City in der Stadt

Sie verstehen kaum Deutsch, sie kennen kaum Schweizer, und sie werden immer mehr. Trotzdem sind sie: no problem. Englischsprachige Ausländer gelten als Freunde, obwohl man sich fremd bleibt.

11.05.2007 von Ursula von Arx

Tram Nr. 8 Richtung Klusplatz, Zürich, zwei Damen unterhalten sich: «You and I have a confidence, that most people lack», sagt sie, blondes Haar, originelle Stimme, zu ihrer Sitznachbarin, die den Kopf leise hin und her wiegend mit «I’m not so sure» antwortet. Dann wieder die Frau mit der originellen Stimme, nämlich heiser und gleichzeitig hoch: «What can we do?» – «We have to wait, I guess.» Die originelle Stimme, ungläubig: «Until they actually do something?»

Ein Mann am Paradeplatz, kein Tourist, sagt: «Can you help me find the way to the Standesamt?» Im Strandbad Tiefenbrunnen: «Mark is such an asshole», sagt eine Frau zur andern, «he always was», sagt die andere. Auf den Spielplätzen («Natascha, please, be careful!»), im Bally («Please, help yourself!»), beim Coiffeur («Please, can you help me?»), in der Nachbarschaft («No problem, I did my laundry yesterday.»).

Englisch ist überall, es ist nicht zu überhören. Englisch ist – wenigstens in den grösseren Schweizer Städten – längst zu einer Landessprache geworden, und zwar nicht zur fünften, sondern, was ihre Bedeutung betrifft, ungefähr zur zweiten. Heute sind über 6500 ausländische Firmen hier stationiert, davon kamen tausend allein in den letzten zwei Jahren. 70 000 Menschen englischer Muttersprache lebten bereits vor sieben Jahren in der Schweiz, 17 000 im Kanton Zürich. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Nur die Annahme, dass die English Community in der Schweiz Jahr für Jahr um vier Prozent wächst. Es ist das Personal der Globalisierung, das in unserem Alltag angekommen ist. Wie leben diese Leute? Wer sind sie? Was sehen sie?

Sie sehen am Anfang vor allem eines: Sauberkeit. Nicht nur der Inder Perry Sethi, der den Schmutz Kalkuttas kennt, war geblendet, ja erschüttert, angesichts der Sauberkeit des Zürcher Flughafens und seiner Toiletten. Auch den Amerikaner Dan Martin brachte die Unerbittlichkeit, mit der hier geschrubbt wird, zum Staunen. Und der Kanadier Robert Wilde hätte es bei seiner Ankunft nicht als Zumutung empfunden, von diesen Böden essen zu müssen.

Inzwischen ist Zeit vergangen, doch bei keinem ist dieser Eindruck abgestumpft. Auch nach Jahren Schweiz folgt auf das Stichwort «Schweiz» augenblicklich ein meist begeistertes «clean», «so clean». Und zwar bei allen, mit denen ich sprach, ob Google-Headhunter und Engländer Matthew Worby; Banker und Schlagzeuger Anjo Gannon, Kanada; Financial Analyst Christina Galanakis, ebenfalls Kanada; ob Pferdefan Susan Johansson aus den USA oder Naz Martin, die Perserin, die Shoppen zu ihrem Beruf gemacht hat. Auch die Opernsängerin Eleanor Pannovic, USA, assoziierte zu «Schweiz» frei und flink: «ein unglaublich sauberes Land».

Stören muss ihn das nicht, aber es ist sicher nicht das, was Stephan Kux hören möchte. Kux ist Chef der Zürcher Wirtschaftsförderung, und es ist sein Job, Leute wie die eben Genannten hierherzulocken. Der Ruf der Schweiz als blitzsauberes Land passt ausgezeichnet zu Kux’ grösstem Problem: ihrem Image als langweiliges Pflaster.

