24.10.2008 von Dieter Bachmann , 15 Kommentare
Langsam darf der geplagte Reisende vom alten Cisalpino Abschied nehmen. Auch nach vielen Jahren des Hin und Zurück, der Fahrt in den Süden und der Rückkehr in den Norden, ist die Fahrt über den Gotthard immer wieder ein Erlebnis. Ich meine: die Fahrt mit der Eisenbahn. Nein, nicht einfach deshalb, weil man immer öfter mit der Schadenfreude des Noch-einmal-Davongekommenen auf die stehenden Wagenkolonnen vor den Portalen des Tunnels hinabsieht. Sondern vor allem, weil es so schön ist, zu erleben, wie der Zug langsam an Höhe gewinnt, wie er kämpfen muss gegen die Topografie des Gebirges, den Widerstand, der sich dem entgegenstellt, der von Norden nach Süden will. Göschenen ist tief verschneit, Schneetreiben; zehn Minuten später auf der anderen Seite blendender Sonnenschein. Alle tun überrascht, obwohl sie genau das, nichts anderes erhofft haben für ihre Fahrt ins Tessin. Und wie der Zug sich dann vorsichtig, sozusagen Fuss vor Fuss, wieder hinabschraubt, hinunterwindet, aufatmet und in der Ebene Tempo macht… Der Geruch von Kaminfeuer in der hellen Luft.
Es ist ein Gemeinplatz, von der gewaltigen Leistung der Arbeiter und Ingenieure im ausgehenden 19. Jahrhundert zu sprechen, sicher, aber sie ist immer noch spürbar, erlebbar. Wenn die Schweizerischen Bundesbahnen vor Jahren zu einem Jubiläum eine Tribüne bei Wassen an den Berg gebaut hatten, von der aus man – wie eine Märklinbahn! – den Verkehr bewundern konnte, an diesem zentralen Punkt, wo die Kehrtunnels im Berg sich überlagern und draussen kühne Brücken die Schluchten zwischen den tief eingeschnittenen Runsen überspannen, so lag darin berechtigter Stolz.
Und der Anfang eines langen Abschieds. Wenn der Basistunnel, 51 Kilometer Röhre zwischen Amsteg und Polleggio, also von Talsohle zu Talsohle, einmal gebaut ist, wird es das Erlebnis der Gotthardüberquerung nicht mehr geben. Man wird von Zürich oder Basel zu schnell in Lugano sein und viel zu schnell von Mailand in Stuttgart. Das Bollwerk, das die Alpen sind und bleiben, diese Mauer, die so hoch ist, dass sie das Wetter bestimmt und zwei Kulturen scheidet, wird aufgehoben sein.
Ich bin als Reisender konservativ, bin gegen den Gotthard-Basistunnel, und da dies eine sinnlose Gegnerschaft ist, bin ich auf jeden Fall für die Aufrechterhaltung der Bergstrecke und des Scheiteltunnels. Geht es nach mir, bleibt die Bergstrecke für Gotthard-Anfänger für die ersten zehn Alpenquerungen obligatorisch. Solange wir freilich noch keine Wahl haben, sind wir für jede Verbesserung der Nord-Süd-Verbindung dankbar. So eine war mit dem Cisalpino versprochen, und tatsächlich gibt es nun, was Fahrzeiten und Verbindungen betrifft, ein paar Lichtblicke.
Aber die neuen direkten Züge zwischen Genf, Bern, Basel, Zürich und Mailand, Bologna, Florenz, Venedig und Triest sind ein Angebot. Ich spreche von den Neigezügen, welche die Bergstrecke etwas schneller bewältigen. Ein Angebot, sage ich. Kein Vergnügen. Warum ist im Pendolino notorisch die Toilette überschwemmt? Und schwappt der Zug jederzeit eine Schüssel Urin über den Gotthard? Warum sind ständig irgendwelche Türen blockiert? Fleckige, durchgesessene Polster, kaputte Fensterrouleaus, blasig aufgeworfene Bodenbeläge. Eng, laut, unbequem. Das ist der Pendolino, als Fortschritt angekündigt, als Dauerkrise unterwegs. Ewige Pannen, endlose Verspätungen, Warten und hastiges Umsteigen auf Ersatzzüge.
