20.03.2009 von Rico Czerwinski
Alle jubeln über die dänischen Brüder Christopher und David Mikkelsen. Eine wirklich innovative Idee, grandios, wie ihre neue Webseite Refunite.org die Psychologie von Flüchtlingen berücksichtige. Grandios, weil das Bedürfnis nach etwas wie Refunite wächst. Eine wirklich wichtige Erfindung. Migrationsexperten und Hilfsorganisationen sind sich einig: Refunite ist Pionierarbeit. Auch wegen ihrer Organisation. Ihrer Finanzierung. Die Webseite ist erst sechs Monate alt, aber schon ein Vorbild. Dabei taten die Mikkelsens eigentlich gar nicht so viel. Und halfen Millionen Menschen.
Genau das ist der Grund, warum man die Flüchtlingswebseite Refunite.org als soziales Engagement der nächsten Generation bezeichnet. Als Paradebeispiel einer NGO 2.0. Am Anfang klang es gewagt: «Wir wollten ein Ziel definieren, das möglichst gross war. Und dann wollten wir es mit so geringem Aufwand wie möglich verwirklichen.» An einer Bushaltestelle erfuhren die knapp dreissigjährigen Dänen von einem jungen Afghanen über eines der grössten Probleme vieler der weltweit über siebzig Millionen Flüchtlinge: Wie viele hatten sich Mansour und engste Verwandte aus den Augen verloren. Bei ihrer chaotischen Flucht vor den Taliban.
Christopher und David waren so berührt, sie recherchierten mit Mansour, fanden den früheren Menschenschmuggler der Familie, fanden bald darauf jenen Mann in Moskau — er hatte Mansours Bruder als Sklaven gekauft. «Wir kauften ihn frei. Damals begriffen wir, die Ungewissheit über drohende Abschiebung ist ein grosses Problem der meisten Flüchtlinge. Die Ungewissheit über das Schicksal von Engsten aber ist für viele noch grösser.»
Die Zusammenführung auseinandergerissener Flüchtlingsfamilien scheiterte bislang an: staatlicher Ignoranz. Was zählen die Sorgen eines Asylbewerbers aus Somalia? Sie scheiterte an technischen Grenzen. Staatlicher Informationsaustausch zwischen Drittwelt- oder Schwellenländern und Ländern der Ersten Welt funktioniert miserabel. Und auch begründetes Misstrauen der Flüchtlinge gegenüber staatlichen Stellen verunmöglichte vieles.
Refunite umgeht diese Hindernisse wie jede NGO 2.0: mithilfe des Internets und des Altruismus in fast jedem Menschen. Beide Ressourcen gibt es fast überall. Das Internet gibt es auch, wo kaum jemand einen Computer besitzt, die Zahl improvisierter Internetcafés steigt am schnellsten in wirtschaftlich unterentwickelten Gegenden. Deshalb hat fast jeder auf der Welt Zugang zu Refunite. Will sich ein Flüchtling von Angehörigen suchen lassen, legt er ein Profil an, hinterlässt persönliche Daten — möglichst viele persönliche Daten, mit denen nur etwas anfangen kann, wer ihn persönlich kennt.
Keinem Polizisten nützen sie etwas, es gibt keine dazugehörigen Namen, keine Nummer eines Ausweises oder einer Geburtsurkunde. Nur Freunden oder Verwandten nützen Informationen wie eine Haarfarbe, ein Alter, ein Vorname, eine Lieblingsband, eine charakteristische Verletzung, eine Narbe, die Namen von Kindheitsfreunden. Wer einen Verwandten sucht, geht auf Refunite und füttert die Suchmaschine. Refunite filtert die passendsten Mitglieder heraus, man kontaktiert sich anonym per Mail.
Derweil konzentrieren sich die beiden Kopenhagener Köpfe hinter der Webseite auf den Ausbau ihres Helfernetzes. Tag für Tag rekrutieren sie, coachen sie, per Facebook, per Myspace, mit Skype. Tausende Studenten, Schüler, Senioren auf der ganzen Welt unterstützen Refunite, gehen in Flüchtlingszentren oder in deren Camps, erklären und werben in der Refunite-Zielgruppe. Oder verlinken die Seite auch einfach nur. «Tausende opfern Zeit — es darf nur nicht zu viel sein.»
Viele opfern auch Geld: Refunite ist zu einhundert Prozent durch Spenden finanziert. Die meisten kommen von Unternehmen. «Wir umarmen diese Firmen, denn sie geben gemeinsam mit unseren freiwilligen Helfern einigen der unglücklichsten Menschen auf der Welt Hoffnung.» Dafür repräsentieren Christopher und David das soziale Engagement dieser meist multinationalen Spender wie SAS oder FedEx. Und werben an ihren Anlässen gleich noch weitere spendenfreudige Unterstützer, von denen sie noch viel mehr benötigen. «Aus diesem Grund kleiden wir uns natürlich auch wie unsere Geschäftspartner. Verglichen mit traditionellen NGOs, ist einfach alles an uns vollkommen anders.»

Bild Tre Dadlar Inc./ Fredrik Nilsson Mathias Sterner Sjögren