Das Ehepartnerproblem

Eigentlich wäre sein Job so leicht, sagt Kux. «Ich muss die Menschen anlocken, dann kommen die Firmen von selber.» Aber eben. Er könne gegenüber Firmen lange die Lage der Schweiz anpreisen («Im Herzen Europas!»), den Flughafen mit den vielen internationalen Direktverbindungen, die leicht und schnell erhältlichen Arbeitsbewilligungen, die niedrigen Unternehmenssteuern, die Top-Schulen – «wenn die Schweiz nur nicht dieses Imageproblem hätte». Man könne es übrigens auch das Ehepartnerproblem nennen, sagt Kux. Um acht Uhr abends würden hier die Trottoirs hochgeklappt, laute das Klischee, in diese Langeweile wolle eine Ehefrau oder ein Ehemann lieber nicht mitkommen. Immerhin, sagt Kux, seien die Leute erst einmal hier, löse sich das Problem meist von selbst. Zu seiner Freude hat er CEOs sogar schon darüber klagen hören, wie schwierig es sei, Mitarbeiter, die eine Weile hier gewesen seien, zum Weiterziehen zu bewegen.

Das glaubt man nach einem Besuch an der Schöntalstrasse 8 in Zürich sofort. Hier steht das Klubhaus des American Women’s Club of Zurich (AWCZ). Einmal im Monat treffen sich die weit gereisten, welterfahrenen Needle Jabbers zum Stricken. Die anwesenden Ladies haben die Karrieren ihrer Männer gestützt, als diese sich von Memphis Tennessee, USA, nach Vancouver, Kanada, entwickelten, sie schützten sie vor dem Gefühl familiärer Unbehaustheit in London oder in Amsterdam und zurück in den USA. Sie begleiteten ihre Gatten nach Schweden, nach Hongkong, wieder zurück in die USA, diesmal Boston, dann Princeton, New Jersey. Und jetzt, wo der Job ihre Männer in die Schweiz geführt hat, sind auch sie hier gelandet. Wohl oder doch eher übel?

Nebenan üben kleine Mädchen im rosa Tutu erste Ballettschrittchen unter amerikanischer Flagge und mütterlichem Zuspruch, «Sweetie», «Honey», «Oh, my Darling» und so weiter. Immer mal wieder wogt ein tönendes Lachen durch den sonst nüchternen Raum, in dem die Needle Jabbers sich treffen. Kaffee und Gipfeli und ein Lob auf die lebenslange Loyalität, die in den USA Ehemalige zu ihren Universitäten zeigten. Eine weitere Tasse Kaffee, und ein starkes Wir-Gefühl entzündet sich daran, dass es neuerdings unmöglich ist, mit Stricknadeln durch die Flughafenkontrollen zu gelangen.

«Und die wollten auch meinen brandneuen Lipgloss konfiszieren. Hier, in Zürich.»

Das «Nein!» kommt vielstimmig.

«Ich sagte: Never. Das lass ich nicht zu, dass ihr meinen 22 Dollar teuren Lipgloss konfisziert.»

«Ist ja auch unnötig.»

«Ich sagte: Wenn ihr das macht, dann mach ich Stunk. Dann habt ihr eine Wahnsinnige an Bord.»

Die Damen wissen sich zu wehren. Sie begegnen der Welt nicht mit einem Glasblumenbukett. Ihre Stimmen sind fest, ihre Ansichten alltagstauglich, ebenso ist es ihre Kleidung. Kein Firlefanz.

Aber schon ist über eine Stunde vergangen, und die Schweiz war ihnen noch nicht einmal einen Scherz wert. Dafür vergewissern sie sich ausgiebig ihrer Wurzeln und tauschen Amerika-Erinnerungen aus. Und erwecken so den Eindruck, dass die Tatsache, dass sie jetzt hier sind und nicht anderswo, keinen Unterschied macht; dass das Image der Wirklichkeit entspricht und das Schweizer Leben nichts hergibt, vor allem keine Geschichten.

Darauf angesprochen, fällt der Protest spektakulär aus. Die Schweiz sei «ein Bijou», «ein Paradies», «ein Wunder» oder schlicht «das angenehmste Land auf der Welt».

Susan Johansson zum Beispiel. Sie hat ein frohes Naturell, und allein die Vorstellung, dass sie sich etwas wünschen und nicht bekommen könnte, passt nicht zu ihr. «Nein», sagte sie, als ihr schwedischer Gatte von einem Job in der Schweiz sprach. Nicht aus mangelnder Liebe zu ihm, sondern aus Liebe zu ihrem Pferd. Was würde aus ihrem Pferd?