Ein Drittel dieser Züge, das sagt die Statistik, ist verspätet, mehr als nur fünf Minuten verspätet. Das aber ist nicht mehr eine Frage der Technik, es ist eine Frage der Philosophie. Und insofern ist der Cisalpino nicht nur ein Zug, sondern ein Beispiel für kulturelle Differenz. Der Cisalpino bestätigt Huntingtons These vom «Clash of Civilizations», und bei jeder Fahrt muss er nicht nur die topografische Steigung, sondern auch die Barriere des kulturellen Unterschieds überwinden. Das sagt schon die Sprache. Im Italienischen ist die «Panne» nur «un guasto», ein Schaden. Ein Zug, der auf der Strecke stehen bleibt, ist nicht «kaputt»; er fährt im Augenblick lediglich nicht. Und so ist der Cisalpino ein Vehikel, das zum Verbinden gemacht und zum Trennen verurteilt ist.
Verspätung im Diminutiv
Es fängt damit an, dass es im Italienischen für das Wort «Verspätung», «ritardo», einen Diminutiv gibt, den wir im Deutschen geradezu obszön fänden: den «ritardino». Wir wollen nichts wissen von einem «Verspätunglein». In deutschen Gegenden gibt es bei einer Verspätung ab fünf Minuten eine Aufregung, ab zehn Minuten Rabatz; in Italien sind Verspätungen von zehn, fünfzehn Minuten erst ein «ritardino». Das heisst nicht nur: eine kleine Verspätung, sondern: keine richtige Verspätung. Eigentlich gar keine. Auch mein Zug, denkt der Italiener, hat ein Recht auf das Recht, das ich so gern in Anspruch nehme: das Recht, zu spät zu kommen. Eine richtige Verspätung wären dreissig Minuten und mehr; und genau von da an gibt es beim italienischen Eurostar auch eine Rückerstattung, zumindest theoretisch.
Wie mit den Verspätungen als solchen geht man in Italien auch mit ihrer Ankündigung milde um. «Il treno Eurostar delle ore cinque e venticinque circola con dieci minuti di ritardo», sagt die Stimme aus dem Lautsprecher. Tatsächlich hat er zwanzig Minuten Verspätung, nicht zehn, aber das merkt man immer noch früh genug, nämlich dann, wenn man zehn Minuten gewartet hat und er nicht kommt, und dann sind es ja, bis er kommt, wirklich nur noch zehn.
Mein persönlicher Verspätungsrekord in Italien mit einem Zug, der keineswegs zusammenbrach, sondern nur ein wenig unfahrplanmässiger fuhr, etwas länger brauchte als vorgesehen, waren viereinhalb Stunden, und ich muss zugeben, dass die Verspätung, nachdem die erste Stunde Fahrplanrückstand einmal erreicht war, immer angenehmer wurde. Es gab den Punkt, an dem wir, inzwischen eine Schicksalsgemeinde, gar nicht mehr ankommen wollten.
«Siamo in orario», teilt man der Mutter durchs Telefonino mit, «wir sind pünktlich», wenn der Zug ohne erkennbaren Grund und bereits zehn Minuten verspätet vor dem Signal in Mailand-Lambrate hält und der Nordländer wieder mit den Fingern aufs Tischchen zu trommeln beginnt, flacher atmet, weil sein Anschluss nun sicher endgültig weg ist. «Siamo in orario, poi buttare la pasta.» Du kannst die Spaghetti ins Wasser tun! – und das ist nun definitiv eine präzise Zeitangabe, denn verkochtes Nudelwerk essen wir nicht. Die Mamma weiss eben: Pünktlich heisst Fahrplan plus fünfzehn.
26 Promille Steigung! Unfair!
Der Cisalpino ist ein Friedensangebot an das Unvereinbare, auch was Sauberkeit und Unterhalt betrifft, alle Arten von Zuverlässigkeit. Bei den Bundesbahnen, so konnte man hören, sei die Ansicht verbreitet, der Zug werde in Mailand zu wenig gut gewartet. Nachlässig, mangelhaft. Cisalpino-Chef Lucio Gastaldi wies das zurück. Dass die Italiener in Mailand schlecht arbeiteten, sei ein Klischee, sagte er. «Die Leute sind professionell.» Wir waren beruhigt. An Feinheiten des Übersetzens interessiert, fragten wir uns allerdings: Was bedeutet das Wort «professionell» im Deutschen und was im Italienischen? «Jeder dritte Pendolino ist massiv verspätet», titelt eine grosse Schweizer Zeitung. Was heisst: massiv? Massiv heisst: mehr als vier Minuten, sagen die gründlichen Schweizer. Höhnisches Gelächter im Südabschnitt! Vier Minuten! Ein Italiener würde sagen: Massiv verspätet ist ein Zug dann, wenn er nicht ankommt. In Italien würde man sagen: 65 Prozent der Züge kommen mit weniger als vier Minuten Verspätung an. Die Schweiz dagegen sagt: 35 Prozent der Neigezüge haben mehr als vier Minuten Verspätung. Das ist massiv, sagen die Schweizer, empört. Ein Italiener sagt: Was ist eine Verspätung, carissimo! Hauptsache, du kommst an. Und bist du einmal am Ziel, zerfliessen deine zehn, zwanzig Minütchen ritardino wie die weichen Uhren bei Salvador Dalí.
