenixen zu sehen sind. Afghanen? Müssen draussen bleiben. Wegen des Alkoholverbots für Einheimische, heisst es.
Etablissements wie das «Latmo» gehören zu den gehobenen Bühnen des Absurden. Mit Schauspielern, die zugleich ihr eigenes Publikum spielen: Mitarbeiter der zahllosen Hilfsorganisationen, Berater mit Tageshonoraren von 1000 Dollar, Leibwächter und sonstige Sicherheits-Ninjas mit Waschbrettbauch. über 10000 ausländische Zivilisten sollen sich derzeit in Kabul aufhalten. Fast so viele Leute, wie die US-Armee in ganz Afghanistan stationiert hat. Und mehr als das Doppelte der 4800 ISAF-Truppen, die in der Hauptstadt für Sicherheit und Ordnung sorgen sollen.
Am Pool komme ich mit Rahraw ins Gespräch. Er ist Halbafghane mit italienischem Pass, arbeitet beim Radio und sagt, es sei eine traurige Tatsache, dass die meisten Ausländer, die in Kabul lebten und arbeiteten, der Stadt nicht näher kämen, als gepanzerte Limousinen, Sicherheitsdienste und Stacheldraht dies zuliessen. «Aber wie willst du jemandem helfen, dem du nie begegnest?», fragt Rahraw. «Wie willst du etwas für jemanden tun, den du nicht kennst, von dem du nicht weisst, wie er lebt, was er denkt, wie er fühlt?» Seit dem Sturz der Taliban sind die Erwartungen der Afghanen an die internationale Gemeinschaft hoch, viele vermissen sichtbare Resultate und nennen die Hilfsorganisationen «Kühe, die ihre eigene Milch trinken». Auch der Lifestyle vieler Ausländer erregt den Volkszorn: frei verfügbarer Alkohol, als Chinarestaurants getarnte Bordelle, Partys.
Am Abend lädt mich Rahraw auf eine solche Feier ein. Die Musik ist laut – House, Techno –, die Bar gut sortiert: südafrikanischer Shiraz, französischer Bordeaux, Dosenbier, gekühlt in einem Fass mit Eiswasser. Und Johnny Walker, Red Label. Es sind die Flaschen, welche die Händler auf dem Basar irgendwann mit Speiseöl füllen werden.
Vierzig, fünfzig Leute tanzen auf der erleuchteten Terrasse, während in den umliegenden Häusern strenggläubige Muslime zu schlafen versuchen. Ihr Viertel ist stockfinster. Nur die Spitze eines Minaretts schwebt im Nachthimmel wie ein Auge, mahnend. «Nicht sicher hier», sagt Rahraw und zeigt auf die Mauer um den Garten, die keine drei Meter hoch ist. «Für eine Rakete kein Problem.» Er hat recht. Der Dancefloor ist ein leichtes Ziel für einen Attentäter, wahrscheinlich der gefährlichste Ort in ganz Afghanistan.
Aber daran denkt jetzt niemand. Wir sind die internationale Gemeinschaft, die Welt zu Gast in Absurdistan. Wir arbeiten für die Vereinten Nationen, für Regierungen, Redaktionen, Hilfsorganisationen. Wir kommen aus Europa und Amerika, auch aus äthiopien, Kolumbien, Indien und der Türkei. Wir trinken. Wir tanzen. Wir lachen. Sollen wir lieber traurig sein? «Wir freuen uns über alle, die kommen, um uns zu helfen», wird mir ein afghanischer Kunstprofessor ein paar Tage später antworten. «Aber jeder soll sich so verhalten, wie es in unserem Land üblich ist.» Integration. In Europa wird darauf grossen Wert gelegt.
Als das Bier leer ist, gehe ich. Die ganze Nacht röchle ich trocken. Kabul-Husten. Ich muss raus. Raus aus der Stadt. Atmen, ein wenig Grün sehen. Am Morgen nehme ich ein Taxi an einen Ort, den man jenseits der verwüsteten Ränder dieser Stadt am allerwenigsten erwartet: den Kabul Golf Club. «Wir haben Golfer aus allen, allen Ländern», sagt Afzal Abdul, mein Golflehrer, im traditionellen afghanischen Anzug. «Nur nicht aus China, Russland, Pakistan, keine Franzosen, Griechen, Koreaner, auch keine …» Wer sind die besten? «Wir Afghanen», sagt Abdul, sehr ernst.
Der Golfplatz gehört einem ehemaligen Warlord und ist der einzige in Afghanistan. Landminen wurden geräumt, drei sowjetische Panzer und ein Raketenwerfer weggeschafft. Woran es jetzt noch fehlt, ist Gras. Die neun Spielbahnen sind kaum von den sonnenverbrannten, staubigen Hügeln zu unterscheiden, die Greens nicht grün, sondern schwarz, gestaltet mit einer Mischung aus Sand und Motorenöl. Ein Highlight ist die ausgebombte Armeestellung nach dem ersten Loch. Zwei Runden kosten zehn, die Jahresmitgliedschaft sechzig Dollar. Ich lasse es – sehr zur Belustigung meines Golflehrers – bei ein paar stümperhaften Abschlägen bewenden; dann wandere ich hinauf zum Qargha-See.
Am Ufer des riesigen Stausees erwartet mich eine überraschende Idylle. Afghanische Familien haben es sich auf Plattformen bequem gemacht. Auf Teppichen und umhüllt von im Wind wehenden Vorhängen rauchen sie Wasserpfeife. Pakistanische Musik säuselt aus den Lautsprechern. Am Ufer liegen Tretboote. Ich kann nicht alle Einladungen zum Tee annehmen, und so gehe ich am Ufer entlang, um mich auf eine einsame Bank zu setzen. Ich geniesse die Seeluft. Atmen. Ohne dieses Kratzen im Hals. Draussen zieht ein Motorboot einen Schaumschleier über die silbergraue Scheibe des Sees, dahinter erheben sich schroff die Rücken des Hindukusch, ihre Silhouetten lösen sich in rötlichem Dunst auf. Augenblicke des Friedens, der Schönheit. Zum ersten Mal auf dieser Reise habe ich das Gefühl, angekommen zu sein, bleiben zu wollen. Ah, Afghanistan!