Da sagte ihr Gatte: «Okay. Das Pferd kommt mit.» Das war vor vier Jahren und noch in den USA. Seither wohnt Susan Johansson in einem grossen Haus in Feldmeilen, zusammen mit zwei Katzen und zwei Hunden, und ihr Pferd wohnt auf einem Bauernhof in Meilen. Als mit dem Verkauf der Winterthur-Versicherungen an Axa der Job ihres Mannes nach Paris ging, sagte Susan: «Du musst sofort einen neuen Job finden, und zwar hier, denn von hier geh ich nicht mehr weg. Nie mehr.» Susans Mann arbeitet nun als Finanzanalyst bei Swiss Life. «So ist das», sagt Susan, die 42 ist und jetzt strahlt wie zum ersten Mal verliebt.

Auch Naz Martin, die Präsidentin des AWCZ, könnte sich für später vorstellen, die Hälfte des Jahres hier und die andere in Amerika in der Nähe ihrer drei erwachsenen Kinder zu verbringen. Diese Sauberkeit mache das Leben so «easy». Natürlich auch die Sicherheit. Und das «wirklich absolut fantastische schweizerische Gesundheitssystem» (Eleanor Pannovic, Sängerin am Zürcher Opernhaus). Und die Felder und Wälder – «so really beautiful» (Susan Johansson). Und «der absolut fantastische öffentliche Verkehr» (Susan

Johansson). Worauf Beth Kacynski (drei Söhne, ein Mann mit polnischen Wurzeln im Management von Caterpillar Financial) die vitaminreiche Schweizer Kost preist. Es folgt Jubel über die dank hiesiger Lebensart verlorenen Pfunde und das Hohelied auf Globus Delicatessa, Sprüngli, Teuscher.

Die vielen Schokoladeseiten der Schweiz. Fragt man die Needle Jabbers aber nach den Bewohnern des Landes, nach den Schweizern und Schweizerinnen, werden sie einsilbig. Naz: «Oh, the Swiss are very friendly people.» Beth: «Nice and friendly.» Und Susan: «I love the Swiss. They are friendly.» Wo sie sie kennenlernt? «Oh», sagt Susan, «I meet Swiss people on the Wanderwege.»

Unter uns, aber unter sich

Man schwärmt von der Schweiz und meint die Infrastruktur, die Konsumgewohnheiten, die Landschaft. Intensive Kontakte zu Einheimischen sind nicht unerwünscht, aber auch nicht notwendig. Denn die English Community ist gross genug und organisiert, da kann man unter sich bleiben.

Die eigenen Schulen gehen von Pre-School bis zu Grade 12, allein im Raum Zürich gibt es deren sieben. Man kann in eine eigene, etwa presbyterianische, Kirche gehen, und für alle möglichen Interessengruppen finden sich Treffpunkte. Die American Women treffen sich auch in Basel, Bern, Lausanne und Genf, Karrierefrauen im Career Women’s Forum. Es gibt den Harvard Club of Switzerland, die Business Nomades, den Basle Singles Social Club, den Catholic Women’s Club. Es gibt Bridge Groups, den Zurich Comedy Club, das Zurich Young People’s Theatre, die «Let’s Make Music Together» Group, die Girl Power Group, die Boy Scouts, den American Girl’s Club, Walking Groups und sogar German Conversation Groups.

Eigene Schulen, Kirchen, Klubs – wenn man die English Community unter jenem Ziel betrachten müsste, das in der Ausländerpolitik derzeit als erstrebenswert gehandelt wird, dann gäbe es nur ein Urteil: Die Integration hat versagt. Nach den Deutschen legte in den letzten Jahren keine Ausländergruppe so schnell zu wie die Englischsprachigen: Die nationalkonservative SVP müsste konsequenterweise gegen sie ebenso Stimmung machen wie etwa gegen Muslime – gegen den schleichenden Ausverkauf von schicken Wohnungen an bester Lage! Gegen die internationale Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt! Gegen die kulturelle Arroganz der globalen Oberklasse!