Ein schönes Beispiel für kulturelle Differenz und die sprachliche List zu ihrer Überwindung lieferte Cisalpino-Direktor Lucio Gastaldi, wenn man ihn auf die Gründe für die Verspätungen ansprach. «Ja», sagte er, «der Gotthard ist eben für einen Zug nicht so unproblematisch wie das Flachland.» Er sagte: «Bei Steigungen und Gefällen» – warum eigentlich sind Gefälle ein solches Problem, caro Gastaldi? –, «bei Steigungen und Gefällen von 26 Promille am Ceneri und am Gotthard müssen zwei der drei Traktionseinheiten funktionieren, sonst steht der Zug still. Im Flachland reicht eine Traktionseinheit.»
Das ist lateinische Rhetorik. Erstens nahm der Bahnchef offenbar an, dass es durchaus normal sein könnte, wenn eine von drei Traktionseinheiten – was immer eine Traktionseinheit sein mag – nicht funktioniert. Zweitens: Italiens Fiat konstruiert einen Zug, der dafür gedacht ist, den Ceneri und den Gotthard zu befahren. Sonst hätte die Schweiz-italienische Eisenbahn-Gesellschaft gar keinen Cisalpino gebraucht. Und dann stellen sich diesem Zug unvermittelt Steigungen von 26 Promille entgegen! Das ist unfair. Die Italiener haben einen Zug gebaut, um zu sehen, wie er fährt. Das ist guter alter Ingenieursgeist. Topolino! Vespa! Cinquecento! Die Schweizer wollen einen Zug, der so fährt wie bestellt. Das ist fantasielos. Der Neigezug Pendolino ist nicht eindeutig, denn er ist interpretierbar. Man kann zum Beispiel davor stehen und ihn schön finden. Man kann auch drin sitzen und ihn unbequem finden. Ein Italiener könnte also in einem schönen Zug fahren. Ein deutscher Passagier sitzt in einem unbequemen.
Ich persönlich, ich steige in Florenz in einen schönen Zug ein, und in Zürich steige ich aus einem unbequemen aus. Der Zug hat während der Fahrt seine Charakteristik verändert. Oder ich mich? Das wäre nicht ungewöhnlich, besteht doch immer die Gefahr, dass man auf der Nachhausefahrt wieder das wird, was man schon gewesen ist.
Man könnte zum Cisalpino aber auch sagen: Es ist eben ein Neigezug; er neigt sich je nach Neigung. Wenn der Neigezug Pendolino interpretierbar ist, also nicht eindeutig, dann heisst das, dass es, um ihn zu verstehen, Toleranz braucht. Sonst fährt er nicht. Das ist das Italienische an ihm. Das sieht, logisch, auch Signor Gastaldi so. Der Zug stehe nun «zehn Jahre im Einsatz», sagt er. «Wir haben festgestellt, dass gewisse Komponenten früher ausfallen als geplant.» Man darf, als Cisalpino-Benutzer der ersten Stunde, aber sagen, dass hier gewisse Komponenten eigentlich sofort ausgefallen sind, die Toiletten zum Beispiel, die Türen, die Neigetechnik, das Klima. Die Italiener würden sagen: Details. Hauptsache bei einem Zug ist schliesslich, dass er fährt. Nun, der Cisalpino fuhr tatsächlich keineswegs immer; tatsächlich fuhr er von Anfang an öfter mal gar nicht.
Als Konsequenz der festgestellten Mängel würden anfällige Teile nun früher ausgetauscht, sagte Gastaldi. Das ist ein Angebot. Aber die Erfahrung zwingt uns, genauer hinzusehen. Was wird ausgetauscht? Nur die anfälligen Teile. Wer sieht wann einem Teil an, dass es anfällig ist? Aber auch die allfällig anfälligen Teile werden nicht sofort ausgetauscht, nur «früher».