Die richtige Herkunft

Die Männer nehme ich erst wahr, als sie sich um mich auf die Bank drängen, sechs langbärtige Paschtunen mit Kalaschnikows. Sie tragen lange Gewänder und starren mich finster an. Sind sie Banditen? Kämpfer irgendeines Warlords? Taliban? «Passport! Passport!», kläfft ihr Wortführer, ein Hüne mit einer Narbe quer über dem rechten Auge. Ich gebe ihm, was er fordert, und die Paschtunen stecken die Köpfe zusammen, um meinen Reisepass zu studieren. Selten habe ich in einem solchen Masse beides zugleich empfunden: mein Dasein in dieser Welt und meine eigene Auflösung. Fast 200 Länder stellen Pässe aus, jetzt scheint mein Leben davon abzuhängen, ob ich den richtigen habe.
Auf einmal schlägt der Paschtune den Pass zu, ruft einen Mann, der mit seinem Bauchladen am Ufer entlanggeht – und bestellt Pepsi. Für jeden eine Dose. Auch für mich. Er gibt mir meinen Pass zurück und sagt: «Germany good!» Alle reissen ihr Pepsi auf, lachen und wiederholen in rauem Kanon: «Germany good! Germany very, very good!» Sie begleiten mich noch zur Strasse und bestehen darauf, mir ein Taxi zu rufen. Weil es hier Banditen gebe. Endlich kommt ein Wagen. Die Paschtunen streicheln ihre Kalaschnikows und schütteln mir die Hand; dann steige ich ein, und das Taxi fährt los, zurück nach Kabul.

Geplant war eine Luxusferienanlage, gebaut wurde nur der Pool: Schwimmbad auf einem Hügel nahe dem Kabuler Flughafen | Bild: Michael Obert
Geplant war eine Luxusferienanlage, gebaut wurde nur der Pool: Schwimmbad auf einem Hügel nahe dem Kabuler Flughafen | Bild: Michael Obert
Spielen Sie mit? Der Kabul Golf Club sucht Mitglieder | Bild: Michael Obert
Spielen Sie mit? Der Kabul Golf Club sucht Mitglieder | Bild: Michael Obert
Er nennt es trotzdem Green: Golflehrer Afzal Abdul im einzigen Golfclub des Landes | Bild: Michael Obert
Er nennt es trotzdem Green: Golflehrer Afzal Abdul im einzigen Golfclub des Landes | Bild: Michael Obert
Lange nicht mehr gesehen: Stretchlimousine in der Innenstadt | Bild: Michael Obert
Lange nicht mehr gesehen: Stretchlimousine in der Innenstadt | Bild: Michael Obert
Ein Luftkurort sieht anders aus: Kabul | Bild: Michael Obert
Ein Luftkurort sieht anders aus: Kabul | Bild: Michael Obert
Wollen einfach ihren Frieden haben: Afghanen am Qargha-See | Bild: Michael Obert
Wollen einfach ihren Frieden haben: Afghanen am Qargha-See | Bild: Michael Obert
Das möchte man doch gleich als Postkarte versenden: Gruss aus Baburs Garten in Kabul! | Bild: Michael Obert
Das möchte man doch gleich als Postkarte versenden: Gruss aus Baburs Garten in Kabul! | Bild: Michael Obert

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Erik Gotsch

    Sehr nützlicher Artikel!Absolut Lesenswert!

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