Eine absurde Vorstellung, die vielleicht zeigt, dass die Existenz einer Parallelgesellschaft von privilegierten Ausländern in Schweizer Städten kein Prob-lem darstellt. Globalisierte Metropolen bestehen aus Teilgesellschaften, aus einem möglichst friedlichen Nebeneinander, nicht zwingend einem Miteinander. Der Chinese in Chinatown muss sich nicht weiter in New York integrieren, als er es eben will. Kein Türke in Berlin muss sagen: «Ich bin ein Berliner.»

Die Welt voller Freunde

Und die Zuzüger bringen ja was mit. «Ohne ausländische Firmen gäbe es in der Schweiz kein Wirtschaftswachstum», sagt Stephan Kux. Ausserdem verdienten deren privilegierte Gastarbeiter sehr gut, was dem Staat Einkommenssteuern bringe. Da und dort fallen sogar noch Unternehmenssteuern an, und Arbeitsplätze auch für Schweizer. Darum rollt Kux den roten Teppich mit Enthusiasmus aus, um solche Firmen vom Standort Greater Zurich Area zu überzeugen.

Naz treffe ich später noch mal allein im Café Sprüngli. Ihrem Temperament entspricht Herumsitzen schlecht. Als ihre Kinder fürs Studium in die USA zurückkehrten und damit das Kontaktnetz wegfiel, das bis anhin die Schule schaffte – internationale Schulen binden die Eltern, also vor allem die Mütter, oft stark in den Schulbetrieb ein –, verfügte auch sie plötzlich über diesen Überschwang an Zeit. Sie bekam ihn in den Griff, indem sie Präsidentin des AWCZ wurde (viel Fundraising, viel organisieren, koordinieren, viel Kontakt mit ihresgleichen). Und sie machte ihr Hobby zum Beruf und ernannte sich selber zum «Shopping Advisor». In Zürich, Amsterdam und auch in Londons Ladenwelt bietet sie ihre Dienste an. Da kennt sie sich aus. Sie weiss, wo feierliche Eleganz zu finden ist, wo Pariser Chic, wo Abseitiges, und sie weiss auch, was persönlich kleidsam ist.

Naz, die Erfahrene. Sie kennt längst nicht nur Amsterdam, London und jetzt seit sechs Jahren die Schweiz. Mit 18 verliess sie zum ersten Mal eine Heimat, den Iran. In den USA studierte sie Mathematik, heiratete ihren Mann Dan, bekam Kinder, und für eine Weile fühlte sie sich in den USA zu Hause. Doch inzwischen hat sie ihre Koffer zu oft ein- und wieder ausgepackt. Kanada, Europa, wieder USA, wieder Europa, sie hat Abschiede gefeiert und Neuanfänge, sie hat Freunde gewonnen, die sind weggezogen, sie ist weggezogen, sie hat neue Freunde gewonnen. Sie hat Freunde auf der ganzen Welt und eine riesige Adresskartei. Sie bezeichnet sich heute als «Weltbürgerin».

Naz’ Füsse stecken in signalroten High Heels, das Kostüm ist gelassen elegant und figurbetont, und wenn Naz nicht spricht, sondern zuhört, liegt ein Lächeln auf ihrem Gesicht, als wirke eine unglaubliche Geschichte in ihr nach.

Aber innerlich, was heisst das, «Weltbürgerin»?

«Dass man nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. Dass man überall Freunde findet.»

Es ist Teil von Naz’ Erfahrung, dass es nur Ärger bringt, wenn man nicht loslassen kann. Manchmal sieht sie ihre Kinder monatelang nicht. Und gerade gestern ist eine Freundin, Terry, in die USA zurückgekehrt. «Ja, das ist traurig, natürlich», sagt Naz. «Aber daran habe ich mich gewöhnt. Das ist mein Leben.» Ihr Tonfall lässt weder auf Abwehr noch auf Gefühlskälte schliessen, aber auch nicht auf wirkliche Trauer, nur auf Pragmatismus und viel Routine. Naz scheint das Talent zu haben, sich in Unabänderliches zu schicken. Ihre Hingabe an die Zukunft ist ungebrochen: «Ich bin innerlich gewachsen, anpassungsfähiger geworden, offener, toleranter. Es ist doch toll, immer wieder Neues kennenzulernen.»