Wir schauen uns das Wort «früher» näher an und übersetzen es zunächst ins Italienische, also näher zu Signor Gastaldi hin. Früher ist vieldeutig: Es hat mehrere Funktionen. Das Wort meint Vergangenheit («früher waren die Züge bequemer»), ist ein Synonym von «eher» («ich nehme einen früheren Zug»), bedeutet adverbial gebraucht ebenfalls «eher» («anfällige Teile sollten früher ausgetauscht werden»), aber auch «damals» («früher, als die Züge noch pünktlich fuhren»). Wir wählen die Bedeutung von adverbial «eher» und finden dafür italienisch «prima». Prima. Das Wörterbuch gibt für die Verwendung von «prima» in diesem Sinne folgendes Satzbeispiel: «Domani si dovrà alzare prima per non mancare il treno ritardato.» Die allfällig anfälligen Teile werden prima ausgetauscht werden; prima von was, darf man fragen. Oder anders gefragt: wann? Unter «prima» (mit Wortbedeutung «in precedenza») gibt Zingarelli das Verwendungsbeispiel «un anno … qualque mese prima», ein Jahr, ein paar Monate eher. Das passt Herrn Gastaldi, der allfällig anfällige Teile ja auf keinen Fall sofort, also immediatamente, austauschen möchte. Jetzt nicht, also später. Wann ist später? Später ist vor oder bei Eintreten einer Notwendigkeit, nennen wir diese der Einfachheit halber: Zusammenbruch. Signor Gastaldi ersetzt allfällig anfällige Teile vielleicht «ein Jahr, ein paar Monate vor dem Zusammenbruch».
Da kein Mensch wissen kann, wann ein Zug zusammenbricht, ja, ein Zug in der Regel überhaupt nicht zusammenbrechen sollte, ist das leider eine ziemlich ungefähre Art, den Zeitpunkt des Ersetzens eines allfällig anfälligen Zugteils zu beschreiben. Unter solchen Umständen kann es ja sein, dass das allfällig anfällige Teil nie ersetzt wird oder dass der Zusammenbruch dem Ersetzen vorausgeht oder dass das allfällig anfällige Teil nicht mehr ersetzt werden muss, weil nicht das anfällige Teil als solches, sondern gleich das Ganze, also alles Anfällige aufs Mal, zusammengebrochen ist. Dann müsste man das Ganze ersetzen.
Zwischen zwei Welten
Und genau das hat man mit dem Pendolino vor. Nach der Eröffnung der Lötschberg-Basistunnels im Sommer 2007 sollte ein Teil der heutigen Triebzüge ersetzt werden durch eine neue Komposition. Den neuen Hochleistungszug baut ein neuer Hersteller, nicht mehr Fiat, sondern Alstom, eine französische Firma. Alstom habe, wie es höflich heisst, «die Sparte von Fiat übernommen». Aber auch auf den neuen Zug hat sich die alte Krankheit übertragen: Verspätung. Es wird Winter 2008/09, und es werden keineswegs alle der vermaledeiten Pendolinos ersetzt. Als ob es diese Pointe gebraucht hätte: Er fährt noch nicht und ist schon verspätet.
Zwischen das «Haus Alstom in Savigliano», das den Zug liefern sollte, und unsere Enttäuschung setzten die Bundesbahnen als Puffer eine Erklärung, die den «ritardo» in ein etwas gequältes Deutsch übersetzt. «Wir wollen (…) einen tadellos funktionierenden Zug ohne die fast unvermeidlichen Kinderkrankheiten», sagte Pressesprecher Fritz Sterchi. Nicht 2007? Nicht 2008? 2009? «Wir rechnen damit, dass im Verlaufe des Jahres 2008 voraussichtlich … die ersten Züge …»
Sie rechnen mit «voraussichtlich»? Was ist dann daran noch Rechnung? Oder sagen Sie «voraussichtlich», weil, wie Sie sagen, Kinderkrankheiten also doch «unvermeidlich» sein werden? Also hoffen Sie nur und dürften eigentlich gar nicht «rechnen»? Ja, lieber Herr Sterchi, waren Sie schon ein bisschen gastaldisiert? Clash of Civilizations.