Auch Naz’ Mann, Dan Martin, Computer Services Director bei Hewlett Packard, kultiviert die nationale Heimatlosigkeit, indem er sagt: «Ich bin dort zu Hause, wo Naz ist.» Das ist ein schöner Satz. In Dans Fall auch ein wahrer. Denn er verbringt meist nur das Wochenende in Zürich. Die Woche über ist er in London, Frankfurt oder New York – und sehr oft in Flugzeugen und Hotels. Tagsüber trifft er verschiedene Teams, in die er sich einfügen muss. Das dürfte ermüdend und manchmal einsam sein, auch wenn man sich vorstellen kann, dass er ein beliebter Kollege ist. Es liegt etwas Amüsiertes in seinem Blick, und die schwere Goldkette um den Hals und der auffällige Fingerring, ein Geschenk von Naz, eine Art Talisman aus dem Iran, zeigen, dass er auf gewisse Konventionen pfeift.

Dan sitzt im Sprüngli am Paradeplatz und trinkt Kaffee. Er erinnert sich an seine anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten: die für amerikanische Verhältnisse unfassbar kleine Wohnung, oder die Waschmaschine im Keller, die sie mit dem ganzen Haus teilen sollten. Später lernte er, über die Gesetzesverliebtheit der Schweizer zu staunen. Im Herzen sei jeder Schweizer des anderen Schweizers Polizist, sagt Dan. Ein Beispiel? Auf der Autobahn. «Wo der Schweizer auf der Überholspur bleibt und davon nicht weichen will, er fährt ja genau die maximal erlaubten 120 km/h, und schneller sollte der, der hinter ihm fährt, auch nicht fahren.»

Es ist bei Dan eine leise Melancholie im Spiel, wenn er sagt, dass er gern wieder an einer Uni in den USA unterrichten würde, wären da die Saläre nicht so miserabel. Es kommt ihm zu Bewusstsein, «dass heute zwar entfernteste Orte nur noch einen Mausklick und ein paar Flugstunden voneinander entfernt sein mögen, aber dass das noch lange nicht heisst, dass man sich deswegen auch wirklich näher kommt und versteht.» Und er fragt, ob es nicht erstaunlich sei, dass fast alle Freunde, die er habe, Ex-Patriates seien. Und die wenigen Schweizer, die er näher kenne, hätten auch einen internationalen Hintergrund.

Das liegt wohl auch an der Sprache. Dan erinnert sich an die Geschichte einer amerikanischen Freundin, die ihren Mann nach Holland begleitete, wo dieser für zwei Jahre bleiben sollte. Die Freundin lernte nicht Holländisch, sie dachte, das lohne sich nicht für die kurze Zeit. Aber nach zwei Jahren wurde der Vertrag ihres Mannes erneuert, danach wieder und wieder, zwanzig Jahre lang. «Vielleicht», sagt Dan, «sollte ich doch noch Deutsch lernen.» Er zwinkert. Das heisst wohl so viel wie: hoffnungslos.

Tatsächlich sprechen nur wenige Ex-Patriates Deutsch. Die meisten haben zwar ihre Deutschlektionen gehabt. Am guten Willen fehlte es nicht. Aber wo man auch hinkomme, überall werde man englisch bedient, offenbar sogar gern. Da schwinde die Motivation, klagen sie, halbherzig. «Die Leute hier sprechen lieber Englisch als Hochdeutsch, das ist meine Erfahrung», sagt etwa Christina Galanakis, 28, Financial Analyst bei Beverage Partners Worldwide (bpw). Und wenn die so geschwächt Lernwilligen dann auch noch erfahren, dass ihre hochdeutschen Anstrengungen im schweizerdeutschen Alltag nicht wirklich weiterhelfen, geben sie auf.