Die Partner Schweizer Bundesbahnen und Trenitalia, die zusammen die Cisalpino AG führen, haben das gleiche Problem wie ihr Zug. Ein Problem der Interpretation. Die Fakten, mit denen sie sich konfrontiert sehen, sind identisch. Aber der Umgang mit ihnen ist nicht derselbe. Sie haben ein kulturelles Problem. Der Cisalpino ist ein Exempel für kulturelle Differenz und zugleich ein Vehikel zu ihrer Überwindung. Das ist nicht immer einfach. Der Gotthard, der zwischen zwei Welten liegt, hat oft mehr als die 26 Promille Steigung (oder Gefälle), manche Kluft bleibt unüberwindbar. Und auch in der Kultur gibt es die Verspätung, die schweizerische ist sogar ein stehender Begriff geworden, die Schweizer Kulturverspätung. Manchmal ist nicht klar, auf welcher Seite der Rückstand grösser ist. Zum Beispiel kennt Italien längst ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen, in Bars und Restaurants, während sowohl die Schweiz wie Deutschland sich damit furchtbar schwertun. Darüber, dass in Zügen nicht geraucht werden darf, sind sich allerdings alle einig. Mit dem neuen Zug von Alstom haben sich die Eisenbahner dazu entschlossen, für die kulturelle Verständigung oder gegen ihre Tücken einen Ausgleich zu schaffen, indem sie einen dritten Partner einführen, die französische Firma in Italien. So werden wir allfällig anfallende italienische Sätze in Zukunft zuerst ins Französische und von dort ins Deutsche übersetzen.
Pünktlich und menschenleer fährt immer noch der gute alte SBB-Schnellzug über den Gotthard. Jede Stunde ab Arth-Goldau nach Bellinzona. Leere Abteile noch und noch. Schattdorf liegt bald hinter dir, Lugano kommt noch lange nicht. Keine zürnende Mänade am Buffetwagen, nein, ein tamilischer Bier-Wein-Kaffee-und-Sandwich-Zauberer: Immel nur lächeln. Ruhe, Erhabenheit, Aussicht. Nach einer 2-dl-Flasche Merlot und vielleicht einer zweiten erscheint alles in milderer Beleuchtung. Draussen dunkelt es. Dem Reisenden geht ein Licht auf. 30 Minuten fährt er mit diesem Zug länger als mit dem Pendolino. Das ist so viel, wie er bei diesem als Verspätung jederzeit einrechnen muss. Jetzt hat er es begriffen. Jetzt übersetzt er es ins Italienische: «La vita è bella. Dunque festeggiamola.»
Dieter Bachmann ist Schriftsteller mit Wohnsitz in Italien und in der Schweiz. Dieser leicht veränderte Text stammt aus Bachmanns neustem Italien-Buch: «Die Vorzüge der Halbinsel», marebuchverlag.

Nur Märklin baut schöner: Gleislandschaft Göschenen | Maurice Haas & Gian Marco Castelberg


Zürich HB ab 07:42 (hoffentlich) | Maurice Haas & Gian Marco Castelberg

Milano Centrale an 11:38 (theoretisch) | Maurice Haas & Gian Marco Castelberg

Reisedauer: circa 4 bis 12 Stunden; fährt täglich | Maurice Haas & Gian Marco Castelberg

Hauptsache, er kommt an | Maurice Haas & Gian Marco Castelberg


Der Weg ist das Ziel: am Lago di Lugano | Maurice Haas & Gian Marco Castelberg

In der Nacht sind alle Züge schön: Einfahrt in Milano Rho | Maurice Haas & Gian Marco Castelberg
Ein schöner Text. Nur ist er leider für die Publikation im Magazin – man braucht ja einen “Aufhänger” – falsch aufgezogen: Es war nie vorgesehen, die alten Neigezüge (Typ ETR 470) durch neue zu ersetzen und aus dem Verkehr zu ziehen. Vielmehr werden die neuen Neigezüge (Typ ETR 610) die klassischen Schnellzüge ablösen, die im Text ebenfalls erwähnt werden. Somit braucht es viel mehr Neigezüge als bisher. Sämtliche alten Neigezüge bleiben deshalb im Einsatz und werden bestenfalls ein bisschen aufgefrischt; das war immer so geplant und hätte sich mit minimalem Aufwand auch leicht recherchieren lassen.
Ein lesenswerter Artikel, der die Unterschiede zwischen den Schweizerischen und italienischen Definitionen von Pünktlichkeit, Qualität und Reisen sehr genau beschreibt.
Nr 43 /2008 “CIAO CISALPINO”
Na endlich, war mein erster Gedanke. Ich bin Italiener, in der Schweiz pünktlich zur Welt gekommen und aufgewachsen und fahre immer wieder mal mit dem Cisalpino.