Dass aber Integration nicht mit der Sprache steht oder fällt, davon ist Christina Galanakis aus Erfahrung überzeugt. Ihre Mutter ist Schweizerin, ihr Vater Grieche, aufgewachsen ist sie in Kanada. Sie versteht deshalb Schweizerdeutsch recht gut, wenn sie es auch selber nicht redet. Als Mädchen hat sie davon geträumt, in die Schweiz zu kommen und in Grossmutters Haus zu wohnen, das sie sich von vielen leuchtenden, regennassen Blumen umgeben vorstellte und voller Schokoladekuchen. Die Schweiz war für sie ein gelobtes Land. Seit sechs Jahren ist sie nun hier. Und die Schweiz ist für sie ein verlorenes Paradies geworden.

Und zwar nicht, weil es ihr hier nicht gefallen würde. Im Gegenteil. Es gefällt ihr sehr. Sie arbeitet hart und feiert viel. Sie hat Karriere gemacht. Sie verdient mehr Geld, als sie in Kanada je verdienen könnte, und sie gibt es aus. Es ist der «holidaystyle of life», wie sie das selber beschreibt, und eine lebensvolle Unruhe, die machen, dass sie ständig unterwegs ist. Die Schweiz ist für sie und ihren englischen Freund und alle anderen Ex-Pat-Freunde ein perfekt gelegener Ausgangspunkt, um fürs Wochenende nach London, Wien, Berlin, Paris, Rom zu fliegen. «In Kanada, da gabs nur Kanada, rundum.»

Ist sie doch mal in Zürich, vermisst sie nichts. Was man in Toronto kriege, kriege man hier auch, alles, und alles so nah. Und Pubs und Bars, offen bis in alle Nacht. Oh, ja, in Zürich kann man aufs Wunderbarste die Zeit verhängen, rastlos werden, Illusionen verschlingen – «wie in jeder rechten Metropole eben», sagt Christina.

Swiss people are mausgrau

Ich treffe Christina an einem Samstagmorgen im Starbucks an der Zürcher Bahnhofstrasse. Ich bin zwei Minuten zu spät. Christina ist schon da. «Pünktlichkeit. Das ist meine schweizerische Seite.» Und es ist nicht klar, ob sie sie mag oder nicht, nachdem sie, unschweizerisch direkt, erzählt hat, wie sie die hiesige Mentalität sonst noch sieht: «Swiss people don’t talk», «Swiss people don’t laugh», «Swiss people are so quiet.» Von Anfang an würden die Menschen hier dazu gebracht, leise und mausgrau zu sein. Und so sei es, wie es sei, «ich habe keine Schweizer Freunde», sagt Christina. Und all ihre Freunde hätten keine Schweizer Freunde.

Dabei kann man Christina nicht vorwerfen, sie hätte sich nicht bemüht. Nicht nur bemüht sie sich, den Abfall korrekt zu entsorgen, nicht nur zahlt sie die Rechnungen «immer pünktlich», sondern sie hat sich auch ernsthaft aufs Zwischenmenschliche eingelassen: Während dreier Jahre hatte sie einen Schweizer Freund.

Dass ihre Liebe zerbrach – nun, könnte man sagen, Liebe kommt, Liebe geht. Aber damit gibt sich Christina nicht zufrieden. Sie sucht – naheliegenderweise – interkulturelle Gründe. Der englische Humor (zu sarkastisch), ihre Kontaktfreudigkeit (Antennen immer auf Sendung), ihr Geschmack (es darf auch mal ein Polka-Tänzchen sein), ihre Exaltiertheit (Gesellschaftsspiele wie «You can’t wear this», und Christina geht als Playboyhäsli oder als Biene Maya verkleidet). Sie war in seinen Augen «niveaulos». Wobei er ihre sogenannte Niveaulosigkeit manchmal auch als eine ihm fremde Lockerheit bewundern konnte. Er war in ihren Augen ein Spiesser.

Das Imageproblem der Schweizer – für Christina ist es Wirklichkeit. Auch wenn Wirtschaftsförderer Stephan Kux sagt, dass die wirkliche Schweiz die Schweiz-Klischees längst Lügen gestraft hätte, und betont, dass es in Basel und Zürich «viele schräge Vögel» gebe, und dass Zürich eine sehr offene Stadt sei, was nicht zuletzt der hohe Anteil an Homosexuellen beweise. Er erörtert, wie matchentscheidend das sei: «Kreative Köpfe ziehen kreative Köpfe an», sagt er – also Wissenschaftler, Computerfreaks, Architekten, Musiker, Künstler –, «und denen folgen das Business und das Kapital.» Woraus sich die Erfolgsformel ergibt: je höher die Konzentration von Kreativen, desto höher das wirtschaftliche Wachstum. Die Formel stammt übrigens nicht von Kux, sondern von Richard Florida, der sie in seinem Buch «The Rise of the Creative Class» im Detail entwickelt hat. Man erfährt da auch, was – neben anderen Kreativen – Kreative sonst noch anzieht: nämlich eine offene, bunte, tolerante, dynamische Gesellschaft, die nur eines nicht sein darf: spiessig.

Kux weist denn auch nicht ohne Stolz darauf hin, dass IBM sein Geschäft für Nord- und Osteuropa von Zürich aus organisiere und in Zürich forscht. Und natürlich Google. Wichtige, positive Signale, um die Schweiz als kreativen Wissensstandort positionieren zu können.

Christinas neuer Freund, Matthew Worby, ist so ein Kreativer, der als Headhunter für Google arbeitet. Allein schon deshalb ist er bestimmt kein Spiesser, aber trotzdem ein angenehm freundlicher, gross gewachsener Mann. Der eigentlich – mindestens in den Augen von Christinas Eltern – nur einen Fehler hat: dass er nämlich kein Schweizer ist.

Matthew ist Engländer, und da stellen sich tatsächlich ein paar Fragen, die alle mit Heimat und Zukunft und Wurzeln und so zu tun haben. Mal angenommen, Christina will einmal zurück nach Kanada – kommt Matthew mit? Christina möchte nicht, dass ihre Kinder hier in der in ihren Augen kinderfeindlichen Schweiz aufwachsen. Aber in Kanada würden ihre Kinder aufwachsen, wie sie selber aufgewachsen ist: ohne zu wissen, wo genau man hingehört. Ihre Kinder hätten dann englisch-griechisch-schweizerische Eltern.

Auf die Frage, wo ihre Heimat sei, antwortet Christina ohne zu zögern: «Hier, in der Schweiz.» Andererseits sagt sie: «Ich kann mich in der Schweiz nicht integrieren.»

Die Philosophin und Katholikin Simone Weil sagte einmal, die Verwurzelung sei «vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele». Vielleicht hat sie ja recht. Aber vielleicht schafft man sich immer einen Sehnsuchtsort, und der ist immer anderswo, als wo man selber ist. Das

ideale Dorf, übersichtlich und ehrlich, in dem jeder Bewohner den anderen versteht und mit ihm Werte und Traditionen teilt, dieses Dorf war in Wirklichkeit oft ein Ort der Enge, der Zwänge, der Dummheit und der uralten Feindschaften, aus dem viele noch so gern in die Städte flohen. Dort wiederum fühlen sie sich fremd, einsam, entwurzelt und sehnen sich zurück, und sei es nur nach dem Geruch frisch geschnittenen Grases, wie das Christina manchmal tut.

Es gibt viele Wege, dem Fremdsein zu begegnen. Der Inder Perry Sethi hat sich im Fremdsein eingerichtet, denn ihm sieht man das Fremdsein an. Zugleich hat er es bekämpft. Und mit grossem Erfolg. Heute ist es so, dass die einzig auffallende Differenz zwischen ihm und seiner Schweizer Frau darin liegt, dass er seiner vierjährigen Tochter ausschliesslich Spielzeug mit offensichtlichem Lerneffekt kaufen würde, und er sich fragt, warum sie in ihrem Alter noch nicht bis 500 zählen kann. Seine Frau hingegen sagt: Lass sie, sie ist doch noch ein Kind. Doch Perry Sethi hatte schon als Kind begriffen, das Leben ist kein Zuckerschlecken. Willst du vorwärtskommen, musst du dich bemühen.