Jedes mal musste ich mich aufregen, sei es wegen Verspätungen, verstopfte Toiletten etc. bis sogar umsteigen weil der Cisalpino wieder mal nicht wollte. Aber jedesmal war es ein Erlebnis, ein Erlebnis dass im Freundeskreis erzählt werden musste und darüber gelacht werden konnte. Dieser Bericht hat mich wieder zum lachen gebracht, grazie! Erinnerungen kamen mir wieder hoch und genau das würde verloren gehen. Ich komme dann zwar fast auf die Minute pünktlich an…werde aber nichts weiteres zu erzählen haben ausser dass ich pünktlich angekommen bin. Erlebnisse über die ich im Freundeskreis lachen kann, gehen verloren…das werde ich (und meine Freunde) bistimmt missen.
Grazie Cisalpino, grazie für dass du mich und meine Freunde immer wieder zum lachen gebracht hast.
Die genaue Recherche zu einem Thema zeichnet einen guten Journalisten aus. Bereits im Titel eine Unwahrheit zu platzieren und diese dann im Text zu wiederholen “schmerzt” schon etwas.
Fakt1: Ersetzt werden die herkömmlichen Wagenkompositionen, welche über keine Neigetechnik verfügen und aus lediglich mit Folien beklebtem Wagenmaterial der FS und SBB bestehen.
Fakt2: Die “alten” Pendolinos, die ETR470 BLEIBEN WEITERHIN IN BETRIEB (sofern sie dann gerade betriebstauglich sind).
Fakt3: Die neuen ETR610 sollten schon seit einiger Zeit im Planeinsatz stehen. Wann sie sie es dann wirklich sein werden, steht in den Sternen.
Und eine Anmerkung zum Schluss:
Der allgemeine Begriff einer im verkleinerten Massstab dargestellten Eisenbahn ist “Modelleisenbahn”. Eine solche lässt sich sehr gut auch ohne Produkte der Firma Märklin herstellen.
Herrrrrlich und Danke! Das Buch muss her!
Dazu eine Geschichte… Non e trovato, e vero!
Einer meiner besten Freunde, Gianni*, hierzulande in der Schweiz aufgewachsen, nahm mich mal mit. In die Ferien, meiner Ansicht nach. Nach Hause, wie er es immer wieder sehnsüchtig, E.T.-mässig, sagt. Die Freude, aus Zürich wieder mal für eine Woche weg, nach unser geliebtes Italien, teilen wir brüderlich.
Endlich! In Zürich losgefahren, schnalle ich mich an, Gianni tut so was nie, nie! Chiaro!
Nie habe ich Gianni diese bizarren Fesseln berühren gesehen, er straft solche deutschschweizer Dinge mit Missachtung. Mich strafte er anfänglich ab und zu eines missbilligenden Blickes, ob solcher Weicheierei, doch nur flüchtig in rücksichtsvoller Absicht, meine Gefühle nicht zu verletzen, seinen aber doch den Weg in die überreglementierte Welt frei zu lassen.
Wir reden, die Sonne strahlt, eine schöne Reise fängt an… In Chiasso noch volltanken, und dann knapp nach der Grenze ein breites Lachen, endlich in bella Italia! Und, Gianni legt die Gurten an – weisst du, bei uns ist so was Vorschrift, und es ist auch viel sicherer so!
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*Name geändert:-)
Werter Herr Bachmann,
da Lob ich mir die, von Ihnen zitierten, über 5-Minütigen Verspätungen der Cisalpini’s, verglichen mit den 20-Monaten an Verspätung welche Sie, mit ihrer Hommage, aufweisen.
Der, von ihnen oft erwähnte, Lucio Gastaldi ist eben seit den genannten 20 Monaten nicht mehr Direktor der Cisalpino AG.
Auch weitere Fakten in Ihrem Artikel entbehren leider einer seriösen Recherche.
Die kommenden Neigezüge des Typ’s ETR 610, lösen die bekannten Neigezüge ETR 470 in keiner Weise ab. Abgelöst werden die so genannten konventionellen Zugkompositionen (also Züge welche mit herkömmlicher Lok und Wagen verkehren). Die neuen ETR 610 dienen zur Erweiterung der Neigezugflotte. Somit wird das Nord – Süd,- bzw. Süd – Nordangebot auf der Schiene noch attraktiver als es dies Heute schon ist.