Er hat in Indien Ökonomie studiert, danach ging er nach England, arbeitete bei einem Catering Service, lernte seine Frau kennen, gemeinsam entschieden sie sich für die Schweiz. Er machte die Hotelfachschule, arbeitete bei der Hotelkette Hilton, ging nach Deutschland, um Deutsch zu lernen. Seit elf Jahren lebt er nun in der Schweiz und arbeitet als Leiter der Finanzbuchhaltung der Tamedia AG, bei einer deutschsprachigen Firma also, ganz bewusst, weil er «another brick in the wall» sein will und wollte, dazugehören und nicht aussen vor bleiben.

Manchmal fühlt er schon eine Art Heimweh. Dann fängt er an zu kochen, indisch, das hat er sich für solche Fälle beigebracht. Und er lädt Freunde ein, Perry Sethi hat vor allem Schweizer Freunde. Und er telefoniert oft. Für ihn ist das Telefon immer noch ein wunderbares Mittel, um über grosse Distanzen Nähe herzustellen. Mit seiner Tochter spricht er Englisch und schaut Fotos an. Und einmal im Jahr reist die ganze Familie nach Indien. So weiss seine Tochter, woher sie auch noch kommt.

Perry Sethi ist ein freundlicher Mensch. Sein Witz, seine Beobachtungen kommen ohne Bosheit aus. Die sprichwörtliche Schweizer Pünktlichkeit ist in seinen Augen Respekt gegenüber der Zeit seiner Mitmenschen, die Schweizer Bürokratie ist von vorbildlicher Effizienz. Aber das Erstaunlichste an Perry Sethi ist seine erwartungsfrohe Gelassenheit gegenüber der Zukunft. Er, der so viel ins Gleichwerden investiert hat und inzwischen auch Schweizer Bürger geworden ist, antwortet auf die Frage «Was wird in zehn Jahren sein?» völlig überzeugend: «Weiss nicht.» Und auf «Was wird in einem Jahr sein?»: «Nicht, dass ich glaubte, in meinem jetzigen Leben viel ändern zu müssen. Aber trotzdem: weiss nicht. Ich kann meinen Job verlieren, meine Frau kann ihren Job verlieren, die Welt kann untergehen, auch möglich, dass ich zurück nach Indien gehe oder anderswohin, alles offen. Alles verändert sich.»

Alles verändert sich. Und alles in einem rasenden Tempo. Vor allem das Tempo ist es wohl, das unsere Geschichten von denen Homers oder des Alten Testaments unterscheidet, die ja auch schon von Exil und Heimat und Heimatlosigkeit handelten. Aber was gestern geschah, ist für uns heute schon so weit weg wie die antike Welt.

Nur die Gefühle jener Menschen, die die Globalisierung effektiv umsetzen, scheinen noch nicht im Takt der Globalisierung zu sprechen. Ob man mit Christina, Perry, Naz oder Dan spricht, sie alle fühlen sich wohl in der «little big city» von «beautiful Switzerland», und sie tragen alle eine verlorene Heimat mit sich herum.

Dan Martin, Amerikaner: "Im Herzen ist jeder Schweizer des andern Schweizers Polizist" | Bild: Gabi Vogt
Dan Martin, Amerikaner: "Im Herzen ist jeder Schweizer des andern Schweizers Polizist" | Bild: Gabi Vogt
Naz Martin, Amerikanerin: "Sauberkeit maacht das Leben easy. Und die Sicherheit natürlich auch." | Bild: Gabi Vogt
Naz Martin, Amerikanerin: "Sauberkeit maacht das Leben easy. Und die Sicherheit natürlich auch." | Bild: Gabi Vogt
Perry Sethi, Inder: "Möglich, dass ich zurückgehe oder anderswohin. Alles ist offen. Alles verändert sich." | Bild: Gabi Vogt
Perry Sethi, Inder: "Möglich, dass ich zurückgehe oder anderswohin. Alles ist offen. Alles verändert sich." | Bild: Gabi Vogt
Christina Galanakis, Kanadierin und Matthew Worby, Engländer: "Wir können uns nicht integrieren" | Bild: Gabi Vogt
Christina Galanakis, Kanadierin und Matthew Worby, Engländer: "Wir können uns nicht integrieren" | Bild: Gabi Vogt

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