Bei einer guten Recherche, hätten Ihnen auch die unterschiedlichen Pünktlichkeits-Systeme der Schweiz und Italien auffallen müssen. In der Schweiz sind die Grenzwerte 1 Minute (Ziel 75% der Züge innerhalb) sowie 4 Minuten (Ziel 95% der Züge innerhalb). In Italien sind diese Werte bei 5 Minuten (Ziel 75% der Züge innerhalb) sowie 15 Minuten (Ziel 95% der Züge innerhalb). Somit ist ein Zug welcher in Italien pünktlich verkehrt, in der Schweiz per Definition unpünktlich. Weiterführende Überlegungen zu diesen Fakten überlasse ich gerne Ihnen ….
In diesem Sinne….auf weitere, interessante, aber bitte seriös recherchierte Artikel im Magazin…
P.s. Eine Traktionseinheit ist eine Antriebseinheit des Zuges, im Falle des ETR 470 umfasst diese jeweils 4 Fahrmotoren.
Ich finde die sprachlichen Erläuterungen zur mentalen Differenz grundsätzlich interessant, denn die Sprache ist wohl ein Spiegel eines Volkes, wobei dies, besonders im Falle der Schweiz, nicht mit der Nation gleichgesetzt werden kann..!
Auch was die die Verspätungen des Cisalpino betrifft habe ich so meine Erfahrungen gemacht, allerdings finde ich die Beschreibungen über den Zustand der Züge etwas übertrieben!
Wenn ich in Italien Zugfahre scheinen mir die Infrastrukturen, also abgesehen von der Pünktlichkeit, allerdings nicht so schlecht wie hier oft behauptet wird, und die Region Mailand hat zb. doch ein relativ modernes und dichtes ÖV-Netz.
Die falsche Recherche im Falle der Erneuerungen durch Kompositionen des ETR610 erachte ich allerdings auch wieder mal nicht gerade als sher professionell…
Fast noch bezeichnender für den schweizerischen Charakter als der eigentliche Text sind einige der Kommentare hier:
Komplett humorfreie Zone in Kombination mit selbstdarstellerischem Bünzli-Besserwissertum.
Ich lebe seit 1965 zwischen und mit den beiden Kulturen, der deutschschweizerischen und der südlichen, italienischen und seit 1972 tessinerischen. Nie habe ich den Pendolino mit philosophischen Augen betrachtet, wenn wieder einmal – oder besser schon wieder – etwas nicht funktionierte oder wenn ich die obligate Verspätung auf dem Bahnhof Bellinzona in der Morgenfrühe geduldig-ungeduldig abwartete. Ich kenne den Pendolino von der ersten Stunde an, auch aus der Zeit, als er einfach nicht rechtzeitig abgeliefert wurde und deshalb im Fahrplan angezeigte Verbindungen ersatzlos gestrichen wurden zwischen Domodossola und Bern (sic!).
Ich habe nie gezählt, wie oft ich schon von Süden nach Norden und umgekehrt wieder mit dem Zug nach Hause gependelt bin, aber Dank Pendolino habe ich einen ganzen Schatz an lustigen und weniger amüsanten Geschichten zum Erzählen auf Lager.
Bei der Cisalpino-Direktion müsste eine ganze Reihe meiner Reklamationen zu finden sein…. Aber dafür kriegte ich dann vor Jahren einmal ein Trösterli, das mich noch heute pannenfrei begleitet: einen schönen weissen Caran d’Ache-Kugelschreiber mit Cisalpino-Signet. Dank Dieter Bachmann ist der Pendolino nun auch noch um ein Stück unterschiedliche Kulturansicht erweitert worden. So habe ich den Pendolino nie angesehen. Da hat mir wohl meine deutschschweizer Mentalität, die zwar längst südländisch abgeschliffen ist, ein Brett vor den Kopf genagelt und dabei hätte ich mit meinen eigenen Italien-Erfahrungen besser wissen müssen, dass Pünktlichkeit in Italien oder im Tessin eben nicht Pünktlichkeit alla svizzero-tedesca ist… Offensichtlich glaubte ich immer, öV müsse a priori pünktlich sein, egal in welchem Land. Bachmann hat mir die Augen geöffnet. Dankeschön. Die Lektüre des Textes war ein Genuss, v.a., wenn man wie ich in beiden Sprachen und Kulturen lebt und zu Hause ist.
Ich werde ihn vermissen, diesen filigranen Zug, den eleganten Speisewagen, das wirklich gute Essen, den herrlichen Espresso, das nonchalante Nichtanhalten an der Landesgrenze in Chiasso. Alles in allem Italianità pur! Und kein Wort über das Design? Immerhin von Giorgetto Giugiaro. Viele Worte hingegen über Defekte, Mängel, Pannen, Unzulänglichkeiten. Trotzdem, ich werde ihn vermissen, gerade diesen Zug. Er konnte einem beinahe oder noch mehr ans Herz wachsen. Incomparabile!
zu Ihrer Hommage an den alten Cisalpino kann ich Ihnen nur gratulieren.
Am Do 16. Oktober 2008 fuhr ich um 19.09 h mit CIS Nr. 157 von Zürich HB nach Bellinzona.
Vor den verschlossenen Türen der Toiletten warteten ungeduldige Passagiere.
Weil sich die Türen nie öffneten, wurde der Zugbegleiter konsultiert.
Das Ergebnis war: Die Türen waren zu, weil die Spülung nicht funktionierte oder sonst ein Defekt vorhanden war. Laut Auskunft des SBB-Personals waren im ganzen Zug, ca. zehn Wagen, nur drei WC’s benützbar. Wer es pressant hatte und nicht warten konnte, musste vom Wagen Nr. 9 in den Wagen Nr. 3 dislozieren!!
Sich als Schweizer über die Unpünktlichkeit anderer lustig zu machen ist wohl gerechtfertigt, da es keine genauere Pünktlichkeit gibt als die Schweizerische! Jedoch ist die Art, wie darüber gesprochen wird, sehr “Bünzli-Besserwisserisch” (Danke Florian Peter für die Bemerkung, hab ihren Ausdruck grad übernommen).
Ich werde an die schweizerische Pünktlichkeit denken, wenn ich wieder am Bahnhof stehe und in der Kälte auf den “verspäteten” Zug warte. Auch wenn nur 7 Minuten: wenn man sich immer so über die eigene Pünktlichkeit rühmt, darf man sich irgendwann keine Fehler mehr erlauben, um so peinlicher werden sie dann! Auch wenn scheinbar nie Verspätungen bestehen, muss ich doch regelmässig wegen Verspätung warten (wohlgemerkt sehr oft ohne zu wissen wieso, weil nicht informiert wird) oder wegen Verspätung auf den nächsten Zug rennen. Umso ärgerlicher ist sie dann, denn der Kombinationszug wartet ja nicht, da er pünktlich abfahren muss. So werden auch schon 7 Minuter Verspätung zum Desaster für den Reisenden.
Wenn sich die schimpfenden BürgerInnen nicht immer so selbstloben würden und sich über die inakzeptable Unpünktlichkeit anderer Länder lustig machen würde…
Für mich war das Lesen dieses Artikels ein wahrer Genuss. Wie sich der Autor Worte förmlich auf der Zunge zergehen lässt und Unterschiede kristallisiert – wegen solcher Artikel schätze ich das Magazin so sehr. Und für einmal mit Fotos, auf welchen man richtige Formen erkennt – auch das eine schöne Abwechslung. Danke! (An die Redaktion: besonders bei so schönen Texten und Bildern empfinde ich die Werbung immer mehr als störenden Gegensatz, welcher leider auch auf der On-line-Version des Magazins Ueberhand zu nehmen scheint – ich bezahlte gerne etwas, wenn ich dafür die Texte und Bilder pur geniessen darf.)
Schon interessant: Leser, die den Bericht nicht in den Himmel loben, sondern auch die unbestreitbaren journalistischen Mängel aufzeigen, werden in manchen Kommentaren als kleinkarierte Bünzli dargestellt. Immerhin ist die im Artikel verbreitete falsche These, dass die alten Cisalpino-Züge ersetzt und von den Gleisen verschwinden würden, insofern richtig, als die meisten Züge derzeit nicht mehr betriebsfähig sind. Geplant war das allerdings nicht…
hallo zusammen,
ich finde den artikel teils unfundiert und reisserisch, von vorurteilen beschwipst.
vielleicht wissen sie nicht dass das “italienische” produkt pendolino
getragen von all den clichees die der autor in seinem artikel beschmückt hat, in halb europa seit jahren gut läuft, sogar in finnland bei -40 grad noch zuverlässig. komisch was? warum denn hier nicht? merkt der pendolino vielleicht dass man ihn nicht liebt?
warum läufts jetzt einigermasse unter sbb und fs -regie?
auch wunder gibts noch, italienische?